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Die Quadratur des Krieges

von Ute Grundmann

Weimar, 17. September 2011. Nur mit Worten wird um das Leben des Prinzen Friedrich von Homburg gekämpft. Keine Degen, keine Fahnen, keine Uniformen – all das hat die Regisseurin Lisa Nielebock bei ihrer ersten Inszenierung im Deutschen Nationaltheater Weimar weggelassen. Nur ein strenges, aber ganz und gar nicht kühles Spiel präsentiert sie im Großen Haus, ganz konzentriert auf Kleists Sprache und die Schauspieler.

altDie Mühen der geneigten Ebene

von Matthias Schmidt

Weimar, 30. Juni 2011. Man traut sich das ja kaum zu sagen, aber was auf der Bühne des E-Werks stattfand, erinnerte auf fatale Weise an das DDR-Geschichtslehrbuch, Klasse 10. Darin war von der Zuspitzung der inneren Widersprüche im Kapitalismus die Rede, davon, dass er sterbend und parasitär sei, letztlich nur noch von Konsum zusammengehalten und davon, wie das – und zwar bald - enden würde. So oder ähnlich stand es in allen DDR-Lehrbüchern, was die Sache noch vertrackter macht.

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Galadinner im Weltinnenraum des Kapitals

von Tobias Prüwer

Weimar, 7. Mai 2011. Krisen-Klassiker mit Konjunktur: Nein, originell kann man die Stückauswahl am DNT Weimar nicht nennen. Bertholt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" hat Konjunktur immer dann, wenn das ökonomische Rad mit Unwucht läuft, sich der Kapitalismus als gar nicht so krisenfest erweist, wie seine Apologeten behaupten. Selbst zur Krisenzeit 1929/30 geschrieben, erlebt Brechts antikapitalistisches Lehrstück aktuell eine Boomphase und steht seit zwei Jahren an zahlreichen Häusern auf dem Speilplan. Nun hat Michael von zur Mühlen sich das sozio-ökonomische Lehrstück in Weimar vorgenommen.

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Hörbrillen in der Gartenidylle

von Ute Grundmann

Weimar, 5. März 2011. Es beginnt mit dem Ende. Mit dem Tod des Kindes, das Charlotte und Eduard bekommen, als sich ihre Wege eigentlich schon wieder getrennt haben. Wie ein Menetekel wird diese Kindpuppe im Matrosenanzug (bewegt von der Puppenspielerin Nicola Reinmöller) dann immer wieder auftauchen in Claudia Meyers Inszenierung von Goethes "Wahlverwandtschaften" am Deutschen Nationaltheater Weimar. Die Regisseurin hat sich aus Goethes Roman selbst eine Bühnenfassung geschrieben, mit der sie laut Programmheft eine "polykausale Rekonstruktion des Tathergangs" zeigen will, erzählt nach dem "Ermittlungsprinzip des aufklärerischen Detektivromans".

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Im Herzen haust das Pathos

von Dirk Pilz

Weimar, 24. Februar 2011. Die Nachrichten an das All werden in ein eckiges Silberrohr hineingerufen. Die Discokugel dreht sich, aus dem Rohr strahlt warmes Licht. Dazu wird wimmernde Musik gegeben. Die Nachrichten lauten "Mama", "Bums" und "Unterhaltung". Es sind dies Auskünfte an das All, "damit man dort erfährt, was uns Menschen bewegt". "Mama" ist die Botschaft des Forschers Constantine Samuel Rafinesque, ein vielseitiger Mann des 19. Jahrhunderts, den es wirklich gegeben hat. "Bums" hat Ronald Pofalla mitzuteilen, ein Politiker, der tatsächlich existiert. Und "Unterhaltung" ist das, was der "Leiter des Fortgangs" (LdF) zu hinterlassen hat.

Wie Ratten im Labor

von Jördis Bachmann

Weimar, 16. Oktober 2010. Alle Deutschen sind Nazis – dieser Satz scheint nicht schlimmer zu sein als der Workshop, in dem er ausgesprochen wird. Damit endlich etwas in diesem Workshop passiert, etwas das nicht gleich wieder verdrängt wird, weil es einfach niemanden interessiert. Wenn was interessiert, dann höchstens die Kleine aus der Cafeteria.

Auf dem Stempelkissen des Schicksals

Von Ute Grundmann

Weimar, 5. September 2010. Anika, Barbara und Silvia kippen eimerweise nackte Babypuppen auf dem Boden aus. Das sind ihre "Fälle", Kinder, deren Wohl gefährdet ist, die vielleicht vernachlässigt oder misshandelt werden; Kinder, um die sie sich kümmern, deren Schicksale sie aber zugleich auch bürokratisch verwalten müssen. Diese Puppen-Szene ist eines der wenigen betont deutlichen Bilder, die die Neuinszenierung von Felicia Zellers "Kaspar Häuser Meer" am Deutschen Nationaltheater Weimar braucht. Der "Rest" ist Spiel und Sprache, und das ist beeindruckend genug.