Du bist hier nicht auf der Schauspielschule!

12. September 2025. Für seinen neuen Abend hat Oliver Zahn bei der Polizei recherchiert, die in internen Übungen Szenarien mit potenziellen "Störern" bei Demonstrationen durchspielt. Ein Setting, das die gesellschaftspolitische Lage gleichermaßen in den Blick nimmt wie Grundlagen des darstellenden Spiels. 

Von Christian Rakow

Oliver Zahns "Crowd Control" in den Sophiensaelen Berlin © Dorothea Tuch

12. September 2025. Der Ausgangspunkt hat was. Auf Polizeischulen, so lernen wir im Prolog dieses Abends, gibt es Übungen, in denen Polizisten den Umgang mit Gefahrenlagen auf Demonstrationen trainieren, wobei ein Teil der Polizisten in die Rolle der "Störer" schlüpft, während ein anderer als "Trupp" mit der Situation umgehen muss: Deeskalieren oder Durchbrechen, das ist hier die Frage.

Regisseur Oliver Zahn und sieben Schauspielgefährt*innen haben sich dieses herrliches theatrales Futter verheißende Szenario vorgenommen und spielen nun ihrerseits in sieben Versuchen diese Polizeiübungen nach. "Crowd Control" heißt ihr Stück (dt.: "Kontrolle einer Menschenmenge").

Keine Scheu vor Redundanzen

Als "Choreografische Performance-Essays" bezeichnet Zahn seine Arbeiten. Aber essayhaft im Sinne von analytisch durchleuchtend sind sie eher weniger. Über psychologische Methoden, Techniken der Deeskalation oder Gewaltanwendungen bei der Polizei erfährt man kaum etwas. Und so recht choreographisch, also formal punktierend, tänzerisch oder anderweitig körperbetont, wird es eigentlich auch nicht. Das war in früheren Arbeiten anders (ich erinnere mich an die intensive Ausstellung des Hitler-Grußes in "Situation mit ausgestrecktem Arm"). Zahn sucht das gleichförmige Arrangement, scheut sich nicht vor Redundanzen und Monotonie. Zuletzt zeigte er am Ballhaus Ost ein einstündiges Waschritual mit Jan Jaroszek, einen Reflex auf Corona-Hygieneneurosen.

CrowdControl1 Dorothea TuchDeeskalieren oder Durchbrechen? Strategieberatung in "Crowd Control" © Dorothea Tuch

Das neue Stück nimmt sich dagegen deutlich spielerischer aus, atmet bisweilen den Geist des Kabaretts. In den sieben Protest-Übungen gibt es eine reihum wechselnde Seminarleitung, die drei Polizist*innen auf drei "Störer" loslässt. Mal simuliert man eine Sitzblockade an einem besetzten Haus, mal pro-palästinensische Akteure, mal queerfeindliche Faschos. Meist endet es mit Pfefferspray und Schmerzgriffen, wird die Blockade rüde aufgelöst. "Das, was wir machen, sieht nie schön aus. Damit gewinnen wir keinen Ästhetik-Wettbewerb", sagt Lukas Lüdeking einmal in der Rolle des Seminarleiters.

Von "Limos" und "Remos" 

Das Ganze hat durchaus etwas Niedliches. Schon weil solche Sätze wie dieser von Lüdeking witzig zwischen Polizeirealität und impliziter Theatralität pendeln, weil es absolut zum Schmunzeln ist, wenn die Polizisten sich anschnauzen: "Du bist hier nicht auf der Schauspielschule. Du bist bei der Polizei, da bleiben wir realistisch." Auch haben die Ausflüge in den Fachjargon mit seinen notorischen Abkürzungen ihren Reiz: Wer hätte wohl schon von "Limos" (Linksmotivierten) und "Remos" (Rechtsmotivierten) gehört?

