Es schmerzt

von Nikolaus Merck, Christian Rakow und Esther Slevogt

Berlin, 2. November 2018. Er war der jüngste der nachtkritik.de-Gründer*innen und nun ist er in der vergangenen Nacht gestorben. Dirk Pilz 1972–2018 steht in unserer Meldung von heute früh. Wie nüchtern, man klammert sich an Zahlen, an Objektivitäten, aber die Trauer kennt keinen Halt. Wir hatten gehofft, er würde seine Krankheit besiegen. Mit dem ihm eigenen Trotz, der ihn ergreifen konnte, wenn er die geringsten Anflüge von Übergriffigkeit oder Fremdbestimmtheit witterte.

Es ist schwer, Worte zu finden für diesen Verlust und wir stehen voller Schrecken vor der Zerbrechlichkeit des Lebens, das so schön und so flüchtig ist, wie die Kunst, der wir uns verschrieben haben. Dirk, er schläft nun. Und wir müssen weiter schreiben.

Die Gründung von nachtkritik.de

Die Gründungstage von nachtkritik.de. 2006: Ein Treffen im Restaurant "Wienerwald" gegenüber der Schaubühne am Kurfürstendamm zum Beispiel. Aus dem Dunst gebratener Hähnchen sollte frische Zukunftsluft geschöpft werden. Dann Treffen in Theaterfoyers und Kneipen, schließlich reihum in den Wohnungen der Gründer*innen. Das Team der ersten Stunde komplettierte sich langsam: Nikolaus Merck und Dirk Pilz kannten sich aus früheren Tagen bei Theater der Zeit. Petra Kohse stieß zu ihnen hinzu, dann Esther Slevogt und Konrad von Homeyer.

Im Mai 2007 ging das Portal nach vierwöchiger Dummie-Produktion unter Echtzeitbedingungen online. In Medienpartnerschaft mit dem Berliner Theatertreffen. Der Einstieg ganz oben im Betrieb sozusagen, den zu verändern wir uns vorgenommen hatten – ein Coup, den Dirk Pilz eingefädelt hatte, als gut vernetzter und neben Petra Kohse erfahrenster Blattmacher unter uns. Aber aus den Erfahrenen mussten nun frische Lehrlinge werden, aus beschlagenen Fachkräften freihändige Piraten. Um die ersten Diskussionen auf nachtkritik.de anzustoßen, traten seltsame Anonymi wie "Daniel Buteiro" und "Eugen Dennoch" im Kommentarbereich unter den Beiträgen auf. Einer von ihnen war Dirk Pilz, in Verkleidung.

DirkPilz 560Dirk Pilz 1972–2018. © Thomas Aurin

"Die Nachtkritik stellten und stellen wir uns immer noch vor als erste professionelle Stimme, die ein Gespräch anbahnt. Das Gutsherrentum hielten wir in theaterkritischen Belangen für überholt, also langweilig, unergiebig, den Glauben an Fertigrezepte auch", schrieb Dirk Pilz anlässlich des fünfjährigen Bestehens von nachtkritik.de. Seither ist vieles gewachsen, die Debattenlust, die Reichweite, die redaktionelle Arbeit. Nur der Entdeckergeist und die freundschaftlichen Bande des Beginns sind geblieben. Unlängst feierte nachtkritik.de zehnjähriges Bestehen. Von nun an werden wir ohne Dirk weitergehen müssen. Es schmerzt.

Erfahrungswerte

"Mit Verlaub, hier handelt es sich um Erfahrungswerte!" war einer der letzten Sätze, die Dirk auf der Intensivstation der Berliner Charité sagte. Dort, wo die engsten Freunde und seine Frau Anne Peter um ihn waren. Ein frei schwebender Satz, ganz ohne Anlass, schon unter Morphium-Einfluss, aber aus den Tiefen seines Bewusstseins. Ein klarer, haarscharf formulierter Satz. Ein Satz wie mitten aus einem Disput heraus gesprochen. Dirk war auch ein Sachlichkeits-Meister, einer, der auf eine gar nicht laute, aber sehr wohl zuzeiten zornige, gar nicht wütende, aber sehr wohl leidenschaftliche Art den Leuten, die glaubten es besser zu wissen, Paroli bot. Wer wusste es schon besser als er, der in vielen Gebieten beschlagen, den abendländischen Bildungsfundus von Aischylos bis Augustin, von Gustav Mahler bis David Foster Wallace zu Verfügung und Gedanken hatte.

Erfahrungswerte. Erfahrung und Deduktion, die Erscheinungen in ihrer Fülle interessierten ihn. Das alles unter einem gewissen Ewigkeitsaspekt. Die antike Tragödie, sie war für ihn gewissermaßen niemals abgeschlossen oder abgegolten, so wenig wie die Lehren der Kirchenväter oder der 30jährige Krieg. Das Fehlen einer echten Emanzipationsbewegung in der späten DDR – sein Fokus war breit, seine Neugier unerschöpflich.

