Heimat, die Kopfgeburt

von Dorothea Marcus

Köln, 9. Dezember 2017. Irgendwo an der türkisch-bulgarischen Grenze ist ein seltsames erschöpftes Grüpplein mit rot umrandeten Augen in einem stummen Tableau Vivant gestrandet. Vor einer Bretterwand mit blätterndem Putz und verblassenden Zeichnungen, die Uhr über dem verwaisten Beamtenschalter steht stets katastrophisch auf kurz vor sechs gestellt, sitzt der Syrer Hussein. 45 Jahre lang lebte er glücklich in Wien, um zum Sterben unbedingt zum Euphrat zurückkehren zu wollen – es geht schließlich nichts über die wahre Heimat. Aber was ist das überhaupt? Der syrische Arzt und Autor Ibrahim Amir lässt um diesen seltsamen, hochemotional besetzten und schwer missbräuchlichen Begriff seine neueste Komödie drehen.

Axel Pape als Onkel Hussein ist eine jämmerliche Gestalt mit grünem OP-Hemd, zerrupften Haarresten und irrem Blick, als sei er gerade dem Hospiz entsprungen, am Ende wird er zugeben, den Euphrat ohnehin nie gesehen zu haben und sich nach Sachertorte zu sehnen: Heimat ist zuallererst eine Schimäre, ein Fantasma und Klischee im Kopf. Peter Miklusz als Neffe Khaled, der ihm diesen Wunsch erfüllen will, ist ein offensichtliches Alter Ego des Autors Ibrahim Amir, apolitischer Atheist, Physiker und noch der Sympathischste von allen: ein smarter Vollbartträger, syrischer Kurde und Mann von Welt, dem es in der Transitzone nicht geheuer ist und der auch mal vor Überforderung in Ohnmacht fällt.

Ein Sterbender und seine Mitreisenden

Und dann ist da auch noch Melanie Kretschmann als euro- und egozentristische Krankenschwester Simone, die sich burschikos und breitbeinig auf den roten Schalensitzen räkelt und sich schließlich als Transfrau entpuppt, Hitler-Scherze reißt und lautstark ihre privaten Beziehungskonflikte mit dem Begleitarzt und türkischen Übersetzer Osman austrägt – Jörg Ratjen mit Tom Selleck-Gedächtnis-Schnurrbart und tailliertem Retro-Anzug vermittelt auf die hektisch-chorischen Anfragen der Mitreisenden allerdings meist nur elliptische Einwortsätze.

Heimwaerts 560 Tommy Hetzel uGrenzkonflikte: Jörg Ratjen, Peter Miklusz, Melanie Kretschmann © Tommy Hetzel

Langsam kommt also Leben in die von Joki Tewes und Jana Findeklee schön metaphorisch-verloren gestaltete Bretterbude im Niemandsland: Alsbald ist auch Yuri Englert als türkischer Grenzbeamter am Start und erzeugt mit Nerd-Brille, Leder-Uniform alle Probleme, die man von einem orientalischen Mann erwarten würde. Zum Beispiel begeistert Hitler-Grüße erwidern, der einzigen vermeintlichen Frau flammende Heiratsanträge machen und – nachdem sich Simone resolut als operierter Mann zu erkennen gibt – ehrverletzt das Ausstellen der Todesanzeige zu verweigern. Denn, fast wie nebenbei, hat inzwischen Onkel Hussein sein Leben ausgehaucht, schaltet sich aber auch immer wieder mit Erinnerungen, Forderungen und Sehnsüchten in die Handlung ein. Für Verwirrung sorgt er aber auch, da er aussieht wie der türkische Präsident, dessen Porträt seriös sinnierend im Beamtenbüro hängt. Mit Erdogan hat es selbstverständlich gar keine Ähnlichkeit, aber natürlich meint dennoch jeder den echten Türkei-Präsidenten zu erkennen – zumal wenig später auch ein spionierender türkischer Nationalist und ein Putsch ins Spiel kommen.

