Der Antisemit mit der schönen Musik

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 25. Juli 2017. "Ich finde 'Meistersinger' ein furchtbares Stück. Unerträglich. Es ist mein Albtraum, in den 'Meistersingern' zu sitzen. Für mich ist das das deutsche Dorf mit all den Assoziationen dieser Menschen, dieses Volkes, dieser Gesellschaft, mit all den Regeln und dem, wie sie reden: Blablablabla!" Vor fünf Jahren hat Barrie Kosky das gesagt, in einem sehr sehenswerten Video-Gespräch im Rahmen der Ausstellung "Wagner. Künstlerpositionen" der Berliner Akademie der Künste. Kosky berichtet dann auch von psychischen Krisen, die ihn während seiner Proben für den "Ring des Nibelungen" ereilt hätten, und mithin sah alles danach aus, als habe er auf Wagner schlicht keine Lust mehr. Als Katharina Wagner ihn vor drei Jahren fragte, ob er "Meistersinger" bei den Bayreuther Festspielen inszenieren wolle, sagte er ab. Zuerst. Und überlegte es sich schließlich doch noch.

Albträume scheint er deswegen nicht bekommen zu haben. Im Vorfeld der Premiere wirkte Barrie Kosky jedenfalls gut aufgelegt, er wurde nicht müde zu betonen, dass er der erste jüdische Regisseur sei, der auf dem Grünen Hügel arbeite, und auch seine größte Angst, dass Richard Wagner auf den Proben neben ihm sitzen könne, habe sich nicht bewahrheitet. Aber wie hätte Wagner auch neben ihm sitzen sollen, wo er doch – und das gleich mehrfach – auf der Bühne steht?

Wenn sich der Vorhang zum ersten Akt hebt, werden wir Zeuge eines Tages im Jahr 1875 in der Villa Wahnfried: Richard und Cosima empfangen Besuch, Cosimas Vater Franz Liszt ist gekommen, der jüdische Dirigent Hermann Levi ebenfalls. Wagner gibt sich als aufgekratzter Gastgeber, er setzt sich ans Klavier, um mit Liszt vierhändig zu spielen, er drängt seinen Gästen seine Fantasiegestalten auf und ist ununterbrochen damit beschäftigt, ein ziemliches Gewese um sich zu machen. Nach und nach bringt er die versammelte Gesellschaft dazu, sich in seine Vorstellungswelt hineinzubegeben und für ihn und mit ihm die "Meistersinger" gewissermaßen als Familienaufstellung nachzuspielen.

Meistersinger2017b Wahnfried 560 Enrico Nawrath Bayreuther Festspiele uSoiree in der Villa Wahnfried © Enrico Nawrath Bayreuther Festspiele

Was verblüffende Volten hervorbringt. Im erwähnten Gespräch von 2012 bemerkte Kosky auch, dass Wagner in allen seinen Figuren immer selbst drinstecke. Folgerichtig springen hier plötzlich verschiedene Richards mit Samtbaretts über die Bühne, die zuletzt sowohl in die Rolle des weisen Hans Sachs als auch in die des jugendlichen Neuerers Walther von Stolzing schlüpfen. Schwiegervater Liszt muss den Veit Pogner geben, der seine Tochter – Cosima beziehungsweise Eva – dem Sieger des Wettsingens als Preis darbietet. Die Schlüsselrolle in diesem Spiel fällt jedoch Hermann Levi zu: Wagner nötigt ihm – ganz offensichtlich wider Willen – den Beckmesser auf. Es ist das eine böse Pointe: Ausgerechnet den Juden zwingt Wagner dazu, seine antisemitischen Fantasien auszuagieren. Indem Kosky diese Villa-Wahnfried-Metaebene einzieht, kann er es sich leisten, den (sowohl in seiner stimmlichen als auch darstellerischen Charakterisierung) großartigen Johannes Martin Kränzle als Levi/Beckmesser immer wieder ins gefährlich Karikierte hineinzutreiben: ins Schmierige, ins Gierige, ins Unterwürfige. Das antisemitische Klischee bleibt als Ausgeburt des Wagner'schen Denkens kenntlich.

