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Tendenzieller Fall der Legitimitätsrate

Berlin, den 4. Oktober 2011.

Lieber Josef Mackert,

Sie haben mich gebeten, meine Leseeindrücke mitzuteilen von "Heart of the City. Recherchen zum Stadttheater der Zukunft", das Sie gemeinsam mit Ihrer Freiburger Intendantin Barbara Mundel und dem Chef der Gießener Angewandten Theaterwissenschaft Heiner Goebbels herausgegeben haben.

Ich schreibe Ihnen einige Gedanken zu Sätzen auf, die mich beschäftigen.

1. Kunst

In einer Reflexion über die gegenwärtige Praxis der Schauspielerausbildung schreibt Heiner Goebbels: Niklas Luhmann definiere Kunst durch die Unwahrscheinlichkeit ihrer Entstehung. Und fährt dann fort: "Wenn wir diese Definition auf den konventionellen Betrieb des Theaters anwenden …, könnte sich herausstellen, dass es sich hierbei gar nicht um Kunst handelt, sondern um Unterhaltung und Handwerk." Und um Kunst auf der Höhe von Gertrude Stein, Samuel Beckett, Heiner Müller und Sarah Kane muss es dem Theater nach Goebbels schon gehen.

"Viele Theater" indes, führt Goebbels weiter aus, basierten auf Wiedererkennung und Vertrautheit, "man kennt das Repertoire, man kennt die Räume, die Regisseure und die Mitglieder des Ensembles", diese Vertrautheit ist: "das Gegenteil von künstlerischer Erfahrung".

Ein wenig erinnert mich Heiner Goebbels hier an die Figur des Regisseurs, wie Bernd Stegemann sie in seinem Beitrag zeichnet: Der Regisseur erkennt, schreibt Stegemann, die Institution Stadttheater als "Feind der Kunst", da sie "eine Regelmäßigkeit und Vorhersehbarkeit der Arbeitsabläufe, der Qualität der Aufführung und die Aufrechterhaltung des Spielplans gewährleisten soll. Der Regisseur hingegen will den Ausnahmezustand als die einzig mögliche Form zeitgemäßer Kunst und ihrer Entstehung."

Brächte man nun diese beiden Positionen in Deckung, ergäbe sich: diejenigen, die für den Erhalt der Institution Stadttheater trommeln – "Theater muss sein!" – sind damit die ersten Verhinderer von Kunst.

2. Ertrag der Stadtprojekte

Von Kunst ist in Ihrem gemeinsam mit Barbara Mundel verfassten Beitrag allerdings eher selten die Rede. Ihnen geht es mit Mark Terkessides um die "Barrierefreiheit" der Institution Stadttheater, um die Möglichkeit für alle gesellschaftlichen Gruppen, am Theater teilzuhaben und teilzunehmen. Es geht Ihnen, wie Adrienne Göhler es ausdrückt, um die "Verflüssigung" jeglicher überkommener Abgrenzungen, um "Infrastrukturen der Vielheit", wie sie in der Theaterszene Englands, Belgiens oder Hollands beschrieben würden.

Explizit von Kunst ist am Ende Ihres Aufsatzes die Rede: "Die Motivation für die anstehende Umgestaltung der Institution muss eine künstlerische sein, wie umgekehrt der Ertrag jeder institutionellen und strukturellen Veränderung sich an den Folgen für die künstlerische Arbeit messen lassen muss."

Sie weisen darauf hin, dass viele Theater in den letzten Jahren "enorme Anstrengungen" unternommen hätten, "um das Grundverhältnis zwischen Stadt und Theater neu zu bestimmen". Diese Neubestimmung gehört nach Ihrem Verständnis zum Programm allseitiger Verflüssigung. Welche Folgen für die Kunst nun aber Stadtprojekte wie "Hotel Neustadt" am Thalia Theater Halle 2003 oder "Bunnyhill" an den Münchner Kammerspielen 2004 wirklich gebracht haben, welche Veränderungen durch die vom Heimspielfonds geförderten Projekte, die sich mit "städtischen Problembereichen", mit "kulturellen und sozialen Außenseitern" konfrontierten, nun tatsächlich initiiert wurden, bleibt durch das ganze Arbeitsbuch hindurch eher nebulös.