Bewegung an vielen Grenzen

So richtig realistisch geht es also nicht zu in Ibrahim Amirs neuestem Stück, es wird nur mit Realitätselementen gespielt. Amir ist bekanntlich ein in Wien lebender syrischer Arzt, der seit Jahren mit politisch inkorrekten Komödien auf deutschsprachigen Bühnen Erfolge feiert – über Ehrenmorde, Dschihadismus oder die Flüchtlingskrise. Heikle politische Sujets, über die zu scherzen sich wohl nur ein durch Talent, Status und nicht zuletzt Nationalität beglaubigter Autor erlauben darf. Meist, zumal in seinem Überraschungserfolg Habe die Ehre, gelingt es ihm so, gesellschaftliche Ängste, Vorurteile und Ehrbegriffe durch überdrehende Klischees in Humor verwandeln, der tatsächlich etwas Befreiendes hat – wenn seine Stücke nicht, so geschehen vor knapp zwei Jahren in Wien, vorauseilend gar nicht erst zur Premiere freigegeben werden.

Heimwaerts3 560 Tommy Hetzel uHeimat ist, wenn man trotzdem lacht: Axel Pape, Melanie Kretschmann, Peter Miklusz, Jörg Ratjen
© Tommy Hetzel

In der Auftragsarbeit "Heimwärts" am Kölner Schauspiel wird zunächst nicht so richtig gelacht, zu heterogen und komplex sind Heimatbegriffe und Themen, die die Figuren mit sich herumtragen. Der Onkel, der niemals geheiratet hat, um nicht seine Sprache zu verraten und immer noch die israelisch-syrische Kriegsgeschichte mit sich herumträgt, sehnsuchtstechnisch eingeklemmt zwischen Makloube und Mozartkugel. Khaled, der in Wien heiraten möchte und damit laut Onkel Verrat begeht. Simone, die ihre Heimat in geschlechtlicher Selbstverwirklichung gefunden hat. Der eifrige Grenzbeamte, für den Türkisch-sein durch Bluttest bewiesen werden kann und selbst das Ausfüllen der "Nationalen Identifikationsnummer" zur patriotischen Grundsatzfrage wird.

Und dann setzt sich eben auch noch "Bekir", Niklas Kohrt mit Augenklappe und Militärlook, sowohl Agent der türkischen Regierung als auch traumatisiertes Gastarbeiterkind aus Köln, listig und verschlagen in die Warteschlange. Vom stillen Mitlhörer wird er schnell zum Folterknecht, als seine Heimatbegriffe beleidigt werden ("Wer mein Vaterland mit einem Stein bewirft, kriegt von mir eine Kugel in den Kopf"). Und schon nähern sich über Band die Putschistenstimmen und skandieren patriotische Slogans, um als patriotischen Verräter wiederum den patriotischen Bekir zu identifizieren.

Paranoide Schutzkonzepte

In Stefan Bachmanns Inszenierung ist die Lächerlichkeit und Absurdität immer wieder schön auf den Punkt gebracht, etwa als die kleine Reisegruppe wie Kasperlefiguren blutüberströmt, frisch gefoltert und eurozentristisch entrüstet, aus dem Beamtenhäuschen blickt oder sich Bekir vom bloßen Comic-Leser auf einmal selbst martialisch zum Superheld-Agenten aufplustert. Und doch schafft es der Abend nicht ganz, die tendenzielle Überfrachtung des Stücks plastischer zu machen. Das jedem mitgegebene, unterschiedliche Heimat-Konzept wirkt letztlich zu künstlich angeklebt, die Kriegserinnerungen des Onkels verwirrend, die Bezüge der Figuren konstruiert.

Aber vielleicht nicht so schlimm, denn kurzweilig ist der Abend allemal. Und auch wenn das Ganze arg konzeptuell durchgearbeitet wirkt, hat Ibrahim Amir auf schlanken 40 Stückseiten recht lässig Zugehörigkeitszwang, Fremdenfeindlichkeit, Ausbeutung als paranoide innere Schutzkonzepte entlarvt, allein dadurch, dass er den Begriff Heimat in so vielen Bedeutungsnuancen zwischen Orient und Okzident schillern lässt: als Rechtfertigung für Ausgrenzung und Gewalt, als populistischer Haudrauf-Slogan oder auch einfach als letzter menschlicher Sehnsuchtsanker.

