Marode moralische Anstalt

von Esther Slevogt

21. April 2021. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche werden einzelne Ereignisse plötzlich zu Triggerpoints. Zwar brechen aus ihnen die unhaltbaren Verhältnisse noch einmal besonders schmerzlich hervor. Gleichzeitig wirken sie auf die bis dahin weitgehend unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle wirkenden Veränderungsprozesse wie Katalysatoren. Denn sie markieren den Punkt, an dem die Prozesse unumkehrbar werden. Der Fall Ron Iyamu könnte so ein Triggerpoint sein: Ein junger Mann, der an einem renommierten Institut eine Ausbildung zum Schauspieler macht, gerät in den real existierenden Theaterbetrieb hinein und erlebt dort im Rahmen und im Namen der Kunstproduktion Dinge, die ihn existenziell angreifen. Versuche, seiner Not innerhalb der Strukturen, in denen sie sich ereignen, Ausdruck zu verleihen, scheitern immer wieder. An Indolenz, an Ignoranz und der nicht hinterfragten Gewissheit des Betriebs, die künstlerischen Produktionsbedingungen (und die eigenen Absichten) seien die bestmöglichen. Wer mit ihnen in Konflikt gerät, ist selber schuld, ist zu schwach, nicht gut genug, führt gar Böses im Schilde. Als der Schauspieler schließlich mit seinen Erlebnissen an die Öffentlichkeit geht, werden die Risse, die das System längst hat, plötzlich unübersehbar. Aber fangen wir von vorne an.

Kündigung wegen Rassismus-Erfahrungen

Im November 2020 gibt Ron I. Iyamu am Salzburger Mozarteum seine Diplomarbeit ab, um sein Schauspielstudium abzuschließen. Thema: Rassismuserfahrungen in der deutschen Schauspielszene.

RonIyamu thomasrabschRon Iyamu © Thomas RabschBereits in der Einleitung schildert er ein persönliches, als rassistisch diskriminierend erfahrenes Probenerlebnis. Ein Satz des Regisseurs, der in diesem Kontext fällt, gibt Iyamus Arbeit den Titel: "Yes, he is black. It’s better." Um das Exemplarische zu unterstreichen, das der Vorfall für ihn hat, nennt Iyamu weder hier noch bei den anderen Vorfällen, die er in seiner Arbeit verhandelt und mit aktuellen rassismuskritischen Diskursen kontextualisiert, Namen. Denn dass diese Vorfälle systemisch sind, ist das Thema seiner Arbeit.

Bereits Mitte Juni 2020, als nach dem gewaltsamen Tod von Georg Floyd die Black-Lives-Matter-Bewegung bis nach Deutschland ausstrahlt, auch hier eine Rassismusdebatte aufflammt und Demonstrationen dem Thema weitere Sichtbarkeit verschaffen, hatte Iyamu in einem Interview mit der Rheinischen Post über seine Erlebnisse insbesondere am Düsseldorfer Schauspielhaus gesprochen, an dem sich in den Jahren 2018 und 2019 drei der vier geschilderten Fälle ereignet haben. Ron Iyamu befand sich zu der Zeit im letzten Jahr seiner Schauspielausbildung am Salzburger Mozarteum, das er im Rahmen einer Kooperation im Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses absolvierte. Danach wurde er ins Ensemble des Jungen Schauspielhauses übernommen. Im Juni 2020 lösen Iyamus Schilderungen keine überregionale Debatte aus. Erst als er ein Dreivierteljahr später im März 2021 seine Erfahrungen via Social Media erneut öffentlich macht, bricht sie los. Die Medien greifen den Fall auf. Die Politik wird nervös. Zeit online veröffentlicht einen Link, hinter dem Iyamus Diplomarbeit samt der verhandelten Fälle öffentlich einsehbar ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte Ron Iyamu am Schauspielhaus bereits gekündigt – auf Grund seiner Rassismuserfahrungen am Haus, wie er in seiner Diplomarbeit schreibt.

Intendant und Regisseur(e) in der Kritik

Der Düsseldorfer Intendant Wilfried Schulz ringt in einem WDR-Interview spürbar mit der Überraschung, sich plötzlich als Theaterleiter angegriffen zu sehen, der für ein Haus die Verantwortung trägt, dem notorischer Rassismus vorgeworfen wird. Iyamu sucht das öffentliche Gespräch mit ihm. Auf ein live-gestreamtes Zoom-Gespräch jedoch will sich der 1952 geborene Schulz zur Enttäuschung des 1992 geborenen Iyamu nicht einlassen. wilfriedSchulz hf300 MichaelLuebkeWilfried Schulz © Michael LübkeHier treffen auch zwei unterschiedlich medial Sozialisierte aufeinander, die nur mit ihren eigenen Waffen kämpfen wollen. Doch Schulz bekennt sich klar zu seiner Verantwortung, räumt Fehler ein und verspricht Aufarbeitung.

