Rote Wangen, treu dem Staat

27. September 2025. Zum Spielzeitauftakt nutzt die Neue Bühne Senftenberg eine der größten Sporthallen Europas – für eine Diskussion über die gesellschaftliche Rolle und staatliche Instrumentalisierung des Sports. Eine Ostalgie-Nummer?

Von Michael Bartsch

FestSpiel 2025: "Aktivist" der Neuen Bühne Senftenberg © Steffen Rasche

27. September 2025. Man sei froh, das Raunen und Flüstern um die Nichtverlängerung des Vertrages von Intendant Daniel Ris vorerst hinter sich zu lassen und wieder mit künstlerischen Beurteilungen in den Medien vertreten zu sein: Mit dieser Stimmung wird man am Ort des Spielzeitauftaktes der Neuen Bühne Senftenberg empfangen, in der heutigen Niederlausitzhalle. 1959 als Sporthalle "Aktivist" eröffnet, erhielt sie 1976 einen Tartan-Belag mit einer 100-m-Sprintstrecke und galt mit dem neuen Stahldach als größte freitragende Sporthalle Europas.

Seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren wählt Intendant Ris für sein "FestSpiel" zum jeweiligen Spielzeitauftakt mit großem Erfolg solche historisch-spektakulären Orte. Überhaupt geht es aufwärts mit der ehemaligen Bergarbeiterbühne in Südbrandenburg. Die Besucherzahlen und damit die Eigeneinnahmen steigen rasant, und mit seinem Programm wird das "Provinztheater" inzwischen überregional wieder so beachtet wie in der DDR. Spekulationen reißen deshalb nicht ab, dass die im März dieses Jahres von den Trägern Stadt Senftenberg und Landkreis Oberspreewald-Lausitz mitgeteilte Nichtverlängerung der 2027 endenden fünfjährigen Amtszeit von Ris andere Gründe habe als die angedeuteten wirtschaftlichen Probleme. Der Intendant hat einen Lebenspartner, gibt sich bunt-vielfältig und redet auf Veranstaltungen gegen Nazis.

Über die "Es war nicht alles schlecht"-DDR

Zum diesjährigen Spielzeitstart geht's nun also, dem Spielort gemäß, um Sport. Das begeistert aufgenommene Spektakel in der kurz vor Umbau und Sanierung stehenden Riesenhalle für 3.000 Zuschauer als künstlerisches Ereignis zu apostrophieren, lassen indes skeptische Stirnfalten nur eingeschränkt zu. Die fünf "Akte" bieten im ersten Teil eine stimulierende Debatte über die Rolle des Sports in der DDR und heute und im zweiten Teil eine unterhaltsame Show. Jeweils unter geschickter Ausnutzung und damit gefühlter Verkleinerung des Riesenraumes, in dem sich weder Akteure noch Publikum verlieren.

Zwischen Verzweckung und Gemeinschaftsgefühl © Steffen Rasche

Acht Spielerinnen und Spieler des Ensembles, durchweg in athletischem Zustand, üben sich anfangs in Volkssport. Und gleiten dann ohne klare Rollenverteilung in eine kollektive Disputation über eine "Es war nicht alles schlecht"-DDR, die sich neben einer Bühne in der Kleinstadt Senftenberg eben auch eine in jeder Hinsicht beachtliche Halle für Breiten- und Spitzensport leistete. Deren fast 70-jährige Geschichte wird dabei flott plaudernd vermittelt.

Verzweckte Leidenschaft und gebrochene Talente

Die Texte des erst 1991 geborenen polnischen Regisseurs Kajetan Skurski zur DDR, die ihre Anerkennungskomplexe mit einer weltweit unvergleichlichen Sportförderung kompensierte, klingen aber anfangs ausgesprochen ostalgisch. Zunächst bezieht sich Skurski auf die zu Reputationszwecken in der DDR verzweckte Sportleidenschaft: Alles, "was Deine Wangen rötet", kann nie schädlich sein. Ehrgeiz gepaart mit Gemeinschaftsgeist, Selbstüberwindung, Persönlichkeitsentwicklung, so etwas wie Zucht. "Wer sich bewegt, ist müde und kommt abends nicht auf dumme Gedanken". Demgegenüber das Zitat: "Ein Mensch ist im neuen System nicht mehr viel wert."