3. Legitimationskrise

Vielleicht ist Ihre Rede von der Kunst oder der künstlerischen Motivation auch eher ein Feigenblatt um eine ganz andere Blöße zu verdecken? Geht es heute überhaupt um Kunst?
Geht es nicht vielmehr um krasse finanzielle Probleme, deren Ursache eine gigantische Legitimationskrise der Institution Theater in diesem Land ist?

Das Geld ist knapp. Für Kultur. Selbst wenn die Kulturetats in Städten wie Hamburg oder Berlin gelegentlich leicht ansteigen. Das Geld wird immer knapper, es wird ja anderswo gebraucht. Immer häufiger fragen sich die entscheidenden Politiker – und in Wirklichkeit sind es ja doch immer nur ein paar Leute an den Stellhebeln der Macht, die überzeugt werden müssen –, warum sie den Löwenanteil der Kulturgelder den festen Häusern überweisen sollten, in denen (fast) nur eine weiße, bürgerliche Klientel verkehrt.

Man könnte sprechen von einem tendenziellen Zerfall der Legitimationsbasis der Theater, je bunter die Städte werden. Je mehr die Stadtgesellschaft in Szenen und volatile Milieus zerfällt, je mehr Anspruch diese unterschiedlichen Gruppen auf Teilhabe an den Ressourcen erheben, desto schwieriger wird die Lage der Theater.

Sie selbst gehören ja deshalb zu den Propagandisten für eine interkulturelle Öffnung der Theater. Alle Gruppen sollen ins Theater kommen, am Theater teilnehmen, ihre Problemlagen im Theater verhandeln, erzählen und spielen oder gespielt sehen. Allen voran die "nicht-weißen" Deutschen, die Migrationshintergründler jeder Couleur.

Hat diese beabsichtigte Öffnung mit Kunst zu tun?

Oder zunächst einmal mit Politik?

Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand.

Nur wenn sich die Institution Theater in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen einmischt, so lautet ihre politische Devise, wenn die Theater Mitspieler werden, nur wenn sie eine neue Rolle finden, hat die Institution Stadttheater eine Überlebenschance. Sie haben in Freiburg dafür den Brandname "Heart of the City" entwickelt, die unterschiedlichen Ströme der Stadt treffen im Theater aufeinander, durchmischen sich, ändern die Richtung, schlagen aneinander Funken. Das Theater als Forum, gut.

Aber wie gut ist Ihnen das eigentlich bisher gelungen, zum Beispiel in Freiburg?

4. Kulturelle Bildung

Als Praktiker wissen Sie genau, dass wir gar nicht angedackelt kommen müssen mit der Kunst, mit Schiller, Janáček oder John Cage, wenn nicht ein Mindestmaß an kultureller Bildung bei der potentiellen Kundschaft/Teilnehmerschaft/Zuschauerschaft der Theater vorhanden ist. Bei den libanesisch-deutschen Deutschen, bei den türkisch-deutschen Deutschen oder bei den deutsch-deutschen Assis aber, deren Sache im Theater ja auch verhandelt werden soll in Zukunft, fehlt es daran. Deshalb heißt das große Zauberwort in Ihrem Artikel "kulturelle Bildung", das Theater wird, moralisch oder nicht, wieder zur Bildungsanstalt.

Weil das aber doch verdächtig nach Bürgerschule klingt, sprechen Sie lieber vom Begriff der Aufklärung, den Sie zur Diskussion stellen wollen. Das Theater soll niemanden mehr aufklären (Wolfgang Engler spricht in seinem Artikel sehr schön und sehr angenervt von den "ort- wie bindungslosen" Jungregisseuren, die unter dem Druck, sich auf dem Markt behaupten zu müssen, von Ort zu Ort hüpfen und sich einbilden, "das Publikum über das gehetzte Dasein im Zeitalter der Globalisierung aufklären zu müssen"), sondern Prozesse initiieren, in "deren Verlauf" das "Theater und seine Teilnehmer" voneinander und "beide gemeinsam etwas Neues lernen können".

