Let's talk Dschihad

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 17. März 2017. Diese Kritik ist für alle, die denken, dass Sich-Hinsetzen-und-Reden etwas bringt. Ja, ja, we've got news: Wir gehören in eine geschlossene Selbsthilfegruppe. Wir sollten schleunigst lernen aufzuhören die Welt zu nerven mit unserer weltfremden Einstellung, sonst passiert was. Eigentlich ist schon voll was am passieren! Und zwar diverse Kriege, die für alle, die glauben, dass Sich-Hinsetzen-und-Reden nix bringt, radikalere Handlungsmöglichkeiten im Angebot haben. Lebensmodelle, in denen man morgens nicht aufwacht und nachdenkt, sondern: aufsteht und kämpft und kämpft.

Nennen wir es Dschihad. So wie sie es genannt haben, die sieben, die es vor uns gecheckt haben und auf der Bühne des Gorki Theaters hin- und herrennen wie die wilden Tiere im Käfig, stampfende Musik in ihre Körper fahren lassen, als würden sie gerade von einer Maschinengewehrsalve zerschossen oder auf ihren Smartphones tippen, mit denen sie per nabelschnurartigem Kabel verbunden sind. Auf jeden Fall halten sie nicht still. Zumindest nicht in dieser beschissenen Welt des westlichen Wohlstands, in der sie sich – noch – mit uns zusammen befinden und die hier aussieht wie vier schwarze Kunstledersofas. Man kann sie so schlecht behandeln wie man will, sie gehen nicht kaputt und verändern sich überhaupt gar nicht.

Zucken1 560 UteLangkafelMAIFOTO uLost Generation auf dem Kunstledersofa: Helena Simon, Doğan Çoban, Yusuf Çelik, Timo Muttenzer und Cara Stauffenegger  © Ute Langkafel | MAIFOTO

Irgendwo im übersättigten Europa

Sie sind genauso stumpf wie die Eltern, gegen die sich ein paar Beispiele von Jugendlichen auflehnen, indem sie sich zu Dschihadisten radikalisieren in Sasha Marianna Salzmanns Stück "Zucken", das hier von Sebastian Nübling uraufgeführt wird. "Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten (Zucken)" ist der Originaltitel des Stücks, das Salzmann für diese Uraufführung um fast die Hälfte gekürzt und auf eine jugendliche Perspektive verschärft hat – es sind ja auch jugendliche Darsteller*innen vom Jungen Theater Basel, wo die Inszenierung nächste Woche Premiere hat, die die Texte sprechen.

Dramaturgisch durchaus raffiniert versucht "Zucken", den Begriff des "Dschihad" unseren Klischees zu entziehen. Indem wir zunächst in die Falle gelockt werden: in der ersten Geschichte chattet ein pubertierendes Mädchen irgendwo im übersättigten Europa mit einem Gotteskrieger, an dem ihr vor allem gefällt, dass er immer "Ja" oder "Nein" und nie "Ich weiß nicht" sagt. Kriegsgeschichten muss er ihr gar nicht erzählen, um hochromantische Projektionen bei ihr auszulösen. Auch muss er sie nicht anwerben. Die Entscheidung, zu ihm zu fahren, ist ganz ihre, und dann allerdings auch ihr Frust, davon abgehalten worden zu sein von ihrer Mutter stellvertretend für den ganzen Scheiß-Staat, nein, das System. Also nimmt sie sich ein Messer, geht zum Bahnhof und sticht jemanden ab.

Im Strudel der Bedrohungsloops

"Halt! Das ist zu einfach", bricht einer der Spieler die Szene ab, "wir müssen nochmal anfangen." Und ab in die nächste Geschichte, in der der ukrainisch-stämmige Pawlik gerade dabei ist herauszufinden, dass er schwul ist, von seinem nichtsahnenden Vater nationalistisch unter Druck gesetzt wird: "Bist du Russe oder Ukrainer?" und schließlich in einer Übersprungshandlung entscheidet, als Kämpfer in die Ostukraine zu gehen. Auch dieser Krieg ist in Salzmanns polemischer Dekonstruktion des Begriffs ein heilsversprechender "Dschihad" für den, der in ihn zieht – auch wenn er nichts mit dem Islam zu tun hat, dafür aber mit Nationalismus.

