Politik und Satire

3. Juni 2024. Als Autorin ist Sibylle Berg Expertin für luziden Witz und zielsichere Pointen. Jetzt begibt sie sich ins ernste Feld der Politik und kandidiert bei der Europawahl für "Die Partei". Im Gespräch erzählt sie nicht nur, was Kunst und Politik unterscheidet, sondern auch, wo sie Überschneidungen sieht. 

Interview von Esther Slevogt 

Sibylle Berg © Heta Multanen

3. Juni 2024. Gerade wurde am Berliner Ensemble "RCE" uraufgeführt, Sibylle Bergs jüngster Roman. Jetzt ist die Schriftstellerin auf Wahlkampftour – und hat reale Chancen, am Sonntag ins Europäische Parlament einzuziehen. 

Sibylle Berg, gemeinsam mit Martin Sonneborn sind Sie Spitzenkandidatin der Partei "Die Partei" für die Europawahl am 9. Juni. Wie kam es zu Ihrer Kandidatur?

Ich kannte Martin Sonneborn durch die Recherche zu meinem letzten Buch "RCE". Wir haben denselben Tourbooker, und so war es leicht, Martin direkt nach Details zur Arbeitsweise des Parlaments zu fragen. Es war der Beginn einer intellektuellen Beziehung – ich habe durch Martin Sonneborns Bücher und Youtube-Filme sehr viel über die Funktionsweise des EU-Parlaments gelernt. Es gab den schönen Moment unserer frischen Beziehung, als er aus dem Parlament heraus mein Buch, die Anleitung zur Revolution, las.  Als er mich dann vor einigen Monaten fragte, ob ich mit ihm für "Die Partei" kandidieren möchte, fand ich den Vorschlag erst absurd. Ich kann nicht besonders gut reden, bin eher schüchtern, und doch habe ich mich in den letzten Jahren immer weiter in den politischen Aktivismus begeben. Als Datenschutzaktivistin, Referendumsgründerin gegen die Überwachung von Sozialhilfeempfangenden, gegen Armut, Klassenungerechtigkeit – kurz, die Idee wurde, je länger ich darüber nachdachte, immer weniger bizarr.

In einem Interview mit Edo Reents in der FAZ haben Sie nach dem Bekanntwerden Ihrer Kandidatur vergangenen September gesagt, Sie hätten "einen Grad an politischem und gesellschaftlichem Unverständnis erreicht, dass ich gerne außerhalb des eng umrissenen Rahmens von Literatur aktiv werden möchte". Was heißt das konkret?

Es ist eine Fortführung der Themen, die ich in meinen Büchern, Essays, und Stücken verhandele, mit eventuell anderen Mitteln: Überwachung – und, damit einhergehend, der Abbau des Menschenrechts auf Privatheit –, Armut, Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Die Analyse und Kritik hatte mich mit dem letzten Buch selber ein wenig ermüdet. Im Moment arbeite ich an einem Buch, das eine Utopie Europas zum Inhalt hat. Und eventuell habe ich die praktische Möglichkeit, selber ein wenig an der Umsetzung zu arbeiten. Aus der EU heraus haben zum einen Aktivismus und Kritik ein anderes Gewicht, zum anderen gibt es Mittel, die man zur noch besseren Aufklärung der Bevölkerung verwenden kann, um zum einen Informationen über die Auswirkungen von Überwachungs- und Kontrollwerkzeugen auf die Leben Einzelner zu vermitteln, zum anderen aber machbare Lösungen aus den Dauerkrisen zu zeigen, die ein wenig Hoffnung schenken. Ich vermute, mit mehr Hoffnung würde auch viel Idiotie, wie der Hass aufeinander, etwas gemildert.

"Die Partei" ging aus dem Umfeld der Gruppe "Neue Frankfurter Schule" und des Satiremagazins "Titanic" hervor und wird daher oft als Satirepartei bezeichnet. Kann man mit Satire tatsächlich parlamentarische Politik betreiben?

Das machen Martin Sonneborn und sein Team seit zehn Jahren brillant. Er war vor Ort beim absurden Prozess gegen Julian Assange, er war in Berg-Karabach, um die Bevölkerung zu informieren, wo zum einen die Grenzen der Demokratie erreicht sind (wenn journalistische Arbeit zu jahrelanger Haft führt) und zum anderen über die Vertreibung der Armenier durch den deutschen Handelspartner Aserbaidschan. "Die Partei" ist in vielen Orts- und Kreisgruppen, in Stadt- und Landräten vertreten und macht aktivistische und realpolitische Arbeit. Dass man dabei auch prima aussehen, divers und absurd sein kann, schließt eine Ernsthaftigkeit und Menschenliebe nicht aus.

Macht Satire als Diskurs noch Sinn in Zeiten, wo jede Realität ihr haushoch überlegen ist?

