Im Schlepptau

31. Oktober 2023. Dragqueens sind Kunstfiguren aus Make-Up und Glitter, auf Partys und in Shows, auch in der Freien Szene und im Stadttheater. Jetzt finden sie sich zunehmend in den Schusslinien der Identitätsdebatten wieder.

Von Georg Kasch

31. Oktober 2023. Woher kommt eigentlich der Hass auf Dragqueens? Früher, als Travestiekünstler wie Georg Preuße und Reiner Kohler noch als Mary und Gordy die Bühnen beherrschten, lagen ihnen die Menschen zu Füßen. Heute müssen Dragqueens damit rechnen, beleidigt oder verprügelt zu werden, nicht nur dann, wenn sie Kindern Geschichten vorlesen. Und wenn ein Rapper wie Fler es wagt, ein Selfie mit einer Dragqueen zu posten, folgt ein Shitstorm.

Was ist da schiefgelaufen? Vermutlich geraten Dragqueens, diese Kunstfiguren aus Make-Up und Glitter, in die Schusslinie der Identitätsdebatte, weil die Schießenden – Rechtsidentitäre, Erzkonservative, Maskulinisten und alle, die fest daran glauben, dass Männer vom Mars und Frauen von der Venus sind – alles geschlechtlich Nicht-Eindeutige in einen Hass-Topf werfen, nicht unterscheiden zwischen dem Als-ob einer Dragqueen, trans Menschen und Enbies (wobei eine Unterscheidung den Hass nicht besser machen würde, klar).

Dressed as a girl

Dabei hat die Identität der einen nichts mit dem Als ob von Dragqueens und Dragkings zu tun, die ja Theater sind, Verwandlung – nach der Show, Party, Pride-Parade wird abgeschminkt. Der Begriff drag soll auf Shakespeare zurückgehen (angeblich schrieb er drag – dressed as a girl – in die Anweisungen seiner Dramen; vielleicht kommt der Begriff aber auch nur vom Schleppen der üppigen Kostüme). So genommen wäre jeder Geschlechterwechsel auf der Bühne drag, und so werden sie in jüngster Zeit inszeniert (man denke nur an all die "Was ihr wollt"-Abende landauf landab, gerade erst in Mannheim und München wieder): knallbunt und ziemlich queer.

Aber Obacht: Nicht jeder Mann, der auf der Bühne vermeintliche Frauenklamotten anzieht, ist drag. Denn anders als die Travestiekünstler alten Schlags haben Dragqueens einen fixen Namen, eine Persona, eine Charakterpalette – und oft auch eine Botschaft. Man kann das wunderbar in RuPauls Fernsehshow "Dragrace" beobachten (gibt’s jetzt sogar in einer deutschen Version), in der die Bewerber:innen in den unterschiedlichen Kategorien gegeneinander antreten.

Verzerrungen, Überbetonungen, Glitches

Oder im Theater, wo es neben vielen Referenzen auf und Reverenzen an die Drag-Kultur auch echten Dragqueens gibt. Bastian Kraft etwa inszenierte den Andersen-Abend Ugly Duckling am Deutschen Theater Berlin als Drag-Empowerment (und stellte in "Rusalka" an der Staatsoper Stuttgart den Hauptrollen je einen Dragartist an die Seite). Alain Platel setzte ihrer Kunst, aber auch ihrem Kampf in Gardenia ein melancholisches Denkmal. Und Künstler:innen wie Taylor Mac (etwa in Holiday Sauce... Pandemic!), Olympia Bukkakis und Le Gateau Chocolat (in Tobias Kratzers Tannhäuser) weiten mit ihren Bühnenpersonae das Ausdrucks- und Möglichkeitsspektrum des klassischen Dragqueen-Bilds. Anders als bei der Travestie steht bei den Dragqueens nämlich nicht die perfekte Imitation im Vordergrund, sondern eine kreative Explosion der als weiblich gelesenen Äußerlichkeiten mit Verzerrungen, Überbetonungen, Glitches. Und "schleppen" damit noch ein paar Deutungsangebote mehr mit.

Übrigens gibt als Äquivalent den Dragking. Eine Pionierin war die Künstler:in Diane Torr, die "Man for a Day"-Workshops veranstaltete, in denen Frauen damit experimentierten, sich wie Männer zu verhalten. Das Künstlerinnenkollektiv hannsjana und das Berliner Theater Thikwa haben ihr und den Dragkings in Diane for a Day ein hinreißend klebebärtiges Denkmal gesetzt. Bridge Markland, mit ihren Klassikern aus der Box längst Kult (ihre Lipsync-Kunst stammt ja auch aus der Drag-Kultur), gehört seit vielen Jahrzehnten zu den bekanntesten Berliner Dragkings. Und die Sängerin Cora Frost tritt regelmäßig als Peter Frost auf und war vor Jahren bei der Berliner Puppensplattertruppe Das Helmi der schmierig-schmerbäuchigste Rainer Werner Fassbinder aller Zeiten (in "Große Vögel, kleine Vögel").

Erb:innen der Polittunten

Dann gibt’s noch einen Sonderfall: die Trümmer- oder Polit-Tunte, schwule Männer, die eher rumpelig mit weiblich gelesenen Merkmalen spielen, um politische Zeichen zu setzen. Ende der 1980er Jahre entwickelten sie unter anderem gesellschaftskritische Bühnenshows, waren in der AIDS-Aufklärung aktiv, gründeten einen ambulanten AIDS-Pflege-Dienst sowie eine Agentur für schwul-lesbische Künstler:innen, sprangen also beherzt in jene Lücke, die ein ablehnend-verständnisloser Staat zunächst ließ.

Simon(e) J. Paetau, Jair Luna und Iury Trojaborg haben ihnen in Frutas Afrodisíacas, eine Koproduktion von Ballhaus Naunynstraße und Gorki Theater, ein liebevolles Denkmal gesetzt. Ihr Erbe übernehmen heute die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz, weiß geschminkte Glitzergesichter unter voluminösen Ordenshauben, die sich auf Partys und Straßenfesten unter anderem für die HIV-Aufklärung einsetzen.

Was sie alle eint ist, Geschlecht als Konstruktion zu entlarven und seine Merkmale als das, was sie sind: Spielmaterial, das irgendwann mal zur Norm wurde. Was sie von den Travestiekünstler:innen alten Schlags unterscheidet: Ihre Kunst findet nicht nur auf der Bühne, sondern auch in anderen Öffentlichkeiten statt (und sei es nur auf der U-Bahn-Fahrt zur nächsten Feier). Mary und Gordy blieben als Kunstfiguren auf die Theater und das Fernsehen beschränkt. Auf der Straße wäre es ihnen damals vermutlich nicht anders ergangen als den Dragqueens heute.

 

Kolumne: Queer Royal

Georg Kasch

Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" blickt er jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt.

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