Leider geht in der Inszenierung dieser stärksten Passage des Stücktexts einiges durcheinander und unter. Überhaupt hört der Abend spätestens hier auf, Salzmanns polemischem Forscher- und Dekonstruktions-Gestus zu folgen, und verselbständigt sich zu einem – wenn auch immer wieder atmosphärisch starken – Bedrohungs-Loop. Stimmung wird vor allem in den chorisch gesprochenen Passagen aufgebaut, die die Geschichten verbinden und in denen die sieben Dschihadisten sich zum Porträt einer verlorenen Generation versammeln, uns ihre Verhärtung direkt ins Gesicht aggro-rappen. "Du versuchst uns zu verstehen von schön weit weg / Du glaubst wir sind gebrochene Menschen".

Angepeitscht werden diese Chöre von zuckendem Tanzen zu salvenartigen Beats, in denen die Texte schnell verblassen. Betont werden dabei Unmöglichkeit oder Wertlosigkeit des Sprechens. Und natürlich ist es total absurd, dass gerade eine Generation, der die Smartphones an den Körper angewachsen sind – und auch das betont die Inszenierung ja stark – jetzt auf einmal die Kommunikation verweigert.

In die Falle gegangen

Länger als eineinviertel Stunden dürfte dieser Abend nicht dauern, denn es bräuchte dann doch mehr von den Geschichten, damit der Grundkonflikt eine Entwicklung zeitigen könnte. Alles was sich mit den vier Sofas und diversen Kampfsport- und Parcour-Techniken anstellen lässt, machen die starken jugendlichen Darsteller*innen auch und halten dabei eine enorme Körperspannung. Doch irgendwann wird die Wut zu gut, sind die fitten Dschihadisten zu souverän und fangen an, selbst zu Klischees zu werden. Wo sie doch begonnen hatten mit der Mission, unsere Klischees zu zertrümmern.

Und auf einmal scheint es vor allem darum zu gehen, die These zu entkräften, dass sie ganz einfach mehr Aufmerksamkeit bräuchten – eine These, die sie selbst eher beiläufig in den Raum gestellt haben, indem sie mit andauernd Selfies gemacht haben, wie als würden sie es schon selber nicht mehr merken. Dieser Widerstreit zwischen Selbstinszenierung als Smombies bei gleichzeitiger Abwehr des ethnologischen Blicks darauf ist einerseits seine Falle, hält den kurzen Abend aber auch lebendig und macht den Schlussmoment direkt, wenn die Jugendlichen ins Publikum fragen: "Wohin? Ihr wisst es nicht, was nach uns kommen könnte". Vielleicht sollte man sich doch mal hinsetzen und drüber reden?

 

Zucken
von Sasha Marianna Salzmann
Uraufführung
Regie: Sebastian Nübling, Ausstattung: Ursula Leuenberger, Sound: Lukas Stäuble, Dramaturgie: Ludwig Haugk, Uwe Heinrich.
Mit: Martha Benedict, Yusuf Çelik, Doğan Çoban, Elif Karci, Timo Muttenzer, Helena Simon, Cara Stauffenegger.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.gorki.de
www.jungestheaterbasel.ch

 

In unserer Video-Interview-Reihe "Neue Dramatik in zwölf Positionen" stellt Sasha Marianna Salzmann ihre Poetik vor

 

Kritikenrundschau

"Die unbekümmerte Spielfreude der nichtprofessionellen Schauspielerinnen und Schauspieler unterstreicht die Rohheit des Textes – und lässt zugleich über einige pathetische Überzogenheiten hinwegsehen", findet Fabian Wallmeier im rbb Kulturradio (18.3.2017). An manchen Stellen erreiche Sasha Marianna Salzmanns Text "dieselbe Dringlichkeit, die vor dreieinhalb Jahren, am Eröffnungswochenende von Shermin Langhoffs Intendanz, ihr erstes und bislang bestes Stück als Gorki-Hausautorin hatte, 'Schwimmen lernen. Ein Lovesong'". Lob erntet auch Sebastian Nübling, der "wie wenige Theaterregisseure" in der Lage sei, "Handys einzusetzen, ohne dass es peinlich wird. Die omnipräsenten Smartphones sind hier kein billiger Regie-Gimmick, um Jugendlichkeit zu behaupten (oder sich über sie zu erheben)", so Wallmeier. "Vielmehr sind sie ganz organisch, selbstverständlich und unabdingbar die Motoren der Inszenierung."