Pralle Komödie

Nicht zuletzt ist dieser erste Akt bei Kosky aber: pralle Komödie. Wie die Meistersingerschar als hyperaktive Rasselbande in historisierenden Kostümen über die Bühne wackelt, wie sie übertrieben empathisch auf jeden neuen Reiz reagiert und sich immer wieder wie eine liebe- und körperkontaktbedürftige Kindergartengruppe zusammenknäult – das ist schon sehr, sehr drollig. Beim Putzigen freilich bleibt Kosky nicht stehen, dazu sind die "Meistersinger" dann eben doch zu "furchtbar". Am Ende des zweiten Aktes etwa – Wahnfried ist nun einer von einer idyllischen Wiese überwucherten Innenarchitektur gewichen – platziert er einen grandiosen Schockmoment: Die grobianische nächtliche Prügelei, aus der Beckmesser bei Wagner "jämmerlich zerschlagen" hervorgeht, inszeniert er als ein regelrechtes Pogrom. Und wie ein Menetekel erhebt sich über die gesamte Bühnenhöhe in Sekundenschnelle ein gewaltiger aufblasbarer Kopf: eine antisemitische "Stürmer"-Karikatur, in der man plötzlich sogar Züge Richard Wagner zu erkennen meint. Als wäre Beckmesser der, der Wagner immer Angst hatte zu sein.

Meistersinger2017a 2Akt 560 Enrico Nawrath Bayreuther Festspiele uKlaus Florian Vogt, Anne Schwanewilms, Wiebke Lehmkuhl © Enrico Nawrath Bayreuther Festspiele

Der Raum des zweiten Aktes entschlüsselt sich im dritten als der Gerichtssaal der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Kosky füllt diesen – immerhin gilt es ja das Johannisfest samt Wettsingen darzustellen – weiterhin farbenfroh mit allerlei Folklore, die in diesem Ambiente jedoch mitunter ziemlich gespenstisch anmutet. Zu Gericht gesessen wird auch: Der beim Wettsingen übel abservierte Beckmesser beschuldigt Hans Sachs des Betrugs. Sachs reagiert bei Wagner mit den Worten: "Ich bin verklagt und muss bestehn: drum lasst mich meinen Zeugen ausersehn! Ist jemand hier, der Recht mir weiß, der tret' als Zeug' in diesen Kreis!"

Wagner vor Gericht

Hier nun aber beweist Koskys Konzept seine Schlüssigkeit: Verklagt ist bei Kosky nämlich nicht Hans Sachs, sondern – siehe erster Akt – Richard Wagner. Die Anklage lautet auf Antisemitismus. Hans Sachs ruft nun als Zeugen auf: Walther von Stolzing, also – siehe erster Akt – ein weiteres Alter Ego von Richard Wagner. Und dieses andere Alter Ego, Walther, singt nun sein Preislied, es lässt gewissermaßen die Kunst sprechen. Womit die Verteidigungsstrategie Nummer eins der Wagnerianer benannt ist: Ja, okay, Wagner war Antisemit, aber, was soll's, die Musik ist doch so schön. Kosky verurteilt diese exkulpierende Haltung in seiner Inszenierung nicht direkt, aber er beharrt doch merklich auf einem Punkt: Wagner ist nur als Gesamtpaket zu haben. Und zu dem gehört der Antisemitismus dazu. Was leider furchtbar ist. Und unerträglich.

Aber die Musik ist halt so schön! Auch das wird einem in Bayreuth natürlich wieder vor Ohren geführt: Philippe Jordan bietet hierzu ein zügiges, manchmal regelrecht treibendes Dirigat an, das ab und zu in (offensichtlich szenisch motivierten) langen, sehr langen Generalpausen stillgestellt wird. Die von Eberhard Friedrich einstudierten Chöre sind Bayreuth-Standard, also formidabel. Und mit Michael Volle, der als Hans Sachs über eine atemberaubende Bandbreite an Farben und Artikulationsmöglichkeiten gebietet, mit Johannes Martin Kränzle als Beckmesser, dem wuchtigen Günther Groissböck als Pogner und dem geschmeidigen Daniel Behle als David stehen wahre Meistersinger auf der Bühne.

Buhs und Bravos

Klaus Florian Vogt, der bereits in der Vorgänger-Inszenierung von Katharina Wagner den Stolzing sang, mag eine Winzigkeit von seiner damals geradezu unverschämten Mühelosigkeit eingebüßt haben, dafür hat sein so ungemein helles Timbre etwas an heldischer Kraft dazugewonnen. Anne Schwanewilms hat in diesem herausragenden Männerensemble einen schweren Stand, weil ihre Stimme für die Eva wohl zu dramatisch, zu wenig jugendlich ist (und eher zur Cosima, die sie bei Kosky ja auch spielt, zu passen scheint); trotzdem berührt einen das gnadenlose Ausbuhen, das bei derart problematischen Besetzungen in Bayreuth Gepflogenheit ist, unangenehm.

