altVibrierende Staubwedel für kastrierte Emotionen

von Sabine Leucht

München, 26. Februar 2011. Uff, was fängt man bloß mit diesem Abend an? Barbara Weber, ihres Zeichens eher ironische Vorführerin von Figuren und Darstellungsmechanismen als Identifikationsnudel, hat ihn angerührt. Nach einem Rezept von Sarah Ruhl, das in den USA 2010 für mehrere Tony Awards nominiert wurde.

Und, ja: Das Stück ist nicht ohne Witz, aber auch kein Brüller. Es ist keine platte Boulevardkomödie; es deshalb schon geistreich zu nennen, wäre allerdings übertrieben. Es ist flott geschrieben, bringt auf engstem Raum unterschiedliche zwischenmenschliche Verwicklungen unter und handelt von der Frühgeschichte des Vibrators als medizinischem Gerät: Gegen die Modekrankheit "Hysterie" führt ihn Dr. Givings anno 1880 seinen Patientinnen und dem einen Patienten (einem Künstler!) in seinem Nebenzimmer ein. Dem Vernehmen nach mit vergleichbar befriedigendem Ergebnis, das im viktorianischen Zeitalter offenbar weder von Männlein noch Weiblein genauer klassifiziert werden konnte.

Für Komödien- und Spülbürsten-Liebhaber

Im Münchner Cuvilliéstheater, wo Ruhls "Nebenan – The Vibrator Play" seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte, sieht der Damenvibrator aus wie ein Föhn, in dessen Öffnung jemand ein Spülbürstchen gesteckt hat. Ein Staubwedel- statt des Bürstenaufsatzes tut's aber scheinbar auch. Jedenfalls nimmt ihn Givings zur Hand, als er endlich – und widerstrebend – seine Frau behandelt, der es bei all den seltsamen Geräuschen aus dem Nebenzimmer nach mehr verlangt als dem spitzlippigen Küsschen auf dem Weg "zum Club".

Den Männervibrator hingegen gibt es nur als schlagbohrerähnliches Anhängsel eines Geräts, das ausschaut wie eine Kreuzung aus Spinn- und Sport-Rad. So viel zum wichtigsten Werkzeug des Abends, den man mit seiner sehr amerikanischen prüden Form der Sexbesessenheit guten Gewissens Liebhabern der Komödie (etwa "am Kudamm" oder "im Bayerischen Hof") ans Herz legen kann. Die allerdings würden sich vermutlich wundern, warum fast jeder in der Geschichte mal zum Mikrofon greift und inbrünstig lossingt, alles Musikalische aber sehr bald einen Interruptus erleidet.

In der Praxis des Orgasmusdoktors

Als verhindertes Musical hat Barbara Weber das Stück inszeniert, in dem sechs Menschen mit kastrierten Emotionen aufeinander treffen. Und auf die schwarze Amme der Givings, die zwar ein Kind verloren hat, aber sonst mit sich und all ihren Gefühlen im Reinen scheint. (Die Stelle, an der sie mit Gott deswegen hadert, wurde gestrichen.) Ort der Handlung ist die Praxis des Orgasmusdoktors, die Janina Audick als weißes Rund in die rechte Bühnenhälfte gerückt hat. Der Rest ist Privatraum, in dem Mrs. Givings zwischen dem Baby, das sie nicht säugen, und dem Klavier, das sie nicht spielen kann, unruhig herumtigert.nebenan1 560 matthias horn uHanna Scheibe und Carolin Conrad in der Vibrator-Praxis © Matthias Horn

Mehr als ein spektakuläres Kleid gegen das nächste zu tauschen und den Ausführungen des Gatten zu den Segnungen der Elektrizität aus dem Weg zu gehen, hat diese Frau nicht zu tun, die Hanna Scheibe von Anfang an als exaltierte Dampfplaudertasche mit erregt herumrudernden Armen spielt, so dass es für sie im Laufe des Abends kaum Steigerungsmöglichkeiten gibt. Raffinierter angelegt ist da die Rolle der angeblich so schwachen Sabrina Daldry, mit der Carolin Conrad sich die Vibrator-Behandlung zu erschleichen scheint, so spitzbübisch lächelt sie zu Beginn aus ihrem Rehkitzgesicht, so lässig dahingesagt wirkt ihr wirrer Diskurs über Geister in grünen Vorhängen, vor denen sie nun kapituliert.

Nuancen im Nicht-Bedeutsamen

Bedürftigkeit ist das Thema des Stückes, und sie wird, nimmt man die Intensität des Stöhnens als Maß, besser gestillt, wenn der Behandelnde manuell zu Werke geht. Annie (Katharina Pichler) macht es bei Mrs. Daldry so gut, dass sich hier sogar eine kleine Liebesgeschichte anbahnt. Während die weiblichen Daldries und Givings es gemeinsam zu einer nur gymnastisch verwegenen Mal-bei-dir-und-mal-bei-dir-Slapstick-Nummer bringen.