Neben Schulz gerät besonders der Regisseur Armin Petras in die Kritik. Denn er ist leicht als der Regisseur ergoogelbar, in dessen Proben sich der gravierendste der von Iyamu geschilderten Vorfälle ereignete – als in einer Probe zu "Dantons Tod" einer der mitwirkenden Schauspieler Iyamu ein Cuttermesser an den Schritt hielt mit den Worten: "Wann schneiden wir dem *N-Wort* eigentlich die Eier ab?" Darüber hinaus sei er von Petras ständig als "Sklave" angesprochen worden und habe rassistische Witze und Klischees über sich ergehen lassen müssen, wie Iyamu in seiner Diplomarbeit schreibt.

Schwarzer Napoleon

"Dantons Tod" sollte in Düsseldorf die Spielzeit 2019/20 eröffnen und damit auch die Rückkehr ins sanierte Schauspielhaus am Gründgens-Platz nach über vier Jahren Interim am Hauptbahnhof markieren. Mit "Dantons Tod" war (in einem Bühnenbild von Wilfried Minks von Karl-Heinz Stroux inszeniert) der jetzt wieder bezogene berühmte Bau des Architekten Bernhard Pfau 1970  eröffnet worden. Und so standen in diesem September 2019 auch die Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag des Hauses vor der Tür. Petras wollte in seiner Büchner-Inszenierung das Revolutionsthema um eine "schwarze Perspektive" erweitern. So wurde dem Revolutions-Drama die Figur Toussaint Louverture hinzugefügt, die Iyamu zur freien Gestaltung überlassen wurde. François-Dominique Toussaint Louverture war 1743 in der französischen Kolonie Saint-Domingue (dem heutigen Haiti) zur Welt gekommen, der reichsten aller französischen Kolonien. Ein Grundpfeiler dieses Reichtums war die Sklaverei. Jedes Jahr wurden 30.000 bis 40.000 Menschen aus Afrika nach St. Domingue in die Sklaverei verschleppt.

Auch Toussaint Louverture stammte von Menschen ab, die auf diese Weise verschleppt worden waren. Von seinem weißen Besitzer freigelassen, hatte er sich vom Ertrag seiner Arbeit dann selbst eine Plantage gekauft. 1791 schloss er sich der haitianischen Revolution gegen die Sklaverei und die französische Kolonialherrschaft an. Er wurde ihr berühmtester Anführer. Bis heute ist er ein Nationalheld. Nach ihm ist der Flughafen von Haitis Hauptstadt Porte-au-Prince benannt. Denn obwohl "der schwarze Napoleon", als der er in die Geschichtsbücher einging, 1802 während der Revolutionskämpfe in die Hände der Franzosen fiel, nach Frankreich deportiert wurde und dort 1803 an den brutalen Bedingungen seiner Haft starb, war sein Kampf um die Abschaffung der Sklaverei und die Befreiung von der Kolonialherrschaft erfolgreich: Neun Monate nach seinem Tod wurde Haiti unabhängig.

DantonsTod 600 ThomasAurinSzenenbild aus "Dantons Tod" (2019), Ron Iyamu mit schwarzem Hut unten mittig © Thomas Aurin

Diese Ausführlichkeit ist wichtig, um die fahrlässige Verkürzung deutlich zu machen, die die Ansprache des Schauspielers dieser Figur mit "Sklave" während der Proben bedeutet. So gut gemeint es sein mag, Büchners Revolutionsdrama eine "Schwarze Perspektive" hinzuzufügen – es bleibt doch Makulatur, solange Umfang und Tragweite einer solchen Entscheidung (und Figur) überhaupt nicht erfasst werden. Tatsächlich nämlich trifft diese Entscheidung den Kern des Stückes und stellt ein identifikationsstiftenden europäisches Narrativ in Frage: Was war das eigentlich für eine Französche Revolution, deren Verfechter gleichzeitig im Namen der Sklaverei Krieg geführt haben?

Wie außerdem soll eine "Schwarze Perspektive" das ganze weiße Framing, das sich hier in der Ansprache "Sklave" so unglücklich verdichtet, überhaupt durchdringen und zu einer Produktion mehr beitragen können als bloß Dekoration zu sein? Wenn es dem Schauspieler, der diese Perspektive einbringen soll, noch nicht einmal gelingt, mit seiner Not und seinem Befremden über Klischees, Rassismen und Verkürzungen bei der Entwicklung der Inszenierung zu denen durchzudringen, die diese Produktion verantworten. Auch das legt Iyamu in seiner Diplomarbeit sehr eindringlich dar.

Rassismus-Sensibilisierung mit Diversitäts-Agent

Dabei hatte das Düsseldorfer Schauspielhaus zum Zeitpunkt der "Danton"-Proben bereits selbst damit begonnen, das Thema Diversität auch auf struktureller Ebene anzugehen. Anfang 2019 hatte das Theater eine Förderung aus dem "Fonds 360 Grad" der Kulturstiftung des Bundes (KSB) erhalten. Im Zuge dieser Förderung waren bereits erste Veranstaltungen und auch Workshops zur Rassismussensibilisierung geplant.