Erst mit dem Schicksal des alle bekannten DDR-Radsportgrößen überragenden Talents Wolfgang Lötzsch greift Skurski in seinem In­ter­views und Ar­chiv­ma­te­ri­al inspiriertem Text auch die Kehrseite der Debatte auf. Die Stasi verhinderte die Entfaltung des renitenten Eigenbrötlers, brach ihn, so dass er in den 1980ern noch der SED beitrat. Die Gedenkstätte Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz widmet ihm eine eigene Zelle. In der inszenierten Debatte wird der militante Sportunterricht in der DDR parodiert, klingt Doping an, wird die totale Hingabe an sportliche Spitzenleistungen hinterfragt.

Solo einer Trainerin

Wenn sich im dritten "Akt" das Publikum jeweils mit einem der acht Akteurinnen und Akteure auf Nebenräume der Halle verteilt, beginnt wirkliches Theater. Vielleicht ist das Solo von Catharina Struwe in einem ehemaligen Umkleideraum das erschütterndste. Kein Sport- sondern ein Treppenunfall brachte sie in den Rollstuhl. Ja, sie habe als Trainerin "die Mädchen laufen lassen, bis sie spuckten". "Ich wollte, dass sie gewinnen, aber nicht für die DDR, sondern für mich." Weil ein tiefes Vertrauensverhältnis zu ihren Schützlingen bestand. "In ihren Augen war Feuer", beschreibt sie die Sportlerinnen und vergleicht sie mit einer mit nichts mehr belastbaren Generation heute, die mimosenhaft auf ihre Unversehrtheit achte.

nB Festspiel Aktivist 1198 c Steffen RascheAuf der Tartan-Bahn der Sporthalle Aktivist © Steffen Rasche

Im Publikum sitzt neben der dreifachen Olympiamedaillengewinnerin Gunhild Hoffmeister auch die Mittelstreckenläuferin Christina Lathan-Brehmer, die 1976 mit der legendären 400-Meter-Frauenstaffel Olympia-Gold gewann. Auf Nachfrage erzählt sie, dass sie sich in der Debatte kaum wiedererkannte. Es sei alles viel selbstverständlicher gewesen damals. "Ich wollte einfach reisen", nannte sie einen simplen Beweggrund für ihr hartes Training.

Als Sportfest-Show mit Spielmannszügen und einem lokalen Chor, der Supersportlerin Michaela und Pegasus mit Bellerophon klingt derweil die Spielzeiteröffnung aus – publikumsnah, nicht im Ansatz linksextremistisch, sondern identitätsstiftend. Mithin lausitztröstend. Und Intendant Daniel Ris? Hat sich nach seinem De-Facto-Rauswurf anderswo neu beworben und in der ersten Oktoberwoche ein Vorstellungsgespräch. "Der Drops ist gelutscht", resümiert er halbernst. Der Träger-Zweckverband von Kreis und Stadt, der ihn unbedingt loswerden will, wird in Kürze eine Neuausschreibung der Intendantenstelle veröffentlichen.

Aktivist. Eine Sporthalle in fünf Akten
von Kajetan Skurski
Regie: Kajetan Skurski, Künstlerische Gesamtleitung: Daniel Ris, Dramaturgie und Recherche: Richard Pfützenreuter, Kostüme: Magdalena Fauck. 
Mit: Dana Koganowa, Catharina Struwe, Marianne Helene Jordan, Daniel Borgwardt, Mirko Warnatz, Richard Fuchs, Jörg Seyer, Janus Torp, Mihaela Zacharia sowie demKonzertchor Senftenberg, Laufgruppe Senftenberg, Marga Fanfaren, SV Senftenberg, Stadtchor Lauchhammer.
Premiere am 26. September 2025
Dauer: 3 Stunden, inkl. 45 Minuten Pause mit Kartoffelsuppen-Verpflegung

www.theater-senftenberg.de

Kritikenrundschau

Für die Märkische Oderzeitung (30.9.2025) berichtet Christina Tilmann: Viele Geschichte gingen "unter die Haut"; der Abend sei "alles andere als eine Nostalgieshow und auch ziemlich schwerer Stoff für eine festliche Spielzeiteröffnung. Manches verliert sich in der Weite des Raums, dessen Dimension eigentlich eher voll besetzte Sportzuschauerränge verlangt als ein knapp 300-köpfiges Theaterpublikum. Und es spricht für die Senftenberger und ihre Liebe zu ihrem Theater – und ihrer Halle –, dass sie alle Stationen dieser Ortserkundung mitgehen und ihr Ensemble am Ende begeistert feiern."

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