Spiralblog 108 - Theatersanierungen und -neubauten
Baustelle Zukunft
8. August 2025.Theatersanierungen oder -großbaustellen sind auch Zukuftszeichen. Denn wer Theatersanierungen oder gar Neubauten plant, nimmt nicht nur viel Geld in die Hand, sondern denkt immer auch über die Zukunft des Theaters nach. Das wollen wir zumindest hoffen!
Von Esther Slevogt
Der Entwurf des Anbaus für das historische Greifwalder Theater – Grafik: Dietrich Untertrifaller | greifswald.de
8. August 2025. Zu den kleinen Freuden des Redaktionsdienstes gehört, wenn es Theatersanierungen oder gar Theaterneu- oder anbauten zu melden gibt. Wie etwa gestern Greifswald.
Besonders, wenn es dazu auch noch Bildmaterial gibt, wo die Planung schon mal visualisiert ist – man also bereits lichte Probebühnen und großzügig geplante Werkstätten erahnen kann. Ein Neubau ist auch in Rostock geplant – und in Chemnitz. Obwohl es hier den Wermutstropfen gibt, dass ein theatergeschichtlich bedeutsamer Bau wahrscheinlich dafür geopfert wird.
Ähnliches droht auch in Frankfurt am Main. Dafür hat das Theater in Neustrelitz schon seit zwei Spielzeiten neue Werkstätten! So werte ich diese stets enormen Bauvorhaben (im Greifswald ist es das größte der jüngeren Geschichte!) als Nachweis, dass mit diesen Projekten auch an der Zukunft des Theaters gearbeitet wird. Schließlich ist mit den langen Planungsdebatten immer auch ein großes Nachdenken verbunden, wie das Theater der Zukunft ganz konkret als Bau beschaffen sein muss. Manchmal fällt dann auch die Entscheidung gegen einen Neubau, wie vor ein paar Monaten in Luzern.
Doch sogar die Jahrhundertbaustelle in Köln soll sich in diesem Jahr ihrer Vollendung nähern. Jetzt müssen wir nur die Daumen für die Großbaustelle (im neunten Jahr) des Staatstheaters Augsburg (Bauvolumen 470 Millionen Euro) drücken. Hier wurde kürzlich das beauftragte Architekturbüro gefeuert, und ein neues bestellt. Good luck möchte man allen Beteiligten wünschen.
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Wie Schleswig seit mehr als einem Jahrzehnt auf sein neues Theater wartet – und dabei eine Tragikomödie inszeniert, die keiner geprobt hat.
Schleswig hatte mal ein tolles Theater am Lollfuß. Traditionsreich, beliebt – bis es 2011 wegen Baufälligkeit (?!) geschlossen und 2014/15 abgerissen wurde. Die Bühne war leer, die Hoffnung groß: auf einen Neubau. Doch was folgte, war weniger ein Bauprojekt als ein Langzeitdrama mit Plot-Twists, wie sie selbst ein Dramaturg nicht gewagter hätte schreiben können.
2014 stand ein fertiger Neubauplan vor der Abstimmung. Fördergelder waren zugesagt. Doch die Ratsversammlung sagte: Nein. Mit einem Patt von 13 zu 13 Stimmen. Die Kulisse stand bereit, der Vorhang hätte aufgehen können – aber das Stück fiel aus.
Statt auf dem Hesterberg sollte das Theater nun auf der Freiheit entstehen, als Teil eines „Kulturhauses“ unter Einbeziehung der Gebäude der „Heimat“. Standortwechsel in der Kommunalpolitik sind nichts Ungewöhnliches – doch hier wirkte es wie ein Choreografiewechsel mitten in der Premiere.
Anfangs sprach man von 9,5 Millionen Euro. Dann von 12 später von 19 und 2023 von 26,8 Millionen Euro. Heute rechnet man mit rund 31,4 Millionen Euro – inklusive Gastronomieeinbau. Kostüme und Bühnenbilder werden teuer, heißt es im Theater – in Schleswig scheint die gesamte Bühne goldgerahmt zu sein.
Erst 2020 wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Dann kam die Pandemie, neue Kalkulationen, neue Förderanträge. Die Bagger rollten tatsächlich erst im Sommer 2024 an. Im Dezember wurde der Grundstein gelegt – mit Zeitkapsel voller Baupläne, Münzen und Theatererinnerungen. Geplante Fertigstellung: September 2026.
Die Moral der Geschichte: Schildbürgerstreich im klassischen Sinn? Offiziell nein. Doch wenn Fördergelder verfallen, Standorte wechseln, Kosten explodieren und Zeitpläne sich um Jahre verschieben, dann erinnert das Geschehen zumindest an eine Tragikomödie, in der alle mitspielen müssen – ob sie wollen oder nicht.
