Sorry, falsch ausgesagt!

von Bernd Blaschke

Trier, 21. Juni 2013. "Aber sicher!" heißt der Theateressay, den Elfriede Jelinek jüngst auf ihrer Homepage für alle nachlesbar publizierte. Das Bremer Theater hat ihn im März 2013 uraufgeführt. Der Text entstand aus Abfall und Nachträgen ihres Finanzkrisen-Erfolgsstücks "Die Kontrakte des Kaufmanns".

Der Auftakt vor dem Eingang zum Trierer Studio setzt deutliche Zeichen: Protestplakate gegen Banken und Reiche hängen am Kellergeländer. Ein Bettler-Schauspieler ruft antikapitalistische Parolen. Beim Betreten des Kellertheaters muss der Zuschauer über zwei Schauspielerinnen, die auf Aktenbergen liegen, hinweg schreiten. Auf der Spielfläche steht als Bühnenbild ein Rohrsystem, das in einem tropfenden Wasserhahn endet. Aus den Wänden hängen Kabel. Im Laufe des Stückes flackert das Licht wiederholt, und es zischt bedrohlich. Die Bühnenzeichen deuten auf eine Situation nach einem Zusammenbruch; die Infrastruktur scheint marode, die Menschen am Boden. Es erklingt ein barocker Klagegesang: Herr, aus der Tiefe rufe ich Dich.

Ich verstehe nichts davon, gebt mir einen Rettungsschirm!

Doch schon bald wird Jan Brunhoeber, der für weite Strecken einen Banker oder gleich eine ganze, systemrelevante Großbank verkörpern soll, wiederauferstehen – nachdem er die Hosen runterlassen musste und ohnmächtig niedersank. Er wird mit einem Schwimmpuffer als Rettungsschirm ausgestattet und als saniert gefeiert. Gleich darf er wieder laut und viril das unsichere Geschäft von Banken, Versicherungen und abhängigen Staaten bejubeln oder bejammern.abersicher1 560 marco piecuch uDas personifizierte Kapital flüchtet sich unter den Rettungsschirm © Marco Piecuch

Doch die eigentliche Pointe erschließt sich vom Ende her. Denn dies inszeniert den auktorialen Offenbarungseid der Nobelpreisträgerin, die sich mit ihren Texten seit Jahrzehnten nicht nur an Österreich, am Faschismus und Sexismus abarbeitet, sondern eben auch am vermeintlich untergangsgeweihten Kapitalismus. Zwar lautete auch schon der erste Satz der Bankerfigur im neuen Stück: "Bin selber fremd dieser Sache, verstehe nichts davon, bin erst später gekommen, ein Fremder in dieser Stadt". Doch nähert sich dies Eingeständnis des Nichtwissens über erhabene Finanzabgründe und Rettungsmirakel am Stückende einer Art Selbstkritik der Autorin Jelinek.

"Ich habe falsch eingeschätzt und falsch ausgesagt", verkündet da der wandlungsfähige Matthias Stockinger, der anfangs die blinde Seher-Figur spielte und sich am Schluss mit einem Jelinek-Foto auf dem T-Shirt als die österreichische Kassandra entpuppt. Dieses persönlich parekbatische Auftreten der Autorin in ihren Texten und deren Inszenierungen ist in den letzten Jahren ein selbstreflexiver running gag geworden. Freilich waren Jelineks Selbstbezichtigungen und Entschuldigungsbitten selten so ernst zu nehmen und nur so ungewiss ironisch gebrochen wie in "Aber sicher!".

Wenn Versicherungen schon nicht sicher sind, posieren sie wenigstens

Judith Kriebel, die junge doch schon mit zahlreichen Berliner, Trierer und Kölner Produktionen hervorgetretene Regisseurin, hat diesen Text für Trier gemeinsam mit Sylvia Martin umsichtig zusammengestrichen. Und sie hat, was das Wichtigste ist für die ohne Figurenzuweisungen daherflutenden Textflächen Jelineks, eine plausible Rollenzuordnung getroffen. Zudem wurden für das Publikum nachvollziehbare thematische rote Fäden gezogen: Schuld und Schulden, der Zusammenbruch einer Kommune durch unverstandene Cross-Boarder Leasing-Geschäfte, Versicherungen, die im Ernstfall auch nicht sicher sind, und Banken, die den Staat verachten und verhöhnen, um dann, wenn sie sich über den Abgrund verspekuliert haben, nach Rettungsschirmen schreien.

