Siehe da, ein Mensch

25. November 2022. Wer ist dieser Othello? Bei Adewale Teodros Adebisi muss jede:r im Publikum selbst einen Blick aufs Geschehen finden, für sich ausdifferenzieren, was auf der Bühne passiert – ob und wie das Gegenüber zum "Anderen" wird. Politisches Theater auf der Höhe der Zeit.

Von Tobias Prüwer

25. November 2022. "Was ist das für ein Melodram?", ungläubig-wütend fährt Desdemona Othello an. Der hob gerade zum Schwulst über verletzten Stolz an, der ihn zum Töten zwingt. Welchen Menschen hat sie da bloß geheiratet?, fragt sich die Gattin. Der sanfte, vor Liebe glühende Mann von einst wird zur eifersüchtigen Furie. Der Kriegsheld schreckt nun vor Gewalt zu Hause nicht zurück. Was für ein Mensch dieser Othello ist, lautet auch die Kernfrage des Regisseurs Adewale Teodros Adebisi. Ob man das Stück um den schwarzen Feldherrn noch spielen darf, beantwortet er am Weimarer Nationaltheater mit überzeugendem "Ja".

Getrübter Blick

Differenzieren ist Adebisis Zugriff, wo andere Differenz betonen. Dabei hilft ihm das einfache wie schlüssige Bühnenbild. Von fünf parallelen halbtransparenten Vorhängen aus silbrig-weißen Fäden wird der schwarze, leere Bühnenraum abgehängt. Das Spiel hinter den Stoffflächen trübt den Blick, so genau man auch hinsieht. Dieses Schillern verunmöglicht alle Versuche, zu identifizieren. Auch die Othello-Besetzung unterstützt das, indem sie Debatten um Black-Facing und Repräsentation – wer darf wen spielen (und wer nicht)? – hintergeht. Calvin-Noel Auer spielt den General von Venedig, Punkt. Sollen andere diskutieren, ob sein dunklerer Teint schwarz genug ist und Schwetzingen als Angabe seiner "wirklichen" Herkunft ausreicht.

Othello2 Candy Welz uIdentifikation ausgehebelt © Candy Welz

"Für einige von euch bin ich zu schwarz, für andere nicht schwarz genug", sagt Othello halb zum Publikum, halb in die Runde der Mitspielenden. Das sind weniger als bei Shakespeare. Der Regisseur verknappt die Tragödie aufs Wesentliche: Jagos Intrige und Othellos Mord an Desdemona. Ein bisschen schade ist das, weil dadurch die Rodrigo-Figur in der Luft hängt. Man braucht sie nur ein bisschen, so dass Janus Torps keine Chance hat, ihn abseits des Kleinkriminellen-Touches auszufüllen. Bastian Heidenreich hingegen kann mit seinem kraftstrotzenden Cassio sowohl absolute Loyalität wie Larmoyanz verstrahlen. Marcus Horn verkörpert Jago so sehr mit innerer Logik, dass man ihm fast abnimmt, nie Böses im Schilde zu führen. Bis er es selbst zugibt. Denn er tritt wie ein Erzähler in der Tradition des Volkstheaters auch neben sich und erklärt, ans Publikum gewendet, ausführlich seine Motiv. Othello stehe seiner Karriere im Weg, sei eigentlich ein feiner Kerl. Dann platzt es aus ihm raus, dass kein Schwarzer seinen "Sattel" reiten soll. Damit trifft er einen Kern rassistischer Darstellung, die oft sexuell konnotiert ist, weil sie Konstruktion männlich-weißer Perspektive ist: Weiße Frauen gehören weißen Männern.

Othello3 Candy Welz uLoyalität und Larmoyanz: Bastian Heidenreich als Cassio © Candy Welz

Jago thematisiert auch Schwarz-Sein und das Sprechen darüber. Er referiert über das N-Wort, nur, um es dann im Spiel selbst zu benutzen. Othello wird als markiert dargestellt, selbst wenn er nicht markiert werden soll. Das kommt auch in den Othello erlaubten Selbstreflexionen zum Tragen, wo sich Fremdtext einfügt. In der ersten Hälfte behauptet sich ein souveräner Calvin-Noel Auer als Anführer, der weiß, dass er in weißer Umwelt Othering ausgesetzt ist. Er wird zum Anderen gemacht, egal, wie hoch sein Status ist. Als einzige Figur ist Othello nicht durch leichtes Drüberspielen charakterisiert, ist der einzige Normale, während allen anderen minimale Züge von Karikaturen anhaftet. Das ist sehr gut gemacht. Und als er allmählich zum eifersüchtigen Getriebenen wird – die Verwandlung gelingt Auer hervorragend – weist Othello ebensolche Züge auf. Weder bestialischer Wilde, noch manipulierbar-naives Objekt, wie die Standard-Interpretationen lauten, ist er Normalo-Mann. Othello wird zum Menschen, zum Subjekt und damit verantwortlich für all seine Taten.