GuyDermosessian300ThomasRabschDiversitäts-Agent Guy Dermosessian © Thomas Rabsch Die Spielstätte "Unterhaus" wurde seit Ende des Jahres 2019 einmal im Monat vom "Schwarzen Haus" bespielt, laut Selbstbeschreibung ein Kollektiv, das "Räume des Rückzugs für Schwarze Menschen schafft und den kulturellen und politischen Wissensaustausch fördern will". Dem Kollektiv wurde für seine Veranstaltungen ein Budget aus der 360°-Förderung zur Verfügung gestellt. Es konnte auf die Infrastruktur des Hauses zurückgreifen, also auf Technik, Ausstattung und Kommunikation. Da jedoch keine Schwarzen Menschen in der Technikabteilung des Düsseldorfer Schauspielhauses arbeiten, fand für jede Veranstaltung eine Übergabe an das Kollektiv statt, das seine Veranstaltungen somit komplett eigenständig durchführte, so dass das "Unterhaus" in der Zeit, in der das Kollektiv "Schwarzes Haus" es bespielte, die Anforderungen eines Safe Space erfüllte.

Das Programm 360° wurde aufgelegt, um Kulturinstitutionen dabei zu unterstützen, "sich intensiver mit den Themen Migration und kulturelle Vielfalt als chancenreiche Zukunftsthemen auseinanderzusetzen und neue Zugänge und Sichtbarkeiten für Gruppen der Gesellschaft zu schaffen, die bislang nicht ausreichend erreicht wurden", wie die KSB zu diesem Programm auf ihrer Homepage schreibt. Im Zuge dieser Förderung war seit Beginn der Spielzeit 2019/2020 außerdem mit Guy Dermosessian ein Diversitäts-Agent am Haus. "Gemeinsam mit der Institution soll der/die Agent/in über einen Zeitraum von bis zu vier Jahren Vorschläge und Maßnahmen erarbeiten, wie sich die Institutionen diversifizieren und einen Beitrag zu einer selbstbewussten, Einwanderern gegenüber offenen Gesellschaft so gestalten können, dass die Stadtgesellschaft davon profitiert“, so beschreibt die KSB die Aufgaben dieser neuen, der Intendanz zugeordneten Institution.

Intransparente Kommunikationswege, nicht nachvollziehbare Beschwerdelogik

Ron Iyamu wendet sich an Guy Dermosessian, um ihm den Vorfall mit dem Cuttermesser auf der Danton-Probe und seine Schwierigkeiten zu schildern, bei der Produktionsleitung Gehör zu finden. Dermosessian spricht mit der Dramaturgin und empfiehlt Iyamu daraufhin, noch einmal selbst das Gespräch mit ihr zu suchen. Kurz darauf erhält Dermosessian von der Dramaturgin die Rückmeldung, die Sache sei geklärt. Am 20. September 2019 findet die "Danton"-Premiere statt. Als im Frühjahr 2021 klar wird, dass damals offenbar nichts geklärt war, erhält Dermosessian die Information, Iyamu selbst hätte den Vorfall nicht noch einmal in die Produktion tragen wollen, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Das Förderprogramm, dessen Ziel auch eine strukturelle Veränderung innerhalb des Hauses ist, greift zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ist ja gerade erst angelaufen.

Dschungelbuch 600 LuciejanschSzenenbild aus Robert Wilsons "Dschungelbuch", das im Oktober 2019 nach "Dantons Tod" Premiere hatte, Ron Iyamu, Judith Bohle, Rosa Enskat © Lucie Jansch

Doch die Arbeit an der Weiterentwicklung einer bestehenden Betriebsvereinbarung zum respektorientierten Verhalten am Arbeitsplatz mit dem Ziel, die Vereinbarung um diskriminierungssensible Themen zu ergänzen, ist beschlossen. Dieser "Code Of Conduct" soll das Produkt einer Zusammenlegung aller existierenden betriebsinternen Vereinbarungen werden und in einem partizipativen Verfahren mit der gesamten Belegschaft entstehen.

Bisher sind Kommunikationswege und Beschwerdelogiken an den Theatern in der Regel intransparent und nicht nachvollziehbar kommuniziert, erklärt Dermosessian am Telefon. "Es gibt grundsätzlich keine Dokumentation solcher Gespräche, außer bei Beschwerden beim Betriebsrat. So bleibt die Deutungshoheit über Ergebnisse bei den Personen, die an diesen Gesprächen beteiligt sind. In den meisten Fällen verfügen Mitarbeitende nicht über die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit den Informationen und notwendigen Konsequenzen, die sich aus solchen Gesprächen ergeben. Es wird von einem kollegialen Austausch ausgegangen." Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse würden so ohne böse Absicht verschleiert oder schlicht übersehen. Wissen und Informationen über konkrete Vorfälle und Ergebnisse von internen Gesprächen gingen verloren. "Schauspieler nehmen sich oft nicht 'auch' als Arbeitnehmer wahr, sondern als mit Intendant*innen oder Regisseur*innen verbundene Personen." Dermosessian sieht hier auch eine Verwässerung der Wahrnehmung "durch den Kunstmythos" am Werk – und der am Theater herrschenden Ansicht, "alle können über alles reden".

