Metall im All

6. Juli 2025. In Residenzen an den Münchner Kammerspielen sind vier Inszenierungen neuer Stücke enstanden, die jetzt in einem Marathon mit anschließender Preisvergabe vorgestellt wurden. Die Themen reichen von Kriegserfahrungen bis zur Trashkultur der Gegenwart, und alle Texte machen Lust auf mehr.

Von Isa Hoffinger

Die "Lange Nacht der Neuen Dramatik" in den Münchner Kammerspielen © Judith Buss

6. Juli 2025. Igor trägt schwer an seiner Schuld. Mit gesenktem Haupt sitzt er auf einem Stuhl und atmet flach. Das Scheinwerferlicht lässt den Schweiß auf seiner Stirn glänzen. Weil Igors unbequemes Holzmöbel keine Lehne hat und auch keine menschliche Stütze in seiner Nähe ist, an der sich der Arme in diesem Moment der Schwäche festhalten könnte, klammert sich der kleine Kroate an ein paar schwülstige Zeilen aus einem Heldenlied. Von "Ritterlichkeit" ist darin die Rede, von Glanz und Glorie ruhmreicher Soldaten.

Während ein wunderbar brüchiger, autoaggressiver Stefan Merki Igors feurigen Selbsthass mit einsilbigen Worten zu ersticken versucht, projiziert die junge Regisseurin Anne Sophie Kapsner eindringliche Klagerufe auf weiße Stoffbahnen, die in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele senkrecht aus dem Bühnenhimmel zu Boden hängen – und die an die Leichentücher erinnern, in die Muslime ihre Toten wickeln, bevor sie sie beerdigen. Sparsam leuchten Worte auf und verschwinden wieder, die Ausschläge der Buchstaben wirken fast wie Spektogramme einer Audioschnittsoftware. "Ich will nach Hause. Ich will nach Hause kommen, Igor, bitte."

Tröstender Rausch

Intuitiv erfasst der Zuschauer bereits in den ersten Minuten der einstündigen szenischen Lesung "Emina", dass der alte Igor in Kroatien wohl das genaue Gegenteil von dem getan haben muss, womit er sich da in einen tröstenden Rausch hineinfabulieren will; dass dieser Mann über die Bedeutung von Ehre mit sich sprechen muss, weil er selbst kein Ehrgefühl bewiesen hat und dass ihm die Scham darüber tief in die Seele schneidet.

Was Igor zum Säufer macht, erfährt man am Ende: Wäre er tapfer gewesen, zu Zeiten der Jugoslawienkriege, hätte er seine Schwester Sanja bei sich aufnehmen müssen, als sie eines Tages mit einem Baby im Arm vor ihm stand, auch wenn sie zuvor nach Bosnien gegangen war, um einen Muslim zu heiraten. Dass das Kind gar nicht von Sanjas bosnischem Mann Adnan ist, sondern von einem serbischen Soldaten, der Sanja vergewaltigte, weiß ihr Bruder Igor, der mit dieser Schande offenbar nicht zurechtgekommen ist und die kleine Emina darum "verschenkt" hat.

Emina 1200 Judith BussEindringliche Klagerufe: "Emina" von Ivan Vlatković © Judith Buss

Dadurch, dass die Zuschauer die Hilferufe einer Überlebenden von sexueller Gewalt nur lesen, nimmt Sanja einen weitaus größeren Raum ein als stünde diese Frau, weinend und geschändet, leibhaftig auf der Bühne. Ihre Tochter, deren Adoptiveltern sie Romy nannten, gespielt von einer leicht überdrehten und etwas zu kraftvollen Anja Signitzer, wacht indes im weit entfernten Österreich auf, zwischen den weißen Laken, während die weichen Worte ihrer Mutter um sie herumfließen. Die abwesende Sanja nicht laut schreien zu lassen, wie es in der Regieanweisung steht, sondern sie stumm flehen zu lassen, machen ihren Schmerz und ihre Sanftheit fühlbarer als das Wehklagen, das der Dramatiker Ivan Vlatković, der auch an der Otto Falckenberg Schule Schauspiel studiert, im Ohr hatte, als er "Emina" schrieb. Anne Sophie Kapsners  Inszenierung trägt einen großen Teil dazu bei, dass dieses Stück bei der Langen Nacht der neuen Dramatik in den Münchner Kammerspielen den Publikumspreis gewinnt, denn Kapsner gelingt es, die Stärken von Vlatkovićs Text in kurzen Sequenzen herauszuarbeiten.

Vlatković wurde 1999 in Salzburg geboren, in dem Jahr, in dem der NATO-Einsatz im Kosovo einen Wendepunkt markierte. Der Jüngste der vier Residenten, die zwei Monate an den Kammerspielen arbeiten konnten und dafür jeweils 3.500 Euro von der Edith-und-Werner-Rieder-Stiftung erhielten, bekommt den größten Applaus an diesem Abend, wohl auch, weil er sich mit "Emina" nicht nur an ein politisches Sujet gewagt hat, sondern weil er ein feines Geflecht von Beziehungen webt, in dem Unausgesprochenes so deutlich vernehmbar ist wie eine Melodie, die ein Sommerwind von einem Straßenkonzert in ein weit geöffnetes Wohnzimmerfenster trägt.

