Die Liebe zum Detail

von Andreas Klaeui

Bern, 15. Februar 2020. "Ist das nicht bemerkenswert?", staunt Willy Loman am Ende: Sein Sohn Biff, der ihm, dem "Chef", gerade zünftig die Leviten gelesen hat, nichts als Fake war sein Leben, Lüge, Prahlerei – er liebt ihn! Hat ihn immer geliebt. Es ist die einzige Spur richtigen Lebens im falschen, die Arthur Miller zulässt. Auch Biffs Bruder Happy wird den Fake perpetuieren. Aber kurz leuchten Lomans Augen, einen kostbaren Moment lang lässt Gerd Heinz den Schauspieler Jürg Wisbach aus tiefer Seele strahlen, bevor er sich aufmacht zum Opfertod für die Familie als Versicherungsbetrüger.

Die gierige Hand Gottes

von Valeria Heintges

Bern, 19. Dezember 2019. Die Fifa, die Fédération Internationale de Football Association, hat ihren Sitz in Zürich und wird seit Jahrzehnten von Walliser Präsidenten geführt, erst von Joseph Blatter, seither von Giovanni Infantino. Sie ist ein Schweizer Verein nach Artikel 60ff. des Schweizerischen Zivilgesetzbuches ZGB. Berns Heimatverein sind die Young Boys, die 2018 nach 32 Jahren endlich wieder Schweizer Meister wurden. Und in einem Berner Restaurant haben die Treffen zwischen Bundesanwalt Michael Lauber und Infantino stattgefunden, an die sich beide mysteriöserweise nicht mehr erinnern können.

Blut an den Fingerspitzen

von Michel Schaer

Bern, 18. Dezember 2019. Die Schweizer Erstaufführung dieser Antiken-Bearbeitung von John von Düffel findet in Vidmar 2 statt. Das ist der Raum mit der Säule. Sie steht prominent in der Mitte und zwingt die Regieteams, um sie herum zu inszenieren. Vidmar 2 fasst nur wenige Zuschauer. Die kleine Spielstätte dient als Übungsklavier für die Anfänger. Heute für Sophia Aurich. Die 27-Jährige ist seit zwei Spielzeiten "feste Regieassistentin" am Konzert Theater Bern. Mit "Orest" legt sie ihre zweite Regiearbeit vor.

Denkarbeiter im Technicolor-Störbild

von Maximilian Pahl

Bern, 23. Mai 2019. Im Laufe dieser Feldforschung kann sich Richard Kraft irgendwann selbst nicht mehr ernst nehmen. Dabei will der deutsche Geisteswissenschaftler hier im Silicon Valley vor allem abschließen: mit seiner unglücklichen akademischen Karriere, mit den nebenbei verpfuschten Ehen und mit dem kontinentaleuropäischen Zukunftspessimismus, in dessen Opposition er sich doch schon vor Jahrzehnten zum Marktliberalen radikalisierte.

Ronald McDonalds Rache

von Maximilian Pahl

Bern, 22. Februar 2019. Ach, wie schön ist Rom! Da lässt es sich verkriechen. Also im Schriftzug "ROM": Jürg Wisbach räkelt sich als Tribun auf dem M, am O steht der baldige Kaiser Stéphane Maeder und im oberen Bogen des R findet als mörderisch glamouröser Gotensohn David Brückner gerade so Platz. Neben die drei roten Lettern hat Cleo Niemeyer einen Holzsarg auf die Berner Bühne gestellt und das war's: Beverly Hills liegt am Tiber und die Welt, als Schauplatz nur noch nominell vorhanden, die liegt sowieso im Argen. Shakespeares Splatter-Stück "Titus Andronicus" biete sich da an als "Stück unserer Zeit", erzähle es doch vom "Endstadium" einer Demokratie, steht im Programmheft zu Mizgin Bilmens Inszenierung geschrieben.

