Kompliz:innen suchen

29. September 2021. Amanda Gormans "The Hill We Climb" hat auch hierzulande die Debatte um rassismus- und gendersensibles Übersetzen neu belebt. Veranstaltungen wie Übersetzung und Gewalt am Institut Français oder Afropéennes von Drama Panorama in Berlin beschäftigen sich damit. Dekolonisierung ist das Gebot der Stunde. 

Von Anna Opel

Kompliz:innen suchen

von Anna Opel

29. September 2021. Das Geschäft der Übersetzer:innen, das allzu oft ein Schattendasein fristet, hat jüngst einen ungeahnten Aufmerksamkeitsschub erhalten. In diversen europäischen Ländern entbrannte eine Debatte darüber, wer Amanda Gormans Inaugurationsgedicht "The Hill We Climb" in die jeweilige Sprache übertragen darf. Der Verlag Hoffmann & Campe, der den Text auf Deutsch herausbringen wollte, entschied sich für ein Übersetzerinnen-Team.

Widerwillen und Berührungsängste

Der Fall führte in der Branche erst zu Kopfschütteln und Unverständnis. Im nächsten Schritt aber zu neuen Reflexionen über politische Aspekte des Übersetzungsgeschäfts: Die bis dato unbefragte Homogenität des Literatur- und Kulturbetriebs wurde vielleicht zum ersten Mal bewusst in einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. Die Privilegien, die mit etablierten Sprecher:innenpositionen einhergehen, wurden tiefergehend thematisiert.  Denn es liegt auf der Hand, dass die Vertrautheit mit sprachlichen Spezifika bestimmter Erfahrungswelten helfen kann, diese zu verstehen, ihnen gerecht zu werden. Es ist Zeit, Widerwillen und Berührungsängste gegenüber diskriminierungssensiblen Fragen einzutauschen gegen Neugierde. Lange wurde mit der Sprache der Privilegierten von verdrängten Perspektiven erzählt. Es könnte sein, dass Differenz und Eigenart dieser Stimmen verloren gehen, wenn es im Prozess der Übersetzung an spezifischen Erfahrungen und Kenntnissen fehlt.

06 LOVE IS IN THE HAIR 5M3A4626 banner 1024x439Gastspiel "Love is in the Hair" bei "Afropéennes" von Drama Panorama in Berlin mit Übersetzungstafeln © Leona Goldstein

Besteht – um es zugespitzt zu formulieren – ein Zusammenhang zwischen "Übersetzung und Gewalt", wie ein Abend am Institut Français jetzt in der Betitelung einer Veranstaltung nahelegte? Und wie setzen Übersetzerinnen im Theaterbereich das neue Bewusstsein in ihrer Arbeit um?

Charlotte Bomy und Lisa Wegener, zwei Mitglieder des Vereins Drama Panorama planten bereits im Jahr 2019 die Veranstaltungsreihe Afropéennes, als sich noch kaum jemand für diese Texte und die dazugehörigen Übersetzungsfragen interessierte. Als das Gorman-Gedicht im Frühjahr dieses Jahrs ins Deutsche übertragen wurde, war die von ihnen herausgegebene Anthologie "Afropäerinnen. Theatertexte aus Frankreich und Belgien" bereits im Satz. Und Wegener und Bomy bereiteten für die Veranstaltungsreihe Panorama #1 gerade den Thementag "Übersetzung als Praxis der Dekolonisation" vor. Plötzlich waren sie mittendrin in einer aktuellen Debatte.

