Ein Riss geht durchs Wohnzimmer

31. Januar 2024. Dramatiker Pavlo Arie und Regisseur Stas Zhyrkov sind die wohl prominentesten ukrainischen Theaterkünstler in Deutschland. Jenem Land also, das in so vieler, aber oft ignorierter Weise mit dem Schicksal ihres Landes verbunden ist. Davon erzählen sie nun an einem Abend, der auch die Geister der Vergangenheit nicht ruhen lässt.

Von Esther Slevogt

"Postkarten aus dem Osten" an der Berliner Schaubühne © Gianmarco Bresadola

31. Januar 2024. In der Altbauwohnung mit dem sorgfältig abgeschliffenen Dielenboden stehen noch unausgepackte Kisten zwischen den Sesseln. Lukas, der gerade eingezogene Bewohner dieser großzügigen Behausung, hält Bilder an die Wand und spielt schon mal künftige Hängungsmöglichkeiten durch. Dann kommen auch schon die Gäste zum Einweihungsdinner: Erst Maria und Orest, etwas später dann Anastasia. 

Sie sind enge wie langjährige Freunde, wie bald zu erfahren ist. 2014 haben sie sich in Mariupol kennengelernt, in irgendeinem Theaterzusammenhang. Lukas etwa ist ein Regisseur aus Deutschland, Orest ein Schauspieler aus der Ukraine. 2014, das war das Jahr nach dem Euromaidan, als sich Russland die Krim einverleibte und der Krieg begann. Ein Krieg freilich, den die Vier damals noch gut ignorieren konnten, und vor dessen anschwellendem Hintergrundrauschen unter dem Dach eines binationalen Theaterprojekts ihre Freundschaft entstand. 

Welche Waffen für die Künstler?

"Postkarten aus dem Osten" ist der Abend überschrieben, inszeniert vom ukrainischen Regisseur Stas Zhyrkov. Im September 2022 hatte Zhyrkov an der Schaubühne bereits den Abend "Sich waffnend gegen eine See aus Plagen" über die Frage auf die Bühne gebracht, was der Krieg mit Menschen macht und wie speziell Künstler hier Position beziehen, zu welchen Waffen sie greifen sollten. Diese Frage steht auch jetzt wieder auf der Tagesordnung, hat aber an Dringlichkeit verloren, weil die Wahl der Waffen entschieden ist. Der Schauspieler Orest ist aus der Ukraine geflohen, und kämpft dem eigenen Selbstverständnis zufolge nun an der Kulturfront im Exil für die ukrainische Zivilgesellschaft nach dem Krieg. Das schlechte Gewissen drückt trotzdem. In einem Film mitzuwirken, in dessen Cast es auch oppositionelle russische Schauspieler gibt, ist für ihn ein No-Go. Mischa, der fünfte im Freundesbund, stellt sich irgendwann heraus, ist irgendwo im Krieg verschollen.

Der Abend beginnt als kammerspielhaftes Konversationsstück: David Ruland spielt den saturierten Filmregisseur Lukas in bequemer Pluderhose und Lederpantöffelchen, der gerade seine geerbte Wohnung bezog. Orest alias Yuriii Radionov, den die Kostümbildnerin Dagmar Rabisch in seinem hellbraunen Samtanzug gesteckt hat, wirkt, als sei seine Integration in dieses Prenzlauer-Berg-Milieu perfekt verlaufen. Sein Deutsch ist auch schon ziemlich fortgeschritten. Nur am protektionistischen Verhalten seiner nervösen Freundin Maria ihm gegenüber, einer deutschen Lehrerin, von Carolin Haupt gespielt, merkt man, dass alles vielleicht doch nicht so perfekt ist, wie es scheint. Die Freunde reden über Kunst und Krieg, über ihr Leben und ihre Arbeit. Und dann kommt Anastasia.

Über Kunst, Krieg, Leben und Arbeit: Maryna Klimova, Carolin Haupt © Gianmarco Bresadola

Der Auftritt von Maryna Klimova reißt die realistische Haut des Abends ein. Die von ihr gespielte Anastasia sammelt Beweise über russische Kriegsverbrechen an der ukrainischen Zivilbevölkerung. Ab jetzt ist auch die Zeitschiene des Abends durch albtraumhafte Einschübe aufgebrochen, durch Monologe wie den Anastasias über die Kriegsverbrechen eben. Oder wenn Orest über all die zerstörten Städte in der Ukraine spricht, Mariupol zum Beispiel. Es wird zunehmend Ukrainisch gesprochen. Während die einen sprechen, spielen die andern stumm und wie in Zeitlupe weiter: wie sie in ein fröhliches Gespräch vertieft am Esstisch sitzen. Oder im Zeitraffer zu grotesk verzerrter Musik tanzen.

Deutsch-ukrainisches Verwoben-sein

Immer stärker bricht auch die widersprüchliche ukrainische Geschichte und ihr Verwoben-sein mit der Deutschen ins Gespräch der vier. Die Kollaboration der ukrainischen Nationalisten mit der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, von der sie sich nationale Unabhängigkeit von der Sowjetunion erhofften. Verbrechen ukrainischer Nationalisten an der polnischen und jüdischen Bevölkerung.

