Die nackte Wahrheit mit Blaskapelle

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 1. Juni 2013. Im medialen Feinkostladen ist die ganze Wahrheit wohl nicht im Stück zu haben. Eher nur scheibchenweise und möglicherweise appetitlich vakuumverschweißt, was sie attraktiver, aber nicht unverdächtiger macht. Da sitzen wir also in der Halle E des Wiener Museumsquartiers, auf zwei gegenüberliegenden Zuschauertribünen, und haben zwischen uns eine messehallenartige Versuchsanordnung, audiovisuell aufgemotzt bis zum Gehtnichtmehr.

Viele Verkaufsstände der Wahrheit, wie es aussieht. Jeweils kleine Arbeitsplätze, wo nach Bedarf an der Wahrheit geschnipselt und gedreht werden kann. Je drei Schauspielerinnen und Schauspieler und zahlloses Hilfspersonal sind am Werk, um uns – gespeist mit Tagesaktualitäten aus Zeitungen und der Tagesschau (die in Österreich ZiB2 heißt) – das Wahre und Richtige, das Wichtige und Verzichtbare auf unterschiedlichste Weise vor Augen zu führen oder um die Ohren zu knallen.

Wo die TV-Märchentante spricht

Auch die eigenartigsten Meldungen haben Charme, wenn sie von einer TV-Märchentante verlesen werden ("...und morgen lese ich weiter an dieser schönen Geschichte"). Und das Unnötigste und Unwahrscheinlichste bekommt Gewicht, wenn es eingebettet ist in Meldungen von Straßenschlachten in Istanbul oder weiteren Toten in Syrien.

kommunederwahrheit2 560 arminbardel uIm Dschungel der Tagesaktualität: Nicolas Stemanns und seine "Wirklichkeitsmaschine" des Hamburger Thalia Theaters bei den Wiener Festwochen. © Armin Bardel

Hier stimmt ein Barde eine Fußball-Story an wie ein Rezitativ aus einer italienischen Oper. Dort wird eine Meldungs-Nichtigkeit eingeleitet von einem Trompetensignal. Über "die Märkte" wird im Stil von Infotainment palavert. Ein prominenter österreichischer Nachrichtensprecher berichtet von der Abschaffung der Wahrheit und davon, dass nun Zeit sei, "sich nach Alternativen umzuschauen": Da wird also des Langen und des Breiten in Dutzenden Formaten, die gemeinhin für die News-Verbreitung herhalten müssen (oder für deren bekömmliche Häppchen-Aufbereitung entwickelt worden sind) die nackte Wahrheit durchgespielt: ernsthaft oder parodistisch, naiv-aufrichtig oder plakativ-sarkastisch. Leider immer mehr schau-barock und nur selten hinterfotzig. Tiefgründig eigentlich überhaupt nie und aufrüttelnd schon gar nicht.

Ambitioniertes Schultheater

In Nicolas Stemanns "Kommune der Wahrheit" basteln also ein Regisseur und sein Riesenteam aus Schauspielern, Technikern, Komparsen in einem Theater-Ameisenhaufen mit viel Auslauffläche an den Tages-News. Worauf sie nicht alles kommen! Dass nicht jede Meldung gleich viel wert ist, ist ihnen aufgefallen. Oder dass Dinge, die uns nachhaltig bewegen sollten, sich gegenseitig entwerten. Solche Dinge sollten wir freilich schon in der Schule mitgekriegt haben, und so wirkt die Sache über weite Strecken eben wie sehr ambitioniertes Schultheater. Aber freilich: So viel Bühnentechnik kann man sich dort nicht leisten, und auch keine Blaskapelle, die einmarschiert und an einem Punkt höchster Verwirrung durch Nachrichtenüberflutung für weitere Konfusion sorgt.

Selten, ganz selten, blitzen Optionen auf, wie man hintergründiger ans Thema rangehen könnte: Da tiriliert eine Dame von "Fantasiepreisen fürs Schweinefleisch" und gerät singend in Gustav Mahlers Lied "Ich bin gestorben im Weltgetümmel", zerfledderte Zeitungen trägt sie wie Engelsflügel: Ja, aus solchen Partikeln könnte man einen Abend bauen, der echten Denk-Stoff und womöglich Poesie vermittelt und nicht bloß mit aneinandergefügten Banalitäten langweilt.