Kolonisierte Sprache

Drama Panorama, Forum für Übersetzung und Theater mit Sitz in Berlin, agiert an der Schnittstelle zwischen Dramenübersetzung und Theaterpraxis. Vor ungefähr zehn Jahren gegründet, hat sich der Verein zu einer Organisation gemausert, die von Koproduktionen für Inszenierungen oder Festivals wie dem Showcase für zeitgenössisches tschechisches Gegenwartstheater Ein Stück Tschechien diverse eigene Veranstaltungen kuratiert. Der stetig größer werdende Radius des Vereins schlägt sich in steigenden Mitgliederzahlen nieder. "Gerade ist die Entwicklung sehr dynamisch. Die Vereinsstrukturen hinken den Aufgaben ein bisschen hinterher, aber insgesamt läuft es super", erklärt Yvonne Griesel, langjähriges Vorstandsmitglied.

Die Veranstaltungsreihe Panorama #1 übertheaterübersetzen beleuchtet die Arbeitsfelder von Sprachmittlerinnen im stetig internationaler werdenden Festival- und Spielbetrieb. Insgesamt sieben Thementage zu aktuellen diskriminierungskritischen Debatten, aber auch zu Mehrsprachigkeit, Barrierefreiheit und Übertitelung versus Dramenübersetzung stehen auf dem Programm. Jeweils eine Werkstatt, eine szenische Lesung und ein Podium gehören dazu. Im ersten Schritt heißt es anerkennen, dass unsere Kompetenz als Übersetzer:innen dort Grenzen hat, wo unsere Erfahrung endet. Was also ist zu tun? Wenn es um den Komplex der kolonisierten Sprache geht, können wir Sprachmittler:innen suchen, die Rassismus möglichst aus eigener Erfahrung kennen. Wir können uns Kompliz:innen suchen, uns vernetzen, zuhören, in den Austausch gehen mit denen, um deren Sprache und Wortschatz es jeweils geht.

PendaDiouf 280 takBerlinDie Schauspielerin und Dramatikerin Penda Diouf in Berlin © Tak BerlinIm April holte der erste Thementag Übersetzung als Praxis der Dekolonisation Expertinnen zum Thema diskriminierungssensible Sprache in Theatertexten an einen Tisch. Im Anschluss an die zweisprachige Lesung "Pisten" diskutierten im tak Berlin die französische Autorin Penda Diouf und ihre Übersetzerin Annette Bühler-Dietrich mit den Kuratorinnen Lisa Wegener und Charlotte Bomy. Die Erzählerinnenstimme in "Pisten" verschmilzt in ihrem Monolog Schauplätze und Zeitschichten: Schmerz über Alltagsrassismus in Europa und eine Reise nach Namibia. Die junge Frau erfährt vom Völkermord an den Herero. Warum nur, fragt sie, spricht keiner darüber? Sie tut es, wütend, kraftvoll. Und die kritischen Fragen bei der Übersetzung? Worte, die im deutschen Kulturraum eindeutig als diskriminierend wahrgenommen werden, klingen im Nachbarland Frankreich weitaus ambivalenter. Das französische négre sei weniger abfällig. Die Négritude-Bewegung habe den Begriff umgewertet, erklärt die Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Bühler-Dietrich. Sie habe den Begriff daher im deutschen Text mit "Schwarz" übersetzt.

Machtverhältnisse aufspüren

Ob man diskriminierende Worte reproduzieren solle oder nicht, entscheidet sich daran, wer spricht. Oder daran, wie Spielerinnen dazu stehen. Dekolonisation bedeutet, die Machtverhältnisse aufzuspüren, die sich in Begrifflichkeiten abbilden und einen bewussten und transparenten Umgang damit zu finden. "Die Geschichte einer schwarzen Frau kann universell sein", stellt Penda Diouf am Ende der Diskussion zu ihrem Text fest. Höchste Zeit, sie zu hören, damit die Wahrnehmung der Welt vollständiger wird.