Hier wird bald auch zwischen den beiden ukrainischen Mitgliedern des Freundesquartetts ein Riss unübersehbar: Während Orest sich stärker mit ukrainisch-nationalistischen Positionen identifiziert, Holodomor oder die Ausrottung der ukrainischen Eliten durch Stalin thematisiert, rückt Anastasia die jüdisch-ukrainische Perspektive ins den Vordergrund. Erzählt, wie mörderisch sich der ukrainische Nationalismus auf das Schicksal der Juden ausgewirkt hat.

In aller Deutlichkeit

Hier gibt's dann weitere Anküpfungspunkte an die beiden Deutschen – Maria, die als Lehrerin gerade mit ihren Schülern das Konzentrationslager Buchenwald besuchte, Lukas, der nicht sicher sein kann, wie überhaupt das Haus, wo er jetzt wohnt, in den Besitz seiner Familie kam. Bergen die Stolpersteine davor hier vielleicht ein Geheimnis? Anastasias jüdische Mutter, die einst noch ihre Kette mit dem Davidstern vor der deutschen Freundin ihrer Tochter verbarg und nun vor dem Krieg in der Ukraine selbst ins Land der Mörder floh – wo sie jetzt wieder antisemitisches Gegröle auf den Straßen hört.

Und so verwebt der Abend immer stärker erinnerungspolitische Themen aus verschiedenen europäischen Perspektiven. Das ist mal packend, manchmal kippt es in der Überdeutlichkeit, mit der das hier vorgetragen wird, aber auch zu sehr ins Didaktische. Doch diese Deutlichkeit braucht es vielleicht in diesen unübersichtlichen Zeiten, die so stark von den unbewältigten Krisen und Geistern der Vergangenheit erschüttert sind.

Postkarten aus dem Osten
Von Pavlo Arie, Martin Valdés-Stauber und Ensemble
Übersetzung ins Ukrainische und Deutsche von Sebastian Anton
Uraufführung
Regie: Stas Zhyrkov, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Dagmar Fabisch, Musik: Bohdan Lysanko, Licht: Fritz Stötzner, Dramaturgie: Martin Valdes-Stauber.
Mit: Carolin Haupt, Maryna Klimova, Yuriii Radionov, David Ruhland.
Premiere am 30. Januar 2024
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

Kritikenrundschau

"Postkarten aus dem Osten" sei ein Thesenstück, formuliert Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (31.1.2024) Seine Figuren seien mit groben Strichen gezeichnet und immer wieder mal knarze es in der Darstellungsmaschine. "Das aufgedrehte Stück über Kunst und Krieg, Erinnerungskulturen und Gegenwartsbewältigung ist aber auch eine Verbeugung vor einem großen Abwesenden." Die Erinnerung an den abwesenden Mischa sei Glutkern des geteilten Schmerzes. "Vielleicht ist dieser Mischa auch eine Figur, in der sich das Alter-Ego des exil-ukrainischen Autors Pavlo Arie und seines kongenialen Regisseurs Stas Zhyrkov spiegelt: Ein Stellvertreter für den abgespaltenen Teil ihrer Persönlichkeit: Die Ukraine an der Front, für die sie im Westen auf kultureller Ebene aktiv sind."

Das Publikum müsse damit klarkommen, "dass es sich hier um ein Debattenstück handelt, dem es nicht in erster Linie darum geht, Kunstansprüche zu bedienen", so Christine Wahl im Tagesspiegel (1.2.2024). Die Gedanken und moralischen Dilemmata erinnerten an Leitartikel. "Jedes Mal, wenn es zum Atmosphärischen kommt, wird konsequent gleichsam vorgespult, auf dass man schnell wieder zur nächsten Debatte kommt." Das ändere aber nichts daran, dass "Postkarten aus dem Osten" ein lohnender theatraler Beitrag zu akuten gesellschaftlichen Fragen sei.

"In neunzig dichten Minuten werden im Studio der Schaubühne viele Fragen aufgeworfen und hierarchiefrei in den Raum gestellt", schreibt Katja Kollmann in der taz (1.2.2024). "Zum weiteren Nachdenken über diesen Krieg und seinen Kontext. Das ist die große Leistung dieses Abends." Gemeinsam agierten die Figuren im Vorspielmodus. "Nur wenn sie alleine sind, bricht es aus ihnen heraus. So entstehen vier Szenen mit einer bedrückenden Intimität, in der die Bühne einer einzelnen Figur gehört."

Dass der Text etwas überkonstruiert wirke, dass das Spiel ab und zu die Grenze zum Kabarett streife, "schmälert die Härte und bittere Komik dieses tiefenscharfen Blicks auf die Widersprüche einer vom Krieg veränderten Wirklichkeit nur geringfügig", so Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (1.2.2024). Das Stück unternehme eine Tiefenbohrung in die Abgründe und gegenseitigen Projektionen zwischen dem liberal-bürgerlichen Milieu der Ukraine und Deutschlands nach zwei Jahren Krieg, bei dem die "gut gemeinten Sprechblasen aus dem Berliner Kulturmilieu und die Selbstbilder eines saturierten westlichen Bürgertums" zerplatzten, das sich in aller Naivität für unschuldig halte.

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