Wahrheitsfindung analog

Absonderlich in dieser so kunterbunten wie trivialen Wahrheits-Welt: Das Internet kommt als Thema gar nicht vor. Könnte es sein, dass Nicolas Stemann das Leitmedium der Gegenwart vergessen hat? Oder sich gerade darauf nicht einlassen wollte? Wikileaks war für die gesamte Gruppe, die sich so übereifrig in Sachen Wahrheits-Hinterfragung geriert, überhaupt kein Thema. So kommt es, dass dieses Theaterspektakel unglaublich alt aussieht.

kommunederwahrheit1 280 arminbardel uRegisseur Nicolas Stemann © Armin BardelDas Publikum ist auch aufgefordert, Kommentare abzugeben. Analog. Unter jedem Sitz liegt ein Karteikärtchen, auf das man schreiben darf. Einige werden dann eingesammelt und vorgelesen, ohne dass das irgendeinen spürbaren Einfluss auf den zähflüssigen Gang der Dinge hat. Da sitzt das Bühnen-Trüppchen bei einem imaginären Lagerfeuer, sie singen "Ich will einfach nur glücklich sein" und es entwickelt sich eine knochentrockene Gesprächsrunde zwischen dem Regisseur, seinem Dramaturgen Carl Hegemann und zwei Gästen. Dagegen wirkt jeder mitternächtliche TV-Polit-Talk übersprudelnd vor Leben.

Die Tour der Hobbyphilosophen

Schwer zu sagen, ob anämische Gedankenarmut oder gruppendynamische Gedankenüberflutung diesen zum Gähnen langweiligen Abend bei den Wiener Festwochen beschert haben. Als hemdsärmelige, aber nicht uneitle Hobbyphilosophen haben sich Stemann & Co. damit nachdrücklich abschreckend positioniert. Im Herbst geht's mit der "Kommune der Wahrheit" weiter im Hamburger Thalia Theater, und dann soll sogar ein Buch über dieses angeblich so intensive Gruppentheaterereignis erscheinen.

Nicolas Stemann hat sich ein paar Mal als Moderator eingebracht, und am Ende wurde das Publikum eingeladen, doch gleich an den nächsten Abenden wieder zu kommen. Neue News, also ganz neue Improvisationen und Metamorphosen der Wahrheit? Eine ganze Reihe von Bühnen-Installationen ist am Uraufführungsabend tatsächlich ungenutzt geblieben. Da gibt es wohl noch Show-Potential. Ob diese theatrale Wirklichkeitsmaschine, die angeworfen wurde und vernehmlich stotterte, doch noch ins Laufen kommt?


Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine
Nachrichtentheater von Nicolas Stemann
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Anika Marquardt, Lani Tran-Duc, Nicolas Stemann, Kostüme: Marysol del Castillo, Video: Claudia Lehmann.
Mit: Franziska Hartmann, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Jörg Pohl, Sebastian Rudolph, Birte Schnöink, Miriam Fontaine, Magdalena Hiller, Elisabeth Kanettis, Susanna Kratsch, Mariano Margarit, Birgit Unger, Verena Uyka, Fabiola Varga, Werner Weissgram, Florence Weissgram, Post und Telekom Musik Wien (Leitung: Christian Schranz).
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.festwochen.at
www.thalia-theater.de


Mehr Nachrichtentheater: Das Dokumentarkunstkollektiv Rimini Protokoll inszenierte 2008 Breaking News.


Kritikenrundschau

Äußerst einfallslos findet Martin Lhotzky das Projekt des "Inszenierungswitzbolds" Stemann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.6.2013) und verlässt sich drauf, dass seine mokante Beschreibung des ganzen dieses Urteil genügend unterfüttert. Fast bis zum Schluss, wo er es als "das bislang verzichtbarste Projekt dieser Festwochen" beschreibt: "Selbst die tatsächlich ausgeführten zwei Stunden waren zu viel, das Publikum hat schon lange davor in Scharen die Flucht ergriffen."

