Kneipe ist wie Therapie 

17. August 2025. Auch Nick Hornby ist erwachsen geworden. Sein Roman "State of the Union" führt ein Paar durch ihre schwierig gewordene Beziehung – und zehn Mal an einen Kneipentisch. Der neue Wilhelmshavener Oberspielleiter Nicola Bremer hat die durchaus raffinierte Beziehungskomödie zum Saison-Auftakt inszeniert.

Von Tim Schomacker

Nick Hornbys "State of the Union" von Nicola Bremer an der Landesbühne Nord Wilhelmshaven inszeniert © Volker Beinhorn

17. August 2025. Es gibt britische Pubs und deutsche Eckkneipen, die haben diese wundervollen, aus vielen kleinen bunten Scheiben zusammengesetzten Fenster. Nicht ganz so farbgefächert wie und auch weniger erzählerisch als Kirchenfenster. Aber sie haben eine bestimmte Fähigkeit, den Innenraum der Kneipe mit der Welt da draußen zu verbinden. Man sieht Licht, aber nicht zu genau, man sieht Konturen, aber nicht zu präzise, Landschaft und Hintergründe ahnt man mehr. In einer Kneipe jedenfalls treffen sich Louise und Tom regelmäßig. Sie ist Ärztin, er Musikjournalist derzeit ohne feste Anstellung. Sie sind lange genug verheiratet, dass die gemeinsamen Kinder in der Schule Probleme haben. Und die Ehe der beiden ebenfalls. Gewiss nicht wegen, aber wohl anlässlich einer Affäre auf ihrer Seite wird das klar.

In der Mitte des Lebens

Der Pub heißt, das verrät ein hübsch geschwungener Neonschriftzug auf Wiebke Heerens absichtsvoll unechtem Backsteinbühnenhintergrund, State of the Union. Es geht, sehr beziehungsreich, um den Stand der Verbindung, der Beziehungsstatus ist bloß auf dem Papier nicht kompliziert. Nun ja, Nick Hornby war um Direkt-drauf-losigkeit seiner Romantitel nie verlegen: Fever Pitch, High Fidelity, About A Boy. Alles schon etwas her. Fast schon historisch. "State of the Union" ist von 2019. Und sein Personal ist auch irgendwie eine Lebensphase weiter, die Verzweiflung melancholischer geworden.

Beziehungsstatus durchaus kompliziert: Louise (Hannah Sieh) und Tom (Andreas Möckel) in "State of the Union" © Volker Beinhorn

Stephen Frears hat das Buch fürs englische Fernsehen adaptiert. Da konnte man die Pubfenster sehen. Nun schlägt der neue Wilhelmshavener Oberspielleiter Nicola Bremer mit dem Ehe-Krisen-Doppel zur neuen Spielzeit auf. Und da sind besagte Fenster, wenn es denn so bunte sind, exakt in die vierte Wand montiert, schauen Tom und Louise durch sie genau nicht zu uns, sondern bloß in unsere Richtung. Nach draußen, und zugleich in sich selbst. Landschaftspanorama, Schlachtbeschreibung, Glaskugel. Der Blick nach Innen-Außen ist es, der diesen Text trägt. Und damit auch diesen Abend. Denn es ist ein erzählter, bisweilen fantasierter Blick in Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Zehn mal Kneipentisch

Die Situation ist formal komplett überzogen. Und das macht sie ebenso kunst- wie reizvoll. Andreas Möckels die eigenen Abgründe und vor allem Traurigkeiten nur mühsam beherrschender Tom und Hannah Siehs selbstbewusst die eigenen Ängstlichkeiten gerade so in Schach haltende Lousie treffen sich hier im Pub zehn Mal. Es ist nicht etwa ihre Stammkneipe. Sie liegt nur zufällig direkt gegenüber der Praxis ihrer Eheberaterin.

Eine Kellnerin huscht gelegentlich noch durch den Gastraum, räumt Gläser weg. Und sprüht offenbar übelriechende Tischblümchen mit Deo an. Ansonsten sind sie mit sich und mit einander allein. Hornbys Text nimmt an, dass die therapeutische und beratende Routine hierher quasi verlängert wird. Oder Entscheidendes vorgezogen und präpariert.

