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Unsere auswahl ist subjektiv

Presseschau vom 9. Juli 2012 – Die Süddeutsche Zeitung über Proteste am Wiener Max-Reinhardt-Seminar

Im Würgegriff der Pappnasen

9. Juli 2012. Nicht nur in Berlin protestieren Schauspielstudenten (mehr u.a. hier und hier). Auch in Wien, wie heute der Süddeutschen Zeitung zu entnehmen ist. Am Max-Reinhardt-Seminar nämlich, so der Wiener SZ-Gewährsmann Helmut Schödel, wurde mit Anna-Maria Krassnigg eine Professorin auf Lebenszeit berufen, deren herausragendste Eigenschaft "die Bedeutungslosigleit" sei. Eine Berufungskommission, die aus Studierenden sowie Institutsleiter Hans Hoffer besteht, hatte sich für den Regisseur und künftigen Kölner Intendanten Stefan Bachmann ausgesprochen (siehe auch die entsprechende Meldung auf nachtkritik.de).

Presseschau vom 7. Juli 2012 – Berliner Zeitungen betrachten den Intendanten- und Epochenwechsel an der Komischen Oper Berlin

Der Kanalarbeiter

7. Juli 2012. Zwar sei, schreibt Peter Uehling in der Berliner Zeitung, Homokis Intendanz künstlerisch keineswegs auf einem "permanenten Höhenpfad" unterwegs gewesen. Doch "die Inszenierungen von Baumgarten, Konwitschny, Calixto Bieito, Barrie Kosky, Benedikt von Peter, Nicolas Steman und anderen machten die Komische Oper zu Deutschlands zentralem Haus für musiktheatralische Provokationen. Es fiel auf, "und zwar auch durch Programmentscheidungen: Kein Haus betrieb Kinder- und Jugendoper mit solchem Ernst und solcher Sorgfalt". Auch im Operettenfach sei einiges gewagt worden.

Presseschau vom 4. Juli 2012 – Die SZ über die Berufung Enrico Lübbes Leipziger Intendanten-Berufung

Kein Radikalinski

4. Juli 2012. In der Süddeutschen Zeitung referiert Peter Laudenbach ausführlich die Berufung Enrico Lübbes zum Nachfolger Sebastian Hartmanns am Leipziger Schauspiel (Centraltheater): So sehr habe es bei der Neuberufung eines Theaterintendanten lange nicht geknirscht. Dass sich Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) für Lübbe entschieden hat, sei "einerseits sein gutes Recht". Andererseits sei es verständlich, "dass sich zumindest einige der Experten desavouiert fühlen: Weshalb zieht man sie überhaupt zu Rate, wenn man Ihre Vorschläge dann ignoriert?"

Presseschau vom 30. Juni 2012 – Die Mitteldeutsche Zeitung über den traurigen Schlußakt am Thalia Theater Halle

Ein Trauerfall

30. Juni 2012. "Das war es also," schreibt Andreas Montag in der Mitteldeutschen Zeitung aus Halle. Dort hat er am vergangenen Montag im Thalia Theater Halle den "großen traurigen Abgesang" dieses berühmten Theaters für Kinder und Jugendliche erlebt, das nun aller Proteste und Einsprüche zum Trotz geschlossen wurde.

Presseschau vom 29. Juni 2012 – Die FAZ über spanisches Off-Theater in der Krise

Mit Zahnpastawerbung

29. Juni 2012. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet Paul Ingendaay über die spanische Theater-Szene "unterhalb der Flughöhe großer Subventionsbetriebe", die in der Krise großen Zulauf haben. Zum Beispiel die Casa de la Portera in Madrid mit nur 25 Plätzen, die eine Gruppe professioneller Schauspieler und Bühnenkünstler gegründet hat, "um zu beweisen, dass man für gutes Theater nicht mehr braucht als die richtigen Menschen und eine Handvoll Requisiten".

Presseschau vom 23. Juni 2012 – Die FAZ argwöhnt neue Machenschaften im Kölner Opernstreit

Verschwörungstheorie?

23. Juni 2012. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt Eleonore Büning in einer Glosse, dass der bisherige Intendant der Kölner Oper Uwe Eric Laufenberg, der so eben "fristlos" entlassen ward, frohgemut die Anfechtung der Kündigung verkündet habe. "Auch wolle er, wie vorgesehen, in Resterfüllung seines Vertrags in der nächsten Spielzeit die Rolle des Professors Higgins übernehmen in der Premiere von 'My Fair Lady', die Bühnenbilder seien schließlich schon fertig."

