Ein Albtraum-Spiel

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 25. Mai 2019. Wir sind ja nicht hier, um die Welt zu erklären, sagt so ungefähr Onkel Gustav Adolf in einer launigen Ansprache an seine große Familie, für derlei Exkursionen fehlt uns der Apparat! Hätte dieser Abend am Düsseldorfer Schauspielhaus die Welt erklärt, dann wäre unsere Welt eine Hölle. Allerdings eine Hölle, aus der man entkommen kann.

Theaterfamiliengeschichte

"Fanny und Alexander", basierend auf einem 1982 gedrehten Film des schwedischen Großmeisters Ingmar Bergman, erzählt davon, wie eine Familie (Mutter, drei Kinder) nach dem Tod des Vaters in die Fänge eines bigotten Bischofs gerät und schließlich – der Bischof stirbt – daraus befreit wird. Es handelt sich um eine Theaterfamilie: Der tote Vater, der noch als (Hamlet-)Gespenst über die Bühne wandelt, war ein vermutlich schlechter Schauspieler und ein schwacher Mensch. Thomas Wittmann zeigt das prägnant in wenigen schlaffen Auftritten. Die Witwe, beeindruckend gespielt von Minna Wündrich, hat sich vielleicht nach einem Antipoden gesehnt, einem Mannsbild. Die Kinder – der Titel weist sie als die eigentlichen Hauptfiguren aus – in ihrer blühenden Fantasie, ihrem unbändigen Lebenswillen leiden, und die Mutter begreift es zu spät.

FannyAlexander 3 560 SandraThen uDie Geschwister Amanda, Alexander und Fanny (Jojo Rösler, Lea Ruckpaul, Johanna Kolberg ), im Hintergrund das Vatergespenst (Thomas Wittmann) © Sandra Then
Bereits in der allerersten Szene erklärt der "Bischof" den Kindern – sie nennen ihn nie anders –, dass man niemals lügen darf. Der zehnjährige Alexander, in dem der Stiefvater offenbar einen heranwachsenden Rivalen sieht, wird sein bevorzugtes Opfer. In Abwesenheit der Mutter wird der Knabe brutal gezüchtigt. Stephan Kimmigs Inszenierung zeigt es in aller Drastik. Christian Erdmann ist ein wunderbarer Schauspieler – nur leider nicht für diese Figur.

Epochale Gefährlichkeit

Die Geschichte spielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der "Bischof" ist ganz und gar in jener Epoche verwurzelt, Erdmann jedoch löscht diese Distanz geradezu willkürlich: Der Mann ist kein bisschen unheimlich oder geheimnisvoll, er ist einfach ein Schwein (einmal wird er auch so tituliert, da ist die Maske des Wohltäters gefallen). Vielleicht war es die Absicht der Regie, die Geschichte und die Figur zu vergegenwärtigen, sozusagen als einen weiteren Fall von "#MeToo".

Diese Absicht geht fehl, denn sie versimpelt den Fall als einen pathologischen. Wenn Erdmann seiner Frau nach einer verbalen Auseinandersetzung in den Schritt fasst, nimmt diese Geste in ihrer Vulgarität der Figur jede Doppeldeutigkeit, auf die Bergman es eben abgesehen hat. Der Bischof ist kein Tartuffe (den Erdmann bereits gespielt hat), er ist tatsächlich ein Geistlicher: Wenn er immer wieder von Demut spricht, dann deswegen, weil der Protestantismus, jedenfalls in seiner scharfen Lesart, in der Demut den Kern des Glaubens sieht; und wenn das so ist, kann man sie vielleicht sogar erzwingen. In dieser Logik liegt die epochale Gefährlichkeit der Figur, nicht in irgendeiner sexuellen Perversion.

Schauspielerische Sternstunde

Besteht an dieser Stelle also ein zentrales Missverständnis der Inszenierung (die nicht im Central, sondern im Vorgeschmack auf die kommende Spielzeit im renovierten Schauspielhaus stattfindet), so hat sie an einer anderen doch ein Leuchtfeuer aufzubieten: Wie die 32-jährige Lea Ruckpaul den zehnjährigen Alexander spielt, mit keckem Witz, Chuzpe und Charme, ist so verblüffend wie berückend. Ihre Stimme ist kräftig, nicht die eines Knaben, ihr leicht modifiziertes Aussehen aber geht ohne weiteres für das eines heranwachsenden Jungen durch, dem man zutraut, dass er dem verhassten Stiefvater die Stirn bietet und dass sein Widerstandsgeist buchstäblich nur mit Gewalt zu brechen ist. Das ist eine schauspielerische Sternstunde. Johanna Kolberg und Jojo Rösler assistieren als Geschwister.

FannyAlexander 1 560 SandraThen uClaudia Hübbecker, Christian Erdmann, Johanna Kolberg © Sandra Then

Stephan Kimmig erzählt die Geschichte, beiläufig unterstützt von Puppen und von Video, alles in allem nicht eben stringent. Die Nebenhandlungen mit zwei skurrilen Paaren muten fast entbehrlich an, die Haupthandlung ist bereits komplex genug. An der Schnittstelle zwischen Kino und Theater hätte man wohl entschiedener eingreifen müssen. Denn natürlich kann man so eine Adaption anders anlegen als die noch so meisterhafte Vorlage – dass sich die Inszenierung von ihr entfernt, begründet nicht die Einwände gegen sie, im Gegenteil.

Die wenigen Traumpartien hätte man gerne noch ausbauen dürfen, als einen szenischen Kontrapunkt, der sich nicht in dilettantischem Theater erschöpft. (Vater Oscar ist wirklich ein schauriger Schauspieler.) Überhaupt wirkt der zweite Teil des Abends wie nicht zu Ende inszeniert. Schade, Stephan Kimmig, aus diesem Sujet und diesem begabten Ensemble hätte man mehr machen können.

 

Fanny und Alexander
nach dem Film von Ingmar Bergman
aus dem Schwedischen von Renate Bleibtreu
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Oliver Helf, Kostüm: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Licht: Jean-Mario Bessière, Puppenbau: Simon Buchegger, Dramaturgie: Felicitas Zürcher.
Mit: Minna Wündrich, Johanna Kolberg, Lea Ruckpaul, Jojo Rösler, Christian Erdmann, Thomas Wittmann, Karin Pfammatter, Wolfgang Reinbacher, Andreas Grothgar, Cathleen Baumann, Thiemo Schwarz, Claudia Hübbecker, Tabea Bettin, Linnea Sabelberg.
Premiere am 25. Mai 2019
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

Allein Lea Ruckpauls faszinierendem Spiel zu folgen, lohne schon den Besuch der Düsseldorfer Inszenierung, heißt es in der Rheinischen Post (26.5.2019). "In Stephan Kimmigs Inszenierung scheint auch Ingmar Bergmans Leidenschaft für metaphysische und religiöse Sinnfragen durch."

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