Und die Männer? – Sind nicht wirklich so bedeutsam an diesem nicht wirklich bedeutsamen Abend. Lediglich der verklemmte Herr Doktor durchlebt bei Norman Hacker einige interessante Phasen. Wenn er etwa bei der Behandlung mit verbissenem Gesicht auf die Uhr schaut oder dabei Fragen stellt wie "Ist die Natur eine Katze und wenn ja, wer streichelt sie?" Wenn er seine Eifersucht mit zusammengebissenen Zähnen intellektualisiert und seine Liebe zu artikulieren lernt, indem er die einzelnen Körperteile seiner Frau zunächst mit ihren wissenschaftlichen Namen "preist", kommen endlich schauspielerische Nuancen in diesen Abend, der irgendwie zu behaupten scheint, dass auf dem Umweg über die Wissenschaft das sexuelle Empfinden in die Welt kam. Wer's glaubt ...

 

Nebenan – The Vibrator Play
von Sarah Ruhl
Aus dem Englischen von Ursula Grützmacher-Tabori
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Barbara Weber, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Tabea Braun, Musik: Arvild Baud, Licht: Tobias Löffler, Video: Meike Ebert, Dramaturgie: Aenne Quinones.
Mit: Miguel Abrantes Ostrowski, Thelma Buabeng, Carolin Conrad, Norman Hacker, Jörg Lichtenstein, Katharina Pichler und Hanna Scheibe.

www.residenztheater.de

 

Alles über Barbara Weber auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite des Deutschlandfunks (27.2.2012) schreibt Rosemarie Bölts: Regisseurin Barbara Weber habe versucht, der "hysterischen Misere" durch "Musical-Einlagen" Leichtigkeit zu verschaffen. "Aber selbst wenn sie das ganze Stück als Musical inszeniert hätte, hätte das nichts genützt. Die Klischees sind so platt, die Schauspieler so slapstickmäßig, die Inszenierung so holzschnittartig, dass man sich fortwährend (...) bei Heidi Kabel auf den Brettern des Hamburger Ohnesorg-Theaters [wähnt], mit derselben kathartischen Lachsalvenwirkung -nur, dass dann doch, auf Staatstheaterniveau."

Als "amüsant und schön altmodisch" beschreibt Michael Stadler den Abend in der Münchner Abendzeitung (28.2.2012), der das Stück nichts destotrotz etwas unentschlossen von Szene zu Szene "eiern" sieht. Diesem "Schlingerkurs" folge auch Barbara Webers Inszenierung, deren Sprengung der zeitlichen Verortung des Abends durch Musikeinlagen ihm ebenfalls nicht ganz schlüssig scheint. Das Bühnenbild sei exquisit weiß. Die Orgasmen, die Dr. Givings mit Hilfe seiner Assistentin und des Vibrators unter einem sichtverwehrenden Kasten herauskitzele, werden zur Freude des Kritikers "nicht als klamaukige Einlagen, sondern dezent-frivole „Ah-oh-aha"-Effekte inszeniert. Das digitale Pornozeitalter ist hier herrlich weit weg, es regiert heitere Unschuld auf der Bühne, während das Leiden der Bürger am unerfüllten Eheleben bemerkenswert nah ist."

"Eine Enttäuschung", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (28.2.2012), aus deren Sicht der Abend ein "Koitus Interruptus" ist, "der zur Verhütung der Theaterlust beiträgt." Bereits Sarah Ruhls Stück erscheint der Kritikerin als "ein in seiner bedeckten Komik und gebremsten Geschlechtlichkeit sehr amerikanisches, kein bisschen auf- oder erregendes Stück, gebrauchsfreundlich geschrieben für ein aufgeklärtes Broadway-Publikum, das sich nicht unter Niveau amüsieren, aber auch nicht über Unverschämtheiten echauffieren will." Bei Sarah Ruhl dürfe auch der "Klemmi" lachen, ohne zu erröten, "und wer dachte, es ginge letztlich um den G-Punkt der Emanzipation", der sehe sich enttäuscht. Auch Barbara Webers deutschsprachige Erstaufführung strapazierte die Bauchmuskulatur und Gehirnwindungen der Zuschauer Dössels Einschätzung zufolge nur mäßig, "von den erogenen Zonen ganz zu schweigen". Auch schauspielerisch fehlt der Kritikerin der Kitzel.

Der Text gehe tiefer, als Weber trotz ihres Hangs zur szenischen Überdeutlichkeit zeige, schreibt Michael Schleicher im Münchner Merkur (28.2.2012). Doch zur Geschichte der Emanzipation, "des Schritts der Frauen heraus aus der männlichen Bevormundung durch das Entdecken ihrer eigenen Sexualität" dringt Barbara Webers "kracherte" Inszenierung aus seiner Sicht "zwischen all den affektierten Lustschreien aber kaum durch. Die Regisseurin konzentrierte sich auf: Mmmh. Aaaah. Ooooh – stöhn mir das Lied vom kleinen Tod. Schade." Am meisten beeindrucken den Kritiker Carolin Conrad als Patientin und Thelma Buabeng, "die als schwarze Amme gesellschaftlich in den USA um 1880 zwar zur Unterschicht gehört, doch das meiste über Frauen weiß. Diese beiden Schauspielerinnen können ihre Figuren am besten vor dem kracherten Stil der Inszenierung schützen. Ihnen gehören die raren Momente der Reflexion. Ein paar mehr von diesen – und der Abend wäre richtig gut geworden."

 

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