Safe Space im Schauspielhaus

So bleiben die Vorfälle zunächst unbearbeitet, werden unterschiedlich bewertet und gären im Untergrund. Die Mühlen des Betriebs mahlen langsam, eine Struktur verändert sich eben nicht so schnell. Informationen über Iyamus Erlebnisse erreichen auch das Künstler:innenkollektiv um die Autorin Natasha A. Kelly nicht, das von Dermosessian im Zuge der 360°-Förderung Ende 2019 ans Haus geholt wird. Hier sollen sie das auf einem Stoff von Kelly basierende Stück Afrokultur realisieren, sowie im Rahmen eines "May-Fests" eine Ausgabe der musikalisch-performativen Veranstaltung M(a)y Sisters, die von der afrodeutschen Lyrikerin und Wissenschaftlerin May Ayim inspiriert ist. Die Veranstaltungen sind für Mai 2020 geplant.

NatashaA.Kelly 300hf JohannaGhebrayNatasha A. Kelly © Johanna Ghebray

Darüber hinaus soll Natasha A. Kelly auch Workshops geben. Educate Culture – Cultivate Education ist im Januar 2020 ein erster Workshop überschrieben, eine Kooperation mit der Hochschule Düsseldorf, an der Kelly parallel zu ihrem Engagement in Düsseldorf eine Gastdozentur hat. Die Forschungsschwerpunkte der promovierten Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin sind Kolonialismus und Feminismus. Sie hat die transeuropäische Plattform "Black European Academic Network" (BEAN) zur Förderung und Verbreitung Schwarzer europäischer Geschichtswissenschaft mitbegründet.

Eigentlich wäre Kelly damit genau die Richtige, um einer Produktion wie "Dantons Tod" tatsächlich eine fundierte Schwarze Position hinzuzufügen, wenn in solchen Fällen Produktionsteams grundsätzlich diverser zusammengesetzt wären. Wenn es überhaupt eine Einsicht dafür gäbe, dass die deutsche Geschichte, ja Geschichte überhaupt, sich aus vielen Perspektiven zusammensetzt. Dass sich andere Perspektiven nicht irgendwo ankleben lassen, wenn das grundsätzliche Framing nicht multiperspektivischer wird. Doch um dahin zu kommen, müssten künstlerische Teams wie das von Natasha A. Kelly an den Theatern Teil ihres Kerngeschäfts sein, statt in förderpolitischen Nischen zu operieren.

Am Workshop "Educate Culture – Cultivate Education" nehmen im Januar 2020 etwa 60 Leute teil, berichtet Natasha A. Kelly am Telefon. Nur fünf davon gehören zum Düsseldorfer Schauspielhaus. Denn die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum des Hauses vom 16. bis 26. Januar 2020 laufen auf Hochtouren, und kaum jemand hat Zeit. Aus organisatorischen Gründen konnte der Termin nicht verlegt werden, um mehr Theaterleuten die Mitwirkung am Workshop zu ermöglichen, sagt Guy Dermosessian. Mitte März legt der Lockdown den Betrieb auf Eis. Alle Premieren fallen erst mal aus. Auch "Afrokultur" und das "May-Fest".

Der Safe Space ist nicht mehr safe

Erst ein Jahr später, Anfang März 2021, erfahren Natasha A. Kelly und die mit ihr arbeitenden Künstler:innen aus den Medien von den Vorfällen um Ron Iyamu. Auch er selbst sprach mit ihnen nicht darüber, als sie ihn am Theater kennenlernten. Angesichts seiner Vorwürfe erscheint es ihnen nun paradox, ausgerechnet am Düsseldorfer Schauspielhaus zwei Inszenierungen auf die Bühne zu bringen, die sich mit dem Thema Rassismus befassen und einer Dichterin und Wissenschaftlerin gewidmet sind, die am Rassismus in Deutschland zu Grunde ging – während am gleichen Theater rassistische Vorfälle in der Vergangenheit offenbar gar nicht aufgearbeitet wurden. Die 22 Künstler*innen möchten weder den Verdacht erwecken, hier eine Alibifunktion zu erfüllen, noch abwarten, bis die internen Prozesse abgeschlossen sind. Das schreiben sie auch in einem Offenen Brief, der unter anderem an Wilfried Schulz und den Düsseldorfer Oberbürgermeister gerichtet ist. In diesem Brief kündigen sie ihre Zusammenarbeit mit dem Theater auf. "Statt an einem sicheren Ort, finden wir uns an einem Arbeitsplatz wieder, wo wir durch institutionalisiertes Fehlverhalten und die Verschleierung rassistischer Strukturen retraumatisiert werden."

Um ihre Arbeit an einem von institutionellem Rassismus unbelasteten Ort fortsetzen zu können, fordern sie eine eigene öffentlich finanzierte Bühne. Erste Gespräche dazu mit politisch Verantwortlichen werden kurz darauf geführt und sollen fortgesetzt werden. Guy Dermosessian bedauert den Weggang von Natasha A. Kelly und der mit ihr assoziierten Künstler*innen. Ihre Anwesenheit, sagt er jetzt am Telefon, wäre ein Gewinn für das Theater und den von ihm angestrebten Entwicklungsprozess gewesen.

Wo bleibt der Big Change?

