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Wupper Kahl Tal

18. November 2009. In Wuppertal wird verkündet, die Stadt sei in Nöten, Geld für die eigentlich bereits beschlossene Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Schauspielhauses nicht mehr vorhanden. Und wozu dann noch ein Schauspielensemble? Also weg damit, das spart auch Geld.

Die Empörung wie immer in solchen Fällen, wenigstens im Westen des Landes, ist groß. Einhelliger Tenor: lebte die im Sommer überraschend gestorbene Pina Bausch noch, hätten sich die Wuppertaler Stadtverweser solch einen Angriff auf die Kultur nicht getraut.

Nachtkritikerin Müller schildert die Zusammenhänge und fragt nach den strukturellen Gründen: "Im Durchschnitt 90 Prozent der Budgets fließen in Fixkosten, die mit der Kunst noch nichts zu tun haben." Es würde Zeit, schreibt gleich "der Max" in die Kommentarspalte, dass "diese Strukturen sterben und Platz für neue Formen machen".

Es entspinnt sich eine Diskussion, die so oder ähnlich schon oft ergebnislos geführt wurde. Der notorische "123" und andere behaupten, die festen Häuser mit ihren Ensembles und Gewerken seien zu teuer, unbeweglich, Motivation tötend, Innovation jeder Art verhindernd: "Ich glaube einfach nicht mehr, dass die Theater in der bisherigen Betriebsform überlebensfähig sind."

Christian von Treskow, seit Sommer amtierender Schauspielchef in Wuppertal wehrt sich: hier ginge es nicht um Strukturen, sondern um Menschen. Theater mache man mit Menschen. Und die kosteten Geld: "Wenn eine Truppe, die durch gemeinsame künstlerische Interessen zusammen gehalten wurde, sich zu einem festen Ensemble zusammen schließen kann, und das an einem interessanten Ort mit interessantem Publikum und unter inhaltlicher Prämisse, dann stellt dies einen Idealfall der Produktions- und Rezeptionsästhetik des Theaters dar."

Eine Idee, wie dem Druck ständig sinkender staatlicher Zuwendungen zu begegnen wäre, ist das noch nicht. Trotzdem stimmt es ja, was "George Sand" schreibt: "dass der 'Tod' der Theater nicht das System retten kann", dass die paar eingesparten Millionen viel zerstören, "ein geschlossenes Haus wird nicht wieder eröffnet", aber haushaltstechnisch wenig mehr bewirken als ein Tropfen auf den heißen Schuldenstein.

Was ist die Rettung einer Bank gegen ein zerstörtes Theater?

"10 000 000 000 : 2 000 000 000" stellt die schon lange erwartete Frage: "wieso kann der staat eine privatbank sponsern, aber ein städtisch-staatliches theater nicht?" Weil aber die Finanzkrisengewinnler und die politisch Verantwortlichen in einem Internet-Forum nicht zur Verantwortung gezogen werden können, bleiben derartige Populismen ohne Konsequenz.

Dabei bieten Stadttheater ihren Beschäftigten nicht einmal soziale Sicherheit. "Schneider": "Laut einer Studie ist die Zahl der Beschäftigen am Theater, die in der Stunde weniger als 5 Euro verdienen, ist in den letzten Jahren um 30 % gestiegen. An festen Häusern verdienen 50 % der Theaterkünstler nur 5 bis 10 Euro pro Stunde. Bei regelmäßigen Einzahlungen in die Künstlersozialkasse über 45 Jahre liegt die zu erwartende Rente bei 447 Euro in den alten, bei 408 Euro in den neuen Bundesländern.

Derweil spitzt "123" seine Position noch einmal zu: "Ich wünsche mir ein Theater in dem ausnahmslos Künstler auf der Basis von Zeitverträgen arbeiten und alle Mitarbeiter in der Künstlersozialkasse versichert sind. Arbeitslose Künstler, die man auch in anderen Bereichen einsetzen kann als Pförtner und Kassenfrauen. Flexible Arbeitszeiten und keine Tarifverträge mehr."