Als Übertitlerinnen waren Wegener und Bomy vor einigen Jahren auf die Theaterexte von Penda Diouf und Rébecca Chaillon gestoßen. Lisa Wegener erzählt Anfang September im Garten des Kunstquartier Bethanien, wie sie und Charlotte Bomy die Arbeit am Buch "Afropäerinnen" als Raum des Austauschs zwischen Schwarzen Künstler*innen in Frankreich und Deutschland vor zwei Jahren konzipiert haben. Und wie dieser Raum zum Ausgangspunkt für eine politische Praxis des Theaterübersetzens wurde: "Der Aufhänger für das Buch war unsere Veranstaltungsreihe 'Afropéennes', vier szenische Lesungen im vergangenen Jahr. Wir wollten erst einen starken Fokus auf die Übersetzung und die Übersetzerinnen legen. Am Ende kam Autorinnen, Regisseurinnen, Spieler*innen und Übersetzerinnen gleichermaßen eine wichtige Rolle zu."

Spezialwissen in Sachen Sprachtransfer

Bei der Arbeit an den Texten wurden Entscheidungen für rassismuskritische Lösungen lange diskutiert und transparent gemacht. "Das waren alles wichtige Erfahrungen“, erzählt Lisa Wegener. Im Vorwort zur Anthologie heißt es: "Auch die (Leidens-)Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland ist von rassistischen Ressentiments, Sexismus und anderen Machtasymmetrien geprägt. Übersetzen bedeutet hier eine behutsame Verpflanzung in ein anderes sprachliches Referenzsystem, andere Debatten, andere Koordinaten."

Bachelot C.ABLAIN 8170Tien Lê, Marina Keltchewsky, Cathy Min Jung, Romain Brosseau (v.l.) in Marine Bachelot Nguyen "Les ombres et les lèvres / Schatten und Lippen" am Théâtre National de Bretagne, Rennes © Caroline Ablain

Als die Textsammlung im April erschien, war für Wegener und Bomy wenig Zeit zu verschnaufen. Der Panorama-Thementag "Surf durch undefiniertes Gelände" stand vor der Tür. Im Juni fand er im Rahmen des Festivals Pugs in Love als Stream am Maxim-Gorki-Theater statt. Auch diese Initiative zielt darauf ab, das Repertoire deutscher Bühnen mit Positionen anzureichern, die notorisch am Rand des homogenen Kosmos der privilegierten Positionen angesiedelt sind. Wo Theaterarbeit und Drama diverser werden, müssen andere Perspektiven im Team Raum bekommen – von den Spieler:innen bis zu den Übersetzer:innen. Auch in Sachen Gender ist die gesellschaftliche Realität weitaus bunter, als auf unseren Bühnen bislang repräsentiert. Auch auf diesem Feld braucht es Spezialwissen in Sachen Sprachtransfer.

Thementag und Anthologie zur internationalen queeren Dramatik präsentieren Narrative jenseits der heterosexuellen Norm, auch jenseits nicht-binärer Realitäten: Marine Bachelot Nguyen, Jayrôme Robinet, Ebru Celkan und andere erzählen "für eine Zukunft, die Differenz zulässt, ohne zu diskriminieren", wie es im Ankündigungstext auf der Verlagsseite heißt. Wieder hat sich das Herausgeberinnen-Duo in eine politische Debatte manövriert, die sehr emotional geführt wird.

Nicht mit der Gießkanne gendern

Für die Übersetzung queerer Texte liegen die Herausforderungen eher im Kleinteiligen, erklärt Lisa Wegener: für neutrale Pronomina wie they gibt es heute die Neuerfindungen "si*er" oder "xier", diese seien aber nicht so bekannt. "Vielen Menschen geht das Gendern zu weit. Damit wir uns irgendwann auf einen Kompromiss einigen, brauchen wir radikale Entwürfe wie das von Lann Hornscheidt vorgeschlagene "ens"." Lann Hornscheidt 2015 beim Vortrag fur die Deutsche SchulerAkademie in Schloss TorgelowGeht beim Gendern voran: Lann Hornscheidt © Renepick CC BY-SA 4.0Wer weiß, vielleicht ist die Gesellschaft der kommenden Generationen offener? Schließlich ist Sprache fähig, gesellschaftliche Verschiebungen aufzunehmen und abzubilden. In Dramentexten sprechen die Figuren sowieso meist so, wie aktuell gesprochen wird. Wenn sie diskriminierende Begriffe verwenden, dient das ihrer Charakterisierung, so Wegener. "Man kann hier jedenfalls nicht mit der Gießkanne gendern." Die Veranstaltungsreihe Panorama #1 wird im Oktober und November fortgesetzt.