Und so braut sich in der unguten Verflechtung der verschiedenen Stränge dieses Dramas mit ihren jeweils eigenen Tempi eine hitzige öffentliche Debatte zusammen. Da sind auf der einen Seite die schwer beweglichen Strukturen einer staatlichen Institution mit über 400 Mitarbeiter*innen, die nach vierjährigem Interim gerade an ihren eigentlichen Standort zurückgekehrt war, bevor Corona sie wieder in den Krisenmodus zwang. Da ist die Diskurstradition der "moralischen Anstalt", die die blinden Flecken ihrer eigenen Prämissen nur mühsam in den Blick bekommt. Da ist ein Intendant, der in Dresden noch für die Courage gefeiert wurde, mit der er sich Pegida und rechten Populisten entgegenstellte, und der zu seiner eigenen Überraschung nun als Symbolfigur für überkommene Strukturen Wut auf sich zieht. Strukturen, deren Veränderung er aber bereits auf den Weg zu bringen versucht hatte. Einen Moment lang droht sein Stuhl zu wanken, weil auch die Politik nervös wird und sich vor Schittstürmen fürchtet.

Und da ist die berechtigte Ungeduld derer, die nicht mehr einsehen, warum es mit der Chancengleicheit in der Gesellschaft nicht schneller vorangeht und immer nur sie den Preis für die Geduld zu zahlen haben, den solche Veränderungsprozesse in der Mainstreamgesellschaft erfordern. "Wo ist denn der big change?", smst mir wütend eine Freundin, die gerade mal wieder eine schwarze Position in eine rein weiße Produktion einspeisen sollte. "Unsere Geschichten wurden als markttauglich, gewinnbringend und en vogue erkannt. Es werden Solidaritätsbekundungen unterschrieben, aber in Schlüsselpositionen erzählen dürfen wir noch immer nix, nicht mal, wenn es um unsere (!) Geschichte geht. Stattdessen werden wir als künstlerische Berater*innen für Dumpinglöhne angefragt, damit am Ende nicht Bühnenwatch vor der Tür steht oder man eine unschöne Rassismusdebatte am Hals hat!"

Stegemann ex Diskurs-Machina

Als Stimme des Ancien Regime betritt dann ebenso plötzlich wie unaufgefordert der Berliner Dramaturg und Professor für Theatergeschichte Bernd Stegemann die Bühne. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Ausdifferenzierungsprozesse sind ihm als Identitätsdebatten schon seit geraumer Zeit suspekt. Der neue Antirassismus beispielsweise gehe davon aus, schreibt er jetzt in einem Beitrag für die FAZ, "dass sich die eigene Gruppe als besondere Identität behaupten muss, um die Gruppeninteressen wirkungsvoll durchzusetzen". Nur wenn die eigene Identität als Migrant, 'Person of Colour‘ oder sexuelle Minderheit zur Opferidentität erhöht werde, bekämen die Forderungen an 'die' Gesellschaft genügend Nachdruck. "Man spaltet sich also kategorisch von der Mehrheitsgesellschaft ab, um dann über den gerade ausgehobenen Graben hinweg die Grenze zu beklagen, die zwischen den weißen Menschen und der eigenen Gruppe verläuft." Hier ordnet Stegemann erstaunlicherweise nun auch die von Ron Iyamu ausgelöste Düsseldorfer Debatte ein, obwohl sich hier Leute ja gerade gegen ihre Abspaltung von der Mehrheitsgesellschaft auflehnen.

abiball 600 thomas rabschRon Iyamu und Niklas Mitteregger in "Abiball" (Regie: Robert Lehniger), auch auf diese Produktion geht Iyamu in seiner Diplomarbeit ein. © Thomas Rabsch

Die von Iyamu geschilderten Vorfälle, insbesondere den Vorfall mit dem Cuttermesser, versucht Stegemann zu entschärfen, indem er sie als "verstörende Erfahrungen" in entgrenzten Probensituationen rekonstruiert, denen Iyamu nicht "in der Rolle“ beziehungsweise mit der nötigen Professionalität begegnet sei. Stegemann verteidigt die Probe als Ort der Entgrenzung. Ohne diese Entgrenzung entsteht aus seiner Sicht kein gutes Theater. Darüber hinaus attestierte Stegemann dem Schauspieler, nach Ansicht eines von Iyamus Schauspielschule hergestellten Bewerbungsvideos, ein unsicherer junger Mann zu sein, "der im schauspielerischen Ausdruck blockiert ist". Statt sich den Mühen der Herstellung künstlerischen Ausdrucks zu unterziehen, habe er sich während seiner Düsseldorfer Zeit offenbar immer öfter "in den Selbstschutz der empörten Kränkung" begeben. Die "einfache und selbstgerechte Art“, mit der Ron Iyamu und auch die Künstler*innen um Natasha A. Kelly "ihre schlechten Erfahrungen zu einem Generalangriff auf das Theater machen", findet er falsch. "Ihr Fehlschluss entsteht dadurch, dass sie den geschützten Raum der Probe in einen 'Safe Space‘ verwandeln wollen, der den Alltagsempfindlichkeiten unterworfen ist." "Wollen die Beteiligten die gesellschaftlichen Gräben vertiefen, weil sie sich davon Vorteile versprechen?“, fragt Stegemann schließlich. "Oder ist ihr Glaube an das Theater noch so stark, dass sie es schaffen, die Konflikte unserer Gegenwart auf die Bühne zu heben?"

