Was Macht macht

von Lena Schneider

Wien 17. November 2007. Der Despot Henry (Wolfgang Michael) bringt schon zu Anfang ganz trefflich auf den Punkt, was ihn erwartet. "Es wird ein grauenvoller Tag". Seine drei Söhne, gewissermaßen die Facetten des heranziehenden Grauens, sitzen, als er das sagt, bereits auf der plüschigen Wartebank: Richard (Markus Meyer), der ehrgeizige Älteste, Geoffrey (Philipp Hauß), das unscheinbar gewiefte Mittelkind mit Elvis-Tolle und John (Sven Dolinski), der trottelige Jüngste, das "große Familien-Nichts" und Liebling des Vaters.

Alle drei lechzen nach dem Erbe des Alten, buhlen um seine Aufmerksamkeit und werfen einander vernichtende Blicke zu. "Ein gieriges kleines Dreigestell" nennt sie Mutter Eleanor (wunderbar sphinxisch bezirzend: Sylvie Roher) – dabei ist sie eigentlich das vierte, entscheidende Rad im Verschwörungskarren. Seitdem der Alte sich lieber seiner jugendlichen Mätresse widmet und die lästige Gattin auf eine Insel verbannte, sinnt auch sie auf Rache. Und nun soll ausgerechnet das höchste aller Familienfeste zusammen verbracht werden. 

Kohle statt Krone 

Weihnachten 1187. Der amerikanische Dramatiker und Drehbuchautor James Goldman hat "Der Löwe im Winter" als Historienstück mit verbürgter Prominenz der englischen Geschichte als Protagonisten geschrieben. Mit Richard Löwenherz zum Beispiel. In seiner Inszenierung am Burgtheater transportiert der polnische Regisseur Grzegorz Jarzyna die Geschichte ins 21. Jahrhundert. Viel Verschiebung ist dabei nicht vonnöten: Henry ist nicht König, sondern Besitzer eines Finanzimperiums, sein Erbe nicht Krone, sondern schlicht Kohle.

Das Thema bleibt das Gleiche: Der Hunger nach Macht im Streit mit dem Hunger nach Liebe. Jede einzelne von Jarzynas Gestalten schwankt zwischen dem Kampf für das eine und das andere und keiner hat genug von irgendwas. Ausnahme hier ist der in die Jahre gekommene Henry, der immerhin von sich selber sagt, er sei der mächtigste Mann, den er kenne. Er, der im Winter seines Lebens angekommene Löwe, hat zwar noch Spaß daran, seine Söhne mit Wankelmut und Willkür ein bisschen zu quälen, will aber eigentlich lieber gekrault werden.

Lust am gediegenen Schwulst

Erst als die Verschwörungen zu toll werden, wird er noch einmal zum wilden Tier, lässt die Krallen sehen und darf das Burgtheater übers Mikroport geradezu erschütternd stimmmächtig zusammenbrüllen. Die Figuren in "Der Löwe im Winter" sind allerdings nicht wilde Bestien, sondern eher Käfigtiere. Sie haben zwar animalische Gelüste, ersticken aber zugleich an ihrer Gezähmtheit. Sie verraten einander ihre Wünsche nicht, sondern belauern und umschleichen sich, als würden sie auf den richtigen Moment zum Angriff warten. Jeder für sich.

Jarzyna inszeniert das Stück, das immerhin als Komödie gilt, schwermütig und bedeutungsschwanger, mit offensichtlicher Lust an gediegenem Schwulst. Das funktioniert vor allem deshalb, weil er seine Lust am Fast-Zuviel konsequent durchhält und gekonnt dosiert. In den ersten Minuten des Stücks schon gehört die Bühne dem Pianisten (Leszek Mozdzer), der in aller Länge eine schwelgende Melodie zum Besten gibt; später wird er so immer wieder düster melancholisch Stimmung machen. Überhaupt ist fast der ganze Abend mit einem Soundtrack unterlegt.

Soap mit Tragödien-Zugabe 

In der irgendwo zwischen Nobel-Clubraum und Edel-Lobby angesiedelten Bühne aus spiegelnden Glasflächen (Magda Maciejewska) und zusammen mit Mikroports und Kostümen (seidige Kleider, Klunker und hohe Hacken für die Frauen, schwarze Anzüge und weiße Hemden für die Männer) verbreitet das eine Art Edel-Soap-Ambiente. Denver-Clan mit theatraler Tragödien-Zugabe. Und Burgtheater-Besetzung, versteht sich. Zudem ist der Text randvoll mit einprägsamen, lässigen Dialogen (John: "Willst du mich verraten?" – Geoffrey: "Hab ich schon.")

Jarzyna nimmt die würzige Sprache, die elegante Stimmungsmache und das spielerischen Pathos des Mainstreamkinos auf, ohne jedoch je offensichtlich zu überziehen. Mit der mystischen Schwere seiner Inszenierung schafft er es, dass Klischee-Sätze wie "Ich wollte immer nur dich!" wieder wichtig klingen. Dass das vor allem im zweiten Teil vom köstlich Überladenen mitunter ins allzu Schwülstige kippt, kann dabei als Kollateralschaden durchgehen.

