Dorf als Welt

von Annemarie Bierstedt

Neustrelitz, 6. April 2019. Der Kampf hat begonnen. Fließ (Frank Metzger) und Gombrowski (Michael Kleinert) stehen sich ganz nah gegenüber, um sich durch zwei Ferngläser hindurch anzublicken. Fließ kämpft für die Vögel und gegen den Windpark. Gombrowski kämpft für den Windpark und gegen den Untergang Unterleutens. Es gilt: Meine Wahrheit gegen deine Wahrheit. Dieses Bild bringt Tatjana Reses Bühnenadaption von Juli Zehs Roman "Unterleuten" im Landestheater Neustrelitz auf den Punkt.

Konfligierende Wertesysteme, die Frage nach Moral in Zeiten von Individualisierung und Globalisierung, das Überschreiben der DDR-Historie von Zwangskollektivierung und Enttäuschungen in der Nachwendezeit mit neoliberalistischer Selbstoptimierung – all dies verhandelt Reses Fassung aufgrund von Zehs 2016 veröffentlichtem Roman. Aus der Perspektive 14 verschiedener Dorfbewohner beschreibt er den Konflikt um den Bau eines Windparks zwischen Wendeverlierern und Wendegewinnern, Zugezogenen und Alteingesessenen im fiktiven brandenburgischen Dorf "Unterleuten", kaum 100 Kilometer von Berlin entfernt, 20 Jahre nach der Wende.

unterleuten1 560 Christian Brachwitz uErwartungsvolle Skepsis: Das "Unterleuten"-Ensemble in Neustrelitz © Christian Brachwitz

Nach der Uraufführung von "Unterleuten" im Nationaltheater Weimar zog u.a. das Potsdamer Hans Otto Theater nach. Die Uraufführung der Fassung von Schauspieldirektorin Tatjana Rese für die Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg / Neustrelitz ist nun die Erste sowohl in Mecklenburg-Vorpommern als auch in Norddeutschland. Und zwar direkt eine sehr gelungene!

Debatten-Spiegel

In gut zwei Stunden Spielzeit entspinnt sich die Komplexität der Handlung in einer fesselnden und spannenden Romandekonstruktion, was der ausverkaufte Saal mit tosendem Applaus würdigt. Am Anfang steht der Konflikt zwischen dem Reifen verbrennenden Schaller und dem aus Berlin zugezogenen Vogelschützer-Paar buchstäblich hörbar durch das Schlagen Schallers auf Metall im Raum. Daran schließt sich, anders als in der Romanhandlung, gleich die Gemeinderatssitzung um den Bau des Windparks an. In Zehs prägnant-bildlicher Sprache und fein pointierten Dialogen schleudern sich die Darsteller ihre unterschiedlichen Weltanschauungen um die Ohren.

Konkurrierende Partikularinteressen zwischen dem Erhalt der Schönheit der Landschaft und dem Aufhalten des Klimawandels durch den Ausbau erneuerbarer Energien weisen Parallelen auf zur globalen "Fridays for future"-Debatte und zu den regionalen Diskussionen um die riesigen Windparks in Mecklenburg-Vorpommern. Ganz zu schweigen von dem Investor aus Ingolstadt, der billig Flächen in "Dunkeldeutschland" erwerben will. Frei nach Zeh, "dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends Recht hat", ist alles relativ.

Fein beobachtet

Durch das Einschieben von Monologen der einzelnen Figuren gelingt es der Regisseurin, bis in die tieferen Schichten Unterleutens vorzudringen und ein psychologisch höchst interessantes Panoptikum erlebbar zu machen. Rese beschränkt sich auf 15 Figuren, die von 12 Schauspielern dargestellt werden. Da ist Michael Kleinert, der den Gombrowski, der die Ökologica GmbH durch den Windpark vor einer Insolvenz bewahren will, so kraftvoll spielt. Karin Hartmann stellt auf so empfindsame Weise die depressive Ehefrau Elena Gombrowski dar, die die tätlichen Übergriffe ihres Gatten nur mit der eigenen, falschen Wahrheit über dessen Liebschaft erträgt. Als Meister der feinen Beobachtung erweisen sich auch Philipp Oliver Baumgarten als Schaller, dessen fatalistischer Pragmatismus dem Leben gegenüber dem Publikum viele Lacher entlockt, Frank Metzger als Wollpullis tragender Soziologe Fließ oder Klaudia Raabe als nervös-ängstliche Mutter Jule.

unterleuten3 560 Christian Brachwitz uJosefin Ristau, Philipp Oliver Baumgarten, Anika Kleinke, Thomas Pötzsch, Angelika Hofstetter,
Michael Goralczyk © Christian Brachwitz

Dorit Lievenbrücks holzig-braunes, an DDR-Gemeinschaftshäuser erinnerndes Bühnenbild mit den wechselnden Landschaftsbildern und den Stereotypen bildenden Kostümen lassen den Mikrokosmos Dorf lebendig werden. Dann sind da noch die zwei Kampfläufer, Schauspieler in Vogelkostümen als humorvolle Beobachter dritter Ordnung. Als Krimi mit dem Ausmaß einer griechischen Tragödie endet das Stück nach Reses eigener Interpretation: Alle Frauen verlassen Unterleuten. Zurück bleiben alte weiße Männer, die am Lagerfeuer sitzend über den Fatalismus des Lebens philosophieren – historischer Bezug zur Frauenflucht aus den neuen Bundesländern nach der Wende und aktueller Bezug zur Genderdebatte. Louis Armstrongs "What a wonderful world" im Abspann steht für die befriedete Einsicht der Männerfiguren in die Notwendigkeit, dass die Welt manchmal nicht zu ändern ist. Tatjana Reses Bühnenfassung zeigt, dass ein Roman dieser Komplexität sehr wohl auf der Bühne funktioniert.

Unterleuten
nach dem Roman von Juli Zeh
Fassung und Regie: Tatjana Rese, Ausstattung: Dorit Lievenbrück, Dramaturgie: Katrin Kramer.
Mit: Philipp Oliver Baumgarten, Michael Goralczyk, Karin Hartmann, Angelika Hofstetter, Sven Jenkel, Michael Kleinert, Anika Kleinke, Frank Metzger, Thomas Pötzsch, Klaudia Raabe, Josefin Ristau.
Dauer: 2 Stunde und 20 Minuten, eine Pause
Premiere am 6. April 2019

www.theater-und-orchester.de

Kritikenrundschau

"Die Figuren sind zugespitzt, aber dank der hohen schauspielerischen Leistung glaubwürdig", schreibt Christine Gerhardt in der Neubrandenburger Zeitung (8.4.2019). "Soweit es die große Besetzung ermöglicht, gehen die Figuren in die Tiefe oder deuten Tiefe an." Und weiter: "Immer wieder treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus und geben kurze Fensterblicke in deren Psyche, indem sie, schauspielend allein kraft der Stimme, ihre Geschichten erzählen. Durch solche Ersetzungen von Hintergrund und Erzählanteilen aus der Vorlage gelingt Tatjana Rese die Romanadaption." Für die Schönheit, die Komik und die Tragik des Lebens gebe es tosenden Applaus.

 

 

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