Mastektomie - Sophiensaele Berlin
Befreiender Schnitt ins eigene Fleisch
19. Dezember 2024. Bei einer Mastektomie wird chirurgisch die Brust entfernt, im Zusammenhang mit einem hohen Brustkrebsrisiko oder als Teil einer geschlechtlichen Transition. Das Performance-Kollektiv Chicks* hat diesen Schritt jetzt szenisch erforscht – und gefeiert.
Von Falk Lörcher
"Mastektomie. Ein bittersüßes Abschiedslied" an den Berliner Sophiensaelen © Lena Ures
19. Dezember 2024. Über den Bühnenraum sind ein großes Bett, ein mit Bällen gefülltes Planschbecken, ein Mischpult verteilt, daneben ein Keyboard (Szenographie: Anja Zihlmann). Ophelia Sullivan steht hinter dem Pult, Lovis Heuss liegt eingekuschelt im Bett, während es sich Marietheres Jesse im Bällebad gemütlich macht. Eine Stimme aus dem Off (Integrierte Audiodeskription: Simone Ehlen) begrüßt das Publikum, das einen Sitzplatz auf Stühlen, Strandliegen, Matten oder Sitzsäcken wählen konnte. Ehlen beschreibt den Raum und die dir drei Darsteller*innen: "Alle auf der Bühne sind nichtbinär, weiß, dick und verwenden keine Pronomen."
Prophylaxe und Transitionserfahrung
CHICKS* sind bekannt für ihre barrierearmen, queeren Performances und Workshops. Mit "Mastektomie. Ein bittersüßes Abschiedslied" feiern sie den Abschied von Marietheres Jesses Brüsten. Dieser Abschied soll als Ritual zelebriert werden und zugleich die Frage aufwerfen, wie eine Mastektomie – also die vollständige oder teilweise chirurgische Entfernung des Brustgewebes – sowohl Brustkrebsprophylaxe als auch Transitionserfahrung sein kann. Denn Jesse hat eine Proteinmutation, die das Risiko für eine Brustkrebserkrankung steigert, und führte die Mastektomie zugleich als Teil der eigenen Transition durch. Es sei nicht so leicht, überhaupt Ärzt*innen zu finden, die sich mit Trans-sein, Krebsvorsorge und Nichtbinariät zugleich auskennen, erzählt Jesse.
Jesse und Heuss sitzen sich auf dem Bett gegenüber. Sie sind oberkörperfrei, betrachten den jeweils anderen Körper, und laden das Publikum ein, dasselbe zu tun. Beide Darsteller*innen haben einen flachen, queeren Oberkörper, von unter den Armen bis zur Mitte ihres Körpers ziehen sich lange Narben. Sie beschreiben sich selbst und ihre Körper lange und ausführlich; ein wenig verlieren sie sich dabei in ihrer langsamen und behutsamen Erzählweise. In einigen Momenten liegt in der Beschreibung aber auch eine gewisse Komik:
"Meine Brustwarzen sind 4,2 Zentimeter groß", sagt Jesse. Lovis Heuss fragt: "Hast du das so bestellt?" Jesse antwortet: "Ja, das habe ich so bestellt, aber es war nicht einfach, eine Arzt zu finden, der diese Bestellung so angenommen hat."
Narben nähen
Nach und nach hangeln sich die Darsteller*innen entlang an verschiedenen Facetten von Mastektomie, von ihrem Trans-sein und ihren Erfahrungen. Lovis Heuss hat seit der eigenen Operation begonnen, Narben auf den Brustkorb von Stofftieren zu nähen und diese an Freund*innen vor ihrer Mastektomie zu verschenken, als Abschiedsritual und als Care-Praxis.
Raum für Trauer und Heilung © Lena Ures
Marietheres Jesse hat für den Abschied der Brüste ein Lied geschrieben: "Es war so schön mit euch/ Doch jetzt ist Schluss/ Ihr musstet geh’n weil/ Ich überleben muss." Immer wieder wird das Lied gesungen, von den Darsteller*innen selbst und am Ende auch gemeinsam mit dem Publikum.
Jesse und Heuss berichten von einem Care-Netz, das sie gebildet haben, ein queerer Gegenentwurf zur in der westlichen Gesellschaft hegemonialen Sorgeinsitution der bürgerlichen Kernfamilie. Es ist eine Struktur der gegenseitigen Hilfe, der Fürsorge und Zärtlichkeit, des Gemeinsamen.
Die Performer*innen sprechen im Bett, im Planschbecken und zwischen den Publikumsreihen über Trauer, über viele persönliche Erfahrungen, über das Queer-sein, das ambivalente Gefühl gegenüber den eigenen Brüsten. Gegen Ende der Performance verschenkt Marietheres Jesse übrig gebliebene Relikte an das Publikum, etwa einen Spitzen BH, mehrere Fotos und Einhornschleim.
Feier des Körpers
Viele der Momente sind ausgesprochen intim. Etwa, wenn sich Jesse und Heuss gegenseitig berühren oder auch, als Marietheres Jesse persönliche Geschichten erzählt, aus dem eigenen Leben allgemein und von den Brüsten im Besonderen. Jesse und Heuss wirken in diesen Szenen sehr vertraut und zugleich aufgeregt. Sie zelebrieren, sie feiern den eigenen Körper wie auch den des Gegenübers und bestätigen einander in der eigenen Queerness und Körperlichkeit.
In diesen Augenblicken verschwimmen die Grenzen zwischen realer und inszenierter Nähe, etwa wenn Jesse und Heuss nach Konsens fragen, bevor sie einander berühren. Sind das "ja" oder "mir ist das gerade zu viel" authentisch oder Teil des Skripts? Vermutlich liegt die Realität irgendwo dazwischen. Mit "Mastektomie. Ein bittersüßes Abschiedslied" bringen CHICKS* jedenfalls einen sehenswerten Abend auf die Bühne, besonders für trans und nichtbinäre Personen – ob mit oder ohne Brüsten.
Mastektomie. Ein bittersüßes Abschiedslied
von CHICKS* freies performancekollektiv
Von und mit: Lovis Heuss, Marietheres Jesse, Ophelia Sullivan.
Künstlerische Leitung: Marietheres Jesse, Laura Kallenbach, Mara Martínez, Gianna Pargätzi, Szenografie: Anja Zihlmann, Komposition und Musikalische Leitung: Ophelia Sullivan, Lichtdesign: Ricarda Schnoor, Sound: Josephine Mielke, Barriereabbau und Audiodeskription: Simone Ehlen, Agnes Kappaun, Beratung Relaxed Performance: Milena (Miles) Wendt, Beratung Mastektomie/BRCA1, künstlerische Mitarbeit: Merle Breitkreuz, Assistenz Künstlerische Leitung: Marie Simons, Produktion: Miriam Glöckler.
Premiere am 18. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
chicksperformance.de
sophiensaele.com
Kritikenrundschau
Eine "geduldig sich selbst erklärende Kuschelperformance" sah Doris Meierhenrich für die Berliner Zeitung (20.12.2024) in den Sophiensaelen. "Eine 'bittersüße' allerdings, die den Ängsten, körperlichen Schmerzen und gesellschaftlichen Einflüssen, die mit dem gravierenden Eingriff zusammenhängen, etwas entwaffnend Persönliches, Greifbares, Heilendes entgegensetzt." Im Ganzen: "Eine Hoffnungsperformance, die etwas mehr Gesellschaftsblick vertragen hätte, aber Mut macht zu Offenheit, Freundschaft und Erkundung des Selbst."
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