Protestverstärkungsapparatur

von Tim Schomacker

Hamburg, 1. Mai 2014. Einen viel besseren Premierentermin als den Ersten Mai mit seiner wechselhaften Protesttagsgeschichte kann man sich schwer vorstellen für eine Arbeit, die das Megaphon in den Mittelpunkt rückt. Als Fetisch- und Demo-Ding. Als tragbaren Teilhabe-Verstärker.

"Inseln raushau'n ..."

Als Nachruf will die Musikerin, Choreographin und Politaktivistin Sylvi Kretzschmar ihr Performance-Stück für zehnköpfigen megaphonierten Frauenchor verstanden wissen. Es ist ein Nekrolog auf die so genannten Esso-Häuser, ein Plattenbau-Ensemble im Hamburger Stadttteil St. Pauli, das nach dem Kauf durch Investoren vor dem Abriss steht. Eine Geschichte, an der sich – ähnlich wie seinerzeit bei der Entwicklung des Gängeviertels – Protest gegen aktuelle Stadtentwicklung in der Hansestadt zugleich konkret und symbolisch konzentriert. Und weil Protest eine Sache auch der Straße ist, spielt die in "Esso Häuser Echo" fokussierte Stimmverstärkungsapparatur eine zentrale Rolle.

esso 560 rasandetyskar u"Ich habe Lust, sie wahnsinnig zu nerven." Die Choristas in Aktion.  © Rasande Tyskar
Zu Beginn stehen und liegen zehn weiße Megaphone im sonst leeren Bühnenraum. Vom Band, über ein zum gefühlten langsamen Beat geschichtetes Hintergrundgeräusch, eine Stimme. "Ich denke..." Pause. "Äh..." Pause. Dann, deutlich weiter hinten und in schüchternerer Stimmlage: "...ich weiß nicht, was ich sagen soll." Ein Lachen. Eine Gruppe von zehn uneinheitlich schwarz gekleideten Frauen betritt die Bühne, nimmt die Megaphone zur Hand, formiert sich zu einer Rautenform. Aus den Verstärkertrichtern ist nun ein offenbar aus O-Tönen montiertes kurzes Musikstück zu hören. Aus allen zehn Trichtern derselbe scheppernde, wiederum langsame Rhythmus auf einem Geräuschbett, darüber eine fast verwehte Gesangsmelodie. Frauenstimme, ohne Text. Die Chorformation setzt sich in Bewegung, durchschreitet den Raum. Misst ihn, indem die Schalltrichter in je unterschiedliche Richtungen gehalten werden akustisch ein wenig aus. Aus der schreitenden Raute wird eine Phalanx. Die Frauen nehmen das Sprechteil zur Hand. Und beginnen chorisch zu sprechen, während sie sich langsam auf das Publikum zubewegen: "Stoppen lässt sich das natürlich nicht". Es ließen sich höchstens "Inseln raushau'n". Und "Ich habe Lust, sie wahnsinnig zu nerven – obwohl ich eigentlich gar nicht der Typ dafür bin."

Ein Kollektivsubjekt wird nicht mehr angenommen

Was hier musikalisch, choreographisch inszeniert wird, ist ungeübtes öffentliches Sprechen. Inklusive all der Schüchternheiten und Stockungen, des Nichtweiterwissens und der Wiederholung. Dieses Sprechen findet just an der Schnittstelle von zugleich Notwendigkeit und Vergeblichkeit von Protest statt. Das wiederholte, langgedehnte "... sie ungeheuer zu nerven" gibt eine Richtung vor für "Esso Häuser Echo". Denn ein Kollektivsubjekt, dessen Stimme sich durch das technische Ding des Megaphons kanalisieren würde, wird nicht mehr angenommen. Es bleibt der Protest als Hemmschuh. Ein Echo von jenem französischen Holzschuh, aus dem sich etymologisch das Wort "Saboteur" herleitet. Dass es gelten (und vor allem möglich sein) könnte, Verhältnisse umzustoßen, in denen der Mensch ein geknechtetes Leben führt, daran glaubt so recht kaum einer mehr. Die Teilhabe ist also in gewisser Weise eben jene Artikulation, um die es hier geht. Bis hin zu einer Sequenz kurz vor Schluss, in der der Chor nach wiederholtem "Soweit ist es schon gekommen" die bittere Pointe nachschiebt: "... dass man für eine Tankstelle kämpft".