Und übrigens: Auch Barrie Kosky bekam am Ende ein paar Buhs. Die aber gingen im Zuspruch unter. Denn selbst beim als krachkonservativ verschrienen Bayreuther Publikum dürfte mittlerweile angekommen sein, dass Richard Wagner nicht freizusprechen ist. Jedenfalls nicht in allen Punkten der Anklage.

 

Die Meistersinger von Nürnberg
von Richard Wagner
Regie: Barrie Kosky, Musikalische Leitung: Philippe Jordan, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüm: Klaus Bruns, Licht: Frank Evin, Video: Regine Freise, Dramaturgie: Ulrich Lenz, Chor: Eberhard Friedrich.
Mit: Michael Volle, Günther Groissböck, Tansel Akzeybek, Armin Kolarczyk, Johannes Martin Kränzle, Daniel Schmutzhard, Paul Kaufmann, Christopher Kaplan, Stefan Heibach, Raimund Nolte, Andreas Hörl, Timo Riihonen, Klaus Florian Vogt, Daniel Behle, Anne Schwanewilms, Wiebke Lehmkuhl, Georg Zeppenfeld, Festspielorchester, Festspielchor.
Dauer: 6 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

www.bayreuther-festspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Erstaunlich unterhaltsam und überzeugend", fand Reinhard J. Brembeck von Spiegel Online (26.7.2017) Koskys Inszenierung. Sein Beckmesser agiere zwischen Eitelkeit, Bigotterie und schlichter Einfalt, "sodass statt des seinerzeit gesellschaftlich akzeptieren Antisemitismus Wagners die aggressive Judenfeindlichkeit generell thematisiert wird". Beckmesser bekomme einen hässlichen karikaturhaften Judenkopf aufgesetzt, während selbige Karikatur gleichzeitig als riesiger Ballon und Pogrom-Menetekel auf der Bühne aufpoppt. "Komisch und schrecklich zugleich: ein Stilmittel des doppelbödigen Kosky-Wagner-Kosmos."

"So weit, so unterhaltsam und komödiantisch virtuos", resümiert Christine Lemke-Matwey auf Zeit Online (26.7.2017) den ersten Akt. Der Rest biete Grund zu Spekulationen: "Die Nürnberger Prozesse als Polit-Deko für Richard Wagner? Einmal antisemitisch, schon immer antisemitisch?" Koskys abgeräumte Bühne drücke sich letztlich, beziehe keine Position. "Außer dass die Wagner-Kunst Wahn sein kann, Droge, Rausch."

Das Tempo des Anfangs könne Kosky "unmöglich vier Stunden halten. Aber er hält eine Weile die Höhe des Witzes", schreibt Jan Brachmann in der Frankfurter Allgemeinen (27.7.2017). Aber dann schleppe sich denn der zweite "einfallslos und verlegen dahin". Kosky habe kein Interesse daran, die "Meistersinger "aus der Zwangskopplung mit dem deutschen Nationalsozialismus zu lösen. Dafür gibt es gute Gründe. Doch warum ist das Stück trotzdem mehr als ein Exempel im Staatsbürgerkunde-Unterricht?" Was könne an ihm "über die Riten und Reflexe der Re-Education hinaus noch interessant sein? Man hätte es in dieser handwerklich virtuosen, am Ende kapitulierenden Inszenierung gern erfahren."

Kosky habe "genau gesehen, dass sich der durchaus nie uneitle Wagner in den 'Meistersingern' gleich zweimal selbst porträtiert. Einmal in dem längst gesellschaftlich etablierten alten Volkstribunen Hans Sachs, zum anderen in dem jungen Schnöselavantgardisten und Menschheitsverächter Stolzing", schreibt Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (27.7.2017). Auch dass Beckmesser "nach und nach zu jener Judenkarikatur" werde, "die Wagner und seine Anhänger mindestens bis hin zu Hitler für die Wirklichkeit hielten", habe Kosky "genial gesehen". Schade allerdings, dass Kosky "mit den von Wagner bis zur Erschöpfung zelebrierten kunsttheoretischen Diskursen dieser Oper so gar nichts anzufangen weiß, obwohl die für den Komponisten ein zentrales Anliegen sind".