Hochkomplexes diplomatisches Spiel

Das funktioniert natürlich nur als komödiantische Konstruktion. Denn nur diese scheint die diversen Klischeeebenen angemessen in Schach zu halten. Und sie ins Schimmern zu bringen. In zehn Szenen schlagen Louise und Tom also einen großen Bogen durch Ängste und Wünsche, versuchen dabei für Kränkungen und Vorstellungen angemessene (und vor allem auch gemeinsame) Bilder und Metaphern zu finden. Einmal sagt Tom, sie hätten keine Ehe, die man sezieren müsse, Louise merkt irritiert auf und er erklärt: "Eine medizinische Metapher. Für dich." Da geht es nicht darum, ob die Metapher besonders passend ist, sondern um die Geste, das Angebot in diesem ultrabanalen und zugleich hochkomplexen diplomatischen Spiel. Immer wenn das Gemeinsame wegzurutschen droht, kriegen beide es mit der Angst: Denkst du etwa an Trennung, gar Scheidung?

State of the Union c Volker Beinhorn 12Kränkungen, Verletzungen, Paartherapie, und doch: Die Ehe bleibt © Volker Beinhorn

Nicola Bremer und sein spielfreudiges Duo lösen den Text insofern sehr stimmig ein, als sie der Traurigkeit Raum geben, die untrennbar mit der gleichzeitigen Vertrautheit verbunden zu sein scheint. Vertrautheit miteinander. Aber auch Vertrautheit mit Ehe und Paarbeziehung, die bei allen Kränkungen und Verunsicherungen als solche niemals angetastet werden. Durchs imaginäre Fenster schauen beide immer wieder beschreibend auf andere Paare, die aus der therapeutischen Tür treten. Und stellen sich die Ehen der anderen vor – und darin die Zukunft ihrer eigenen.

Gedankt sei diesem Ort

"Das war's wohl mit Nordkorea", stellen sie enttäuscht fest, als sie sehen, wie sich zwei, die es eigentlich viel schlimmer erwischt zu haben schien, wieder vertragen. Und so Tom und Louise als erbauliches Gegenbeispiel abhanden kommen. Wie gemein.

Wie eine Schlacht aus Text bei Kleist oder das fröhliche besprochene Zukunfts-Feuer der Hexen bei Macbeth funktioniert das in guten Momenten. Dezent gerahmt von Siehs und Möckels wohltemperiertem Slapstick. Die Ehe scheint am Ende einstweilen gerettet. Mehr der Kneipe als der Therapeutin sei Dank, wie uns der Text etwas sehr selbstbewusst sagen möchte. Immerhin lässt er Tom und Louise mit ihrer Zukunft angemessen allein. Auch weil er uns zwar gut unterhalten, aber auch irgendwie unbeteiligt zurücklässt. Regisseur Nicola Bremer hat aber ja in Wilhelmshaven gerade erst angefangen – und also noch einige Gelegenheit, seinem fulminanten Einfühlungs-Einspruch passende Konturen folgen zu lassen.

State of the Union. Eine Ehe in zehn Sitzungen
von Nick Hornby
Deutsch von Ingo Hertzke
Regie: Nicola Bremer, Bühne, Kostüme: Wiebke Heeren, Dramaturgie: Dr. Marcel Krohn.
Mit: Ronja Lange, Andreas Möckel, Hannah Sieh.
Premiere am 16. August 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.landesbuehne-nord.de


Kritikenrundschau

Intelligent dirigiert und kurzweilig sei Bremers Hornby-Inszenierung, "gespickt mit treffsicheren Pointen, berührenden Momenten menschlicher Tiefe und einer sich durchziehenden feinen Rhythmik", schreibt Désirée Warntjen in der WZ (18.8.2025). Ein weiteres Highlight sei das Duo in den Hauptrollen, ein "absolutes Hingucker-Paar", das in perfektem Timing jeden Gag auskoste. 90 Minuten halte Das Wechselbad der Gefühle halte das Publikum 90 Minuten in Bann.

Die Charaktere seien einmalig ausgestaltet – Tom als hilfloses Riesenbaby im "Best Papa"-Hemd, Louise wie aus dem Ei gepellt –, schreibt Henning Karasch in der Nordwest-Zeitung (18.8.2025). Die Handlung sei mit Slapstick gut angereichert und das Stück von Regisseur Nicola Bremer und Bühnen- und Kostümbildnerin Wiebke Heeren "perfekt umgesetzt". Am Schluss erkenne das Paar seine Ehe als "ein Haus mit Rissen" an, in dem weiterhin zu wohnen sie sich entschlössen.

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