Spur der Steine - Uckermärkische Bühnen Schwedt
Sag mir, wo du stehst
5. Oktober 2025. In Schwedt huldigen sie Frank Castorf, dem "Klügsten von uns". Und suchen dann doch ihre eigene Form der Castorf-Rezeption: Regisseur André Nicke fordert mit seiner Adaption des DEFA-Filmklassikers "Spur der Steine" die Anerkennung von Lebensleistungen in Ostdeutschland. Samt fetzigem Ostrock-Soundtrack.
Von Christine Wahl
Schwedts Intendant André Nicke zeigt den legendären DEFA-Streifen "Spur der Steine" © Oliver Voigt
5. Oktober 2025. Wenn das mal kein überraschendes Intro ist: Bevor es losgeht mit der Premiere von "Spur der Steine" am Wochenende der Einheitsfeierlichkeiten im Theater Schwedt, betritt der Regisseur die Bühne und erklärt seine Inszenierungsmotivation. Es handele sich um "die schwierigste und persönlichste" Arbeit, die er je gemacht habe, sagt André Nicke, der gleichzeitig der Intendant des Hauses ist.
Er widme sie seiner Mutter – die er anschließend als lebenshungrige Frau beschreibt, deren Idealismus wiederholt mit der Apparatschik-Mentalität des real existierenden Sozialismus kollidierte: Ein Aufprall, dem bekanntermaßen die interessantesten DEFA-Filme ihr Thema verdanken und der auch der jungen Ingenieurin Katrin Klee widerfährt, die in "Spur der Steine" auf der Großbaustelle Schkona anheuert. Also dort, wo sich das Soziotop DDR mit seinen Führungsetagen-Betonköpfen, seinen kalten Karrieristen und echten Idealistinnen, mit seinem eklatanten Widerspruch zwischen Aufbauenthusiasmus und Materialmangel und seiner fatalen Zersetzungsarbeit gerade an denjenigen, denen es mit der viel zitierten Utopie eigentlich am ernstesten ist, als Mikrokosmos zeigt.
Und spätestens an dieser Stelle könnte es jetzt eigentlich auch losgehen mit dem Theaterabend (und mit der Rezension). Aber Nicke – ein Sympathieträger, der augenscheinlich sehr gemocht wird von seinem Publikum – ist mit seinem Premieren-Prolog noch nicht fertig. "Deutsche Geschichte ist nicht nur bundesdeutsche Geschichte, sondern auch DDR-Geschichte", spricht er verbitterungsfrei in den Saal, wünscht sich eine größere ostdeutsche Repräsentanz in Führungspositionen, plädiert für die "Anerkennung von Lebensleistungen" und kommt schließlich doch zum Schluss. "Der Klügste von uns", so Nicke, nämlich "der Regisseur Frank Castorf", habe nach der Wende gesagt: "Wir müssen die Gräben aufreißen und nicht zuschütten, damit wir uns erkennen können."
Ein Lebensleistungsanerkennungsabend
Überraschungsprolog hin oder her: Es sind tatsächlich ideale Inszenierungseinstimmungsworte, die der Regisseur hier spricht, denn seine Bühnenadaption der "Spur der Steine" erweist sich als genau das: ein Lebensleistungsanerkennungsabend in einer ostdeutschen Stadt, der man auch an der Altersstruktur im Zuschauerraum ansieht, dass sie seit dem Mauerfall-Jahr 1989 über vierzig Prozent seiner Einwohnerschaft verloren hat. Nur die beschworenen "Gräben" werden auf der Bühne nicht wirklich allzu tief ausgehoben – was beim Genre "Lebensleistungsanerkennungsabend" möglicherweise in der Natur der Sache liegt.
Idealismus als Käfig: Antonia Schwingel spielt die Ingenieurin Katrin Klee © Oliver Voigt
Jedenfalls hat die Dramaturgin Sandra Zabelt aus dem DEFA-Hit – der erst 1989 einer werden durfte, als es die DEFA schon fast nicht mehr gab, weil er 1966 kurz nach seiner Kinopremiere verboten worden war – eine Theaterfassung destilliert, die den kollektivistischen Anpassungsdruck und den Aberwitz der Partei-Doktrin zwar deutlich benennt, aber ein bisschen leichter und lustiger aussehen lässt, als sie sich realiter anfühlten.
Die Härte der Genauigkeit von Frank Beyers Film mit Manfred Krug als Baustellen-Brigadier Hannes Balla, hinter dessen Anarcho-Charme sich gleichsam die wahrere und tiefere Moral entbirgt als diejenige, die von der Partei gepredigt wird, weicht hier zwar nicht einem (n)ostalgischen, aber doch einem bekennenden Retro-Abend. Dafür sorgt allein schon die Playlist, die – live eingespielt von einem Musikerquartett – von Karat bis zum "Oktoberklub", von den unvermeidlichen "Sieben Brücken" bis zum ideologisch eingefärbten (und hier entsprechend anironisierten) Bekennungszwanglied "Sag mir, wo du stehst" wirklich nichts auslässt.
