Das Durchdrehen der Schraube

von Andreas Wilink

Köln, 31. Oktober 2015. Walter Benjamin prägte den Begriff der "möblierten Psyche", wonach der Mensch an seiner Wohnstube und deren Interieur zu erkennen sei. Er bezog ihn auf Wien, wo er nicht nur in der Berggasse 19 zuhause ist. Als Stefan Bachmann 2010 die "Geschichten aus dem Wiener Wald" für die Burg von Matthias Hartmann inszenierte und eigenem Bekunden nach daran gescheitert sei, glich die Bühne im Akademietheater einem Möbellager: eine beschränkte Welt der Schrankwände.

Hingegen wird nun, im Depot 1 des Schauspiels Köln, die Psyche total entrümpelt. Übrig bleibt der Mensch, richtiger: der Typus. Entblößt von allem und schon gar von seiner Seele. Kein Requisit, keine Ausstattung, rein nichts. Alles bleibt vorgestellt: ein Schießgewehr, Zahnbürste, Zigarette, die Kamera, die Zither, in die die böse Großmutter imaginär hineinfingert, was verzerrt bekannte Töne aus dem Off hervorruft, dass sich Anton Karas, der Komponist von Carol Reeds "Der Dritte Mann", im Grabe herumdrehen täte. Es herrscht ein Purismus für dieses Anti-Volksstück, das den von Stephan Kimmigs Inszenierung (Münchner Kammerspiele) und Michael Thalheimer (Deutsches Theater Berlin) überbietet.

Tabula rasa

Die Welt, mindestens aber Wien ist eine parkettierte Scheibe. Die stille Straße im 8. Bezirk mit Tabak-Trafik, Puppenklinik des Zauberkönigs und Fleischhauerei, der Schreckens-Ort und Angst-Raum – einfach platt gemacht von Olaf Altmann. Auf der Drehscheibe haben die acht Mitspieler Aufstellung genommen und machen ihre Aufwartung. Demonstrationsobjekte, auf halbem Weg zu Susanne Kennedys Masken-Gesichtern stehen geblieben, aber in einem ähnlich nostalgischen Look. Braun-Beige-Ocker bevorzugt. Oskar zum Beispiel, der Metzger und Verlobte der Mariann', ein angemalter Oger und Unhold mit onduliert melierter Perücke, dessen Stimmorgan bei Bruno Cathomas so leiert wie der Gang watschelt. Sein bigotter Sadismus, mit dem er Marianne ausknockt, ist allerdings hier nur für einen Lacher gut.

geschichten wienerwald1 560 Tommy Hetzel uHorváths Seelenfresser und Menschenmetzger mit den großen Händen: Oskar, gespielt von
Bruno Cathomas in "Geschichten aus dem Wiener Wald" © Tommy Hetzel

Ein Skelett-Kostüm verrenkt sich, der Fleischergeselle Havlitschek in Blutschürze krümmt sich zu Horror-hafter Tücke, die anderen tun es den Halloween-Gestalten gleich und verwackeln hüftschwenkend zum danse macabre, schleichen, kriechen, stöckeln, machen choreografierte Trockenübungen, legen sich flach, rotieren mit Arm und Bein, während eine gemein seifige Unterhaltungsmusik dudelt.

Krepier die Hand

Gewiss, die Figuren sind mit sich – und wir mit ihnen – nach dem ersten Auftritt fertig. Da gibt es nichts zu entlarven, was sich nicht selbst sogleich entlarven würde und was nicht zeigte, dass im "Küss die Hand" das "Krepier!" stets mitklingt: Alfred, der Schluri (Robert Dölle), ausstaffiert wie der ehemalige Schlagersänger Bata Illic, wäre der in einem Vampirdrama aufgetreten; Melanie Kretschmann als Trafikantin Valerie, eine petrolfarbene, rothaarige Schönheitstänzerin mit schlangenhaftem Elisabeth-Volkmann-Klimbim-Appeal; der Zauberkönig von Martin Reinke, ein schnarrendes Bleichgesicht in schwitziger Oberstudienrat-Manier. Als Enthüllungsdrama der "affektiven Kälte", um es mit einem Wort des Sozial-Philosophen Helmuth Lethen zu sagen, ist Bachmanns Groteske ein finsterer Witz. Unser Kopf kriegt wenig zu denken. Aber unser Herz wird doch wund und weh.

geschichten wienerwald2 560 Tommy Hetzel uMelanie Kretschmann als Trafikantin und Jörg Ratjen als Rittmeister © Tommy Hetzel

Als sich der rote Vorhang öffnet (neu installiert als bislang einzige Wunscherfüllung und das, was vom vertagten Traum des Schauspielhauses am Offenbachplatz fassbar ist), sehen wir eine Pietà: Mutter und Sohn Alfred, der an ihrer flachen Brust nuckelt. Die aber ist milchlos, denn sie gehört dem Schauspieler Seán McDonagh. Wie auch Alfreds Großmutter in Grüner-Loden-Gestalt von Jörg Ratjen eine irritierend intensive Nuance des Monströsen setzt.

