Das ist unerträglich!

von Volker Lösch

9. Oktober 2020. Liebe Nachbar*innen, jeden Tag schaue ich beim Verlassen meines Wohnhauses in Charlottenburg auf die Stolpersteine. Und denke dann an die vielen Jüdinnen und Juden, die Tod und Vernichtung erfahren haben, denunziert und verhaftet von ganz normalen Berlinerinnen und Berlinern – vor gar nicht so langer Zeit, hier bei uns, in Charlottenburg. Mich macht das immer wieder fassungslos und traurig, aber in erster Linie macht es mich wütend. Und meine Wut wird umso größer, wenn ich als Bewohner dieses Kiezes feststelle, dass in meiner unmittelbaren Nachbarschaft derselbe Geist herrscht, der so eine Barbarei wieder möglich machen würde.

Und machen wir uns nichts vor: es wird nicht besser, es wird schlimmer. Es würde Stunden dauern, alle antisemitischen Vorkommnisse der letzten Zeit hier aufzulisten, ob es der Anschlag in Hamburg ist, die Morde in Halle, oder die unzähligen alltäglichen Anfeindungen sind, denen unsere jüdischen Mitbürger*innen im Alltag ausgesetzt werden.

Die Zivilgesellschaft ist gefragt!

Das alles ist unerträglich. Und noch wütender als die Beleidigungen, Anfeindungen, Überfälle und Anschläge machen mich die öffentlichen Reaktionen vieler Politiker*innen darauf. Ihre Verharmlosungen und Relativierungen einserseits, die leeren Phrasen und einstudierten Empörungs-Rituale andererseits. Weil dem dann nichts mehr folgt. Weil danach alles beim Alten bleibt. Aber solidarische Ansprachen reichen nicht mehr aus, es muss eine Politik gemacht werden, die den neuen Dimensionen eines wachsenden Antisemitismus gerecht wird.

Volker Lösch 560 Sandra ThenRegisseur Volker Lösch © Sandra Then

Alle antisemitischen Straftaten müssen konsequent verfolgt und hart bestraft werden, auch die im Internet und vor allem bei den sozialen Medien und Messenger-Diensten wie Telegram. Die Aufklärungsarbeit in Schulen muss intensiviert, jüdische Einrichtungen müssen besser und konsequenter geschützt werden. Aber wir können uns nicht darauf verlassen, dass das passiert. Und deshalb ist jetzt die Zivilgesellschaft gefragt. Unsere Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Deutschland, unser Widerstand gegen jede Form von Antisemitismus muss größer, engagierter, hör-und sichtbarer werden. Es ist unerträglich, dass unsere jüdischen Nachbarn beim Staat als Bittsteller für ihren Schutz auftreten müssen!

Antisemitismus aus der Mitte der Bevölkerung

Liebe Nachbar*innen, derzeit wird die Corona-Pandemie ausgenutzt, um gegen Jüdinnen und Juden zu hetzen. Vor allem im Internet werden "die Juden" als Urheber eines vermeintlichen Impfzwangs ausgemacht. Ich war auf einer dieser unerträglichen "Hygiene"-Demos in Berlin, wo ich das Schild "Impfen macht frei" lesen musste. Auf anderen Demos konnte man erfahren, dass Corona ein "ökonomischer Holocaust", und Impfen die "Endlösung der Coronafrage" sei. Der sogenannte Judenstern wird dafür benutzt, sich als vermeintliches Opfer der Corona-Politik zu inszenieren, es wird vor der "Weltherrschaft" der "Rothschilds" und "Soros" gewarnt.

Das Schlimme daran ist, dass diese Bagatellisierungen des Judenmords mehr und mehr aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Und wie diese antisemitischen Welterklärungsmodelle medial unter die Menschen gebracht werden, kann man anhand der Aktionen unseres Nachbarn aus der Schillerstraße sehr gut nachvollziehen.

Hartnäckiger Einzeltäter-Mythos

Hildmann schreibt auf Telegram: "Als Hitler sagte 'Es ist ein kleine wurzellose internationale Clique, die die Völker gegeneinander hetzt, die nicht will, daß sie zur Ruhe kommen', meinte er eigentlich die Zionisten und nicht alle Juden. Aber so genau war damals die Unterscheidung nicht!" oder er zitiert andere, die geschrieben haben sollen "russisch/jüdische-Bolschewisten werden entscheidend dazu beitragen, damit eine kleine Gruppe an kommunistisch-spirituellen Aristokraten regieren … sie werden rekrutiert von der europäisch-spirituellen Anführer-Rasse, den Juden!". Die Leugnungen des Holocaust spare ich mir hier.

