Zum Widerstand überrumpelt

von Ralph Gambihler

Jena, 28. Oktober 2009. Falls es erhellend ist, die Geschichte des Herbstes 1989 als Geschichte der Städte zu erzählen, könnte der Blick nach Jena lohnen. Auch dort haben sich vor 20 Jahren die Oppositionellen unter dem Dach der Kirche gefunden, bevor die Massen kamen und mit ihnen auf die Straßen gingen. Auch dort verschwanden ihre Hoffnungen auf einen eigenen, dritten Weg irgendwann hinter emblemfreien Deutschlandfahnen – wie in Leipzig und Berlin und andernorts.

Das Heldending im Vollidyll

von Ralph Gambihler

Jena, 9. Juli 2009. Die Frage ist, wie man sich Helden von heute vorzustellen hat. Falls die Hamburger Reisegruppe, die beim Rütli-Schwur hereinplatzt und alles ein bisschen durcheinander bringt, bevor sie sich mit freundlichem Gruß Richtung Matterhorn verabschiedet – falls also diese Reisegruppe der Maßstab sein sollte, muss man sich Bürgerbewegte im vorgerückten Alter vorstellen, bekleidet mit Blue Jeans und Schifferhemd oder einem T-Shirt, das schön über dem Bauch spannt. Den Kopf haben diese Leute in einer besseren Welt, die Hände sind immer noch bereit zum Pappschildermalen für die nächste Demo.

Ohne Tod und Vergessen

von Ralph Gambihler

Jena, 18. Dezember 2008. Ein Theaterabend am Puls der Zeit, gemacht für alle Ewigkeit – das wär’s! Einer muss der Welt ja mal zeigen, wo Gott die Musen küsst. Vor dem großen Wurf allerdings kommt die große Krise, im Kollektiv durchlitten, entwickelt sie sich sogar sehr zuverlässig. Und so dauert es nicht lange, bis Regisseur, Bühnenbildner und Autorin über Kreuz liegen. Der Götterblick kommt ihnen abhanden, die Frisuren lassen erkennen, dass darunter scharf nachgedacht wird. Und wenn gar nichts mehr geht, hilft immer noch die Flucht in die Kantine.

Kaugummi fürs Kaugeräusch

von Ralph Gambihler

Jena, 6. November 2008. Als Beitrag zum Thema schöner Sterben wird man Marco Ferreris Skandalfilm von 1973 kaum missverstehen können. Seine Schlemmerparabel läuft ja nicht nur auf die Pointe hinaus, dass die fortwährende Steigerung des Genusses eine Form der Todessehnsucht ist. Es ist auch eine Geschichte über die Qual der Lustmaximierung. Wer will schon so schmerzhaft aufgebläht und dauerfurzend verenden wie Michel Piccoli in der Rolle des TV-Regisseurs Michel?

Mama will mehr Busen!

von Michael Laages

Jena, 16. Oktober 2008. Ein letztes großes Bild gelingt in diesem Theater immer: der Blick auf die Hinterwand der Bühne. Denn das ist in Jena der Eiserne Vorhang, der ehedem den Zuschauerraum vom Bühnenhaus trennte – nach halbem Abriss des Theaters vor bald drei Jahrzehnten blieb nur der Bühnenturm stehen; das Publikum sitzt deshalb immer auf der Hinterbühne und das Ensemble spielt "nach hinten". Und wenn nun der "Eiserne" hochfährt, schaut die Kundschaft in die Stadt hinein, auf die eigene Heimat, die eigene Realität: Häuserzeilen und Uni-Turm, dazwischen Omnibusse mit richtigen Menschen drin. In diesen Momenten ist Jena immer einzigartig. Auch die Jena-erfahrene Regisseurin Alice Buddeberg nutzt dieses große Bild am Ende der Inszenierung zur Saisoneröffnung.

Von äußeren und inneren Wetterlagen

von Ralph Gambihler

Jena, 10. Juli 2008. Der Schritt ins Freie, in die sommerliche Open-air-Vergnügung, ist am Theaterhaus Jena immer auch ein Schritt in die eigene Geschichte. Gespielt wird ja nicht irgendwo, sondern direkt vor der Tür in einer "Kulturarena", die genau da steht, wo früher das Publikum behaglich in Sesseln saß.

Das ist hier nicht raus, das ist drinnen!

von Ralph Gambihler

Jena, 27. März 2008. Die Wonnen des Mitteleuropäers unter südlichen Himmeln sind getrübt. Sie sind sogar reines Wunschdenken in diesem Drei-Personen-Stück, das von Angleichung und Abschottung handelt. Exemplarischer Schauplatz ist die Ferieninsel Gran Canaria. Dort, am schönen Rand von Europa, in dieser Enklave des urlaubenden Wohlstands, besichtigt die Nachwuchsautorin Charlotte Roos eine Welt zwischen Obstsalat und Stacheldraht. Oder auch: Trugbilder des schönen Scheins; man kennt das.

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