Jugend in der DDR

Die DDR hatte ihn ganz zweifellos geprägt. Aufgewachsen in pietistischem Elternhaus in sächsischer Provinz galt es, unerbittlich besser zu sein als die anderen, flinker, kräftiger, klüger, um den Schulschlägern nicht zum Opfer zu fallen oder den Behörden keine Handreiche zu bieten für einen Ausschluss aus den Bildungsinstituten. Als Sohn aus religiösem Hause stand man seinerzeit per se unter Verdacht.

Bildung wurde Dirk zum Vehikel für den Aufbruch ins Freie. Nicht bloß gedanklich. Die Studienstiftung des deutschen Volks, Dänemark und Cambridge wurden Stationen seiner Reise aus dem Vogtland in die Welt. Wenn Dirk mit Kardinälen, Rabbinern und Imamen disputierte, interessierte ihn nicht allein Wahrheit der Kunst oder des Glaubens, an die er zweifelnd glaubte und ihr misstraute. Ihn interessierte die Herausforderung, das Ungesicherte in Ästhetik und Glaubenslehre, das fein gesponnene Netzwerk aus Seele, Gefühl und Gedanken, das andere vielleicht Gott nannten oder Kunst oder Glauben.

Er reiste als Abenteurer des Geistes, aber auch als Abenteurer mit geschnürten Stiefeln. In den Bergen war er glücklich; in den Rocky Mountains, wo er dem Bären Aug in Aug gegenüberstand. Oder auf den Gipfeln der Pyrenäen, wo er seine Angst mit Luther-Liedern vertrieb. Der schwere Mann, so leicht konnte er sein. Leicht auch beim Fußballspiel mit der Autorennationalmannschaft oder beim Ritt übers Tempelhofer Feld, auf seinem Rennrad.

Lehrer und Mentor

Dirk war Kulturjournalist, Kritiker, Vortragender, Moderator, Autor für überregionale Medien wie die Neue Zürcher Zeitung und die Berliner Zeitung (wo er zeitweise auch als Redakteur festangestellt war). Vollendet aber hat er sich als Lehrer. An den Universitäten von Leipzig, Ludwigsburg und Potsdam, zuletzt an der Universität der Künste Berlin unterrichtete er Studierende, die gelegentlich nicht jünger waren als er selbst. Bei der Festivalzeitung des Berliner Theatertreffens (später dem Theatertreffen-Blog) arbeitete Dirk als Mentor. Zehn Jahre lang. Es ist ein großes Förderprojekt des Kulturjournalismus. Im Auftaktjahr stritt man um die Nicht-Einladung der "Dresdner Weber" von Volker Lösch; und zwei junge, angehende Kritiker lieferten einen Text zur Causa ab, solide beschreibend, aber ohne Wertung, ohne Haltung. "Ihr müsst jetzt genau sagen: Hättet Ihr die 'Dresdner Weber' dabei haben wollen, oder nicht?" Eine kurze klare Ansage des Mentors, ein großer Richtungsweis. Kritik ist immer das Ringen um Klarheit, nicht um Abgeschlossenes, nicht um Objektives, aber um die Klarheit der Position.

Aus dem Theatertreffen-Projekt gingen zahlreiche Kritiker*innen der heutigen Theaterlandschaft und der Nachtkritik selbst hervor. Georg Kasch, Elena Philipp, Christian Rakow, Anne Peter, Matthias Weigel arbeiteten oder arbeiten heute in der nachtkritik.de-Redaktion. Bei der Theatertreffen-Festivalzeitung lernte Dirk seine Lebensgefährtin Anne Peter kennen, mit der er einen Sohn und eine Tochter (sechs und zwei Jahre alt) hat.

Mit offenem Herzen

Herausfordernd, sachlich, aber niemals auftrumpfend oder hochmütig begegnete Dirk seinen Studierenden. Er erkannte wohl bei anderen die namenlose Lebensangst, die er selbst allzeit in sich verschloss. Vielleicht begabte ihn gerade diese Angst, den Menschen mit offenem Herzen und unvoreingenommen zu begegnen. Er war ein Genie der Freundschaft.

Um den Ideengeber, Autor, Lehrer, Zweifler, Streiter, Mitstreiter trauern wir. Dirk Pilz war gewiss nicht frei von Bitternis und Rigorosität, wer könnte das sein. Aber er war vor allem: ein guter Mensch. Es scheint, als gäbe es nicht sehr viele von ihnen. Unser Verlust ist unermesslich.


Die Meldung zum Tod von Dirk Pilz mit vielen Trauergrüßen im Kommentarbereich finden Sie hier.

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