Dann doch Opfer toxischer Männlichkeit

"Aus Liebe sterben, sind wir jetzt so weit?", fragt Desdemona. Femizid, also der Mord an Frauen, weil sie Frauen sind, bildet den zweiten Strang von Adebisis Auseinandersetzung mit dem Stoff, dessen Frauenbild unter der Rassismusdebatte zu unterbeleuchtet blieb. Dabei helfen ihm zwei starke weibliche Besetzungen. Als schwangere Emilia ist Isabel Tetzner zunächst halbseidener Jago-Anhang in Bomberjacke. Dann emanzipiert sie sich, tritt den Männern als Unterstützerin Desdemonas entgegen. Das beißt sich etwas mit der Logik des Stoffes, sieht sich aber gut an. Nadja Robiné brilliert als selbstbewusste Frau, die immer ein bisschen zu gut ist – nicht nur im Mimen- und Gestenspiel oder in wechselnder atemberaubender Garderobe, die sie zu tragen weiß. Sie ist Beschützerin Othellos und sich den Gefahren des eigenen Exotismus bewusst – und wird dann doch Opfer toxischer Männlichkeit.

Normalo-Mann

Die freie Spielfläche erlaubt es allen Darstellenden, sich im Raum frei zu positionieren. Und dazu ist auch das Publikum gezwungen. Denn jeder und jede blickt aus eigener Perspektive auf das Schillern hinter, vor und zwischen den Vorhängen, muss für sich differenzieren. Vielleicht ist manchem der Verweis auf den Südseekönig in "Pippi Langstrumpf" schon zu viel, andere horchen auf, wenn Othello als "Schaumkuss" verspottet wird und ein politisch korrekter Code als Diskriminierung fungiert. Adebisi gelingt politisches Theater auf der Höhe der Zeit, ohne billige, verkrampfte Anklage oder versöhnliche "Wir sind die Guten"-Geste. Seine Inszenierung ist eine unterhaltsame, ja lustvolle Positionierung. Logisch, dass Othellos selbstmitleidiger Schlussmonolog abgeschnitten wird, die Flucht in den Selbstmord entfällt. Wir sind schließlich nicht im Melodram.

Othello
Tragödie von William Shakespeare
Regie: Adewale Teodros Adebisi, Bühne: Philip Rubner / Alexander Grüner, Kostüme: Alexander Grüner, Video: Andreas Günther, Dramaturgie: Eva Bormann, D: Calvin-Noel Auer, Nadja Robiné, Marcus Horn, Isabel Tetzner, Janus Torp, Bastian Heidenreich.
Premiere am 24. November 2022
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-weimar.de


Kritikenrundschau

Adewale Teodros Adebisi inszeniert "Othello" "als politisches Theater, unmittelbar bezogen auf die
Themen unserer Gegenwart. Das hat seinen Preis", schreibt Henryk Goldberg in der Thüringer Allgemeinen / Thüringische Landeszeitung (26.11.2022). "Die Ausweitung der Kampfzone durch gegenwärtige Texte, das lässige Wegspielen von Text, von 'Tragödie', das dimmt (...) die Schauspieler, die sich hier kaum mit der Mechanik des Stückes verbinden und verbünden können."

"Wenn Othello, dann so", ist hingegen Wolfgang Schilling auf MDR Kultur (26.11.2022) begeistert. "Da ist ein Regisseur, der sich an Shakespeare hält, ihn aber modern denkt. Der die alte Geschichte von rassistisch grundiertem Hass, Eifersucht und Intrige mit dem toxischen Männlichkeitsgehabe von heute ins Verhältnis setzt. Dagegen zwei starke Frauen stellt. Die mit emanzipierter Selbstbewusstheit ausgestattet sind, den finalen Femizid am Ende aber nicht verhindern können. (...) Das ist alles sehr stimmig in Szene gesetzt und gespielt." "Ein großer Theaterabend".

 

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