Das Herz des Spiels

von Georg Kasch und Christian Rakow

Berlin, 30. Mai 2017. Große Fußstapfen locken ihn, scheint’s. Der Gang ins Berliner Ensemble ist der Eintritt in eine mächtige Traditionslinie: von Ernst Josef Aufricht, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Ruth Berghaus und Heiner Müller. Sie alle nennt Oliver Reese auf seiner Antrittspressekonferenz, die heute Vormittag im Rangfoyer des Berliner Ensembles über die Bühne ging. Vorgänger Claus Peymann ward aus dieser Linie geflissentlich ausgespart. Manchmal ist auch ein Verschweigen ein Seitenhieb. Und durchaus verständlich als zarte Retourkutsche für die harten Kanten, die Peymann gegen seinen Nachfolger zu Zeiten ausgeteilt hatte (wegen der Nichtverlängerungen des Peymann-Ensembles, wegen der Nähe zum "Phänotyp" Tim Renner, man erinnert sich...).

Ende des "Theatermuseums"

Geplänkel gehören zu einem Intendanzwechsel dazu. Zumal nach 18 Jahren. Zumal, wenn es gilt, den Geist des "Theatermuseums", als das das Berliner Ensemble vielen Beobachtern über die Jahre galt, auszutreiben. Gemessen am Kulturkampf, der um die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz tobt, war der indirekte Schlagabtausch am Schiffbauerdamm ohnehin ein eher harmloser Fall von Häuschen-wechsel-dich-Folklore. Entsprechend die Atmosphäre an diesem Vormittag: gelöst, heiter, erleichtert. Drei Wochen nach der skeptisch beäugten und weiterhin heiß diskutierten Dercon-Pressekonferenz in Tempelhof gab's am BE bei Medienvertreter*innen und den zahlreichen Künstler*innen und Ensemblemitgliedern im Raum vor allem Vorfreude. Auch auf viel Vertrautes.

BE PK OliverReese 560 MatthiasHorn uEin neuer alter Bekannter: Oliver Reese bei seiner Antrittspressekonferenz als Intendant am
Berliner Ensemble ab der Spielzeit 2017/2018 © Matthias Horn

Oliver Reese ist also zurück in Berlin. Wohnhaft in Schöneberg, wie man erfährt. Am Gorki Theater hat er einst als Chefdramaturg gearbeitet, am Deutschen Theater – zunächst als Chefdramaturg, dann als Interimsintendant – seinen Ruf als umsichtiger Theatermanager aufgebaut. Seine vergangene Intendanz in Frankfurt am Main gilt als beispielhaft für modernes Stadttheater, breit aufgestellt, solide fundamentiert, künstlerisch glanzvoll in Momenten.

Von seinen Plänen fürs BE war bereits reichlich durchgesickert. Ein Autorentheater will Reese kreieren (und hat sich dafür Moritz Rinke als Mentor ins Boot geholt). Michael Thalheimer tritt als Hausregisseur dem Leitungsteam hinzu (und wird zwei Inszenierungen pro Spielzeit zum Repertoire beisteuern). Sibylle Baschung übernimmt die Chefdramaturgie; Clara Topic-Matutin verantwortet als Kuratorin den Bereich neue Formate.

Frank Castorf kommt ans BE, kriegt aber – hier irrten die Gerüchteköche – nicht die Spielzeiteröffnung (sondern Victor Hugos "Les Misérables" im Dezember). Den Auftakt übernimmt Antú Romero Nunes mit Camus' "Caligula" (Nunes, der am Gorki Theater unter Armin Petras aufgebaut wurde und inzwischen regelmäßig am Thalia Theater Hamburg und am Wiener Burgtheater inszeniert). Shootingstar Ersan Mondtag wird neben dem Gorki Theater jetzt auch am BE inszenieren.

Magnet Thalheimer

Und dann die Spieler, das "Herz" des Theaters, wie das Leitungsteam nicht müde wurde zu betonen: Constanze Becker kehrt zurück nach Berlin, Stefanie Reinsperger kommt aus Wien, Andreas Döhler verlässt das Deutsche Theater Berlin. Überhaupt hat Michael Thalheimer viele seiner edelsten Spieler*innen gecastet: Ingo Hülsmann, Peter Moltzen, Stephanie Eidt, Judith Engel – da blutet die Schaubühne ein wenig.

Reese PK 560 BE Twitter uMit neuem Twitter-Account und neuer Social-Media-Mannschaft geht das BE in die Zukunft: Foto
von der Pressekonferenz, live via Twitter verbreitet

Mit Veit Schubert und Peter Luppa bleiben zwei aus dem Peymann-Ensemble am Haus. Das gehört in den Bereich der Überraschungen. Ebenso die Anstellung von Annika Meier aus der Herbert-Fritsch-Familie und die Abwerbung von Fritschs kongenialer Dramaturgin Sabrina Zwach. Fritsch geht bekanntlich an die Schaubühne. Und dann doch noch eine kleine Verbeugung vor Claus Peymann: seine Abschiedsinszenierung "Prinz Friedrich von Homburg" wird ins neue Repertoire übernommen, ebenso wie Robert Wilsons finales "Endspiel", daneben die Klassiker Dreigroschenoper (Regie: Robert Wilson) und Gott des Gemetzels (Regie: Jürgen Gosch) und der All-Time-Hit "Arturo Ui" in der Inszenierung von Heiner Müller, mit Martin Wuttke als Ui.

State of the Art

Das achtundzwanzigköpfige feste Ensemble versammelt im Ganzen zahlreiche der allerersten Spieler: Patrick Güldenberg kommt von der Volksbühne, aus Frankfurt bringt Reese u.a. Nico Holonics und Felix Rech mit. Bettina Hoppe, Corinna Kirchhoff und Wolfgang Michael sind Berlin-Heimkehrer. "Menschendarsteller" sollen die Akteure sein, wirft Moritz Rinke mit programmatischer Geste in den Presseraum. Ohnehin seien Schauspieler/Verwandlungsspieler der wichtigste Bezugspunkt für Dramatiker. Olga Grjasnowa, Dirk Kurbjuweit und Burhan Qurbani sind für das Autorenprogramm angekündigt. Prononcierte, vor allem jüngere Regiehandschriften weden gleichwohl auch zu haben sein: Robert Borgmann, Alexander Eisenach, dazu Nunes, Mondtag, David Bösch. Johanna Wehner, Lily Sykes und Bernadette Sonnenbichler werden kommen. Und Dieudonné Niangounak ist für eine Stückentwicklung eingeladen.

Kurzum: Das ist ziemlich der State of the Art, den man sich von einem der führenden Sprechtheater des Landes erhoffen und erwarten darf. "Konsenstheater" raunte ein Kollege. "Wohltuend, mal Leute zu hören, die wissen, wovon sie reden", ein anderer. Das Deutsche Theater wird sich warm anziehen müssen, wenn die neue Konkurrenz vom Schiffbauerdamm ihre Versprechen auch nur halbwegs einlöst. Ach ja, und die beliebte DT-Reihe "Gregor Gysi trifft" gibt's am BE mit Michel Friedmann. Könnte man Kopie nennen oder einfach pfiffige Adaption, Anschluss an Bewährtes. Alles Neue ist besser als alles Alte. Sagte Brecht. Aber er muss ja nicht in allem Recht haben.

 

Alle Angaben zum neuen Berliner Ensemble finden Sie auf neu.berliner-ensemble.de

 

Der Text wurde am 31. Mai 2017 um 9.15 Uhr aktualisiert.

 

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