Presseschau vom 21. Juni 2012 – Die Leipziger Volkszeitung zum umstrittenen Prozedere der Intendantenwahl

Der Hase im Pfeffer

21. Juni 2012. In der Leipziger Volkszeitung billanzieren Evelyn ter Vehn und Peter Korfmacher auf der Basis einiger Gespräche mit den unterschiedlichsten Akteuren des umstrittenen Findungsverfahrens die Wahl Enrico Lübbes zum neuen Intendanten des Leipziger Theaters.

Presseschau vom 19. Juni 2012 – Die Berliner Zeitung über die Ausstellung "Brenne und sei dankbar", die zeigt, was vom Künstlerdasein zu erwarten ist

Künstler geh Du voran

19. Juni 2012. Vor zwei Jahren wurde der "Report Darstellende Künste" über die Lage der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland herausgegeben. Die Ausstellung Brenne und sei dankbar in der Berliner Akademie der Künste beruht auf den Ergebnissen und zeigt treffend, was von einem Künstler erwartet wird und was ihn erwartet, berichtet Birgit Walter heute in der Berliner Zeitung.

Presseschau vom 12. Juni 2012 - Die Welt porträtiert den Dramatiker Oliver Kluck

"Ich schreibe keine Stücke"

12. Juni 2012. In der Welt porträtiert Christina Hoffmann den Dramatiker Oliver Kluck. Oder besser: Sie versucht eine Art Psychogramm. "Oliver Kluck ist einer, der aneckt. Das gilt auch für sein bisheriges Werk: Sein Theater ist klug und unterhaltsam, platt und subtil, fordernd und obszön." Im Gespräch mit ihr grantelt der begnadete Verfasser von Beschwerdebriefen schon altmeisterlich: "Alles, was ich bisher fabriziert habe, ist überhaupt nicht zu gebrauchen. Der einzige Grund, wieso das überhaupt im Theater gespielt wird und möglicherweise als einigermaßen erfolgreich durchgeht, ist der, dass ein Großteil der anderen Texte, die die kriegen, noch beschissener sind."

Presseschau vom 9. Juni 2012 – Die "Welt" interviewt Yasmina Reza

Zustand der Schwäche

9. Juni 2012. "Ich habe diesen Text publiziert, ohne gleich an eine Theateraufführung zu denken, ich habe das getrennt gehalten", sagt Yasmina Reza über ihr neues Stück "Ihre Version des Spiels", das Stephan Kimmig in der kommenden Spielzeit am Deutschen Theater Berlin uraufführen wird. Theater hat nach Reza nichts mit Bewegung zu tun. "Es geht um die Intensität auf einer Bühne, nicht um Bewegung", sagt sie im Welt-Interview mit Peter Stephan Jungk.

Presseschau vom 27./28. Mai 2012 – Matthias Lilienthal blickt zurück und nach vorn

"Ein bisschen daneben"

28. Mai 2012. In der Berliner Zeitung hat Ulrich Seidler Matthias Lilienthal begleitet – zum Beispiel zu einer Lagebesprechung vorm HAU2. "Nach neun Jahren Dauerüberforderung, nach über 1 000 Premieren, Projekten, Festivals, Konferenzen, Konzerten an den drei Hau-Häusern, nach diversen Stadtraum-Eroberungen und Massenveranstaltungen hat Lilienthal nicht nur die Bewunderung der Berliner Theaterszene sicher, sondern auch die Nerven seiner Crew gestählt." Zum Abschied gönne Lilienthal sich und Berlin "nicht nur ein Riesentheaterding, das in die Stadt platzt, sondern gleich zwei. 240 Leute machen da mit, über die Hälfte davon sind Künstler."