Es kommt auf die Intelligenz des Diskurses an, und daran fehlt es in der Zeit der intellektuellen Verkürzung und des Aufmerksamkeitsdiebstahls, der Aufmerksamkeitsökonomie, gewaltig. Es benötigt dringend ein Korrektiv in den Zeiten gebrüllter kurzgefasster binärer Meinungen. Dass man bei allen Störaktionen und dem Einsatz für etwas Gutes auch über die Absurdität unseres Daseins und den Zustand der Welt lachen kann, halte ich für essenziell, ich finde dort sehr große Überschneidungen zu meiner künstlerischen Arbeit.

Wir leben in Zeiten, in denen Politik und Öffentlichkeit erodieren, Fakten und Fiktionen für viele immer schwerer voneinander zu unterscheiden sind. Woher sollen die Leute wissen, dass "Die Partei" eine richtige Partei ist?

Weil ich das sage. Und ich habe immer Recht. Oder noch mal im Ernst: Die Menschen können sich in ihren Wohnorten sehr gut darüber informieren, welche Arbeit die lustige Truppe dort tut. Ich habe den Parteitag besucht und tausende Mitglieder getroffen. In unserer Wahl-Lesetour durch Deutschland habe ich die Ortsgruppen kennengelernt und war beeindruckt von der organisierten Struktur, aber auch vom Einsatz der Gruppen. Ich habe hier eine große Zahl von Individuen getroffen, die nicht zwingend an das System glauben, an das, was den meisten gelehrt wurde, nämlich die Alternativlosigkeit des Kapitalismus, den Wettkampf, den Kampf gegeneinander.

Demokratie lebt von Mehrheiten. "Die Partei" sieht eher nach einer nerdigen Nischenpartei aus. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, sich einer größeren politischen Partei anzuschließen?

Sinngehalt wird in einer komplett sinnlosen Zeit sehr überschätzt. Wenn es eine große Partei gäbe, die wie "Die Partei" so viele diverse, anarchistische, kommunistische, humorvolle Außenseiter zu bieten hat – meinetwegen, aber sie existiert nicht. Die Mehrheit der großen Parteien heute übertrifft sich in Aufrüstungs- und Weltkriegs-, also kurz einer Aussterbenssehnsucht. Keine der großen Parteien bekämpft wirklich Armut, Altersdiskriminierung, Mietwucher Überwachung, Frauen-, Queer-, Juden- und jede Form von Menschenhass. Also was soll ich da?

Das Europaparlament kennt keine Fünf-Prozent-Klausel, das heißt, Ihre Chancen, EU-Abgeordnete zu werden, sind sehr realistisch. Welche Ziele wollen Sie beziehungsweise will "Die Partei" im Europa-Parlament verfolgen?

Sichtbarkeit herstellen für die Themen, in denen ich mich auskenne wie den Fluch der Digitalisierung von ALLEM, die Überwachung. Da zeichnet sich die EU ja durch ein Bekenntnis zur kompletten Auflösung jeder Privatsphäre aus. Dann Armutsbekämpfung – auch da sind die Zahlen der Armutsbetroffenen in Europa stabil am Steigen –, und schließlich die Wichtigkeit von Kunst und Kultur zu bestärken, die durch eine wachsende Dominanz faschistischer nationalistischer Player wie zum Beispiel in Italien immer weiter unter Druck gerät.

Schon Christoph Schlingensief hat sich als Parteigründer betätigt. Milo Rau veranstaltet Tribunale und Prozesse. Beteiligt sich die Kunst mit solchen "Als-ob"-Aktionen nicht an der Erosion des demokratischen Gefüges, der Destabilisierung eines ohnehin schon maroden Parteiensystems in Richtung einer neuen Unübersichtlichkeit, in der jede*r nur noch der Politik vertraut, die er*sie selber macht?

Zum einen wäre das eine Utopie, die ich bedingungslos teile: die direkte Bürgerbeteiligung an der Politik, die noch weiter gehen kann als in der Schweiz. Und die Kunst ist nicht ohne Grund das, was unter autokratischen Systemen als erstes bedroht wird. Es scheint also, als ob nichtdemokratische Politiker*innen den Einfluss einer kleinen Randgruppe auf die Mehrheiten fürchten. Es gibt, seit die Medien zunehmend hinter Bezahlschranken verschwinden, ein Bedürfnis und auch eine Pflicht der Kunst zur kritischen Kontrolle des Systems, in einer Zeit, in der die Demokratie bedroht ist und in der mancherorts nur noch die Behauptung von Demokratie staatsbestimmend ist. Ich sehe keine andere Möglichkeit für Künstler*innen, als zu kämpfen und sich politisch zu engagieren, wenn sie weiterhin in einer demokratischen Freiheit arbeiten wollen. Die prekären Bedingungen, unter denen wir es tun, sprechen ja selbst in den westlichen Ländern für eine indirekte Verunmöglichung unserer Arbeit. Kunst zu machen muss sich mit der Menschenwürde vereinbaren lassen, was momentan bei unbezahlbaren Mietpreisen, der Inflation, den Kürzungen immer schwieriger wird.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

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