 

Heimwärts
von Ibrahim Amir
Uraufführung,
Regie: Stefan Bachmann, Bühne und Kostüme: Joki Tewes, Jana Findeklee, Licht: Hartmut Litzinger, Dramaturgie: Julian Pörksen.
Mit: Peter Miklusz, Axel Pape, Melanie Kretschmann, Jörg Ratjen, Yuri Englert, Niklas Kohrt.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

Die groteske Komik des Stücks bleibe im Klischee hängen, lässt sich Bernd Noacks Kritik in der NZZ (11.12.2017) zusammenfassen. Amirs Stück sei der Versuch, die bedenkliche politische Entwicklung im Lande Erdogans mit Lust am Absurden karikierend auf die leichtere Schulter zu nehmen. "Was sich als Text noch leidlich komisch liest, gerät auf der Bühne und in der Regie von Stefan Bachmann zu einem bunten Abend mit verschenktem ernstem Hintergrund." Den Spielern bleibe wenig Bewegungsraum, "das Stück gerät zu einer ziemlich unbeholfen wirkenden Nummernfolge spassiger Zufälle und grotesker Schicksale".

"Amir reißt seinen Plot nur an, eigentlich geht es ihm darum, möglichst viele Arten der Heimatlosigkeit gegenüberzustellen", so Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (11.12.2017). Erst scheint sich eine tolldreiste Komödie anzubahnen, aber dann sei sie schon wieder vorbei. "Stefan Bachmann inszeniert routiniert, betont mit comicartiger Zeitlupengewalt die Absurdität des Textes. Doch die hochkomisch-erhellenden Inkorrektheiten, mit denen Amir in 'Habe die Ehre' seine Entwurzelten aufeinanderprallen ließ, sie sind hier einfach nicht zu holen."

Stefan Bachmann inszeniert routiniert, betont mit comicartiger Zeitlupengewalt die Absurdität des Textes. Doch die hochkomisch-erhellenden Inkorrektheiten, mit denen Amir in "Habe die Ehre" seine Entwurzelten aufeinanderprallen ließ, sie sind hier einfach nicht zu holen. – Quelle: https://www.ksta.de/29272824 ©2017
Stefan Bachmann inszeniert routiniert, betont mit comicartiger Zeitlupengewalt die Absurdität des Textes. Doch die hochkomisch-erhellenden Inkorrektheiten, mit denen Amir in "Habe die Ehre" seine Entwurzelten aufeinanderprallen ließ, sie sind hier einfach nicht zu holen. – Quelle: https://www.ksta.de/29272824 ©2017
Stefan Bachmann inszeniert routiniert, betont mit comicartiger Zeitlupengewalt die Absurdität des Textes. Doch die hochkomisch-erhellenden Inkorrektheiten, mit denen Amir in "Habe die Ehre" seine Entwurzelten aufeinanderprallen ließ, sie sind hier einfach nicht zu holen. – Quelle: https://www.ksta.de/29272824 ©2017V

Der Migrationshintergrund werde von Amir aufgezogen wie ein Theatervorhang, um dahinter die Verklappung von Klischees vorzunehmen und die Figuren im Schwank durchzuschütteln, schreibt Andreas Wilink auf Spiegel online über das Stück (10.12.2017). Stefan Bachmann mache "das Einfachste, was in dem Fall das Beste ist: Er hält das thematisch dickleibige, aber dramatisch dünne 'Heimwärts' still und lässt es aussitzen." Die Dialoge seien genau gearbeitet, Situationskomik werde durch Typisierung (Bart, Brille, Perücke) wenn nicht beflügelt, so doch gehoben. Fazit: "Vergleichsweise sind Yael Ronens Aufrisse frecher, krasser und zugleich verhafteter auf dem Boden der Tatsachen."

 

 

 
Kommentar schreiben