EIn weiteres Abbild der Schieflage

Als Stegemann das schreibt, hat der Düsseldorfer "Brief der 22", der unter anderem eine eigene, freie Bühne fordert, bereits Tausende von Unterschriften. Trotzdem ist es wieder die Stimme eines "alten weißen Mannes“, die hier am vernehmbarsten wird und damit die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Ausschluss und Ungerechtigkeit produzieren, wie von einem Kontrastmittel markiert, noch einmal sichtbar macht. Stegemanns Text, mit dem er weder dem von ihm verteidigten Armin Petras noch der Debatte oder sich selbst einen Gefallen tut, gießt neues Öl ins Feuer. Und provoziert den nächsten Offenen Brief, von Mehmet Ateşçi, Angela Richter, Thomas Schmidt, Laura Sundermann und Sabrina Zwach initiiert. Binnen 24 Stunden hat er über 1400 Unterzeichner*innen.

Auf seine Erlebnisse während der "Danton"-Proben hatte Ron Iyamu außerdem sehr wohl innerhalb der Rolle reagiert und eine Reflexion darüber in einen Schlusstext seiner Figur gefasst, die "nicht zu Ende erzählt werden konnte", wie Iyamu in seiner Diplomarbeit ausführt. Dieser Schlusstext, der von Mitgliedern der Produktionsleitung als Angriff und Provokation aufgefasst wird, findet am Ende nicht statt. Eine E-Mail-Kommunikation mit der Dramaturgin ist in Iyamus Diplomarbeit dokumentiert. Auch in einem Musik-Video, das für die Inszenierung produziert wurde, denkt Iyamu seine eigenen Erlebnisse in einem Rap mit seiner Figur zusammen. "Wir sind die Kinder Louvertures / Wir reißen Deutschlands marode Theater ein / Es hallt durch Zuschauerräume, wenn wir die Wahrheit schreien ..." Das Video kam in der Inszenierung nicht zum Einsatz – so wie auch alle anderen im Kontext der Proben produzierten Videos. Als "Bonus-Material" veröffentlicht das Düsseldorfer Schauspielhaus das Video im Juni 2020 auf seinem YoutubeKanal, nachdem Iyamu im Interview mit der Rheinischen Post seine Rassismuserfahrungen am Schauspielhaus zum ersten Mal öffentlich gemacht hatte.

 

 

Die aktuelle Debatte, sagt der Düsseldorfer Diversitäts-Agent Guy Dermosessian, beschleunige den bereits begonnenen Prozess im Düsseldorfer Schauspielhaus nun enorm. "Es werden viele Schritte eingeleitet und eingeführt, die im vergangenen Jahr – vor allem durch die pandemiebedingte Arbeitseinschränkung – etwas schleppend liefen." Manche Aktivität aber stelle die Debatte auch in Frage, "da sie wie tokenisierende marginale Rahmenprogramme wirken".

"Bei allem Mitleid für alle Beteiligten macht mich die Situation gerade eher hoffnungsfroh", schreibt die Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal vergangene Woche in der FAZ. "Was das Schauspielhaus Düsseldorf macht, wird Breitenwirkung haben. Es strahlt aus. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Öffentlichkeit und als Gesellschaft diesen Prozess unterstützen." Ja.

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Postscript

Alle vier Regisseure, aus deren Proben Ron Iyamu die Beispiele für seine Diplomarbeit bezog, wurden von uns (Mitarbeit: Sophie Diesselhorst) über das Schauspielhaus Düsseldorf kontaktiert.

Wir haben Rückmeldungen von Robert Lehniger und Robert Wilson erhalten.

 

Robert Lehniger

Haben Sie Ron Iyamus Diplomarbeit gelesen?

Ja. Ich habe dadurch gelernt, noch konsequenter mitzudenken, dass es in meiner Verantwortung als Regisseur liegt, einen Safe-Space auf der Probe zu kreieren. In diesem Safe-Space müssen vielfältige Künstler*innen-Perspektiven in der täglichen Arbeit selbstverständlich gehört, mitgedacht und antizipiert werden.

In der Passage seiner Diplomarbeit über die Probenarbeiten zu "Abiball" wirft Ron Iyamu Ihnen Colorblindness und "Täter*innen-Opfer-Umkehr" vor. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?

Alle Rollen im Stück sind lediglich mit Namen und Alter der jeweiligen Figuren gekennzeichnet. Die Rolle des Abiturienten und DJs Patrick haben wir vor allem deshalb an Ron vergeben, um sie durch seine Fähigkeiten und sein Talent als Musiker künstlerisch zu bereichern und in der szenischen Arbeit auszugestalten. Es war mutig und richtig von Ron, dass er mich und mein Team in der fortgeschrittenen Probenarbeit darauf hingewiesen hat, dass die Szene, in der seine Figur am Rande einer Feier einen Joint raucht und diesen weitergibt, ein rassistisches Klischee reproduziert.