In vielen fremdsprachigen Kulturräumen treten Übersetzer:innen auch als Agent:innen auf. Sie finden interessante Stimmen und bieten Lektoren, die oft neben den deutschen, höchstens den anglophonen und frankophonen Raum im Blick haben, ihre literarischen Entdeckungen an. Denn auch das Spektrum der fremdsprachigen Theatertexte ist vielfältiger, als unsere Spielpläne zeigen. Auch im spanischsprachigen Raum gibt es vieles zu entdecken. Drama Panorama Mitglieder Franziska Muche und Carola Heinrich haben für ihre Anthologie Mauern fliegen in die Luft Dramen von Chile, über Mexiko bis Uruguay zusammengestellt. Anlässlich des Thementages Neues spanischsprachiges Theater wird "Dragón", ein Text aus der Feder des chilenischen Autors Guillaume Calderón im Rahmen des FIND Festivals in der Schaubühne in einer szenischen Lesung präsentiert.

Zwischen Referenzräumen vermitteln

Über fremdsprachiges Performen als gezielte ästhetische Provokation und über die Rolle von Übertiteln in der aktuellen Theaterpraxis diskutieren Regisseurin Yael Ronen, die Dramatikerin Sivan Ben Yishai, ihre Übersetzerin Maren Kames und die Nachtkritik-Redakteurin Sophie Diesselhorst im Rahmen der Reihe im English Theatre Berlin unter dem Titel "Herausforderungen von Mehrsprachigkeit im Theater". Im November folgt ein Thementag, an dem über Barrierefreiheit im Theater gesprochen wird. Auch Audiodeskription und Gebärdensprache gehören in den Arbeitsbereich von Sprachmittler:innen im Theater. Drama Panorama veranstaltet Anfang Oktober ein Podium und einen Werkstattag zu Mehrsprachigkeit im Theater.

Uns Übersetzer:innen fällt, neben vielem anderen, auch die Aufgabe zu, diskriminierungssensible Fragen in die weite Welt der literarischen und nichtliterarischen Texte zu transportieren. Und auf die Theaterbühnen. Nicht mit der Gießkanne, sondern in vielen einzelnen Entscheidungen, in denen wir Formulierungen von einem Kulturraum in den anderen transferieren, in denen wir zwischen Referenzräumen vermitteln. Das Feld der Kunst und der Literatur entgrenzt das eigene Wissen und Empfinden prinzipiell. Zu fordern, dass es künftig in Sachen Identität eine größtmögliche Übereinstimmung zwischen Autor:in und Übersetzer:in geben muss, finde ich daher falsch. Das Feld, das jede:r dann noch bestellen dürfte, wäre allzu überschaubar und allzu vertraut. Aber neue Komplizinnenschaft und eine intensivere Reflexion der eigenen Deutungshoheit sind notwendig und erweitern die Sensibilität. Es ist Zeit, dass wir uns die politische Dimension unserer Arbeit klar machen und mit Verlagen und Akteur:innen der jeweiligen politischen Szenen in den Austausch gehen.

 

AnnaOpel 180 Olaf Kripke uAnna Opel lebt als Schriftstellerin und Produzentin von Audiowalks in Berlin. Sie übersetzt außerdem die Stücke von Tracy Letts und anderen ins Deutsche. Seit sechs Jahren ist sie Mitglied im Verein Drama Panorama.
Für nachtkritik.de schrieb Anna Opel auch den Essay Wie Schauspielerinnen im komischen Fach Geschlechterstereotype wegfegen.

 

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