Das letzte Bier / Kafkas Erzählungen - Theater Bamberg
"Der Raum der Poetik ist eröffnet!"
20. September 2025. Der berühmte Berufswechsler John von Düffel eröffnet seine erste Intendanz: Mit Tim Egloffs Urauführung von "Das letzte Bier" von Jaroslav Rudiš und "Kafkas Erzählungen" von Jasper Brandis inszeniert.
Von Svenja Plannerer
Spielzeiteröffnung am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg mit "Kafkas Erzählungen" und "Das letzt Bier" © Marian Lenhard
20. September 2025. Wussten Sie, dass jede Bierleber, je nach konsumierter Sorte, eine andere Farbe hat? Es gibt eine Budweiser Leber, eine Pilsener Leber, und ja, auch eine Bamberger Leber. Die hat einen "rauchigen Unterton" – vom lokalen Rauchbier, logisch. Josef hat diesen fragwürdigen Fakt von einem Internisten, einem Experten – auch wenn er solche sonst nicht leiden kann. Er ist die eine Hälfte des Duos aus Jaroslav Rudiš’ Text "Das letzte Bier", der im Studio des ETA Hoffmann Theater Bamberg in der Regie von Tim Egloff uraufgeführt wird.
Fast schon wie bei Samuel Becketts Godot warten darin zwei: Karl, ein Bierbrauer, der kein Bier trinkt, und Josef, der Karls Bier trinkt und zudem noch in Karls Frau Marie verliebt ist, die Karl verlassen hat. Beste Freunde eben. Sie warten. Auf die Rückkehr von Marie, auf die Tiere aus dem Nebel, auf bessere Zeiten. Oder vielleicht auch einfach nur auf irgendeine Veränderung.
Aber das Meer!
So wie der Titel des Stücks auf ein Ende hinweist, sieht auch die Bühne aus. Eine karge Schräge mit abgebrochenen Plastikstühlen, einem Fahnenmast ohne Fahne und einem traurigen Busch. Ergraute Kleidung, die Daniel Seniuk und Eric Wehlan so aussehen lassen, als müssten sie nur lange genug stillhalten, um vollends geisterhaft zu zerfließen. Dabei gelingt es den beiden Schauspielern, die Schwermut, die sie bedeckt, unterhaltsam und energetisch auszugestalten.
Wehlan als Josef beginnt den Abend stark mit einem langen, langen Monolog, in dem er verzweifelt versucht, sich selbst und seinem Freund gut zuzureden, während Seniuk als Karl stoisch schweigt. Dass Josef das Leben quält, kann er dennoch nicht verbergen. So ziemlich alles, was er weiß und kann, dreht sich um Bier. Darüber hinaus keine nennenswerten Fähigkeiten oder Errungenschaften, nur die unbändige, nervöse Energie eines Menschen, der sich davor fürchtet, dass es nie besser wird.
Dynamisches Buddy-Movie-Duo © Marian Lenhard
Währenddessen ist Seniuks Karl gesetzter. Er trauert Marie nach, sicher. Aber noch mehr sehnt er sich nach dem Meer, schon von Kindesbeinen an. Denn: Eigentlich wollte er nie Bier brauen. Das würde man nie denken, wenn man Seniuks genialen Monolog dazu hört, wie niederschmetternd widerlich es ist, wenn Bier, das man selbst gebraut hat, nach Butter schmeckt. Aber das Meer! Dort hätte man seine Ruhe, dort müsste man nie anders sein als man ist.
Den bitteren Hopfen ernten
Sie mäandern zwischen Themen, etwa ob Nebel im Kopf nun gut ist oder Zeichen eines Alkoholikers, ob Josef die bessere Wahl als Maries Mann gewesen wäre. Alles und nichts, recht pseudo-philosophisch. Der Abend lebt vor allem von dem dynamischen Buddy-Movie-Duo, das auch ein diesem Bild entsprechendes Ende bekommt.
Karl hat da etwas in der Hinterhand, für alle Fälle: Saazer Hopfen. Wenn alles ausweglos erscheint, ist das die Art, um sanft und ganz auf Bierfeinschmeckerart zu entschlafen. Mit Lachen und spielerischem Genuss essen die beiden den bitteren Hopfen und erblicken – das Meer? Die Tiere aus dem Nebel? Marie? Es bleibt ihr Geheimnis.
Teil zwei mit Franz Kafka
Bamberg und sein neuer Intendant John von Düffel geben sich mit dieser ersten Premiere noch nicht zufrieden und schicken gleich die zweite im großen Haus hinterher, diesmal geführt von der Hand des neuen Hausregisseurs Jasper Brandis.
"Kafkas Erzählungen" knüpft einen Teppich aus Franz Kafkas "Brief an den Vater" und seinen Texten "Das Urteil", "Die Verwandlung", "Josefine, die Sängerin" und "Der große Schwimmer". Hintergrund für das Bühnendesign von Anna Siegrot bietet ein wenig bekanntes Detail aus Kafkas Biografie. Dieser war seit seiner Kindheit leidenschaftlicher Schwimmer und wird das Geschehen in ein Schwimmbad mit beweglichen Kabinen verlegt, die mit Klappen als Münder eine eigene Persönlichkeit entwickeln können.
"Kafkas Erzählungen" © Marian Lenhard
Das Ensemble hält vor allem in der ersten Hälfte eine spannende Waage zwischen humoristisch-absurden Elementen und der tiefen Angst Kafkas vor seinem Vater. Gleich zu Beginn treten die Darstellenden, gekleidet in historische Badeanzüge, in individuelle Spotlights, was sie im Spiel der Schatten auf ihren Gesichtern zart und verletzlich wirken lässt. Die in Kafkas "Brief an den Vater" geschilderte Tyrannei des Vaters gegenüber der Familie und seinen Angestellten wird in einer liebevoll choreographierten Sequenz einer Morgenroutine in den beengten Kabinen thematisiert. Die Darstellung schwankt dabei zwischen sachlicher Nüchternheit und verzweifelter Wut.