Herrjeh, möchte man ausrufen, gut so! Aber gebt uns Beispiele, gebt uns Beispiele! Was wurde gelernt? Wer lernt von wem? Was wurde dadurch künstlerisch erreicht?

5. Neue Freiheit zur Armut

Ein letzter Punkt. Natürlich leiden die deutschen Stadttheater unter arbeitsrechtlichen, versicherungstechnischen, tariflichen und etlichen weiteren Verkrustungen. Auch diese Krusten sollen nach Ihrem Dafürhalten verflüssigt werden.

Die Vertreter der Feien Szene sagen das eh schon lange. Matthias von Hartz ruft: Nehmt Euch, Ihr Stadttheater, ein Beispiel an der flexiblen, innovativen, arbeitswütigen Freien Szene!

Dagegen weisen Bojana Kunst und Wolfgang Engler auf die drohenden oder schon eingetretenen Kosten dieser Befreiung von Bindungen hin. Die slowenische Performance-Theoretikerin fragt: "Sind nicht letztlich wir diejenigen, die eine flexible, prekäre und damit postfordistische Arbeitsweise praktizieren?"

Man könnte auch sagen: Sind nicht wir freien und verflüssigten Theaterleute diejenigen, die der sich verändernden Gesellschaft ein Beispiel für die allseitige Ausbeutbarkeit und Entrechtung der Arbeitskraft geben?

Theaterleute denken und fühlen, egal ob frei oder fest engagiert, traditionell in der Mehrheit links (ich erlaube mir der Einfachheit halber diese unscharf gewordene Standortbezeichnung). Doch, schreibt Boljana Kunst weiter, ist es heute "offenbar möglich, radikal, kritisch und progressiv zu sein, ohne die hierarchischen Strukturen der Institution zu verändern. Progressive und kritische Events lassen sich mit schlecht bezahlten, flexiblen Kulturarbeitern und ohne jedes Bewusstsein für Solidarität produzieren."

Dass dieses Problem nicht auf die Freie und Performance-Szene beschränkt ist, bezeugt auch Wolfgang Englers Nachfrage an die Adresse der Stadttheater, wie sie eigentlich mit dem Widerspruch umgingen, "dass sie als Übungsstätten sozialer Entschleunigung selbst außer Atem geraten" und die jungen Talente eher verschleißen, statt sie schonend und behutsam zu entwickeln?

Und wenn alle Verhältnisse an den deutschen Stadttheatern einmal erfolgreich verflüssigt sein werden, wie steht es dann eigentlich um die Bedingungen für eine künstlerische Arbeit, in der sich die Ströme der Gesellschaft ausdrücken sollen? Werden am Ende zugunsten größerer Welthaltigkeit, zugunsten der Erfahrung einer zwar weltläufigen, aber prekären Existenz alle Sicherheiten beseitigt sein, die den Künstler-Menschen oft genug, vor allem wenn sie nicht mehr jung sind, erst die Grundlage verschaffen, um kreativ denken und handeln zu können?

Ähnliches scheint Wolfgang Engler zu schwanen, wenn er schreibt: "Das Gespenst der Erfahrungsarmut von den Rampen zu verbannen, die Türen aufzureißen, auf dass wir wieder, möglichst überall Darbietungen beiwohnen, die unser aller Existenz berühren – dazu müssten, fürchte ich, gesellschaftliche Veränderungen eintreten, die wir uns im Interesse unseres Denk- und Seinskomforts womöglich gar nicht wünschen können."

Lieber Josef Mackert, Sie sehen, die Lektüre Ihres Arbeitsbuches hat bei mir mehr Fragen ausgelöst, als Antworten gegeben. Dafür bedanke ich mich.

Mit herzlichem Gruß

Nikolaus Merck


Heart of the City. Recherchen zum Stadttheater der Zukunft
Herausgegeben von Josef Mackert, Heiner Goebbels und Barbara Mundel, Mitarbeit Florian Ackermann und Philipp Schulte, Theater der Zeit Arbeitsbuch 2011, Verlag Theater der Zeit Berlin, 168 Seiten, 18 Euro.

Alles zur Debatte um die Zukunft des Stadttheaters auf nachtkritik.de finden Sie im entspechenden Lexikoneintrag.

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