"Es gibt nichts mehr zu verlieren"

19. Oktober 2022. Die Schauspielerin und Theaterwissenschaftlerin Maryam Palizban engagiert sich von Berlin aus in der iranischen Frauenbewegung. Hier berichtet sie vom gefährlichen Kampf gegen das Patriarchat und wie das Regime Theater und Film kontrolliert.

Interview von Esther Slevogt

19. Oktober 2022. Seit dem Tod der 22-Jährigen Mahsa Amini, die Mitte September von der iranischen "Sittenpolizei" festgenommen worden war und kurz darauf unter ungeklärten Umständen starb, gehen im Iran insbesondere junge Frauen auf die Straße, um für ihre Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben zu kämpfen. War Aminis Tod der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte? Gibt es eine Entwicklung, die auf diesen Ausbruch der Unruhen hinführt?

Schon im November 2019 sind im Iran Unruhen ausgebrochen, ausgelöst durch die plötzliche Erhöhung der Benzinpreise – damals zwar nur in einzelnen Städten und Provinzen, aber mit sehr vielen Toten und Verletzten. Die Regierung hatte das Internet für eine Woche komplett abgeschaltet, und ich erinnere mich, wie unheimlich das war – als hätte das Land plötzlich nicht mehr existiert. Man konnte auch niemanden mehr per Telefon erreichen. Das war unheimlich. Als nach einer Woche das Internet wieder angeschaltet wurde, kamen die ganzen Bilder, Videos und Zahlen, die auch damals sehr hoch waren.

Menschenrechtsorganisationen sprechen von über 1500 Toten und Hunderten von Verhafteten.

Ich finde das immer wichtig zu erwähnen, weil es sich eben um eine Kette von Ereignissen handelt. Da man in den beidem Corona-Jahren wenig aus dem Iran gehört hat, ist dieser Verlauf vielleicht etwas aus den Augen geraten. Die zweite wichtige Stufe in der Entwicklung war der Abschuss einer ukrainischen Linienmaschine auf dem Flug von Teheran nach Kiew durch das iranische Militär im Januar 2020, das das aber lange verleugnet hat. In dem Flugzeug saßen fast nur iranische Bürger und Iraner mit doppelter Staatsbürgerschaft, darunter auch Menschen, die ich kannte. Aber die Regierung hat den Abschuß der Maschine lange abgestritten. Für mich war das der Punkt, wo mir klar wurde, dass dieses Regime nicht reformierbar ist. Seitdem gibt es keine gemäßigte "Mitte" mehr, was die Haltung zur Regierung betrifft. Entweder man ist dafür oder dagegen. Bis vor ein paar Jahren gab es noch viele, die reformistische Ideen unterstützt haben. Inzwischen schämt man sich fast dafür, den Reformisten geglaubt zu haben.

Welche Rolle spielt das Theater im Iran bei der Debatte um die Rechte von Frauen?

Ich habe die Fragen mit vielen Kolleginnen und Kollegen und auch einem Freund, der Theaterkritiker und Uni-Dozent in Teheran ist, diskutiert. Ihre Identitäten kann ich aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich machen, aber das sind die Themen, die uns alle beschäftigen. Der Theaterkritiker hat es so formuliert: Das iranische Theater hat zwei Gesichter. Das eine ist schön und voller Hoffnung. Das andere ist ekelhaft und ziemlich traurig. Das hat damit zu tun, dass einerseits die Jugend das Theater liebt und sich immer wieder mit großer Hoffnung und besten Noten für ein Theaterstudium entscheidet. So hat man fast in jeder Generation total junge, kreative und gut ausgebildete Theatermacher. Aber es dauert nicht lange, bis sie merken, dass es in diesem System zunehmend unmöglich ist, umzusetzen, was sie wollen. Und das ist das andere, hässliche und traurige Gesicht des Theaters, das dann immer gewinnt. Der Teheraner Freund hat Peter Brooks Begriff "Deadly Theatre" verwendet, um es zu beschreiben. Denn eines Tages hat das Regime verstanden, dass das Theater eine gute Vitrine ist, in der der Iran international repräsentiert werden kann.

Das iranische Theater hatte stets sehr guten Rückhalt in der iranischen Mittelschicht. Dann aber begann der Staat, mit klaren Mitteln – wovon das stärkste das Kapital ist – diese Szene zu zerstören. Das Theater wurde Kulturwirtschaft. So wurden Arbeiten für das intellektuelle oder ästhetisch radikale Theater unmöglich gemacht. Dann hat man Theater als eine Art Geldwaschmaschine entdeckt, riesige Theaterproduktionen mit Stars wurden mit viel privatem Geld produziert, die Gagen wurden riesig und die Ticketpreise auch. Aber es entstand auch die Frage: Wer ist eigentlich das Publikum für dieses Theater? Denn für die gebildete iranische Mittelschicht gibt es jetzt kein Theater mehr. Während Corona wurden dann viele kleine und unabhängige Theater einfach geschlossen.