Ins Mark getroffen

Zu den Kuriositäten gehört aber vor allem die Marianne der Lou Zöllkau. Noch eine und die ärgste Gegenbesetzung: frühjungfernhafte Brillenschlange mit Söckchen in den Sandalen, naiv-naseweis' und backfischhaft unbedarft. Doch dann steht sie splitterfasernackt auf der kahlen Rotations-Platte wie ein Akt von Christian Schad, wie ein neusachliches Gretchen, das die Beichte ablegt, danach in grünlichem Licht verwischt wie eine Gerhard-Richter-Figur bei ihrer demütigenden Strip-Nummer in der Nacht-Bar, Opfer all der männlichen und weiblichen Gewalttäter. Und es wird einem ganz anders.

"I close my eyes and drift away", singt dann mit Roy Orbison ihr Zauberkönig-Vater – und der Augenblick ist dahin. Er kommt nicht wieder, auch nicht am Ende, wenn Cathomas' Oskar die Marianne an der Kehle hält und sie "nicht mehr kann". Allein, die "Geschichten aus dem Wiener Wald" sind die entschiedenste, die erste entschieden ernst zu nehmende Arbeit Stefan Bachmanns in Köln: eine Drehung in die Überdrehung bis, in letzter Konsequenz, zum Durchdrehen der Schraube.

Geschichten aus dem Wiener Wald
von Ödön von Horváth
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Birgit Bungum / Esther Geremus, Musik: Sven Kaiser, Choreografie: Sabina Perry, Licht: Jürgen Kapitein.
Mit: Bruno Cathomas, Robert Dölle, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann, Seán McDonagh, Jörg Ratjen, Martin Reinke, Lou Zöllkau.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Christian Bos schreibt im Kölner Stadt Anzeiger (2.11.2015): Nichts gäbe es zu sehen vom 8. Wiener Bezirk, nur das Ensemble, "aufs Allerschrecklichste" zurechtgemacht, irgendwo zwischen "den Bühnengespenstern Vegard Vinges oder Susanne Kennedys" und der "Rocky Horror Picture Show". Mit diesem ersten Einzug der "lebenden Toten" sei eigentlich schon alles gesagt, aber man möge dieses "Tableau der Bösartigkeit" in den folgenden zweieinviertel Stunden dennoch nicht missen. Bachmann entlarve weniger, als dass er die "wohlbekannte Hässlichkeit dieser emotional verkümmerten Kleinbürger" in ein noch grelles Licht stelle  und "die grausame Schönheit der Sätze". Stefan Bachmanns "bislang beste Inszenierung in Köln".

Nur die leere Drehscheibe, "schrill aufgedonnertes Halloween-Personal" und die suggestiv verräterische Musik. "Kann das gutgehen?", fragt Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (2.11.2015). Es gehe sogar ausgezeichnet. Die Figuren seien von Bachmann "grotesk angelegt" und wirkten "so zynisch, als hätte sie George Grosz ins Bild geätzt". Bachmann versetze seine "Drehscheibe der Niedertracht" mit "makellosem Timing in Rotation" und choreografiere die Ereignisse elegant. Das böse "Volksstück" werde zum "erschütternden Existenzdrama".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.11.2015) schreibt Andreas Rossmann, das "Geschehen" werde auf einen "Präsentierteller" gesetzt, Kulissen, Mobiliar, Requisiten "pantomimisch imaginiert". Fast wie zu "Chorus line" nähmen die acht Schauspieler "immer wieder Aufstellung, um die Szenen anzugehen": als Standbild oder Körperskulptur. Karikaturen statt Menschen: Keine Figur werde vorgestellt, die nicht "sofort festgelegt und erledigt" wäre. Nur wenige kurze, "anrührende Momente" gäbe es in der Inszenierung, Bachmann habe es sich zu leicht gemacht und damit das Stück zum zweiten Mal, nach seinem Wiener Versuch 2010, "verfehlt".

Stefan Keim schreibt auf www.welt.de (3.11.2015): Die Schauspieler agierten "so exzentrisch und leicht over the top" wie in den "surrealen" Außenseiterfilmen von Tim Burton, auch die Kostüme passten zu "einem Gruselfilm mit märchenhaften Zügen". Durch diese "klare Stilisierung" verliere das Stück an seine Bindung an Ort und Zeit. Die "Demontage verlogener Gemütlichkeitsklischees" sei längst erledigt. Die Bewegungen der Schauspieler seien "eckig und ungelenk", die Sprache künstlich. Wie im "guten Puppentheater" führe dies zu einer "höheren Emotionalität". Auf "psychologische Feinheiten" kommt es dieser Inszenierung weniger an als auf die "Sprache der Körper". Überzeugend.

Ohne Bühnenbild, ohne jede Requisite zeichne Stefan Bachmanns Inszenierung "das Bild einer selbstgerechten, autoritären Gesellschaft, die sich kaum von einer Horde Zombies unterscheidet", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (9.11.2015). Bachmann und sein Ensemble verliehen Horvaths entblößender Kunstsprache "nicht nur eine neue, zeitlose Kälte, sondern auch einiges an Witz".

 

 
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