Die Faust zuckt in der Hosentasche

2. März 2025. Erich Kästners satirischer Roman "Fabian" hat Konjunktur auf deutschen Bühnen. Die Gefährdung der jungen Weimarer Demokratie durch die extreme Rechte und der Riss durch die Gesellschaft zeigen beklemmende Parallelen zur Gegenwart. Regisseurin Mirja Biel hat sie nachgezeichnet und setzt ein starkes politisches Statement.

Von Robert Luff

Erich Kästners "Fabian" in der Regie von Mirja Biel in Ingolstadt © Kerstin Schomburg

2. März 2025. Am Anfang steht Erich Kästner (Sascha Römisch) ganz allein auf der Bühne, mit Anzug und Maske, und beobachtet stumm die hereinströmenden Zuschauer. Er nimmt die Maske ab und ergreift das Wort: "Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Bekämpfe den Beginn. Und man tue es, bevor der Hahn zum dritten Mal kräht." Das ist deutlich und zeigt die Stoßrichtung des Stücks, das Mirja Biel im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt inszeniert. Denn 1933 war es tatsächlich zu spät: Als am 10. Mai auf dem Berliner Opernplatz die Bücher deutscher Schriftsteller brannten, stand Erich Kästner dabei und sah zu. Mit geballter Faust in der Hosentasche, aber stumm.

Ein Moralist im Berlin der Weimarer Republik

Unter den Büchern befand sich auch sein "Fabian", der damals noch den Untertitel "Die Geschichte eines Moralisten" trug. Er erzählt die Geschichte des 32-jährigen Reklametexters Jakob Fabian, der das Leben im präfaschistischen Berlin liebt und die Ereignisse zynisch beobachtet, sich nachts ins Vergnügen stürzt und seinen Job verliert, sich verliebt und verlassen wird, zusehen muss, wie sich sein bester Freund erschießt. Und am Ende selbst beim Versuch, einen Jungen aus dem Wasser zu retten, ertrinkt. Denn er hatte ja ganz vergessen, dass er nicht schwimmen kann.

Unglückliche Romanze: Matthias Gärtner als Fabian und Edda Wiersch als Cornelia © Kerstin Schomburg

Das ist der narrative Kern des Romans. Doch was man in Ingolstadt zu sehen bekommt, ist unendlich viel mehr: ein multimediales Panoptikum der pulsierenden Metropole Berlin gegen Ende der Zwanziger, atmosphärisch dichte Bilder einer brüchigen Gesellschaft, zwischenmenschliche Abgründe und packende Dialoge über Schuld und Menschlichkeit. Ein verstörend reduziertes Bühnenbild und ausgeklügelte Technik, Video-Installationen im Hintergrund und die atemberaubende Musik von Peter Thiessen (Sänger von Kante), der auch selbst am Synthesizer auf der Bühne steht.

Kein Anschluss im "Wartesaal Europa"

Vor allem aber sind es zwei herausragende Schauspieler, die das Stück fast im Alleingang in die Gegenwart tragen: Matthias Gärtner als zerrissener, nach Sinn und Glück suchender Fabian und Marc Simon Delfs als dessen Freund Stephan Labude, der eine brillante wissenschaftliche Schrift über den Philosophen Lessing geschrieben hat, der man aber an der braun besetzten Fakultät durch eine Intrige die Anerkennung verweigert. Deshalb bringt sich Labude auch um – und aus Verzweiflung über den Verlust seiner Verlobten und seiner kommunistischen Ideale, die in diesen düsteren Zeiten zu Straßenkämpfen und Wirtshausschlägereien führen.

Mit Labude sitzt Fabian im "Wartesaal Europa" und weiß nicht, wie es weitergeht. Als Moralist möchte er die Menschen bessern, doch er weiß nicht wie. Und immer wieder fragt er sich: Hat die Welt überhaupt Platz für Anstand? Also lässt er sich treiben durch Berliner Clubs und in Affären mit verheirateten Frauen (als verführerische Femme fatale: Sarah Schulze-Thenberge), lässt sich von seinem selbstgefälligen Chef Breitkopf (Matthias Zajgier) abkanzeln, während andere ihm ekelerregend realistisch in den Hintern kriechen (Kostüm: Carolin Schogs), akzeptiert himmelschreiende Fake-News. Bis er sich auf einer irritierend lauten Techno-Orgie verliebt: ausgerechnet in Cornelia (hinreißend verkörpert von Edda Wiersch), die ihn abserviert, sobald sich die Karriere-Chance bei einem Babelsberger Filmregisseur eröffnet.