Massiver Aufprall

Um ein seltenes Metall geht es im Stück von Lennart Kos, der mit "Iridium on Earth" den Wettbewerb gewinnt. Das Preisgeld wird im Vergleich zu den Vorjahren, in denen die Auszeichnung noch Münchner Förderpreis für neue Dramatik hieß, verdoppelt. Mit nunmehr 20.000 Euro zählt der Internationale Edith-und-Werner-Rieder-Preis zu den höchstdotierten Auszeichnungen für Dramatik im deutschsprachigen Raum. Die Jury lobt die vielen offenen Interpretationsspielräume von "Iridium on Earth".

Im Mittelpunkt des von Olivia Axel Scheucher inszenierten Stücks steht ein unvorhersehbares Ereignis: Vor 66.040 Millionen Jahren rast ein mit allen Platinmetallen beladener, 14 Kilometer großer Asteroid mit einer Geschwindigkeit von 72.000 Kilometer pro Stunde auf die Erde zu. Der Aufprall ereignet sich im Gebiet des heutigen Golfs von Mexiko, der Asteroid verdampft innerhalb einer Sekunde fast vollständig und verteilt so das mitgebrachte Iridium in hoher Konzentration über weite Teile der Erde.

Iridium 1200 Judith BussUnvorhersehbares Ereignis: "Iridium on Earth" von Lennart Kos © Judith Buss

Buddy, der durch einen Unfall erblindete, braucht Iridium, denn nur dieses Metall kann ihm angeblich helfen – indem es ihm einen Sprung in eine Zeit ermöglicht, in der er noch gesund war. Es ist berührend, Konstantin Schumann als eitlen Zauberer Perceval und seinen schüchternen Geliebten Buddy, verträumt-naiv gespielt von Luis Brunner, auf der beinahe leeren Bühne des Schauspielhauses zärtlich beieinander hockend zu sehen. Svetlana Belesova gibt mal den strengen Officer, der versucht, des Unfallgeschehen zu rekonstruieren, um einen Schuldigen zu finden, mal einen hilflos-arroganten Arzt, der Buddy sagen muss, dass er nie wieder sehen wird und zuletzt den eigenbrötlerischen, gehemmten Kosmonauten Noah, der gemeinsam mit Thorin ins All fliegt, um Iridium zu beschaffen.

Dass es viele lose Enden gibt, die sich in einer so kurzen, teaserartigen Aufführung nicht gleich erschließen, stört kaum. Vor allem, wenn Maren Solty als Thorin versucht, ihre Liebe über alle Zeitebenen hinweg mit Audionachrichten und Videosex lebendig zu halten, wird klar, worum es Lennart Kos ging: Beglückende Verbindungen sind im echten Leben so selten wie Iridium – und schwer aufrecht zu erhalten in Zeiten, in denen Polyamorie trendet und erlaubt ist, was gefällt.

Anleihen bei der Trashkultur

Zu laut und leider zuweilen ins Alberne und Slapstickhafte abdriftend gerät die Inszenierung von Vincent Sauers "Die Erstbesteigung des Olympus Mons" von Heinrich Horwitz. Die Figuren verharren zu Beginn viel zu lange unter einer durchsichtigen Fallschirmseide, ihr eigentümliches Schattenspiel ersetzt trotz der starken Stimmen die Gesten nicht, die es bräuchte, um zu verstehen, was diesen Trupp der Traurigen im Innersten bewegt. Man kann sich nur sehr schwer einfühlen in die dunkle Zeit, die diese lebensmüden Menschen hinter sich haben und die sie dazu bringt, auf einen Schildvulkan auf dem Mars zu klettern.

Marie-Christin Jannsens "Spiel mit dem Feuer" in der Regie von Dilan Z. Capan dagegen macht originäre Anleihen bei der Gegenwartstrashkultur und Lust auf mehr. Auch wenn der eine oder andere Einfall an diesem fast fünfstündigen Theaterabend nicht funktioniert: Auf künftige Arbeiten aller vier Finalisten des Wettbewerbs können sich die Zuschauer auf jeden Fall freuen.

Emina
von Ivan Vlatković
Regie: Anne Sophie Kapsner, Ausstattung: Marlene Pieroth, Dramaturgie: Hannah Baumann, Paulina Wawerla.
Mit: Stefan Merki, Philipp Mohr, Anja Signitzer, Vasilisa Tovstyga.

Iridium on Earth
von Lennart Kos
Regie: Olivia Axel Scheucher, Ausstattung: Marlene Pieroth, Dramaturgie: Theresa Schlesinger.
Mit: Svetlana Belesova, Luis Brunner, Konstantin Schumann, Maren Solty.

Spiel mit dem Feuer
von Marie-Christin Janssen
Regie: Dilan Z. Capan, Ausstattung: Marlene Pieroth, Dramaturgie: Caroline Schlockwerder.
Mit: Svetlana Belesova, Max Faatz, Konstantin Schumann, Maren Solty.

Die Erstbesteigung des Olympus Mons
von Vincent Sauer
Regie: Heinrich Horwitz, Ausstattung: Marlene Pieroth, Dramaturgie: Viola Hasselberg.
Mit: Bernardo Arias Porras, Wiebke Puls, Anja Signitzer, Martin Weigel.

Premiere am 5. Juli 2025
Dauer: 4 Stunden 15 Minuten, drei Pausen
 
www.muenchner-kammerspiele.de

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