Meine von Ron als colorblind identifizierte Argumentation in der folgenden Diskussion über eine alternative Lösung für diese Szene sowie mein unglückliches Reaktionsmuster in dieser Situation sind mir bereits damals und jetzt erneut durch seine Beschreibung, deutlich bewusst geworden.

Es tut mir sehr leid, Ron damit verletzt zu haben. Dies war niemals meine Absicht und ich bitte ihn dafür um Verzeihung.

Wie haben Sie die von Ron Iyamu beschriebenen Situationen erlebt?

Wie in meinen Probenprozessen üblich, haben wir im Kollektiv mit Ensemble, Leitungsteam und Autor*innen eine szenische Lösung erarbeitet, die schlussendlich von Ron und allen anderen Beteiligten der Produktion mitgetragen wurde.

Ich habe es als deutliches Zeichen von gegenseitigem Vertrauen gelesen, dass Ron in der folgenden Saison meine Einladung angenommen hat, als Ritter der Tafelrunde in der Produktion "Parzival (to go)" mitzuwirken.

 

Robert Wilson

Haben Sie Ron Iyamus Masterarbeit gelesen?

Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, vor allem im Kontext dieses Interviews. Ich kann den Text auf Deutsch nicht verstehen, aber mir wurde berichtet, dass Ron in seiner Abschlussarbeit verschiedene rassistische Zwischenfälle beschreibt, die er als Student und in seiner beruflichen Laufbahn als Schauspieler und Ensemblemitglied erlebt hat.

Den Titel der Arbeit bildet ein Zitat von Ihnen aus den "Dschungelbuch" Proben 2019: "Yes, he is black. It’s better!" Ron Iyamu beschreibt im Kontext dieses Zitats, wie Schwarze Schauspieler *innen immer wieder exotisiert werden. Können Sie seine Interpretation nachvollziehen?

Ja. Schwarze und POC Schauspieler*innen müssen oft erfahren, wie ihre Körper als exotisch, anders und verschieden beschrieben werden; sie werden fetischisiert. Ihre Hautfarbe dient dann dazu, die Darsteller*innen zu verdinglichen, anstatt sie zu zelebrieren. Es tut mir leid, dass meine Worte diesen Effekt hatten und in dieser Weise verstanden wurden. Dies war nicht meine tatsächliche Intention.

Fühlen Sie sich von Ron Iyamus Interpretation Ihrer Bemerkung missverstanden?

Nun, es gibt einen Unterschied zwischen meiner Absicht und dem, was bei Ron ankam und ihn getroffen hat. Beide Aspekte sind relevant, wenn ich darüber nachdenke, was ich für die Zukunft daraus lernen kann.

So, wie ich es verstehe, verwendet Ron das Zitat, um seine andauernden Erfahrungen von Diskriminierung im Theater aufzuzeigen. Die von ihm beschriebene Situation trug sich, glaube ich, am ersten Tag auf der Bühne zu, als alle Darsteller*innen erstmals in Maske und Kostüm probten. Diesen Tag nutze ich in allen meinen Arbeiten, um jede*n Spieler*in auf der Bühne einzeln anzusehen, während die Maskenbildnerin und die Kostümmitarbeiterin Verbesserungen und Korrekturen an ihren Designs vornehmen können. Ich bitte dann die Darsteller*innen, bestimmte Bewegungen und Gesten auszuführen, in Positionen zu verweilen, um die jeweils individuell richtigen Lichteinstellungen finden zu können. Hellere Haut muss auf der Bühne anders geleuchtet und geschminkt werden als dunkle Haut, und wie Sie wissen spielt Licht eine zentrale Rolle in meiner Arbeit. Ron, denke ich, erwähnt in seiner Abschlussarbeit diese Unterschiede auch explizit.

Während ich mich nicht wörtlich an die von Ron zitierte Aussage erinnern kann, ist es sicher etwas, was ich in diesem Zusammenhang sagen würde: dass Ron Schwarz ist und dass eine Veränderung der Lichtstimmung und/oder des Make-ups in jenem Moment etwas "verbessert" hat. In meiner Eigenschaft als Lichtdesigner ist es mir wichtig, sicherzustellen, dass jede Darsteller*in auf der Bühne auf eine Art geleuchtet wird, die die Darsteller*in von der besten Seite zeigt und hilft, das Rollenbild zu zeichnen, das wir herzustellen versuchen.

Es tut mir leid, dass meine Unterhaltung mit der Maskenbildnerin und/oder dem Lichtdesign-Kollegen außerhalb dieses Kontextes gehört wurde, und ich entschuldige mich dafür, dass ich Ron auf diese Weise verletzt habe.

Um es noch einmal zu sagen: All dies soll den Arbeitskontext des Zitats erklären, und nicht Rons schlimme Erfahrung relativieren, die ich verstehe, anerkenne und bedaure.

Welche Reaktion erwarten Sie als regelmäßiger Gastregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus von Intendant Wilfried Schulz auf Ron Iyamus Vorwurf, dass seine Beschwerden über rassistische Vorfälle am Haus zunächst nicht ernstgenommen wurden und keine Folgen hatten?

