Die Utopie frisst ihre Kinder

7. Oktober 2022. Uwe Johnsons Jahrhundertroman – muss der wirklich auch noch auf die Bühne? Wenn man es so anstellt wie die französische Regisseurin Camille Dagen, dann ja: im vollsten Vertrauen auf die Sprache und die grundlegenden Mittel des Theaters.

Von Matthias Schmidt

"Mutmassungen über Jakob" in Dresden © Sebastian Hoppe

7. Oktober 2022. Die Bühne ist leer, als das Saallicht verlischt, und sie wird es über weite Strecken bleiben. Ab und an werden ein paar Stühle aufgestellt, das Balkengerüst eines Hauses, ein Esstisch. Und der Stuhl des alten Heinrich Cresspahl, natürlich. Ab und an fahren Mikrofone aus dem Theaterhimmel herab, einmal kommt Nebel zum Einsatz. Es wirkt, als wolle Regisseurin Camille Dagen, 2018 für ihre Arbeit Durée d’exposition mit dem Preis des Fast Forward Festivals ausgezeichnet, möglichst wenig ablenken von Uwe Johnsons Sprache, ihrer Vielschichtigkeit, ihrer Kraft. Das Vertrauen in den Autor zahlt sich aus, ihr Konzept geht grandios auf. Herausgekommen sind knapp drei Stunden hochkonzentriertes Literatur-Theater.

Geschichte in Geschichten

Wer Johnsons ersten veröffentlichten Roman (1959) gelesen hat, wird wissen, wie viel Geschichte in ihm steckt. Mal nur in kleinen Rückblicken wie der Ankunft des Protagonisten Jakob Abs und seiner Mutter in Jerichow als aus Pommern Vertriebene oder der knappen Erinnerung des Geheimdienstmannes Rohlfs an die Ostfront. Mal in Handlungs-Episoden über den Volksaufstand von 1956 in Ungarn. Oder auch nur in Nachrichtenfetzen über die Suez-Krise im selben Jahr. Die Angst vor einem 3. Weltkrieg wird erwähnt, wobei man nicht weiß, ob die Tatsache, dass die schon in den 50er Jahren umging, angesichts der aktuellen Lage eher beruhigend oder beunruhigend ist. Dieser Roman ist ein Komprimat der Geschichte des 20. Jahrhunderts und zugleich ein formal herausfordernder Text. Mehr als ausreichend Stoff für eine Bühne.

mutmassungen 01 c sebastian hoppeYassin Trabelsi, Henriette Hölzel, Franziskus Claus © Sebastian Hoppe

Camille Dagen geht weitgehend textgetreu damit um. Sie verzichtet auf zusätzliche Diskurse, collagiert nichts hinein, aktualisiert nicht. Wie bei Johnson erfahren die Zuschauer zu Beginn, dass der Eisenbahn-Dispatcher Jakob Abs bei einem Bahn-Unfall ums Leben kam. War es überhaupt ein Unfall? War es nicht doch ein Selbstmord? Oder gar ein Mord der Staatssicherheit? Johnson gibt keine Antwort. Es gibt nur Mutmaßungen, und vielleicht ist es dank der großartigen Strichfassung (aus erfreulich vielen Dialogen und nur wenig gespielter Prosa) dieser Uraufführung sogar einfacher als im Roman, ihnen zu folgen. Übertitel helfen beim Verstehen der Sprünge in der Chronologie, aber selbst ohne sie entsteht aus den kurzen Szenen mehr und mehr ein Gesamtbild, aus dem jeder seine eigenen Mutmaßungen anstellen kann. Musikalische Klangflächen untermalen den gesamten Abend, was ihn fast filmisch wirken lässt, obwohl er bildlich eher Kammerspiel als großes Kino ist.

Orte und Zeiten mitspielen

Dieser Abend braucht keine Gleise und Züge, um Jakobs Arbeit und sein Ende sichtbar zu machen, kein Nato-Hauptquartier, um Gesine Cresspahls Einsamkeit im Westen verstehbar zu machen. Er lässt die Schauspielerinnen und Schauspieler Orte und Zeiten mitspielen. Allen voran Yassin Trabelsi, der einen – das Mecklenburgische sprachlich fein andeutend – leicht bräsigen, aber gedanklich hellwachen Jakob gibt. Der sich zu Pragmatismus zwingt, obwohl seine Lage zum Verzweifeln ist: seine "Schwester" Gesine Cresspahl im Westen, seine Mutter nach einem Stasi-Verhör ebenfalls republikflüchtig. Er selbst von der Stasi unter Druck gesetzt. Entsetzt über den schlechten Zustand der Bahntechnik und noch mehr darüber, dass er die Züge mit den sowjetischen Panzern in Richtung Ungarn nicht aufhalten kann, ja ihnen sogar die Gleise freimachen muss. Man weiß nie, ob Jakob gleich vor Wut explodiert oder ob er nicht vielleicht doch aufgeben und vor einen Zug laufen wird.

mutmassungen 03 c sebastian hoppeThomas Eisen, Moritz Dürr, Henriette Hölzel © Sebastian Hoppe

Oder Moritz Dürr als Heinrich Cresspahl, dessen Mecklenburger Platt nie platt und schwankhaft wirkt, der Komik einbringt, ohne albern zu sein. Thomas Eisens Stasimann Herr Rohlfs mag manchmal nahe am Klischee sein, aber es gelingt ihm dennoch, ihn böse genug, verbittert und verbissen und zugleich als einen mit Herz zu zeichnen.

Was ist Freiheit?

Alle Protagonisten dieses Abends sind vielschichtig, sind ambivalent angelegt, und noch etwas gelingt der 30-jährigen französischen Regisseurin: die historischen Themen auf Allgemeingültiges abzuklopfen. Was bedeutet Freiheit? Bei Johnson ist es der Autor Jonas Blach, der diese Frage stellt und dabei zum Dissidenten wird. Zu einem, der an die große Utopie glaubt und dennoch – wie so viele – von ihr gefressen wird.

Camille Dagen versteht es, diese Fragen ins Heute zu tragen, ohne das in Text oder Bühne oder Kostüm oder Regie-Ideen explizit zu zeigen. Sie interpretiert nicht, sie fokussiert. Sie lässt die Worte wirken. Steht ja alles drin bei Johnson. Mal kraftvoll, mal volksnah, gerne poetisch. All das gilt auch für diese Inszenierung, die – kaum zu glauben, das sie eine der ersten, wenn nicht gar überhaupt die erste Johnson-Inszenierung in Dresden ist –eine Hommage an diesen großen, den wahrscheinlich ersten gesamtdeutschen Dichter ist.

 

Mutmassungen über Jakob
nach dem Roman von Uwe Johnson, in einer Spielfassung von Camille Dagen und Katrin Breschke
Regie: Camille Dagen, Bühne: Emma Depoid, Kostüme: Irène Favre de Lucasczaz, Sounddesign: Saoussen Tatah, Lichtdesign: Edith Biscaro, Licht: Olaf Rumberg, Dramaturgie: Katrin Breschke, Uta Girod.
Mit: Yassin Trabelsi, Franziskus Claus, Henriette Hölzel, Moritz Dürr, Thomas Eisen, Jakob Fließ, Fanny Staffa.
Premiere am 6. Oktober 2022
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

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