Medienschau: Der Spiegel – Regisseur Lorenz Nolting über die Osnabrücker Premierenabsage seines "Ödipus"

Theater als Aufarbeitungshelfer

Theater als Aufarbeitungshelfer

26. August 2025. Im Spiegel (€) spricht Wolfgang Höbel mit dem Regisseur Lorenz Nolting über die Absage seiner "Ödipus"-Inszenierung, die als Stück über Missbrauch und Missbrauchsvertuschung in der katholischen Kirche eigentlich die Spielzeit am Theater Osnabrück eröffnen sollte. Wir berichteten (zuletzt über eine Demo gegen die Absetzung vor dem Theater).

"Es war unser Ziel, dass es zu einem Dialog kommt, zwischen dem Publikum, dem Betroffenen Karl Haucke und den Spielerinnen und Spielern", sagt Nolting in dem Gespräch. "Das Tolle an Stadttheatern wie dem in Osnabrück ist doch, dass an so einem Ort wirklich die Menschen der Stadt zusammenkommen. Und dass sie bereit sind, sich mit wichtigen, auch schmerzhaften Themen zu beschäftigen." Genau dafür sei Theater da.

Andere Theater hätten ihn und sein Team mittlerweile angefragt, die Inszenierung bei ihnen zu zeigen, "aber unsere Haltung dazu ist klar: Diese Aufführung war für Osnabrück. Wir haben sie gemeinsam mit dem Osnabrücker Ensemble erarbeitet."

Viele Schauspieler*innen des Osnabrücker Ensembles zeigten sich soldarisch mit ihm und seinem Team, so Nolting. Der Osnabrücker Intendant Ulrich Mokrusch habe seine Entscheidung "gegen sein eigenes Ensemble und sein eigenes Haus getroffen. Ich finde, er muss zurücktreten."

Er und sein Team machten eine andere Produktion zu diesem Thema sehr gerne, "zum Beispiel in Münster, Aachen oder in Hamburg. All diese Städte haben Missbrauchsskandale erlebt, die, wenn überhaupt, nur schleppend aufgearbeitet werden. In all diesen Städten hat die Kirche viel Macht und setzt sie ein, um Missbrauch zu vertuschen."

(Spiegel / sd)

 

Kommentare  
Medienschau Nolting: Zuviel Platz
O nein nachtkritik O nein. Wieso kriegt dieses Thema hier so viel Platz? Das verzerrt total die Perspektive.
Medienschau Nolting: Bis zum letzten Tropfen
Diese nicht sehr skandalöse Lokalposse wird vom Regisseur gemolken und gemolken bis zum letzten Tropfen. Reicht es endlich?
Absetzung Osnabrück: Unnötige Dramatisierung
Ich stimme meinen Vorrednern zu: Der Regisseur versucht hier, die Situation künstlich aufzubauschen, um seinen eigenen Marktwert zu steigern. Die Forderung nach einer Ablösung des Intendanten ist in diesem Zusammenhang völlig absurd. Mit einem Intendanzwechsel ist es ganz normal, dass einige Schauspieler nicht verlängert werden – und genau diese werden sich dann vermutlich bei ihm „bedanken“.
Absetzung Osnabrück: Prekär
Wenn sich prekär angestellte Menschen an einem Theater öffentlich äußern und ihre kleine Sicherheit der "Festanstellung" riskieren, ist das immer bemerkenswert.
Dafür kann es gar nicht zu viel Achtung und Aufmerksamkeit geben.

Und was den Regisseur betrifft, mutig, dass er sich so offen äußert. Er scheint um die Sache zu kämpfen, denn Vorteile wird er dadurch wohl keine bekommen. Deswegen meine Achtung vor denjenigen, die ihr persönliches Wohl der Sache unterordnen und danke an Nachtkritik, dass sie darüber berichten.
Absetzung Osnabrück: Gesamtverantwortung
… im Übrigen muss es möglich sein, dass eine Intendanz Premieren absagen kann. Das gehört doch wohl zu ihrer künstlerischen Gesamtverantwortung.
Absetzung Osnabrück: Link-Hinweis
@4: naja, also ich wusste vorher nicht, wer Lorenz Nolting ist. Und wenn man das Medienecho betrachtet, bezweifle ich, dass sein Ruf damit nicht sogar gewachsen ist und ihm weitere Inszenierungen einbringen wird.

Jetzt auch noch auf 3sat:

https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/streit-um-theaterstueck-ueber-missbrauch-in-osnabrueck-sendung-vom-26-08-2025-100.html
Absage Osnabrück: Anderes Modell
@6 vielen Dank für den 3sat-Link! Beim Anschauen habe ich mich gefragt, ob eine Leitungsstruktur mit einem künstlerischen Intendanten an der Spitze eher zu einem paternalistischen bis autoritativen Gestus im Konfliktfall neigt. Vielleicht sollten die politisch Verantwortlichen in Osnabrück einmal darüber nachdenken, statt den Skandal (wie die Oberbürgermeisterin) abzutun. Ein Mehrintendanzen-Modell würde wohl kaum zu dieser polarisierenden splendid isolation-Situation führen... Und zu #5: einen Produktionsabruch habe ich in über 30 Jahren Theaterberufsleben äußerst selten erlebt. Einmal von 3 Fällen entstand der Konflikt, weil der wesentlich Ältere, wesentlich Mächtige nicht auch der begabtere Regisseur war. Die Gesamtbilanz des Vorhabens in Osnabrück fällt ziemlich ernüchternd aus. Für eine Bühnenbearbeitung des Mißbrauchsthemas in der katholischen Kirche scheint es schlicht auf zu vielen Ebenen nicht gereicht zu haben.
Medienschau Nolting: Reicht es endlich?
Ob es denn nicht endlich reiche, würde gefragt. Die Frage zu stellen beantwortet sie bereits. Solange das Befassen mit dem Thema ein Dorn im Auge ist, will es verdrängt werden. Und damit gewinnt es erneute Relevanz.
Medienschau Nolting: Bitte unterscheiden
#8: Die Frage, ob es endlich reiche, bezog sich auf den Regisseur und das Team, nicht auf die Aufarbeitung des Themas. Bitte unterscheiden.
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