"Es wird bräsig dahergeschwatzt, ein Sujet um Längen verfehlt, zu dem das mögliche Gegenmedium namens Theater ja wirklich auch Kluges hätte sagen können", schreibt Paul Jandl in der Welt (3.6.2013). Oft sei es ja nur die Darreichungsform, die uns das Gesagte für wichtig und wahr halten lasse. "Also werden bei Stemann die News zur Gitarre gesungen oder ins Publikum gebrüllt, es wird aus simulierten Nachrichtenstudios berichtet, mit Perücke und ohne. Aus dem Fernseher heraus beschimpfen die Sprecher ihre Klientel vor dem Schirm, diese wirft jenem Popcorn ins Haar, was eines der harmlosen Witzchen ergibt, mit denen das Stück die Macht der Medien ironisch brechen will." Diese Kritik am medialen Overkill sei ein Selbstläufer. "Niemand wird der These widersprechen, dass in der Allgegenwart von Nachrichten die Wirklichkeit nicht sichtbarer wird, sondern dass sie verschwindet." Das Stück verliere sich im endlosen Double Bind, und weil es über die zwei Stunden seiner Dauer vor allem damit beschäftigt sei, die Lage abzubilden, werde die Blässe der eigenen Gedanken mit den Gedanken anderer überschminkt.

"120 Stunden hat sich Nicolas Stemann mit seinem Ensemble eingeschlossen, um das Phänomen Medien zu erkunden: Die Akteure wirkten erschöpft", bilanziert Barbara Petsch in Die Presse (3.6.2013). Viel sei fürs Erste bei diesem Experiment nicht herausgekommen. "Die Idee ist nicht neu: Theater als Schutzraum gegen die Welt." Der Performance fehle es schlicht an Substanz. Die zur Schau getragene Kurzweil könne das nicht verbergen. "Die bildnerische Originalität hält sich in Grenzen, inhaltlich gibt es viele Binsenweisheiten." Die Magie der Medien, die sich die vergangenen 100 Jahre enorm verändert haben, werde kaum erforscht. "Wir wollen Stemann-Fans bleiben. Aber diesmal fällt es wirklich nicht leicht."

"Was ist eine Nachricht, und wie können wir heute mündige Konsumenten derselben sein?" So ganz finde der Abend aus der Binsenweisheit-Ebene nicht heraus, schreibt Margarete Affenzeller in Der Standard (3.6.2013). Der Erkenntniswert bleibe gering, doch das Zweistundenspektakel unterhalte gut. Das liege an den vorzüglichen Schauspielern des mit den Festwochen koproduzierenden Thalia-Theaters sowie dem "grundsympathischen Modus des Abends". Stemann aber "war schon besser".

Die "Metaebene" spiele "an diesem Abend, logisch, eine Hauptrolle", berichtet Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (4.6.2013). "Dass man das, was die Medien als Realität vermitteln, nicht mit der Wirklichkeit verwechseln darf, wissen alle Beteiligten natürlich. Um das Thema trotzdem auf die Bühne zu bringen, muss sich das Theater an diesem Abend dümmer stellen, als es ist. Ein charmanter, aber auch durchschaubarer Trick." Stemann habe mit seinen Jelinek-Arbeiten bewiesen, dass "man auch ohne Stücke tolles Theater machen kann. Aber dazu braucht's dann halt doch so etwas wie Jelineks Textflächen." Das Fazit über diesen Abend lautet eher ernüchtert: "Nicht nur das Nachrichtenbusiness, auch das Theater ist eine Wirklichkeitsmaschine. Nur leider ist umgekehrt die Wirklichkeit keine Theatermaschine."

Ein Thalia Theater "im Ausnahmezustand" hat Annette Stiekele vom Hamburger Abendblatt (16.9.2013) anlässlich des Umzugs der Stemann-Produktion aus Wien ans Hamburger Thalia erlebt. Auf den Spuren Brechts suche Stemann in seiner "radikal neue Wege des Erkenntnisfortschritts". "Viel Gehirnschmalz" sei in diese "gigantische Installation eingeflossen, aber die Vielfalt simultaner Schauplätze" bleibe unübersichtlich. In der knappen Stunde Begehungszeit werde trotz "origineller Module" und "charmanter Aktionen" eine "Tiefenbohrung für den Besucher kaum möglich". "Mit den Mitteln der Parodie, manchmal plakativ, manchmal ein wenig naiv, werden hier Wahrheiten durchgespielt, das hat vor allem Unterhaltungswert. Eher heiße Luft dringt dagegen aus dem zum Theorieraum umfunktionierten Teeraum des Hauses". Am Ende bleibe zu begrüßen, dass Stemann Theater "nicht nur als bürgerliche Erbauungstankstelle, sondern als Denkort begreift und das Theater ihm zu diesem Experiment den Raum überlässt."

 
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