Doch trotz dieses Plädoyer für einen radikalen Wandel: "Die Hauptforderung ist: Die Festschreibung der Aufgabe der Kultur und ihrer Finanzierung im Grundgesetz." Und da wir gerade einmal bei einigermaßen pragmatischen Forderungen sind, klinkt sich "Schneider" ein: "Auf die Agenda einer neuen Theaterpolitik gehört ganz oben auch eine Theaterentwicklungsplanung. Dabei dürfte die alte Spartentrennung zwischen Musik-, Tanz-, und Sprechtheater ebenso ausgedient haben wie die Sektiererei in Puppentheater, Kindertheater oder Kleinkunst."

Perückenknüpfer oder Video?

Aber wenn in den Theatern nur noch Künstler mit Zeitverträgen arbeiten, fragt "Susanne Peschina" - welcher "nicht fest angestellte Schneider kommt denn am Abend um 20:00 Uhr, um schnell ein Kostüm anzupassen, weil der Einspringer gerade erst im Theater angekommen ist? Wer frisiert Perücken nach, wer reinigt Kostüme (oder bringt sie man schnell in die Putzerei?) Wer verwaltet Requisiten. etc.?" – "Perpignon" findet es wunderbar-romantisch, dass Theater über Schlossereien oder Kostümfärbereien verfügen. Weniger wunderbar, wenn alle Videoabteilungen der großen Theater dauerhaft unterbesetzt sind. – "123": Theater, die zwar keine Autoren anstellen, aber für den Erhalt von Tarifverträgen von Perückenknüpfern und Tapezierern kämpfen, haben ein strukturelles Problem, dass ihre Budgetproblematik mit erzwingt."

Was bieten die Theater, für deren Erhalt wir streiten, eigentlich inhaltlich? Ist das genug? "Sommer" hat da seine eigene Meinung: "Sind denn theater in jedem dritten kaff dieser republik überhaupt künstlerisch notwendig?! jeder tatort macht künstlerisch ja nichts anderes als 'hedda gabler' an der schaubühne." Und die Zuschauer? "mit den meisten ist leider kein aufbruch zu einer anderen welt zu machen. wann zum henker geht es mal im ganzen saal ums 'eingemachte'?!" Und "Bandido" zitiert aus Die Deutsche Bühne, 3/2006: "wenn diejenigen, die jetzt noch auf das Theater achten, dort dieselbe vulgäre Quotenästhetik wie im Bezahlfernsehen finden, werden sie sich abwenden. Das Theater muß sich darüber klar sein, daß es das Medium einer Minderheit, einer Elite ist."

Und ein TheaterEnttäuschter stößt nach: "Ist das wirklich lebendig, was einem die Spielpläne im Großraum NRW bieten, was einem der zufällige Theaterbesuch an einer beliebigen Bühne dort zeigt? Ist das meiste nicht Mittelmaß, Kompromiß? Ist es nicht Zeit, daß die Theater und die Theaterleute sich offensiv mit einer völligen Neuorientierung auseinandersetzen? Könnte man nicht überlegen, ob man jenseits der vier, fünf Leuchttürme die Etats der vielen, vielen nordrheinwestfälischen Stadttheater in einem großen Fond zusammenfaßt und daraus Truppen subventioniert, die herumreisen – Und ein kleiner überschaubarer Arbeit aus hochmotivierten Technikern, Requisiteuren, Verwaltern.

Womit wir wieder beim Anfang angekommen sind.

Was noch? Das Satanische, Showcase Beat le Mot, Klassenkampf, Gewerkschaften, Bäuche halten vor Lachen, Afghanistan, Obama, Das Böse, Kehlmann-Ästhetik, Heiner Geißler, Stalinisten-Bashing, Bausch-Truppe in Berlin, Plädoyer für die Mittelmäßigkeit, das niederländisch-flämische Theatermodell und eine Geschichte über das deutsche Theater in Kasachstan.

 

 

 

 
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