Vom Klo bis nach Burgund

von Ute Grundmann

Gera, 3. Oktober 2009. Der Hausherr Matthias Oldag durfte nicht in sein Büro. Denn auch im Intendantenzimmer wurde Theater gespielt, als das Theater Gera mit dem Spektakel "Heimat_Los!" in die Spielzeit startete. Vor 26 Zuschauern auf Papphockern war Anne Rabes "Zwei Schwestern" zu sehen, die sich vom Elternhaus lösen müssen, weil die Mutter den Vater betrogen hat. Torsten Bischof inszenierte atmosphärisch dicht zwischen Besprechungstisch und Sekretariat, mit Judith Mauthe (Sabine), Alice von Lindenau (Kristin) und Mechthild Scrobanita als Mutter Monika.

Zum "Neustart im Schauspiel", so der Untertitel, hatte sich das Theater zehn 15-Minuten-Stückchen schreiben lassen, nach Fotos aus Altenburg und Gera, und schickte sein Publikum bei freiem Eintritt auf einen Parcours durchs ganze Haus.

Enders, Cremer und Neumann
Im Beratungszimmer gab es Nina Enders "Atlantis", in dem Katja (Judith Mauthe) und Mandy (Vanessa Rose) schön böse für eine Pressekonferenz übten, wie sie Seniorenwohnen in einer Burg als "Ritterrentner in der Kemenate" verkaufen können. Per Hebebühne ging es dann von draußen nach drinnen zum Lastenaufzug, in dem Matthias Ransberger und David Lukowczyk warteten, um Daniel Cremers "Virus Casino" zu spielen: Ein nicht so ganz schlüssiges Stückchen um zwei Männer, vielleicht auch zwei Seelen in einer Brust, die mit der Welt da draußen kämpfen.

Toller Text und tolles Solo dagegen im Balkonfoyer: Jan Neumanns "Sechzehn Sommer" in der Regie von Helen Schröder. Ein Mädchen (Judith Mauthe) auf einer Parkbank mault über die ewig gleichen Familienausflüge zu Kirche, Museum, Wald, zu denen noch die Krankenbesuche bei Tante Nudi kommen. Rhythmisch, pointiert, in 16 Rap-Strophen entfaltet sich eine Familiengeschichte zwischen Ost und West, in der das Mädchen "der Wessi in einer Ostfamilie" ist, weil die schwangere Mutter einst über die Grenze machte – und die Tochter (sich) nun fragt, was ihre Heimat ist.

Griesebach, Stockmann, Tola
Ein bißchen Lokalkolorit gehört zu solch einem Spektakel dazu und so zeigten die Puppenspieler Marcella van Jan und Mathias Lenz in der Kantine "Quick and dirty" von Astrid Griesbach, die auch inszenierte. Ein alter Mann (van Jan) erzählt einem Mädchen (Lenz) von seinen Heldentaten als Hauer in der Wismut, bis er auch wörtlich den Löffel abgibt.

Unter der Drehbühne war Nis-Momme Stockmanns "Und dann biege ich in eine Straße ein" angesiedelt, das ganz direkt und sehenswert von Heimat handelt. Ein junger Mann (Matthias Ransberger) erzählt von einem Filmprojekt, das er im Ort seiner Kindheit realisieren will. Doch per TV-Aufzeichnung redet er selbst sich immer wieder dazwischen, vom Unbehagen und der Fremdheit an eben diesem Ort.

Schließlich bewiesen noch Regisseurin Angelika Zacek und Schauspieler David Lukowczyk, dass man auch in der Damentoilette Theater spielen kann. Zwar ist Albert Tolas "Der Junge mit den gebrochenen Fingern" ein etwas unschlüssiges Stück um Bruno, der im Krankenhaus auf etwas wartet, aber Lukowczyk flirtete gekonnt mit seinen Zuschauern.