So, wie ich es verstehe, hatte Ron während seiner Zeit in Düsseldorf und an anderen Theatern unter regelrechten verbalen und physischen Angriffen zu leiden. Ich hoffe, dass Wilfried Schulz den richtigen Weg findet, auf Rons Erfahrungen einzugehen und darauf zu reagieren. Meine eigene künstlerische Arbeit bringt Menschen aus den verschiedensten biografischen Hintergründen und Herkünften zusammen, Menschen ohne Ausbildung und solche mit Uniabschluss, Menschen aller Ethnien, Religionen … Als Gastregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus ist es mir wichtig, dass das Theater den entsprechenden Raum bietet, um das zu ermöglichen. In diesem Sinne erwarte ich auch, dass das Theater Rons Abschlussarbeit sehr ernst nimmt.

(Die von Robert Wilson autorisierte Übersetzung stammt von Christof Belka)

 

Armin Petras hat sich bisher nicht öffentlich geäußert, sondern in einer privaten Mail bei Ron Iyamu entschuldigt. Mit Petras‘ Erlaubnis hat Michael Börgerding in einem Editorial auf der Webseite des Theaters Bremen Teile davon veröffentlicht.

"Erst einmal möchte ich mich in aller Umfänglichkeit bei dir um Entschuldigung bitten, entschuldigen dafür, dass ich und die Zeit, die du mit mir in der Produktion verbracht hast, deinen Leidensdruck als Schwarzer Deutscher in dieser Gesellschaft nicht verringert, sondern vergrößert hat. (…) Ich erinnere mich, dass wir jenseits des revolutionär bürgerlichen Projektes von Büchner nach Texten gesucht haben, die dem proletarischen Klassenkampf, den feministischen Befreiungskampf, als auch den Kampf der Kolonialisierten gegen Unterdrückung und Sklaverei thematisieren. Meine Erinnerung ist auch, dass wir gemeinsam für deine Rollen/Figuren nach Ausdrucksmöglichkeiten und ästhetischen Umsetzungen gesucht haben, die deinem ureigenen Anliegen, dem Rassismus in historischer und heutiger Gestalt entgegenzutreten, entsprechen und einvernehmlich zu Lösungen gekommen sind, die wir beide so gerne präsentieren wollten. Zur Generalprobe war ich stolz auf unseren Weg. Von diesem Stolz ist nun in der Tat nicht mehr viel übrig. Wenn ich dich in der Probe mit dem Namen der von uns beiden entwickelten Figur 'Sklave' angesprochen habe, war das für mich erstmal bei etwa zwanzig anderen Figuren/Rollennamen ein Begriff, der mir im weitesten Sinne zur Verständigung 'brauchbar' erschien. Auf deine Aufforderung, diesen Begriff nicht mehr zu verwenden, bin ich meines Wissens sofort eingegangen. (…) Diesen Begriff fahrlässig bei aller Umtriebigkeit und Probenaufregung so zu verkürzen und damit in sein Gegenteil umzukehren, IST GERADE MEIN HAUPTFEHLER gewesen..., ein Fehler, der nichts mit angeblich behaupteter Provokation oder Übergriffigkeit zu tun hat, sondern mit Dummheit, Nachlässigkeit, Ignoranz (…) Vielleicht noch einfacher gesagt, es reicht heute nicht mehr, nur kein Rassist zu sein, es geht darum, sich antirassistisch zu verhalten und das so auch permanent zu kommunizieren. Mit Worten, Gesten, Bildern, eigenem Verhalten und zwar egal wo, genauso in der Umkleide wie am Kaffeeautomaten oder auf der Probe. In diesem Lernprozess befinde ich mich zurzeit."

 

Von Matthias Hartmann sind uns keine Reaktionen bekannt.

 

Weiterführende BeiträgeInterview mit der Theatermacherin und Soziologin Natasha A. Kelly über ihre Forderung nach einem Theater für Schwarze Kunst und Kultur (19. Mai 2021)

 

Esther Slevogt ist Mitgründerin und Chefrdakteurin von nachtkritik.de

 

 

Mehr zur Rassismusdebatte um das Düsseldorfer Schauspielhaus:

Kolumne: Lara-Sophie Milagro über das Schneckentempo der Gleichberechtigung im Kulturbereich und die notwendige Umverteilung von Macht (20. April 2021)

Presseschau: Intendant Wilfried Schulz in der FAS zur Rassismusdebatte am Düsseldorfer Schauspielhaus (19. April 2021)

Presseschau: Armin Petras äußert sich zu Rassismus-Vorwürfen (16. April 2021)

Meldung: 1400 Theaterschaffende protestieren gegen FAZ Text von Bernd Stegemann (12. April 2021)

Presseschau: Dramaturg Bernd Stegemann zu den Düsseldorfer Rassismusvorwürfen (9. April 2021)

Meldung: Offener Brief von Theatermacher:innen of Colour (31. März 2021)

Presseschau: Schauspieler Ron Ighiwiyisi Iyamu erhebt Rassismus-Vorwürfe gegen Düsseldorfer Schauspielhaus (22. März 2021)

 
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