Medienschau: ZEIT – Umverteilungsdiskussion für Berlin?

Hochkultur und Tiefkultur

Hochkultur und Tiefkultur

13. Februar 2025. Auf die prekäre Lage der Berliner Festivalsszene im Kulturkürzungsfuror der Landespolitik macht Pop-Journalist und Theaterkritiker Tobi Müller in der Zeit aufmerksam. Und fordert eine Umverteilungsdiskussion.

Keine der von den Sparmaßnahmen betroffenen Kulturinstitutionen wie Theater oder freie Spielstätten müssten "so direkt um ihre Existenz kämpfen wie etwa Festivals. Die verfügen zumeist über keine eigenen Räumlichkeiten, und wer kein physisches Zuhause besitzt, bei dem sieht man auch nicht, wenn es leer steht", schreibt Müller und richtet seinen Blick scharf auf ebendiese stehenden Institutionen: "Es gibt kleine Theater in Berlin, die erhalten vom Land fast viermal so viel wie die Ctm (ein Elektromusik-Festival, Anm. Red.) , haben aber höchstens ein Fünftel des Publikums, und zwar verteilt über das ganze Jahr und nicht über zehn Tage Hauptfestival wie die Ctm. Und so ein kleines Theater erhält das Geld als Regelsubvention."

Und auch wenn die Macher*innen wie die Leute vom Ctm, mit denen der Journalist sprach, die Kultur-Akteure nicht gegeneinander ausspielen wollen, argumentiert Müller für "Umverteilung" und wird generell: "Die aktuellen, von der Berliner Regierung nicht rechtzeitig erkannten Mangelhaushalte haben ein Problem klarer gezeigt, das in Deutschland schon lange existiert: Es gibt eine Hochkultur, und dann noch den Rest, den man in dieser Logik Tiefkultur nennen müsste. (…) Wenn Berlin weiterhin Zentrum der europäischen Club- und Popmusik sein möchte, muss das Land auch für diese Künste Institutionen schaffen oder andere schließen. Das wird nicht ohne offene, schmerzhafte Diskussionen möglich sein."

(zeit.de / chr)

Kommentare  
Medienschau Umverteilung: Leben diesseits des Berghains
Das heißt nichts anderes als:
"Der Markt", der quantitative Publikumszuspruch soll entscheiden, wohin öffentliche Gelder fließen.
So waren allerdings öffentliche Investitionen in das kulturelle Leben in der Bundesrepublik Deutschland (1949) nie konzipiert: Sogar in der noch jungen CDU gab es viele Menschen, die Konsequenzen aus der faschistischen Gleichung "Der Markt ist das Volk und wir sind das Volk" ziehen wollten und gezogen haben. Mit dieser Gleichung war das gesamte Kulturleben auf seine "jüdischen" Aspekte abgeklopft, seine Protagonist*innen verfolgt, in die Flucht getrieben, ermordet worden. Ein vielfältiges kulturelles Leben bedurfte immer eines starken Markt-Korrektivs. Sonst wären Arnold Schönbergs "Moses und Aron" niemals in der Bundesrepublik aufgeführt worden, der komplexe "Entertainment"-Begriff der 20er Jahre wäre niemals zu Tage getreten.
Projektionen auf eine Pop-Kultur, die gleichzeitig einen demokratischen Geist der Vielfalt atmet, speisen sich aus ihren wunderbaren Neu-Anfängen nach 1945, wo sie mit Kosmopolitismus, Befreiung (durch die West-Aliierten vom NS) und nicht zuletzt der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre assoziiert waren.
Inwieweit eine solche Pop-Kultur und ihre Mehrheitsfähigkeit den gigantischen, globalen Rechtsruck überlebt, ist sehr fraglich: In den USA wird sich die Trumpisierung wohl kaum auf das Kennedy-Center/das Wokeness-Verbot dort beschränken. Wie lange wird es dauern, bis "der Markt" keine neuen Taylor Swifts mehr hervorbringt, weil ein "Kulturwandel" vollzogen wurde, auf den sich ja auch Zuckerberg und Co. bei ihrer Absage an DEI berufen. Vielleicht ist "Rechtsrock" schneller ein Massenphänomen, als es uns lieb sein kann - und ein Roland Kaiser, der Unterhaltung/Schlager mit klaren politischen Statements gegen Rechts flankiert, könnte das Liedgut eines neuen antifaschistischen Widerstands sein.
Ich verstehe sehr gut, dass man im Habitus eines gewissen Kulturpublikums und der von ihm für sich beanspruchten Institutionen Klassismus sieht. Diesem Klassismus haben jedoch gerade die öffentlichen Investitionen immer entgegen gearbeitet: Mit diesem Klassismus-Vorwurf jedoch Künstler*innen und Werke zu belegen, die unter schwierigsten - nicht zuletzt durch Klassismus beschädigten - Bedingungen entstehen, wäre falsch und trägt über kurz oder lang nicht zu einer Vielfalt der Künste und Kulturen bei.
Kulturpolitisch ist mit dem Vorwurf des Klassismus (Kai Wegner: Kassiererin im Supermarkt geht nicht in die Oper und muss sie mit Steuergeld finanzieren!) immer dem Klassismus, Neoliberalismus und Marktradikalismus zugearbeitet worden. Ich jedenfalls bin arm und freue mich, zu ermäßigtem Eintrittspreis, ohne Smoking/Maßanzug und Scham darob, Aufführungen komplexer, intensiver zeitgenössischer Musik in den Opern- und Konzerthäusern erleben zu können. Es gibt ein Leben auch diesseits des Berghain.
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