Strick um den Hoden

von Claude Bühler

Bern, 19. Oktober 2018. "Je höher der Mann in der Hierarchie, desto ausgefallener seine Wünsche." So resümiert eine Berner Edelprostituierte in zwei Büchern ihre Erfahrungen mit Schweizer Politikern allerhöchsten Ranges. Ein Parlamentarier ließ sich etwa gerne am Hundehalsband Gassi führen, ein Bundesrat sogar nackt durch den Wald treiben. Durch eine Untersuchung werden zwei langjährige, im Verborgenen agierende Geheimdienste ans Licht der empörten Öffentlichkeit gebracht: die hätten den Widerstand mobilisieren sollen, wenn die Schweiz besetzt worden wäre.

Der Papierberg ruft

von Valeria Heintges

Bern, 3. Mai 2018. Viele niedrige Tische auf- und nebeneinandergestellt zu einer Stufenlandschaft. Darauf Bildschirme, ein uralter Computer, alte Telefone mit Wähltasten, ein grosser Kabelsalat, ein Berg Papier. Die Fensterfront gibt den Blick nach draussen frei, auf eine Betonmauer und Bäume. Auf vorbeifahrende Züge und eine über einen Zaun balancierende Katze. Sehr transparent, sehr offen. Hier hat einer nichts zu verbergen.

Schief gerechnet

von Maximilian Pahl

Bern, 2. März 2018. Robert Walser, der Schriftsteller, fordert Paul Klee, den Maler, zu einem "Hoselupf" heraus. "Das haben Sie jetzt nötig", singt er im Bariton. Einstein und Lenin jauchzen. Klee sagt: "Was erlauben Sie sich!" Ein "Hoselupf" bezeichnet einen Wurf in der Schweizer Ringsportvariante, dem Nationalsport Schwingen. Die Kontrahenten versuchen einander dabei an ihren Zwillich-Hosen zu fassen und zu Boden zu kriegen. Der Sieger klopft dem Anderen die Sägespäne vom Rücken und am Turnier-Ende winkt ein Stier. Aber Walser gegen Klee, das ist eher so ein Spontan-Hoselupf unter Freunden, die eigentlich zum Musizieren verabredet waren. Lenin hat sich extra Zeit genommen und Einstein spielt schon Playback-Geige.

Ist das autobiografisch?

von Geneva Moser

Bern, 17. Januar 2018. "Ich bin glücklich", schreit sie, die süßliche Musik übertönend, und dreht sich liebestaumelnd um sich selbst. Glaubwürdig ist er keinesfalls, dieser ekstatische Ausbruch. Dafür ist uns zu viel über das Unglück dieser Frau bekannt: Ingeborg Bachmanns Roman "Malina", Teil der geplanten Todesarten-Trilogie, seziert schonungslos die Mechanismen, mit denen Menschen sich zugrunde richten. Ist das autobiografisch? Sicherlich ist das autobiografisch. Teilweise, abstrahiert und fiktionalisiert, natürlich. Aber eben doch: Die so schmerzhaft ambivalent glückliche, taumelnde Ich-Erzählerin im Roman ist auch sie, die Autorin Ingeborg Bachmann. Und Ivan. Und Malina.

Krieg mit anderen Mitteln

von Maximilian Pahl

Bern, 21. Dezember 2017. So kann man einen Roman auch inszenieren: als Spiegelung aller seiner Elemente und Themen an der eigenen Achse. Genau wie Emil Nägeli, der Schweizer Regisseur und Protagonist in Christian Krachts "Die Toten", reiste die Schweizer Regisseurin Claudia Meyer nach Japan, um zu filmen. Nägeli tat es in den 1930er Jahren im Auftrag des UFA-Chefs Alfred Hugenberg, der ihn inmitten des kulturtechnischen Umbruches durch Farb- und Tonfilm mit dem japanischen Offizer Masahiko Amakasu zusammenspannte, um ästhetisch gegen Hollywood anzutreten.