Hereinbrechende Fiktion
In diese Analyse von Kafkas Realität blühen und brechen die Erzählungen hinein. Die Sängerin Josefine etwa entfaltet sich aus einer der Kabinen als zartes Wesen aus flatterndem Chiffon mit einem Kopf aus Gips. Puppenspiel, eine Addition, die Düffel sich für Bamberg sehr gewünscht hat. Der Schreckmoment, in dem ihr Kopf auf dem Boden zerbirst, wird gleich zum Lacher, als ihre Scherben wortwörtlich unter den Teppich gekehrt werden.
Wie Kafka der erdrückenden Präsenz seines Vaters zeitlebens zu entkommen versuchte, zeigt wohl die berühmte Erzählung "Die Verwandlung" besonders gut: Gregor Samsa wird zum Käfer, den man sonst unter dem Schuh zerquetschen würde. Die Autoritätspersonen der Geschichte werden geschickt ins Lächerliche gezogen, etwa Gregors Vater als Nutznießer mit Grunzgewohnheit, der Prokurist mit lächerlich hochgekräuselter Perücke. Später macht sich eine überlebensgroße Nase – Universalsymbol für tyrannische Männer? – auf der Bühne breit, mit flatternden Nasenflügeln und lautem Rotzen.
Der Abend gibt Kafkas Texten eine fließende Handfeste und zeigt, wie gute Übergänge funktionieren können. Wo im Rest des Stückes alles so gut getaktet ist, fällt umso mehr auf, wenn etwas nicht ganz so läuft, wie es soll. Das sind in diesem Falle die hier und da eingestreuten kurzen Chorsequenzen. Im Kuddelmuddel der Stimmen gehen die Worte unter, was ihnen die Kraft raubt.
Mit den Worten "Dieser Raum der Poetik ist eröffnet!" erklärt Intendant John von Düffel im Anschluss die neue Spielzeit für eröffnet. Beschwerden seien direkt an ihn persönlich zu richten. Für ihn sei ein Traum in Erfüllung gegangen.
Das letzte Bier
von Jaroslav Rudiš
Uraufführung
Regie: Tim Egloff, Bühne: Jeremias Böttcher, Kostüme: Mascha Schubert, Musik: Dominik Tremel, Dramaturgie: Antonia Leitgeb-Busche.
Mit: Daniel Seniuk, Eric Wehlan
Premiere am 19. September 2025
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten
Kafkas Erzählungen
nach Franz Kafka, Textfassung von John von Düffel
Regie: Jasper Brandis, Ausstattung: Anna Siegrot, Musik: Sebastian Herzfeld, Dramaturgie: Lea Mantel.
Mit: Hermia Gerdes, Laura Röseler, Leon Tölle, Stephan Ullrich, Florian Walter, Daniel Warland, Barbara Wurster.
Premiere am 19. September 2025
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause
www.theater.bamberg.de
Kritikenrundschau
"Eine feine, kleine Geschichte ist 'Das letzte Bier'", so Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten / Nürnberger Zeitung (22.9.2025). "Auch traurig ist sie, weil es um die Abwesenheit eines wesentlichen Menschen geht, um die Fehler, die gemacht wurden." Und in "Kafkas Erzählungen" gehe Regisseur Jaspar Brandis erfreulicherweise einen anderen Weg als einfach "kafkaesk" zu sein. "Kafka und seine Realitäten werden nicht versteckt hinter Verrätselungen, da geht es auf der Bühne, die mit vielen Badehäuschen (mit erstaunlichem Innenleben) bestückt ist, um die handfesten Probleme eines jungen Mannes, der zu leiden hat unter seiner Umwelt". Fazit: "Ein geglückter Einstand für John von Düffel."
Wie sich Privates in ein menschlich Allgemeines überführen lässt, zeigen "Kafkas Erzählungen" inszeniert von Hausregisseur Jasper Brandis, schreibt Yvonne Poppek im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung (22.9.2025). Körperteile wuchern an dem Abend. Ein bestechend schlichtes und starkes Bild, finde der Regisseur mit einer Handtuchpuppe. "Wie er überhaupt zusammen mit Ausstatterin Anna Siegrot ein Bilderpoeten-Duo zu sein scheint." In "Das letzte Bier" lassen die Schauspieler mit feinen, präzisen Gesten, Blicken, Pausen, Betonungen den Text von Rudiš noch einmal biergoldener glänzen. "Regisseur Tim Egloff gibt den Schauspielern dafür den entsprechenden Raum." "Dabei stellt die schiefe, erhöhte Ebene, die Bühnenbildner Jeremias Böttcher bauen ließ, die beiden vor die Herausforderung, keine Sekunde die Spannung fallen zu lassen. Es gelingt ihnen tadellos."
"Es beginnt fulminant mit einer beeindruckenden musikalisch unterlegten Choreografie für fünf sprechende Umkleidekabinen im Prager Flussbad", so Wolfgang Reitzammer in der Deutschen Bühne (20.9.2025) über "Kafkas Erzählungen". "Diese schlüssige Perspektive kann der Theaterabend jedoch nicht ganz durchhalten." Auch die Szenen aus der "Verwandlung" erinnern eher an absurdes Theater, sind mehr Groteske als Kafkaeske.
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >