Inquisitionshengste und Folterer

14. Januar 2023. Der Kampf zwischen Klerus und Wissenschaft, sachlicher Analyse und ideologischem Wahn, den Bertolt Brecht am Schicksal von Galileo Galilei durchdekliniert, hält der Welt aktuell gerade wieder unterschiedlichste Fratzen entgegen. Wolfgang Maria Bauers Inszenierung stellt ohne vordergründige Aktualisierung frappierende Gegenwartsbezüge her.

Von Christian Muggenthaler

14. Januar 2023. Galileo Galilei denkt als Astronom in Ellipsen und in Kreisen, Planetenbahnen und Mondorbit. Und so ist es wohl auch kein Wunder, dass diese Weltalltrudel-Grundeinheiten, diese Ellipsen und Kreise, auch die Inszenierung von Bertolt Brechts "Leben des Galilei" am Landestheater Niederbayern prägen.

In dem schlauen Bühnenbild (Ausstattung: Aylin Kaip) werden solche geometrischen Kreis-Segmente zu immer neuen Bedeutungen umgebaut. Mal sind sie zusammen ein Teleskop, mal Kirchenkanzel, mal Räder-Foltergerät und mal das Rad im Getriebe der Zeit. Das allein zeigt schon, wie vielschichtig die Inszenierung von Wolfgang Maria Bauer ist, der mit diesen Grundelementen Szene für Szene baut und sie zugleich immer weiter hineinkreisen lässt in eine absurde Welt, in der nicht sein kann, was nicht sein darf.

Zwischen Vernunft und Glaube

Der Landshuter Oberspielleiter Bauer ist schon lang für alle möglichen Überraschungen gut: bisweilen eher enervierend Verschrobenes, dann wieder hoch bekömmlich Sternstündiges, jedenfalls nie Langweiliges. Bei seiner glänzend gelaunten Brecht-Version sind wir eher bei den Sternstunden, und das natürlich auch, weil Galilei ins Himmelszelt schaut und die Sterne, die Planeten und die liebe Sonne von der Bühne wiederum herableuchten. Dieses mühselige Zirkuszelt, in dem die Landshuter Truppe seit viel zu vielen Jahren spielen muss, wird hier zum Firmament. Und bringt Brecht zum Leuchten.

Das gelingt schon allein deshalb, weil Bauer alles geziert-pittoreske Naturalismus-Gedöns, das der historische Hintergrund mit sich bringen könnte, konsequent verscheucht, auch textlich allerlei Ornamentales streicht. Da spielt natürlich auch der Verfremdungseffekt seine beliebte Bühnenrolle: Hier nie schulmeisterlich aufgesetzt, sondern souverän eingesetzt. So etwa die Musik von Hanns Eisler, die Daniel Zacher mit dem Ensemble einstudiert hat und sie sehr lässig beiseite am Bühnenrand mit seinem Akkordeon einstreut.

So auch die archaischen, sackartigen Kostüme, die mal phrygischen, mal kurienkirchlichen Mützen, die lehmgrauen Gestalten und Gesichter, die dann und wann auftauchenden anonymen Puppengesichter (von Christina Dusch): All das atmet die Zeitlosigkeit, die es braucht, um die Parabel des Kampfs zwischen Vernunft und Glauben ablenkungslos deutlich zu machen.

Kampf der Frauen um Leben und Tod

Und weil dieses Regie-Unterfangen so zeitlos daherkommt, muss man sich hier auch keine Aktualitäts-Schiefer einziehen: Das wird schon auch so sehr schnell sehr klar, auf welcher Seite der Irrsinn einst herrschte und heute herrscht. Auf Seiten der Vernunft jedenfalls nicht. Es ist ein feiner Einfall, Herrn Galilei von einer Frau spielen zu lassen. So wird der Schwung, mit der die neue Wissenschaft die alten Gewissheiten bricht, wird das Zertrümmern von Dominanz noch deutlicher. Und so, wie der Kampf der Frauen um ihre Rechte immer wieder bis zum Einsatz ihres Lebens geht, so geht es auch für den italienischen Wissenschaftler um Leben und Tod.

gal091 1000 PeterLitvaiZwischen Inquisitionshengsten: Antonia Reidel ist Galileo Galilei (Mitte)  © Peter Litvai

Antonia Reidel macht das ausgesprochen großartig, weil sie in all dem Kampf um Wissenschaft und Wahrheit und wider den Totalitarismus der Beständigkeit immer – eigentlich der einzige – wahre und wirkliche Mensch auf der Bühne ist. Ungekünstelt, gehüllt in Stärke und Schwäche zugleich, munter und sinnlich, gewappnet mit einer hohen Dosis Humanität und im kindlichen Kern dauerhaft verblüfft über die gefährliche Dummheit der Antipoden. Denn gefährlich sind sie, die Herren Machthaber und Kleriker, die Inquisitionshengste und Folterargumentierer.

Groteske Komik, gruseliger Terror

Wohl dem, der so ein erfahrenes Schauspielensemble wie das Landestheater Niederbayern hat, das auch die Städte Passau und Straubing bespielt: Allein wie Jochen Decker als aufgeblähter Kardinal Inquisitor und Barberini-Darsteller Joachim Vollrath als eine Art Horror-Pumuckl innerhalb von Sekunden auf der Emotions-Klaviatur alles bespielen können von der grotesken Komik bis zum grusligen Terror, ist bemerkenswert.

Und bemerkenswert ist auch die Bandbreite der Figurenarbeit vom ganz und gar aufrechten Andrea Sarti (Stefan Merten) bis zum herrlich trotteligen Aristokraten-Bübchen Cosmo de Medici (Reinhard Peer): Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Jedoch kann man sich allem Ungeist auch trickreich entgegenstellen. Beweisen: Brecht und Bauer.

Leben des Galilei
Schauspiel von Bertolt Brecht
Musik von Hanns Eisler
Regie: Wolfgang Maria Bauer, Ausstattung: Aylin Kaip, Musikalische Einstudierung und Akkordeon: Daniel Zacher, Masken: Christina Dusch, Dramaturgie: Peter Oberdorf.
Mit: Antonia Reidel, Stefan Merten, Julian Ricker, Ella Schulz, Reinhard Peer, Stefan Sieh, Paul Behrens, Jochen Decker, Joachim Vollrath, Olaf Schürmann.
Premiere am 13. Janaur 2023
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

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