Und obwohl oder gerade weil es Jarzyna um große Gefühle geht, ist es ihm bei aller Bedeutsamkeit zum Glück nicht immer nur ernst. Am Ende klärt ein Abspann in sanfter Ironie über den weiteren Werdegang der Protagonisten auf, ganz wie im Kino. "Henry starb verlassen von seinen Söhnen 1189".

 

Der Löwe im Winter
von James Goldmann
Inszenierung: Grzegorz Jarzyna, Ausstattung: Magda Maciejewska.
Mit: Wolfgang Michael, Sylvie Rohrer, Marcus Meyer, Philipp Hauß, Sven Dolinski, Katarzyna Warnke und Tomasz Tyndyk.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Martin Lhotzky, er schreibt in der FAZ (21.11.2007), hatte anders als seine KollegInnen den Eindruck, Regisseur Jarzyna hätte sich aus "nicht ganz verständlichen Gründen" nicht "entscheiden können oder wollen, ob er "ein historisches Drama oder eine moderne Geschichte erzählt". Den Abend beherrsche Wolfgang Michael als König im Zusammenspiel mit Sylvie Rohrer als seiner Königin. Er schreite nicht, er gleite, das feine Gehabe gehe ihm in Fleisch und Blut über, wenn er wie ein Löwe brülle, sei das schon zu viel des Guten. Derweil Rohrer "wie ein Kätzchen" schnurre und "drastisch" einen Sohn verführe. Hätte die Inszenierung auf die nervende Musik verzichtet, "wäre dies seit längerer Zeit einer der besten Abende im Burgtheater gewesen".

Stefan Hilpold, Wiener Kulturkorrespondent der Frankfurter Rundschau, schreibt am 20. November 2007: Die Figuren von Goldmans Möchtegern-Shakespeare verheutigt als "Player in einer durch und durch ökonomisierten Welt", das habe Grzegorz Jarzyna interessiert. Seine Inszenierung sei dann am besten, "wenn er den Zynismus dieser Familienbande ins Scheinwerferlicht stellt", wenn "das System aus Schlag und Gegenschlag immer schneller wird, bis die Protagonisten keine Luft mehr kriegen". Dann funktioniere die Inszenierung "wie ein Thriller", samt Musik und Licht. Und sie "stürzt ab, wenn sie erklärende Psychogramme der einzelnen Figuren liefern will". Das geriete "triefend und banal: Telenovela statt König Lear".

Am Ende des "dreistündigen Machtgeplänkels mit scheinbar wechselnden Allianzen" sei alles wie zuvor, hat Cornelia Niedermeier im Standard (19.11.2007) festgestellt: Die Inszenierung hinterlasse dank der "nervenbesänftigenden Grundtönung" ein "wohltemperiertes Gefühl der Entspannung im Zuschauer.": "Es schläft sich gut nach einem solchen Abend." Und auch ein wenig schon währenddessen. "Sanft branden die folgenlosen Wortspiele gegen die Ohrmuschel, Wolfgang Michaels grausträhnig gemähnte Salonkatze löwt samtpfotig durch die Halle, nölt, schnurrt und brüllt, dominiert mühelos den Rest der Abendrunde." Es gilt die Devise: "Treiben lassen", "später schlafen. Nichts weiter."

Hilde Haider-Pregler berichtet in der Wiener Zeitung (19.11.2007), Grzegorz Jarzyna habe die Handlung "radikal ins 21. Jahrhundert transponiert": Es ist, als kämen die Figuren "geradewegs aus einer TV-Serie". Letztlich wolle der Regisseur aber "aufdecken", dass die Figuren Menschen seien, "letztendlich ihre Unfähigkeit kompensieren, wirklich zu lieben und geliebt zu werden". "Für diese hoch gesteckte Lesart" fehle es der Spielfassung allerdings an "Substanz". So sehe man ein zwar "fraglos perfekt inszeniertes" Melodrama,  das aber "trotz intensivstem Einsatz der Darsteller immer weniger Interesse zu wecken vermag".

Für Barbara Petsch (Die Presse, 19.11.2007) geht es in der Spielfassung des Abends dagegen um "West und Ost", womit bewiesen sei, dass Jarzyna sein "Erfolgsrezept mit modernisierten Klassiker-Stoffen" fortsetze. Doch leider lasse sich die Vorlage nicht modernisieren, weil sich deren Figuren "wie auf Schnüren gezogen auf Pfaden (bewegen), die Freud vorgezeichnet hat – und die unweigerlich im "Dynasty" & "Dallas"-Nirwana enden". So komme es über weite Strecken "allzu sehr, wie es kommen muss". Immer, wenn Gefühle im Spiel seien, arrangiere der Regisseur "effektvolle pathetische Sequenzen, die freilich ein wenig artifiziell wirken". Dafür entschädige das "furiose Finale" für "manch boulevardeskes Geschwätz davor".

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