Zwischen diesen beiden – vergeblichen – Sätzen entwirft Kretzschmars Chor eine nichtnarrative Bildfolge. In immer neuen Konstellationen – von denen nicht wenige diffus an ein konstruktivistisches choreographisches Theater der 1920er Jahre erinnern – formiert sich das Verstärker-Kollektiv. Schön eine Serie zu simpel auf Körper und Boden geschlagenem Rhythmus fast ritualhaft zelebrierter Variationen über den Satz "Guck Dich mal um ... die ganzen Leute ... alles weg". Oder eine vom Band auf die Megaphone gespielte hübsch arrangierte Collage aus Field-Recordings vom Teil-Abriss der nicht schönen aber mietgünstigen St.-Pauli-Häuser, die wörtlich die akustischen Gegebenheiten des Raums lautsprecherorchestral auspendelt. Darüber Einzelstimmen wie: "Ich glaube, das gehört zur Trauerarbeit dazu, dass man die Zerstörung dann auch wirklich selber sieht".

esso 2 560 rasande tyskar xDamals noch Teil Straße: der Megaphonchor 2013. © Rasande Tyskar

Hilfreicher Anstoß

Auch wenn die Großform des Abends gegen Ende ihre Stringenz ein wenig aufgibt, auch wenn einzelne Bilder unnötig abgebrochen und nicht weitergeführt werden – so wird eine der Choristas einmal mit den Megaphonen aller behängt und fängt dann mit dieser neuen Situation nichts weiter an – ist "Esso Häuser Echo" ein hilfreicher Anstoß für ein neuerliches Nachdenken über das Verhältnis dieses Bühnendrinnens und jenes Draußens, von dem Bühne ja doch gerne handeln möchte. Alles eine Frage des Kontexts. Ihren haben sich Kretzschmar und Ensemble insofern ertragreich abgesteckt, als der Megaphonchor im vergangenen Jahr tatsächlich Bestandteil jener Anti-Gentrification-Proteste war, den sie hier auf Kampnagel gewissermaßen re-enacten. So wie das Textmaterial des Chorstücks von denen stammt, denen hier die vielbeschworene Stimme verliehen werden soll. Den (nunmehr früheren) Bewohner/innen der (inzwischen geräumten) Häuser.

 

Esso Häuser Echo – Ein Nachruf (UA)
Konzept, Regie: Sylvi Kretzschmar, Kostüme: Simone Ballüer, Choreographie, Musik: Camilla Milena Féher, Sylvi Kretschmar, Dramaturgie: Liz Rech.
Mit: Vera Brakonier, Anne Brüchert, Doreen Grahl, Andrea Hantscher, Heike Noeth, Ann-Kathrin Quednau, Liz Rech, Regina Rossi, Annika Scharm, Anja Winterhalter.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.kampnagel.de

 

Sylvi Kretzschmar, 1977 Jena geboren, ist Absolventin des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft und arbeitet an der Schnittstelle von Performance, Musik und Choreografie. Mit Camilla Milena Féher, die zu ESSO HÄUSER ECHO die Musik begesteuert hat, arbeitet sie auch unter dem Label Skills. Darüber hinaus ist Sylvi Kretzschmar Teil von Schwabinggrad Ballett. Das Hamburger Schwabinggrad-Ballett-Projekt Platz der unbilligen Lösungen wurde im Sommer 2012 auf nachtkritik.de besprochen.


Kritikenrundschau

"Wie Klageweiber sehen die Frauen aus, wenn sie abwechselnd auf den Boden und den eigenen Brustkorb schlagen", schreibt DEF in der Hamburger Morgenpost (3.5.2014). Die Megaphone verwandelten sich in ihren Händen "wahlweise in eine Waffe, einen bedrohlichen Schlund oder mahnende Glocken". "Suchend nach unten getragen, sehen sie aus wie Geigerzähler, die den Grad der (gesellschaftlichen) Vergiftung melden könnten."

 

 
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