Medienschau: diverse – Zum Tod von Claus Peymann
"Der letzte König des Theaters"
"Der letzte König des Theaters"
18. Juli 2025. Abschiedsworte senden die Medien dem Regisseur und Intendanten Claus Peymann hinterher. 88-jährig, ist er eben in Berlin verstorben. Ein Überblick über die Nachrufe.
"Damit ist nun wirklich der letzte König des Theaters abgetreten, und es wird kein solcher mehr nachkommen", verabschiedet Christine Dössel den "Für- und Großsprecher der Zunft, Vorträumer und Aufmischer" in der Süddeutschen Zeitung (17.7.2025). "Den ganzen Wahnsinn des Theaters – Peymann kannte und beförderte ihn nicht nur, er verkörperte ihn in Person", schreibt Dössel und liefert in ihrem Nachruf eine umfangreiche (Schaffens-)Biographie, von Peymanns erster Inszenierung 1962, "Herr Ich" von Jean Tardieu und seiner Zeit im Studententheater der 68er, über die "Königsetappe" Wien, seine "Zeit der Triumphe und Theaterschlachten", bis zu Thomas Bernhards "Minetti", das Peymann 1976 in Stuttgart uraufführte und 2023, im Alter von 86 Jahren, als Gastregisseur noch einmal am Münchner Residenztheater inszenierte. "Er nahm und machte sich schon deshalb so wichtig, weil für ihn das Theater der wichtigste Ort der Welt war", schreibt Dössel. "Ein Ort, um sich Geschichten vom Menschsein zu erzählen. Ein Ort der Verzauberung und der Poesie. Aber auch Ort für politischen Widerstand und gesellschaftliche Veränderung. Daran glaubte er bis zum Schluss: dass Theater die Welt verbessern kann."
"In einer einzigen Geste“ lasse sich Peymanns ganzes Theater beschreiben, verweist Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.7.2025) auf ein Foto: "Es ist die Geste des kleinen Jungen, der soeben einen Knallfrosch mitten in die gute Gesellschaft geworfen hat." Die Rolle des "ewigen Kampfkindskopfs" sei dem Regisseur und Intendanten die liebste geblieben, so Stadelmaier. Die Geschichte von Peymanns Inszenierungen wiederum ist dem Kritiker "ein einziger bunter Abend": "Selbst Tragödien wurden bei ihm zu freundlichen Angelegenheiten, getragen von einer anfangs noch leuchtenden, später ranziger gewordenen aufklärerischen Überschwänglichkeit, die auch davon lebte, dass er seit seinen Stuttgarter Tagen ein großartiges Ensemble um sich versammeln konnte."
Ohrfeigen für alle
"Wenn er guter Laune war, hätte er die ganze Welt ohrfeigen können", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (17.7.2025). "Lag ein Konflikt in der Luft, zog er ihn an sich, spitzte ihn zu – und badete nicht ohne Genuss die Folgen aus." Kümmel zählt etliche "Adrenalinanekdoten" rund um die "Radikalfigur" Peymann auf – "Invektiven gegen nahezu alle relevanten Theatermenschen seiner Zeit, Attacken gegen zahllose Politiker und Pauschalbreitseiten gegen die Geistlosigkeit der Gegenwart". Peymanns Wirkung als Künstler, "als in utopische Gefilde voranstürmende Radikalfigur", sei mit den Jahren geringer geworden, so Kümmel; "mit der nachlassenden gesellschaftlichen Relevanz des Theaters war auch seine eigene Bedeutung geschwunden".
"Wo er nicht geliebt wurde, da wurde er gefürchtet": Mit diesen Worten richtet Rüdiger Schaper dem Verstorbenen im Tagesspiegel (16.7.2025) einen Ehrenplatz in der Geschichte des deutschsprachigen Theaters ein. "Claus Peymann gehörte, wie Peter Stein, zu der machtbewussten Generation, die in den Sechzigerjahren gegen die alten Herren im Theater rebellierte. Der Aufstand der Regietheaterkönige war von Erfolg gekrönt und läutete eine Ära ein, der heute noch manch einer nachhängt. Theater war wichtig, Theater war politisch."
Dunkel schillernder Meteorit
Als einen "Meteoriten", "dunkel schillernd, mit seltsamer Energie gefüllt", erinnert Christian Rakow den Regisseur, den er erst in dessen Berliner Spätphase kennenlernte, in der Jüdischen Allgemeinen (18.7.2025). In einer Sebastian Hartmann-Inszenierung begegnete ihm 2008 Peymanns Frankfurter Handke-Uraufführung der "Publikumsbeschimpfung" (1966). Und in den grobkörnigen Schwarzweißbildern entdeckte er "etwas Aufgerautes, Kraftmeierndes, Bürgerschreckhaftes, das den Glutkern des Peymann-Theaters in seinen besten Jahren ausgemacht hatte".
Im nd erzählt Erik Zielke die Anekdote einer fehlgeleiteten E-Mail von Peymann und folgert: "Bei Claus Peymann war alles Theater. Er selbst war ein großer Darsteller. Alles hübsch inszeniert. Mit Witz und Rhythmus. Eine Figur wie aus einem Lustspiel."
"Kaum einer hat Peymann so gut verstanden und erkannt wie Bernhard", schreibt des Regisseurs langjährige Mitarbeiterin Christiane Schneider in der FAZ (18 .7.2025) – "in all seinem positiven Wahnsinn, seiner unbändigen Kraft, seinem Temperament, auch in seinen Ungerechtigkeiten und seiner Kindlichkeit".