CrowdControl4 Dorothea TuchEin "Limo"? Oder ein "Remo"? In jedem Fall ein harter Polizei-Durchgriff in Oliver Zahns neuem Abend © Dorothea Tuch

Zudem geben sie ihre Polizeispiele eben im XXS-Format, drei gegen drei, wo man das Sujet sonst aus dem echten Leben, etwa der Rigaer Straße 94 in Berlin-Friedrichshain, in voller Größe kennt. Dort rücken bei Hausdurchsuchungen ganze Hundertschaften an Einsatzkräften an. Wenn hier drei "Störer" skandieren: "Ganz Berlin hasst die Polizei" oder: "Was macht Investoren Angst / Klassenkampf, Klassenkampf", dann ist das bewusst auf Putzigkeit berechnet. Dass die Brisanz dieser Szenarien in Zeiten wachsender gesellschaftlicher Polarisierung wieder zunimmt, könnte man glatt vergessen.

Auf zweiter Stufe

Zahns Spieler*innen mischen, wo es geht, Charge unter, Jan Jarozek gibt als Seminarleiter den peinlichen Witzedrescher, Cy Linke kokettiert ein wenig mit queerfeindlichen Sprüchen, Lukas Lüdeking mimt den harten Hund. Aber die Variationen und Färbungen bleiben aufs Ganze gesehen matt; der programmatische Druck, das Eskalations-Drama stets ziemlich gleich ablaufen zu lassen, kostet Körner; ab dem dritten Durchlauf kriegt's etwas von Geduldsprobe. Varietas delectat, nicht so bei Oliver Zahn.

Obendrein setzt Zahn zwischen die Szenen monologische Reflexionen der Schauspieler*innen über ihr Metier. Sie fragen sich nach der Erarbeitung von Rollen, dem Umgang mit Requisiten und dergleichen. Das sollte wohl der Essay-Part werden, fällt aber erstaunlich blass und pointenfrei aus. So wird von diesem Stück seine starke initiale Setzung bleiben: die leicht ironische Reproduktion (und Reduktion) eines theatralen Polizei-Szenarios im Theater, Schauspiel auf zweiter Stufe. Kognitiv schön aufzufassen und gewiss gut im Gedächtnis zu behalten, wenn man es denn erst einmal weggeguckt hat.

Crowd Control
von Oliver Zahn
Konzept, Recherche, Text, Ausstattung, Regie: Oliver Zahn, Dramaturgie: Felizitas Stilleke, Technische Gestaltung, Licht: Dennis Dita Kopp, Künstlerische Produktionsleitung: Martina Neu,
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Kerstin Böttcher.
Mit: Lara Maria Humm, Jan Jaroszek, Toni Jessen, Wael Kreiker, Leonie Krieg, Cy Linke, Lukas Lüdeking.
Premiere am 11. September 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
Produktion von Oliver Zahn in Koproduktion mit Sophiensæle und HochX

sophiensaele.com
theater-hochx.de

Kritikenrundschau

"Die Prämisse des Stücks ist so einfach wie einleuchtend: Das Polizeitheater wird auf die Bühne geholt, ins natürliche Habit der Kunst", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (12.09.2025). Die "gewisse Formstrenge", die das habe, kenne man aus früheren Arbeiten Oliver Zahns, der "für sorgsam durchchoreographierte Performance-Essays auf diskursiver Flughöhe" stehe. "Nun ist 'Crowd Control' kein Polizei-Bashing, nichts für Leute mit 'ACAB'-Hoodies, die ihre Vorurteile über die Staatsgewalt bestätigt sehen wollen", so der Kritiker weiter. "Was Zahn hier betreibt, ist eher Kunstkritik vor größerem gesellschaftlichem Hintergrund. Was macht so ein Polizeitheater mit denen, die es spielen? Und: welche ästhetischen Mittel sind dabei im Einsatz"?

"Auch wenn die Nuancen unterschiedlich sind, die Versuche verlaufen sich leider in Redundanz", schreibt Merle Zils in der taz (15.9.2025): "Wo bleibt der Ausbruch aus dem starren Konstrukt des Versuchsaufbaus? Das Theater ist eben kein polizeiliches Einsatztraining. Wo bleiben Mut und tatsächliche Haltung statt Zynismus?"

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