Seidler radelt mit Lilienthal vom HAU zum Tempelhofer Feld, wo am 1. Juni die "Weltausstellung" beginnt, und hat in mehrfacher Hinsicht Probleme dranzubleiben. Daneben gibt's eine historische Rückschau. Und natürlich eine Würdigung: "Lilienthal liebt seine Arbeit. (...) Sein Beruf, sagt er, bewahrt ihn davor, ein Privatleben führen zu müssen. Das wird sich nach seinem Weggang wohl kaum ändern. Er will nach Theaterprojekten in New York und Tokio ein dreiviertel Jahr in der Beiruter Kunstakademie unterrichten. 'Und dann?' − 'Mal sehen.' Lilienthal kann sich die Jobs aussuchen, und manchmal werden sogar in Berlin, wo die Theaterintendanten an ihren Posten kleben, welche frei." Lilienthal habe nur die scheinbar unerschöpfliche Energie, die Kindern zu eigen ist, sondern teile mit ihnen auch eine Neugier, die ihn immer weiter treibt. "Nun eben bis nach New York und Tokio."

(geka)

 

28. Mai 2012. 95 Prozent aller HAU-Vorstellungen hat Matthias Lilienthal in zehn Jahren gesehen, "vielleicht sogar noch mehr", sagt er im Interview mit Stefan Kirschner und Matthias Wulff in der Berliner Morgenpost. Flops fielen bei der Masse an Produktionen tatsächlich nicht so auf, die "Erfolgsquote dürfte der an Stadttheatern entsprechen". Dass das HAU mit seiner Arbeit sehr unterschiedliche Milieus anspreche, liege vielleicht auch daran, dass Lielienthal "ein Bürger par exellence in dieser Stadt" sei: "Ich kann mit allen. Mit türkischstämmigen Filmregisseuren genauso wie mit dem Regierenden Bürgermeister oder Menschen aus Gropiusstadt oder Zehlendorf. Ich inszeniere mich ja als Edelpenner. Deswegen denken alle immer, der ist ein bisschen daneben."

Als neuen idealen Arbeitsraum könne er sich einen Hangar in Tempelhof vorstellen, so "einen Raum, den man je nach Kunstgattung neu definieren kann, hätte ich gern. Wenn es eine Stadt gibt, die mir so eine Halle und ein 5-Mio.-Budget gibt, da würde ich hingehen. Und wenn es Mannheim wäre." Allerdings hängt er auch an Berlin: "Wenn ich mit Wirtschaftsleuten diskutiere, sage ich immer gern, dass es der Stadt sehr gut gehen würde, wenn der industrielle Sektor so gut entwickelt wäre wie der kulturelle. Die Privatwirtschaft kann ja mal versuchen, in die Nähe unseres Niveaus zu kommen. Aber die steigenden Mieten ziehen der kulturellen Szene den Teppich unter den Füßen weg. Deshalb muss der Senat in den nächsten Jahren in den kulturellen Sektor deutlich mehr Geld stecken, um das zu erhalten, was es gibt. Ich mag die Stadt so, wie sie jetzt ist."

(geka)

 

27. Mai 2012. Zu seinem anstehenden Abschied vom Hebbel am Ufer (HAU) gibt Matthias Lilienthal Sieglinde Geisel und Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (26.5.2012) ein Interview. Darin ist zu erfahren, dass Lilienthal anfänglich über Leitung des HAU nicht wirklich begeistert war. "Und doch bin ich dann am besten, wenn man mir etwas vor die Füsse pfeffert, was ich nicht mag."

Als eine seiner Lieblingsproduktionen unter den unzähligen HAU-Produktionen nennt Lilienthal Radio Muezzin von Stefan Kaegi. "Mir macht es Vergnügen, diese gesellschaftliche Erzählung ausgerechnet in Berlin zu zeigen, wo Thilo Sarrazin, der als Finanzsenator jahrelang mein Chef war, das Buch 'Deutschland schafft sich ab' geschrieben hat."

Das steht auch für das veränderte politische Theater, wie Lilientahl es versteht: "Die Realität verändert sich so schnell, dass man nicht mehr hinterherkommt. Ich sage nicht mehr, wer böse und wer gut ist." Aber darüber, dass die Mieten in Berlin um 27 Prozent gestiegen seien oder Touristen die Stadt überschwemmten, rege er sich sehr wohl auf.

Der Abschied vom HAU schmerze ihn, denn "Es ist für mich der ideale Ort. Aber ich mache alle zehn Jahre etwas Neues. Jetzt gehe ich erst einmal zehn Monate nach Beirut, wo ich an einem Post-Graduate-Studiengang bildende Kunst unterrichte." Länger verpflichtende Anfragen aus aller Welt habe Lilienthal abgelehnt, da er für seinen fünfzehnjährigen Sohn erreichbar bleiben wolle.

(mw)

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