Und, sehr patriarchalisch, Hebbel
Am Abend dann die erste große Premiere der neuen Schauspielchefin Amina Gusner: "Die Nibelungen", wohlweislich "nach Friedrich Hebbel". Denn die Regisseurin, die das Stück "sehr lang" und "sehr patriarchalisch" findet, hat mit Anne-Sylvie König eine eigene Fassung erstellt. Und in der geht es vor allem Hebbels Sprache an den Kragen: Ein gut-dass-wir-drüber-geredet-haben-Ton, jede Menge Fuck-Flüche, die Mädels fragen sich "Weißt du, was dein Problem bist?" Da wird die Sprache auf Soap-Niveau tiefer gelegt und es fragt sich, warum man dann überhaupt Hebbel spielt.

Anzusehen ist das ordentlich: Da versammeln sich zunächst Gunther, Hagen, Giselher ("Gisi" gerufen) und Volker, um den prächtig tätowierten Siegfried anzustaunen. Das geht, mit Abklatschen und Rap-Songs, ab wie eine boygroup auf dem Schulhof, die die tollen Mädels erobern will. Doch mit dem ersten Brüll-Duell zwischen Brunhild und Gunther zieht langsam der Ernst ein; mit dem Verrat der Männer an Brunhild, die gezähmt werden soll, ist die Inszenierung bei ihrem Thema, den Männerbildern und Frauenrollen. Dabei fällt Anne Keßler als Kriemhild auf, der es neben allem Zickengehabe gelingt, so in Trauer um den ermordeten Siegfried zu vereisen, dass die Männer um Gunther schließlich im Nebel auf den Tod warten. Und das ist dann wieder ganz Hebbel.

 

Heimat-Los! – Theaterspektakel mit zehn Stücken an zehn Orten.
Leitung, Konzept, Gesamtdramaturgie: Anne-Sylvie König.
Regie: Oliver Bierschenk, Torsten Bischof, Felix Eckerle, Johanna Hasse, Tabea Hörnlein, Konrad Octavian Knieling, Helen Schröder, Angelika Zacek, Anne-Sylvie König, Astrid Griesbach.
Mit: David Lukowczyk, Judith Mauthe, Ulrich Milde, Matthias Ransberger, Vanessa Rose, Mechthild Scrobanito, Alice von Lindenau und anderen.

Die Nibelungen

nach Friedrich Hebbel, Fassung von Amina Gusner und Anne-Sylvie König
Regie: Amina Gusner, Bühne: Jan Steigert, Kostüme: Inken Gusner, Dramaturgie: Anne-Sylvie König.
Mit: Manuel Kressin, Heiko Senst, Ulrich Reichenbach, Rüdiger Rudolph, Jochen Paletschek, Anne Keßler, Eva Verena Müller, Alice von Lindenau, Pet er Donath.

www.tpthueringen.de

 

Kritikenrundschau

Über "Die Nibelungen" schreibt Angelika Bohn in der Ostthüringer Zeitung (5.10.2009): Es mache "viel Spaß", wie Gusner den "Nibelungen" flotte Turnschuhe anziehe, "damit sie leichtfüßig dem Ballast ihrer Geschichte entkommen und Menschen von Geschichten werden, die jeder kennt". Mit "Feingefühl und Lust" ergründe die neue Schauspieldirektorin "wie Menschen ticken, wie Politik gemacht, Macht erhalten und verteidigt wird". Sie analysiere "emotionale und rationale Komponenten" und finde "das Böse im Vertrauten". "Nette, etwas übermütige Menschen begehen monströse Verbrechen und selbst als monströse Verbrecher verdienen sie Mitgefühl." Allerdings sinke die Spannung nach der Pause ab. Das Ensemble wirke wie eine eingespielte Truppe.

In der Thüringer Landeszeitung (5.10.2009) schreibt Franziska Nössig: Den "Heimat-Bezug" wolle Amina Gusner in ihrer Inszenierung "unterstreichen", doch in den Vordergrund drängten sich "die starken Themen Hebbels". Im Versuch unterhaltsam und zugleich tiefgründig zu wirken, ziehe Gusner "das leicht Verständliche, ja geradezu die Komödie vor". Doch wenn Siegfried einwillige, für Gunther ein zweites Mal mit Brunhild zu kämpfen und seine Entscheidung minutenlang mit "Fuck" kommentiere, dann sei das "unnötig".

 

 
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