Stärker als um individuelle Radikalisierungsbiografien und deren psychologisch detaillierte Auffächerung gehe es der Autorin Salzmann um eine Art globalen jugendlichen System-Ekel, analysiert Christine Wahl im Tagesspiegel (19.3.2017). Und das akzentuiere auch der Uraufführungsregisseur Sebastian Nübling: "Es ist eine physische Hochenergie-Performance, die die jugendlichen Laiendarstellerinnen und -darsteller der Generation Smartphone zum adäquaten Soundtrack hier eine reichliche Stunde lang auf die Bretter stampfen, turnen, rappen und bauchzucken." Und manchmal sähen sie dabei inszenierungsphänotypisch aus, "als seien sie direkt der stereotypen Vorstellungswelt ihrer verhassten Elterngeneration entsprungen".

"Marianna Salzmann hat selbst sehr gut verstanden, dass gerade das Immer-alles-verstehen-Können genau der Machtgestus ist, vor dem diese jungen Sucher fliehen", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (20.3.2017). Entsprechend gehe Salzmann "vorideologisch" zu Werke, alles bleibe "Andeutung, Möglichkeit, Fragment". Und der "Körperkommunikator" Sebastian Nübling übersetze das "Zucken zwischen der Sehnsucht nach Wert und der Flucht hinter Masken in sein rhythmisch sportliches Kampf-Tanz-Theater. Dass die jungen Laien darin weniger spielen als ganz nah bei sich selbst sind, verstärkt nur dessen Kraft".

Mit ihren "rohen ungefilterten Selbstdarstellungschoreografien ziehen einen die sieben Darstellerinnen in den Bann", berichtet Simone Kaempf in der taz (20.3.2017). Die Spielweise sei "die Quintessenz des Abends, der seinen eigentlichen Stoff unentschieden anpackt"; einen Stoff, der "voll nachvollziehbarer Konflikte, aber auch streitbarer Aussagen steckt". Das Stück biete "mit seiner entwaffnenden Energie Jugendtheater auf der Höhe der Zeit, offen für das, was draußen geschieht". Allerdings lässt es die Kritikerin auch "ratlos zurück, ob’s nun kritisch, affirmativ oder aufrührerisch gemeint ist".

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Zucken, Berlin: LeserkritikSascha Krieger 2017-03-18 12:35
Der Abend sucht und findet die Wurzeln von Extremismus und Terrorismus, die Ursachen dieses seltsamen, verunsichernden und doch fast vernachlässigbar kleinen Phänomens westlicher Wohlstandskinder, die mit IS & Co. in den „heiligen Krieg“ ziehen, in einer Gesellschaft, die viel zu sehr mit sich beschäftigt ist, um sich groß mit ihrem Nachwuchs zu befassen; in Eltern, die Druck ausüben, aber nicht (mehr) zuhören; in der ewigen Sehnsucht nach Bedeutung, die eine natürlich sieche demokratische Gesellschaft nicht mehr bietet; im Bedürfnis nach Leben, nach Handeln, danach, etwas zu tun, einen Unterschied zu machen. Und eben in der Suche nach einfachen Antworten, die der Abend damit beantwortet, dass er sich selbst in solch einfache Antworten zurückzieht – dieselben, die er zu Beginn noch zurückzuweisen schien. Da passt es auch, dass das Jugendlichen-Bild des Abends vor allem davon geprägt ist, dass die „Kids“ die ganze Zeit am Handy hängen, die Welt nur noch über selbiges wahrnehmen beziehungsweise mit ihr darüber kommunizieren – ersatz für echte Beziehungen in einer kalten, abweisenden Welt, man kennt das. Dazu wirft Regisseur Sebastian Nübling als seine übliche magische Zutat ein wenig Körperchoroegrafie dazu, lässt die jungen Körper gemäß dem Stücktitel zucken, was ihre Energie, ihren Lebenswillen, ihre Gier, in die Welt zu gehen und etwas zu tun darstellen soll – im Kontrast zur Lethargie der schwarzen Ledersofahölle (Ausstattung: Ursula Leuenberger), in der sie verloren sind.