Was bedeutet es, eine Schauspielerin im Iran zu sein?

Als Schauspielerin im Iran muss man nicht nur die Haare verstecken, sondern die gesamte Körpersprache kontrollieren. Ich weiß nicht, wie oft ich bei Dreharbeiten oder Proben darauf angesprochen wurde, dass ich mich zu "attraktiv" bewegt hätte und Szenen deshalb wiederholen musste. Aber es geht noch viel, viel weiter – man glaubt es kaum, so absurd ist es eigentlich. Es darf zum Beispiel keine Frau allein auf einem Filmplakat abgebildet sein. Auch in den Filmen darf es keine weiblichen Hauptrollen geben. Es muss dann noch mindestens zwei weitere männliche Hauptfiguren geben. Die Zensurbehörde versucht alles, um ein starkes öffentliches Frauenbild zu unterdrücken. Selbst in den Verlauf von Geschichten oder wie sie enden, greift sie ein. Eine Frau darf auch nicht allein auf der Bühne singen. Ich selbst habe traditionelle iranische Musik studiert und Konzerte gegeben; aber es mussten immer mindestens noch ein Mann, meistens jedoch zwei Männer mit mir auf der Bühne singen, damit du als Frau nicht die einzige Stimme auf der Bühne bist. Das wird seit Gründung der Iranischen Republik verhindert. Das ist auch der Grund, warum ich mich stark in der iranischen Frauenbewegung engagiere, obwohl ich seit Jahren in Berlin lebe. Denn auf diesem Weg findet eine starke Manipulation statt, ohne dass man es direkt merkt, wird auch die innere Freiheit ins Gefängnis gesteckt.

PalizbanLantouri Film NoushinJafari Maryam Palizban in ihrer Rolle im Film "Lantouri" (2016). Die Fotografin des Bildes Noushin Jafari sitzt derzeit im berüchtigten Evin-Gefängnis ein. © Noushin Jafari

Welche Rolle spielen Frauenthemen im Theater?

Vielleicht hat das Theater dieses Thema nicht direkt durch Stücke oder Dinge beeinflusst, die auf der Bühne passiert sind. Aber von innen, durch diese Arbeit selbst: was das Arbeiten beim Film und Theater für Frauen bedeutet. Weil sich, auch verstärkt durch den Blick von außen, in der Arbeit für Film und Theater immer deutlicher die Frage stellte: Wie fühlen sich Frauen in der Gesellschaft? Wie wollen sie überhaupt weitermachen? So gibt es in der iranischen Kulturszene auch seit mindestens drei Jahren eine starke #Metoo-Bewegung, die in der Corona-Zeit stark an Bedeutung gewonnen hat. Fälle von Übergriffen bekannter Männer aus dem Kulturbetrieb wurden veröffentlicht. Dazu muss man sagen, dass es für Frauen, die sich hier äußern, im Iran ein viel größeres Risiko gibt als etwa in Deutschland. Denn das hat ganz andere Folgen: Die iranischen Männer anzugreifen heißt auch, das Patriarchat anzugreifen, auf dem das gesamte System beruht, und das Recht und Gesetz hinter sich hat. Bei vielen Frauen, die mit ihrem Namen Übergriffe veröffentlicht hatten, kam es zu Prozessen, die ihnen das Leben unmöglich gemacht haben. Es gab auch Fälle in der iranischen Community außerhalb des Iran. Und bei jedem dieser veröffentlichten Fälle konnte man stets merken, wie politisch diese Bewegung ist. Die Seite, die ich gern weiterempfehlen will, heißt Harraswatch.

Die Seite ist noch am Netz?



Ja. Es gibt viele ähnliche Seiten, unter anderem auf Instagram, die immer wieder von der iranischen Cyber-Armee verfolgt werden. Dann verschwinden sie, tauchen aber woanders schnell wieder auf. Einer der wichtigsten Momente, und darauf bin ich total stolz, ist die Gründung der "Gruppe der 800" in der iranischen Filmszene, die das ganz klare Ziel verfolgt, zumindest in den Verträgen für das iranische Kino und Theater künftig Klauseln einzubauen, die die Frauenrechte schützen. Von den hier aktiven Frauen werden inzwischen viele bedroht.

Wie würden sie die Entwicklung der Theaterszene in den letzten zwei Jahren beschreiben?

Während der Pandemie wanderte das Theater stark ins Netz ab, darunter viele Festivals, besonders im Bereich des Studententheaters und des experimentellen Theaters. Der Iran hat eine starke Studententheaterszene, die während Corona sehr gelitten hat, weil sie nur noch digital arbeiten konnte. Doch so wurden viele neue Kommunikationswege gefunden, entstanden Strukturen, die jetzt unmittelbar für die Proteste genutzt werden. Und die Folgen kann man jetzt genau spüren: Noch niemals waren Iraner innerhalb und außerhalb des Iran stärker miteinander verbunden als jetzt.