Der Schluss des Abends erinnert an Stemanns Inszenierung der "Kontrakte des Kaufmanns", wenn Matthias Stockinger als Conferencier und Jelinek-Persona die Schauspieler vorstellt und dabei zugleich deren Rollen benennt, die als Personifikationen in Jelineks Riesensuada eben nicht in solcher Klarheit zu finden sind. Christian Miedreich spielt da mit großem komödiantischen Talent "den Staat", Vanessa Daun und Sabine Brandauer verkörpern die Versicherungen, die in "Aber sicher!" natürlich keinerlei Sicherheit bieten, wohl aber verführerisch posieren können und durch perfekt sitzende chorische Deklamationen beeindruckten. Daniel Kröhnert gibt jugendlich sportlich einen "Boten", der über die Wunder der Finanzwelt staunt, die von Jan Brunhoeber als "Bank" häufig übermäßig chargierend zwischen Brüllen und Jammern gegeben wird.

Alles ist im Fluss: Geld und Exkremente

Kriebels Zugriff auf das Textkonvolut hält den thematisch nur locker assoziierten Mittelteil über eine Fettwachsleiche aus dem Landwehrkanal, die Rosa Luxemburg gewesen sein könnte, aber wohl nicht war, zu Recht kurz. Sie lässt dieses verunsicherte Versicherungsdrama in der Schwebe zwischen den deutlichen Protestgesten des Anfangs und den offenen Fragen und Ungewissheiten des Endes. In der Hauptsache dreht sich diese schwarze Komödie um Geld- und Exkrementströme; um meist unsichtbare, unbegreifbare Kanäle, die samt Stadt- und Klärwerken aus steuerlichen Gründen ins Ausland verkauft und zurückgemietet wurden.

Gelegentlich stören in der Intimität des Kellersaals die abrupten Wechsel zwischen pathetischen Sprechweisen, Kichern und hysterischen Ausbrüchen. Zwar leidet gewiss auch der Kapitalismus im Allgemeinen und das Börsen- und Finanzmilieu im Besonderen unter solch heftigen Stimmungsschwankungen zwischen Euphorie und Depression. Doch käme man den ernsten Spuren im wie immer eifrig kalauernden Jelinek-Text vielleicht noch näher, wenn in der Bühnenumsetzung mal eine Stimmungslage etwas länger und gründlicher durchgehalten würde.

Insgesamt gelingt dem gerade von Struktur- und Spardebatten bedrohten Trierer Stadttheater mit dieser Produktion im Rahmen der 4. Auflage seines klug kuratierten Festivals des Gegenwartstheaters eine sehenswerte Aufführung. Jelineks Thema ist für die (relativ) arme Stadt Trier im Umland der Finanz- und Steueroase Luxemburg unbedingt relevant.

 

Aber sicher!
von Elfriede Jelinek
Regie: Judith Kriebel, Bühne: Susanne Weibler, Kostüme: Carola Vollath, Dramaturgie: Sylvia Martin.
Mit: Sabine Brandauer, Vanessa Daun, Jan Brunhoeber, Daniel Kröhnert, Christian Miedreich, Matthias Stockinger.
Dauer: 1 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.theater-trier.de

 

Das Theater Trier kämpft derzeit mit einer Petition gegen drohende Einsparungen.

 

Kritikenrundschau

"Genau das Richtige für einen Sommerabend," schreibt Eva-Maria Reuther vom Trierer Volksfreund (24. 6. 2013). Obwohl einem ganz schwindelig werden könne, von Jelineks Wirtschaftslogik. "Macht aber nichts, und verstehen muss man das Ganze auch nicht unbedingt. Dafür hat man jede Menge Spaß, durchaus auch Einsichten, bei Judith Kriebels flotter, temporeicher Inszenierung (Dramaturgie Sylvia Martin), die allerdings sensibel genug ist, dass einem immer wieder das Lachen im Hals steckenbleibt."

Anstrengend findet Christian Jöricke vom Trierer Onlineportal 16 Vor (24. 6. 2013) Stück und Inszenierung. Zu diesem Eindruck tragen "sich schnell abnutzende Stilmitel der Regisseurin" ebenso bei, wie "das Spiel der Autorin mit buchstäblicher und übertragener Bedeutung von Wörtern". Der Zuschauer werde nicht nur im drückend heißen Theatersaal sondern auch über eine Stunde lang in Jelineks Wortspielhölle gekocht. Das als 'wütende Kapitalismuskritik' wirkt auf den Kritiker besonders im ersten Teil "stilistisch wie eine Parodie einer frühen Kabarettnummer von Dieter Hildebrandt beziehungsweise wie eine späte desselben".

 

 

 
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