An Post von Peymann, wortmächtig und beleidigend, wenn ihm eine Besprechung nicht gefallen hatte, erinnert sich Dirk Knipphals in der taz (18.7.2025). "Seine politischen Interventionen mögen längst Folklore sein, doch daneben gibt es noch seine Behauptung, dass es sich lohnt, nach Wegen zu suchen, wie man das große kulturelle Theatererbe, Kleist, Goethe, auch Tschechow und all das, an Gegenwart andocken kann. Klar, solche Wege suchen viele. Claus Peymann hat sie, für seine Zeit, viele Jahre lang aber auch gefunden."
Abschiedsworte aus Politik und Theater
Stimmen aus der österreichischen Politik und Theaterszene versammelt die FAZ (17.7.2025): Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen verabschiedete Peymann demzufolge mit dem Satz "Der große Zauberer des Theaters ist tot". Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) sagte, Peymann habe Österreich „"furchtlos den Spiegel vorgehalten". Für Bablers Vorgänger Werner Kogler, aktuell Kultursprecher der Grünen, verliere die Theaterwelt mit Peymann "eine ihrer markantesten und einflussreichsten Persönlichkeiten". Wiens Bürgermeister Michael Ludwig sagte, der ehemalige Burgtheater-Intendant habe das Theatergeschehen der Stadt "in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt". Und die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler gab zu Protokoll: "Kaum jemand hat in jüngerer Zeit das Verständnis von politischem Theater so nachhaltig erschüttert, herausgefordert und neu definiert."
Der amtierende Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann verbeugte sich vor Peymann, der "das Theater über Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt" habe, und erinnerte an dessen "Durchsetzung zeitgenössischer Autoren". Karin Bergmann, ehemalige Burgtheaterdirektorin, die mit Peymann in Bochum gearbeitet hatte und ihm nach Wien gefolgt war, sagte im ORF-Nachrichtenmagazin ZIB2: "Er hat immer geglaubt, dass man als Regisseur gesellschaftspolitischen Einfluss haben kann und hat versucht, didaktisch mit Theater umzugehen." Die Schauspielerin Maria Happel, von 1991 von Peymann an die Burg geholt, schilderte im Ö1-Morgenmagazin des ORF ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur: "Er hatte eine eigene Vorstellung von den Dingen, die es zu erfüllen galt. Da war er unerbittlich, um das zu erreichen. Wenn man das erkannt hat, war es ganz einfach." Peymanns legendäre Wut sei stets von kurzer Dauer gewesen: "Es ging ihm immer um die Sache, und es war nie unter der Gürtellinie wie bei manchen anderen."
Größenwahnsinnige Jahrhundertikone
"Ein König des Theaters ist tot", würdigt Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele, den Regisseur im Standard (17.7.2025). "Claus Peymann und die Salzburger Festspiele, das ist eine Geschichte öffentlicher Erregungen, Eklats und Skandale aber auch mitreißender Inszenierungen, die Theatergeschichte geschrieben haben." Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, bezeichnet Peymann als "eine Jahrhundertikone": "ein genauso fantasievoller wie kämpferischer Mensch, fordernd, größenwahnsinnig, unglaublich belesen und bis zum Ende seines Lebens in der Arbeit und der Auseinandersetzung. Besonders bewundere ich ihn dafür, wie er als Theatermacher nach Wien kam und ein wahres Erdbeben entfacht hat", schreibt Rau. "So stehen wir heutigen Theatermacher:innen auf den Schultern eines Riesen."
Der Schauspieler Sabin Tambrea, der in den frühen 2000ern am Berliner Ensemble von Claus Peymann entdeckt wurde, spricht im NDR über den Theatermacher: "Es war eine Auseinandersetzung aufs Gnadenloseste, und es war nicht leicht, sondern harte Proben. Aber meine Zeit mit Peymann war immer geprägt von der ehrlichen Suche nach einer Wahrhaftigkeit, die mich sehr bereichert hat."
Ebenfalls im NDR erzählt der Entertainer Harald Schmidt von Claus Peymanns Stuttgarter Intendanz: "Es war unglaublich sinnliches Theater", wobei viele herausragende Inszenierungen der Zeit von anderen Regisseuren wie Peter Zadek stammten. "Er hat immer die besten Leute neben sich arbeiten lassen." Liebevoll spricht Schmidt auch über die Einladung Peymanns in seine "Harald Schmidt Show", die mit hoher Gage und Konzertflügel auf dem Hotelzimmer garniert wurde: "Wir Größenwahnsinnigen erkennen uns gegenseitig."
Aus der Schatzkiste von Peymanns Schaffens
3sat zeigt Claus Peymanns Inszenierung "Richard II." mit Michael Maertens in der Titelrolle. Entstanden am Berliner Ensemble, wurde sie 2001 beim Theatertreffen gezeigt – Peymanns 19. Einladung. (Mitschnitt verfügbar bis 16.8.2025)
Und unbedingt lesenswert, auch nach bald 40 Jahren: das Interview von André Müller mit dem Burgtheaterdirektor und selbsterklärten "Sonntagskind" Peymann in der Zeit (1988).
(3sat, FAZ, Jüdische Allgemeine, nd, NDR, Standard, SZ, Tagesspiegel, taz, Die Zeit / chr, eph)
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(Anm. Redaktion. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. Der Name ist berichtigt.)