Bis dahin reist das Schleswig-Holsteinische Landestheater weiter mit dem Spielbetrieb durch die Region. Und in Schleswig selbst? Da warten Publikum, Politik und Bauleute auf den Tag, an dem der Vorhang im neuen Kulturhaus endlich aufgeht. Es wäre der letzte Akt einer sehr langen Inszenierung oder der erste eines neuen Kapitels.
Kiel hat es da allen Anschein nach besser: Das Werftparktheater (Junges Schauspiel) wurde erst saniert und die Sanierung des Konzerthauses am Schloß ist so weit, daß das Schauspielhaus Kiel mittlerweile statt des 5-Spartensternes als Logo einen 6-Spartenstern (Oper, Schauspiel, Junges Schauspiel, Philharmonie, Ballett und -eben- Konzerthaus am Schloß) verwendet und ein ganz neues (buntes) Programmdesign auflegt (für die Werbebanner, Programmhefte, Fahnen). Wer mit dem Zug nach Kiel kommt ,kann sich so bereits zwischen Gleis 4 und 5 des Kieler Hauptbahnhofes einstimmen lassen. „Frisches Theater“ wird gepriesen; auch hier gilt:Toitoitoi !!
Warum eigentlich? Klimaanpassung. Offene Strukturen. Inklusion. Neue, offene Formen der Ansprache. Orientierung an den Bedürfnissen des Publikums (welches Publikum?). Dies könnte und sollte neben zahlreichen weiteren Aspekten berücksichtigt werden. Dies erfordert den Willen zum Wandel. Ein Grundproblem in Zeiten des allgemeinen Rollback....
Rendsburg liebt sein Stadttheater. Es ist schmuck, historisch und charmant marode – eine Kombination, die in Norddeutschland fast so traditionsreich ist wie Grünkohl mit Pinkel. Seit Jahren wird über seine Zukunft sinniert. Nun liegt sie vor, die berühmte Machbarkeitsstudie. Klingt nach Aufbruch, nach baldigen Baggern und Bauhelmen oder doch eher eine Theaterprobe ohne Premiere?
Geplant ist – theoretisch – alles: der Zuschauerraum soll glänzen, die Foyers erstrahlen, die Bühnentechnik auf den neuesten Stand gebracht werden. Klingt fantastisch. Nur: Beschlossen ist noch nichts. Budget, Baubeginn und Zeitplan nahezu Unbekannte. Der Stadtrat nickt noch in die Runde, als lausche er einem Probenklavier, das nicht gestimmt ist. Währenddessen hält man den Betrieb mit Pflastern am Leben – ein reparierter Bühnenaufzug hier, ein bisschen Wasserinstallation da.
Man könnte fast glauben, die eigentliche Inszenierung läuft längst: „Sanierung in drei Akten“. Erster Akt: Machbarkeitsstudie. Zweiter Akt: Beratungen im Ausschuss. Dritter Akt: tja, der bleibt bisher ungeschrieben.
Und so bleibt das Theater, was es immer schon war: eine Bühne. Nur nicht für Operetten oder Dramen, sondern für das scheinbar endlose Schauspiel der Kommunalpolitik. Man darf gespannt sein, wann der Vorhang aufgeht. Bis dahin bleibt dem Rendsburger Theater eine Machbarkeitsstudie mit Repertoire.
Und Schleswig? Dort hat man wenigstens den großen Schritt gewagt: Abriss. Das alte Theater ist Geschichte, das neue soll irgendwann erblühen. Doch auch dort wird seit Jahren herumgedoktert, geplant, verschoben, neu gerechnet. Wer nach Schleswig schaut, sieht also nicht das gelobte Land der schnellen Kulturpolitik, sondern eine Dauerbaustelle mit Premierenverbot momentan bis ca. 2026.
Politische Stars in Schleswig-Holsteins Theatergeschichte waren bisher die ehemalige Kulturministerin Karin Prien, die in großer Geste „Kultur als Daseinsvorsorge“ erklärte und die ehemalige Finanzministerin Monika Heinold, die das Projekt als „Game Changer“ titulierte.
So bleibt zunächst - ob Rendsburg mit seiner „ewigen“ Machbarkeitsstudie oder Schleswig mit seinem „endlosen“ Neubau - beides sind Stücke aus dem Genre „Unvollendete“. Man könnte fast meinen, die Theater des Landes spielten derzeit weniger Shakespeare oder Schiller, sondern Kafka.
Es wäre unverzeihlich, wenn das Schleswig-Holsteinische Landestheater in diesen landes- und kommunalpolitischen Trauerspielen auf der Strecke bliebe.