Während der Rohani-Zeit war die Lage schon schwierig, aber mit Beginn der Präsidentschaft von Ebrahim Raisi ist der Druck auf die Theatermacher noch einmal gestiegen. Im Kulturministerium sitzen verschiedene Gruppierungen, die teilweise auch mit dem Geheimdienst zusammenarbeiten und mit dem Bildungsministerium. Sie sind wie ein gemeinsamer Körper, um Gefahren für das System abzuwehren. Wer darf was machen? Welche Texte dürfen gespielt werden? Wer darf inszenieren? Mein nicht namentlich genannter Freund aus Teheran hat es so ausgedrückt: Aus dem Patienten Theater wurde ein Fall für die Intensivstation. Das hat das Theater jetzt mit dem System gemeinsam. Denn es wurde so viel Druck gemacht, ökonomisch aber auch insgesamt, dass überall nun das Gefühl vorherrscht, dass es nichts mehr zu verlieren gibt. Ich habe vor kurzem mit einer Studentin von mir in Teheran gesprochen, die meinte, sie würde keine Cafés besuchen, obwohl sie geöffnet sind, weil sie nicht dazu beizutragen möchte, auch nur den geringsten Anschein von Normalität zu erwecken. Man will auf keinen Fall zurück zu dem, was vorher war.

Wie reagiert die Theaterszene auf die aktuelle Krise?

Ich habe mir viel mehr erhofft von der iranischen Kunst- und Kulturszene und finde die Art, wie sie konservativ geblieben ist, einfach hoffnungslos. Aber davor haben sie so stark von diesem System profitiert, dass es vielleicht schwer ist, sich davon unabhängig zu machen oder die Angst abzuschütteln. Denn bedroht wird zur Zeit wirklich jeder. Es gibt Film- und Theaterstars, die Social-Media-Accounts mit Millionen Follower haben, die sie jetzt einfach schließen oder sich dort mit beschwichtigenden Erklärungen zu Wort melden. Manche stellen sich öffentlich so tot, dass es die Leute im Netz richtig gegen sie aufbringt. Ich möchte von hier aus meine Kollegen natürlich nicht kritisieren, denn ich weiß ja, welche Mittel dieses Regime hat und auch anwendet.

Welche Unterstützung wünschen sie sich international, zum Beispiel aus Deutschland?



Ich finde leider, die Regierungen zeigen wenig Interesse, was Menschenrechte im Iran betrifft. Ich setze meine Hoffnungen eher in die internationale Community. Natürlich benötigen die Iraner Hilfe: Sie kämpfen gegen eine Armee. Gegen ein brutales und korruptes System, das sich um jeden Preis halten will.

Da gibt es ja einige Solidaritätsaktionen. So schneiden sich etwa Künstler:innen öffentlich Haarsträhnen ab.

Was soll ich sagen, die Lage ist so ernst, dass jedes Zeichen der Solidarität hilft, und Kraft und Mut in den Iran schickt. Jede Unterstützung ist wertvoll. Andererseits denke ich mir bei mancher Aktion, wenn sich Leute da so ihre Haarspitzen abschneiden: Im Iran werden Menschen, besonders junge Frauen, auf offener Straße und in den Gefängnissen ermordet, ein bisschen mehr könntet ihr schon wagen.

Von hier aus sieht es so aus, als sei das Selbstbestimmungsrecht der Frau im Iran die Chiffre für das Recht auf Selbstbestimmung insgesamt – also auch für die Männer.

Ich bin mit dem Begriff "feministische Revolution" total einverstanden, für das, was jetzt gerade im Iran passiert. Das hat mit allen zu tun, allen die unter diesem System gelitten haben. Ich weiß, dass der Begriff "Feminismus" im Iran Panikreaktionen auslöst. Aber ich denke, es ist der einzige Weg, dass es nicht wieder in die falsche Richtung geht – und wir am Ende dann wieder mit einem Patriarchen oder Monarchen dastehen. "Frau Leben Freiheit" ist das Traum-Motto dieser Revolution.

 

Maryam Palizban, geboren 1981 in Iran, ist Theaterwissenschaftlerin, Autorin, Schauspielerin und Regisseurin. Sie ist aktuell Research Fellow am Zentrum für Islamische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und seit 2021 Wissenschaftliche Koordinatorin des Projektes "Leib und Leiblichkeit". Sie promovierte an der Freien Universität Berlin und dem Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin über "Figurationen des Märtyrers" in der Ta'ziya, dem iranisch-schiitischen Theater-Ritual. Ihre Dissertation ist 2017 unter dem Titel "Performativität des Mordes" im Kadmos Verlag erschienen. Im Iran ist sie als Filmschauspielerin durch Filme wie "Deep Breath" (Internationale Filmfestspiele von Cannes, 2003) und LANTOURI (Berlinale, 2016) sowie als Dichterin bekannt geworden. Sie erhielt verschiedene Auszeichnungen, unter anderem für "Deep Breath" als beste Hauptdarstellerin durch die iranische Filmakademie. Derzeit ist sie Stipendiatin auf Schloss Wiepersdorf.

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