Ringen mit dem Idealismus
Zwischendrin wird realistisch gespielt auf Frauke Bischingers Bühne, die eine multifunktionale Idealstadt en miniature darstellt und von Baugerüsten flankiert wird, auf denen die Balla-Brigade in originalfilmgetreuer Zimmermannskluft auftritt. Oder auf denen die sympathisch-idealistische Katrin Klee, deren eher intrinsischem Feminismus Antonia Schwingel einen gegenwartsangemessen aktivistischen Touch verleiht, sich aus Liebeskummer mit Ostrock die Seele aus dem Leib singt. Während sich Andreas Philemon Schlegel als ebenfalls ausnahmsweise mal grundidealistischer Parteisekretär Werner Horrath verzweifelt die Haare rauft, weil er es im verknöcherten System leider erst viel zu spät geschafft hat, sich als verheirateter Mann mit der "sozialistischen Moral" im Nacken zu ihr zu bekennen.
Der Brigadier als Crowdpleaser
Fabian Ranglack tut hingegen als Hannes Balla von Anfang an genau das Richtige. Wahrscheinlich auch dahingehend, dass er hier an diesem publikumsumarmenden Lebensleistungsanerkennungsabend gar nicht erst versucht, Manfred Krug nachzueifern, sondern einen viel freundlicheren, weicher gezeichneten Brigadier gibt. Großer Premierenjubel jedenfalls in Schwedt, die Musikcombo muss mehrere Zugaben geben.
Spur der Steine
von Erik Neutsch
In einer Bühnenfassung von Sandra Zabelt
Regie: André Nicke, Musikalische Leitung & Einstudierung: Tom van Hasselt, Bühne und Kostüme: Frauke Bischinger, Dramaturgie: Sandra Zabelt, Choreografie: Frank Schilcher, Vocal Coach: Bastian Holze, Produktionsleitung / Regieassistenz: Daniel Richard Bogacki, Regieassistenz / Statisterie-Leitung: Ewa Malecki, Ausstattungsassistenz: Jasmin Möller, Inspizienz: Babette Schulz, Soufflage: Heidi Hartmann.
Mit: Fabian Ranglack, Antonia Schwingel, Andreas Philemon Schlegel, Uwe Schmiedel, Benjamin Schaup, Daniel Richard Bogacki, Dominik Fijałkowski, Uwe Heinrich, Dennis Weissert, Piotr Knichalla, Elias Eisold, Volker Ringe, Alexandra-Magdalena Heinrich, Katharina Apitz, Kinga Stańko, Jürgen Zabelt, Bodo Brandt, Klaus Rosigkeit, Ursula Fenske, Renate Becker und den Musikern Sebastian Böhlen (Gitarre), Geoffroy Dabrock (Bass), Tobias Fuchs (Schlagzeug), Tom van Hasselt (Klavier).
Premiere am 4. Oktober 2025
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause
www.theater-schwedt.de
Kritikenrundschau
"Dieser Abend war keine Ostalgie. Es war differenzierte Erinnerung bis zur Grenze des Ertragbaren, Mahnung, emotionale Berührung, auch bittere Erkenntnis. Es war die glanzvolle Darstellung einer großen Utopie auf einer ins Verhältnis gesetzt kleinen Bühne mit all ihren menschgemachten Grenzen." So berichtet Charly Schwarz in der Lausitzer Rundschau (6.10.2025) über diese erste von "nur noch acht von diesen wundervollen Vorstellungen".
"Auffällig ist, dass gerade die kleinen Theater im Osten die großen Geschichten von gestern wiederentdecken und dabei keine Angst haben, ihr nicht unbedingt volksbühnentrainiertes Publikum könnte Vier-Stunden-plus-Abenden nicht gewachsen sein", berichtet Kerstin Decker in der Berliner Zeitung (6.10.2025). Regisseur André Nicke "macht es dem Publikum scheinbar leicht: Mitunter gleicht dieser immer wieder von Beifall unterbrochene Dreieinhalb-Stunden-Abend einer Nummernrevue ostdeutschen Liedguts, vom Schlager bis zum Agit-Prop-Song des Oktoberklubs. Aber so wie Nicke die Musik einsetzt, zeigt sich auch die Intelligenz des Abends, seine ironische Brechung, etwa wenn ausgerechnet Balla seinem Kontrahenten 'Sag' mir, wo du stehst!' entgegen singt. Und der Saal versteht jedes Mal. Auch kollektives Lachen ist wohl Vergangenheitsaufarbeitung."
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