Neu sei "der Lernstoff dieser fünf Geschichtsstunden sicher nicht, es gibt weder Theaterrevolution noch Erleuchtung – stattdessen kluge Fragen, Brüche und handwerklich immer gekonntes Theater", meint Bernhard Neuhoff auf Bayern Klassik (26.7.2017). Gut sei "Kosky auch dann, wenn er unter seinen Möglichkeiten bleibt". Musikalisch sei es dagegen "ein großer Abend". Letztlich trage die Glaubwürdigkeit von Michael Volle, "dieses großartigen Darstellers", den Abend – "Volle ist Sachs, Volle ist Wagner, Volle singt von Wahn und Liebe und zeichnet einen Charakter von faszinierender Ambivalenz".

In Koskys Perspektive scheine "die ganze 'Meistersinger'-Handlung einzig darauf zu gründen, dass Beckmesser den anderen – den anderen Meistersingern, den Nürnbergern, den Deutschen – zuwider ist und entfernt werden muss. Hier wird, Fliederduft hin, Fliederduft her, kein buntes Frühlingsfest gefeiert, keine junge Liebe gestiftet und erst recht keine Kunsttheorie gewälzt. Es geht nur darum, einen rauszumobben", schreibt Lucas Wiegelmann in der Welt (27.7.2017). Merkwürdig sei indes, "wie wenig Kosky neben dieser einen großen Beckmesser-Erzählung an Details eingefallen ist, die das Ganze hätten beleben können. Es gibt sie ja, die witzigen Szenen in den 'Meistersingern', aber die ziehen fast alle unbemerkt vorüber."

Diese "Meistersinger" seien ein "mit Riesenbeifall und Getrampel aufgenommener Konsens-Wagner für Landtagsabgeordnete, die einmal im Jahr zur Festspieleröffnung in die Oper gehen", meint Robert Braunmüller in der Münchner Abendzeitung (27.7.2017). "Ein paar Amerikaner wundern sich vielleicht noch darüber, wie demokratisch wir heute sind. Sonst keiner. Und so muss man leider konstatieren: Kosky tut er niemandem weh. Das ist ziemlich langweilig."

Koskys Inszenierung stehe "in der neuen Tradition Bayreuther Selbstreferenzialität", schreibt Peter Uehling in der Berliner Zeitung (27.7.2017): Katharina Wagner habe "vor zehn Jahren zum eher plumpen Bildersturm auf die braune Karriere des selben Werks geblasen", Stefan Herheim den "Parsifal" "als Gang durch die deutsche Geschichte angelegt". Kosky lasse "sich im Vergleich zu seinen Kollegen am wenigsten vom Wagner-Komplex herunterziehen. Er gönnt dem Zuschauer eine Distanz zu den 'Meistersingern', ohne das Stück zu verjuxen."

Koskys Inszenierung funktioniere "strenggenommen nur unter der Prämisse, dass man die Grundüberzeugung Koskys teilt, wonach das Stück in Gestalt des Sixtus Beckmesser die diffamierende Karikatur eines Juden enthalte", postuliert Christian Wildhagen in der Neuen Zürcher Zeitung (27.7.2017). Nun liege "diese These angesichts von Wagners beschämenden antisemitischen Entgleisungen in seinen Schriften zwar nahe, wird sich aber im Werk kaum je abschliessend beweisen lassen. Als Spielhypothese für eine Regiedeutung könnte sie immerhin aufschlussreich sein. Nur macht Kosky zu wenig daraus." Weite Teile des zweiten und des dritten Aktes blieben "im Spielopernhaften stecken – handwerklich solide, aber fad".

Kosky nehme "die Unschuldsvermutung gegen das Werk, die wir uns angewöhnt haben, wenn es um Wagner geht", nicht hin und führe "drastisch vor, dass Musik und Text selbst gegen Fremdes, Anderes zielen, nicht nur, aber vor allem das tatsächlich jüdische Geistesleben in ganz Europa", meint Niklaus Halblützel in der tageszeitung (27.7.2017). Kosky höre "genau zu". Am Ende spreche sein Gericht kein Urteil. "Es zieht sich zurück, einsam muss Volle Wagners Selbstverteidigung zu Ende singen: 'Verachtet mir die deutschen Meister nicht.' Nein, gerade Kosky will das nicht. Mehr Respekt hat dieses Werk noch nie gefunden." 

 
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