Das ist schade, denn den jugendlichen Darsteller*innen des Jungen Theaters Basel, mit dem die Inszenierung ko-produziert wurde, zuzuschauen, ist eigentlich eine Lust. Die subversive Energie, die Sasha Marianna Salzmanns Text und Sebastian Nüblings Regie abgehen, bringen sie in den Abend. Sie wüten über den schmalen Bühnenrest, der ihnen gelassen ist, nutzen die Sofagarnitur als Parkour-Strecke, tragen den pubertären Identitätsfindungskampf als Spiel der Anziehung und Abstoßung ihrer Körper aus. Und in diesem Körperdialog, der mal Duett, mal Duell ist und oft beides zugleich, der Monolog sein kann oder gruppendynamischer kollektiver Aufprall, steckt so viel mehr Ambivalenz, Komplexität, soviel von der seltsamen Mischung aus Hoffnung und Gewalt, aus Verzweiflung und Lebensgier, Wut und Sehnsucht, die der Abend sonst viel zu selten erlaubt. Hier, wenn Nübling seinen Darsteller*innen den Raum gibt, ihre Körper jenseits einengender Zuckungs-Choreografien sprechen, stürmen, scheitern zu lassen, ist der Abend plötzlich ganz bei sich, bei seinen Figuren, seinen Themen, stellt er sich über den Text, spinnt er ihn weiter , findet er eine Sprache, die nicht verbal ist, nicht sein kann, weil sich das, was sie ausdrückt, noch im Prozess der Bewusstwerdung befindet. Wenn die Worte in den Hintergrund treten, die Handies schweigen und die Körper sich ihrer Automatismen entledigen, beginnt dieser Abend zu leben, zu bedeuten, zu appellieren. Und zu zeigen, was er hätte sein können. Ein Schrei nach leben. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2017/03/18/lasst-die-korper-sprechen/
#2 Zucken, Berlin: mehr versprochen als gehaltenclara 2017-03-18 13:09
"Doch irgendwann wird die Wut zu gut, sind die fitten Dschihadisten zu souverän und fangen an, selbst zu Klischees zu werden. Wo sie doch begonnen hatten mit der Mission, unsere Klischees zu zertrümmern."
vielleicht liegt daseinfach daran, dass der Text selbst ein Klischee ist- also dann doch in letzter Konsequenz... Klar kann man darüber reden, aber wirklich so, dass letzten Endes "wir" dann doch in unserem vorgefertigten Bildern bestätigt werden- ohne aber dabei genau das mal näher zu betrachten... also warum endet denn allles dann doch bei Klischees...Mehr Mut hätte ich Salzmannund Nübling dann aber doch zugetraut... Nübling, weil er eigentlich dafür bekannt ist, krasse Setzungen konsequent durch zusetzten und Salzmann, weil sie immer im öffentlich Ruam sehr tieftreibend und großspurig spricht... Ihre stücke halten nicht ein, was sie anmuten oder was Salzmann versucht anzumuten... Alles bleibt was es ist: ein "coole" Pose, die man cniht braucht, da gibts genug im Modelgeschäft...
#3 Zucken, Berlin: nicht wesentlich mehrKonrad Kögler 2017-03-18 22:20
Der Drive, mit dem die Jugendlichen über die schwarze Kunstleder-Sofa-Landschaft von Ursula Leuenberger toben, ist ein wohltuender Kontrast zu statischem Frontaltheater. Die Jugendlichen drücken die Rastlosigkeit und Unsicherheit einer Generation, die mit den Smartphones aufgewachsen ist und mit ihnen verwachsen zu sein scheint, mit nervösem Zucken aus. Das ist glänzend einstudiert, war allerdings so ähnlich auch schon in anderen zeitdiagnostischen Abenden von Sebastian Nübling und Falk Richter zu erleben.

Die Schwäche des Abends ist, dass er nicht wesentlich mehr als diese Körper-Choreographie zu bieten hat. Er zerfällt in drei Fragmente: im ersten Teil chattet eine junge Baslerin auf Schwyzerdütsch mit einem Mann, der sie für den IS rekrutieren möchte, und läuft am Ende Amok. Im zweiten Teil müht sich ein Junge damit ab, zwischen Parkours-Akrobatik, Rauflust und homoerotischen Gefühlen seine Identiät zu finden und sich im Krieg in der Ost-Ukraine, der mehr und mehr aus den Schlagzeilen verschwindet, zu positionieren: „Bist du Russe oder Ukrainer?“ Im dritten Teil sendet ein Mädchen (Helena Simon) ihrem verständnisvollen, Gewalt ablehnenden 68er-Vater eine Video-Botschaft von ihrer „Frauenverteidigungseinheit“ irgendwo im Nahen Osten.

Als Salzmann und Nübling den Zuschauern diese drei Fragmente einer Radikalisierung und entschiedenen Absage an die westliche Gesellschaft vor die Füße gekippt haben, nehmen die jungen Spielerinnen und Spieler eine coole Pose ein, drehen sich zum Publikum und ergehen sich in apokalyptischen Gewaltphantasien im vorwurfsvollen Aggro-Sound.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2017/03/18/zucken-das-gorki-theater-und-das-junge-theater-basel-lassen-radikalisierte-jugendliche-ueber-sofas-springen-und-zucken/

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