Fabian2 1200 Kerstin SchomburgAlles kaputt in Berlin Babylon: Matthias Zajgier, Manuela Brugger und Matthias Gärtner auf der Bühne von Matthias Nebel © Kerstin Schomburg

Es gehört zu den Clous von Mirja Biels Inszenierung, wie geschickt hier Dialog und Erzählung ineinandergreifen, wie Briefe rezitiert und Interviews gegeben werden, wie Musik und bewusste Stille Akzente setzen, wie Videos im Hintergrund mit elementaren menschliche Gesten im Vordergrund interagieren, wie schließlich Maske und Individualität kontrastieren: Das Bühnengeschehen reduziert sich auf sieben Schauspieler, fünf davon in Mehrfachrollen. Doch daneben gibt es noch die vielen Statisten, die Feiernden und die Marschierer, die anonyme Masse Mensch. Sie tragen Strumpfmasken, sind austauschbar, folgen in ein paar Jahren vermutlich einem Führer. Ihnen muss man entgegentreten, wenn sich die Utopien verflüchtigen.

Nah am Publikum

Die zwei Stunden vergehen im Großen Haus wie im Flug. Dicht sind die Bilder, da kommt kaum Distanz auf, zumal die Bühne (von Matthias Nebel) vorhanglos in die Zuschauerränge hinein verlängert wurde: eine Abfolge von Abstufungen mit einer Unzahl von multifunktionalen Kissen, die überall chaotisch verteilt liegen, zu Bergen aufgetürmt oder in kleinen Gruppen.

Orgien und Morde sind hier möglich, Schusswechsel und Liebesleben, Tänze und Selbstmorde, alles in voller Transparenz. Und immer wieder wird das Publikum ins Spiel einbezogen, Labude oder Fabian suchen den Kontakt zu Zuschauern aus der ersten Reihe, fordern Reaktion und Stellungnahme. Denn Politik findet in der Polis statt, verlangt den Diskurs und den persönlichen Einsatz für die Demokratie. Die packende Inszenierung verleiht Kästners Roman eine aktuelle Brisanz. Standing Ovations sind der verdiente Lohn dafür.

 

Fabian oder Der Gang vor die Hunde
nach dem Roman von Erich Kästner
In einer Bearbeitung von Mirja Biel und Dinah Wiedemann
Regie: Mirja Biel, Bühne: Matthias Nebel, Kostüme: Carolin Schogs, Musik: Peter Thiessen, dramaturgische Betreuung: Dinah Wiedemann; Video: Stefan Kern, Mathias Nebel, Dinah Wiedemann, Licht: Thomas Krammer.
Mit: Matthias Gärtner, Marc Simon Delfs, Edda Wiersch, Sarah Schulze-Tenberge, Matthias Zajgier, Manuela Brugger, Sascha Römisch.
Premiere am 1. März 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

theater.ingolstadt.de

Kritikenrundschau

Die Darsteller*innen bereiteten Kästners Sprachkraft eine perfekte Bühne, schreibt Anja Witzke im Donaukurier (3.3.2025). Regisseurin Biel lege den Fokus auf Themen, die uns Heutige angehen: Fake News, #MeToo, die Arroganz der Ignoranz, das Einknicken vor den Mächtigen. "Neben der klaren Botschaft sind es vor allem Bilder, die hängen bleiben: groteske Wesen mit deformierten Körpern, Gesichter in Großaufnahme, die sich verformen, atmosphärische Nachtaufnahmen, das Heer von Gesichtslosen, die willfährige Masse Mensch", so Witzke und lobt auch ausdrücklich die musikalische Ebene. "Auch wenn manches unverständlich bleibt, so lässt einen der Abend nicht unberührt."

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