Weiter findet man auf Telegram bei anderen, dass "die Juden" das Virus erfunden haben sollen, um Nicht-Juden zu töten oder um aus dem Impfstoff Kapital zu schlagen. Dieser geistige Müll wird dank Multiplikatoren wie Hildmann tausendfach in der Mitte der Gesellschaft verbreitet. Und es ist dabei vollkommen egal, ob er einen Dachschaden hat oder nicht: entscheidend ist, welche Inhalte er in die Welt bringt. Wir können uns nicht darauf zurückziehen, dass das ein angeblich verwirrter Einzeltäter ist. Es ist immer einfacher, von einem antisemitischen Einzelgänger zu sprechen, der versuchte, eine Synagoge zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Von einem Einzeltäter, der in Hanau zehn Menschen ermordete. Von einzelnen rechtsextremistischen Chatgruppen bei der Polizei. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Offener Antisemitismus ist weitgehend tabuisiert, aber die Stereotype leben bei mindestens 20 Prozent der Bevölkerung weiter, mit steigender Tendenz.

Was Solidarität konkret bedeuten würde

Und darum müssen uns fragen, was wir dagegen tun können. Wie wir unsere jüdischen Mitbewohner*innen besser schützen können. Das fängt damit an, dass wir den Antisemiten keinen Raum lassen, sich zu entfalten. Dass wir uns ihnen entgegenstellen. Wir nichtjüdische Bewohner*innen dieses Kiezes dürfen nicht ansatzweise hinnehmen, dass Antisemitismus als Gesagtes, Gelebtes oder in den Medien Geäußertes als Normalität akzeptiert wird!

Charlottenburg Schillerstraße Vegan FoodAttila Hildmanns Restaurant in der Schillerstraße in Berlin-Charlottenburg © Fridolin freudenfett CC BY-SA 4.0

Und deshalb ist diese Veranstaltung etwas Besonderes und Wichtiges. Wir solidarisieren uns mit unseren Nachbar*innen, die von diskriminierenden und menschenverachtenden Anfeindungen betroffen sind. Mit dieser Demo, mit Gesprächen, mit Kontakten, die wir hier und heute knüpfen. Lasst uns darüber reden, was wir weiterhin gemeinsam unternehmen können. Lasst uns diejenigen, die angefeindet werden fragen, was sie brauchen. Lasst uns jeden antisemitischen Vorfall benennen und anzeigen. Lasst uns Leserbriefe und Flugblätter und im Netz Kommentare schreiben. Lasst uns allen Positionierungen, die menschenfeindlich sind, vehement widersprechen. Lasst uns in Gesprächen mit Nachbar*innen und im Internet eine klare und eindeutige Haltung gegen Antisemitismus einnehmen. Lasst uns mutig und aktiv eine Atmosphäre schaffen, die Menschenfeindlichkeit nicht toleriert!

Kein Fußbreit den Faschisten!

Liebe Nachbar*innen, ich liebe die Vielfalt in unserem Kiez. Ich lebe in Berlin, da diese Stadt in vielerlei Hinsicht zeigt, wie ein gutes Zusammenleben aller funktionieren kann. Das ist in diesen Zeiten etwas Wertvolles. Berlin ist ein ganz besonderer Ort. Mit seinen Millionen von Menschen unterschiedlichster Herkunft und verschiedensten Religionen, die unverkrampft nebeneinander und lustvoll miteinander leben. Und in diesem lebenswerten Umfeld hat ein Neonazi-Laden samt Rechtsradikalen-Aufläufen keinen Platz. Intolerante Hetzer und Menschenfeinde, die zu Mord an Andersdenkenden aufrufen, haben unter den vielen Toleranten, die in der überwiegenden Mehrzahl sind, nichts zu suchen. Und deswegen: Hildmann, mach deinen veget-arischen Reichs-Burger-Imbiss zu, zieh mit deinen Alu-Pickelhauben-Trägern in irgendeine Blut- und Boden-Gegend, und löffel dort deine Nazi-Suppe alleine aus. Keiner wird dich hier vermissen, wir am allerwenigsten!

Liebe Freund*innen, wir im Schillerkiez halten zusammen, wie die vielen Initiativen, Institutionen und Menschen zeigen, die sich heute zusammengetan haben. Keinen Fußbreit den Faschisten, uneingeschränkte Solidarität mit unseren jüdischen Nachbar*innen, für ein nazifreies Charlottenburg und Berlin – es lebe die Vielfalt!

Diese Rede hielt Volker Lösch am 9. Oktober 2020 in Berlin im Rahmen einer Kundgebung gegen Antisemitismus in der Nähe der Snack Bar des Gastronomen Attila Hildmann. Zu der Demonstration hatte die Aktion "Staub zu Glitzer" aufgerufen, mehrere Theater hatten sich mit der Aktion solidarisiert. Volker Lösch ist Regisseur und lebt in Berlin-Charlottenburg, mehr über ihn und sein politisches Theater in unserem Lexikon.

 

 
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