Oleanna. Ein Machtspiel - St. Pauli Theater Hamburg
Eine*r muss leiden
10. März 2025. Eine Studentin und ein Professor treffen sich zur Klausurbesprechung im Uni-Büro, hinterher gibt es zwei Versionen der Geschichte. Mehr als dreißig Jahre ist die Uraufführung von David Mamets US-amerikanischem #metoo-Vorläuferstück bereits her, das damals heiß diskutiert wurde. Und heute?
Von Katrin Ullmann
David Mamets "Oleanna" am St.-Pauli-Theater Hamburg © Kerstin Schomburg
10. März 2025. Es gibt sie noch, diese Art Männer. In Ulrich Wallers Inszenierung von "Oleanna" tragen sie locker sitzende Cordanzüge, schwarze Hornbrillen und edle Lederschuhe (Kostüme: Ilse Welter). Immerzu wirken sie unglaublich souverän. Werfen wissend mit Fremdwörtern, heucheln – wenn sie müssen – Verständnis und reden am allerliebsten nur von sich.
John ist einer dieser Typen. Ein Hochschulprofessor mit etlichen Publikationen und schickem Büro. Am Hamburger St. Pauli Theater hat Raimund Bauer dieses Büro gestaltet. Darin steht neben einem schlichten Tisch und einem gepolsterten Bürostuhl noch ein kantiges Designersofa – alles überschaubar platziert auf wohltuend knarzendem Parkett.
Professorale Verbalergüsse
Selbstsicher bewegt sich Sven-Eric Bechtolf als John durch diesen Raum. Was hat er schon zu befürchten? Seine Professur auf Lebenszeit ist greifbar nah und auch der Hauskauf für die Familie. Seine zurzeit einzige Sorge ist, sich beim Termin mit Ehefrau und Maklerin zu verspäten. Wäre da nicht die Studentin Carol – von Johanna Asch mit enormer Präsenz gespielt. Eine Weile schon steht sie am Bühnenrand und wartet auf ein Gespräch. Dass sie darin die Note für ihre letzte Klausur wissen will, wird man erst eine gefühlte Ewigkeit später erfahren. Denn bis sie ihr Anliegen äußern kann, ergießt sich der Professor in selbstgefälligen Monologen, immer mal wieder unterbrochen von genüsslichen Bissen in die mitgebrachte Stulle oder privaten Telefonaten.
Machtspiel: Johanna Asch und Sven-Eric Bechtolf in Ulrich Wallers David-Mamet-Inszenierung © Kerstin Schomburg
Aschs Carol hält das alles aus. Irritiert sitzt sie auf dem Bürostuhl des Professors, während dieser ihr regelmäßig etwas zu nahe tritt. Dann zieht sie ihre Augenbrauen fragend zusammen, manchmal auch beginnt sie hektisch zu blinzeln, als könne sie so die Situation schneller begreifen. "Ich verstehe nicht", sagt sie ein ums andere Mal, oder: "Ich bin dumm", oder: "Ich versage". Immer umklammert sie ihren College-Block dabei wie einen Rettungsring, hält ihn wie ein Schutzschild zwischen sich und den Professor. Irgendwann aber bricht sie in dermaßen verzweifeltes Schluchzen aus, dass der Professor dies mit einer unbeholfenen Berührung an ihrer Schulter zu stoppen versucht. Seine weiteren Beruhigungsversuche erinnern an die Atemübungen eines asthmatischen Yoga-Lehrers und lösen bei Carol statt innerer Ruhe nurmehr panisches Kreischen aus.
Umkehr der Machtverhältnisse
Doch das alles ist ja nur der Anfang. Der Anfang von David Mamets Stück "Oleanna", in dem sich die Machtverhältnisse in den nächsten beiden Akten umkehren werden. In denen Carol ihre Perspektive erzählen und den Professor der sexuellen Belästigung bezichtigen wird, in dem sie schließlich ihre Macht ge- , manche werden sagen: missbrauchen wird. Klärende Gespräche werden scheitern, tätliche Übergriffe folgen, die Kommission wird Johns Berufung zurückziehen. Im dritten Akt steht fest: Für John gibt es keinen Lehrstuhl und keinen Hauskauf. Für Carol hingegen ein hart erkämpftes, (vorläufiges) Ende der patriarchalen Dominanz und Selbstgefälligkeit.
Mansplaining in der Uni-Sprechstunde: Sven-Eric Bechtolf und Johanna Asch auf Raimund Bauers Bühne © Kerstin Schomburg
Mit "A Power Play" untertitelte der US-amerikanische Autor sein viel diskutiertes Stück. Uraufgeführt wurde es 1992. Nur wenige Monate nachdem die amerikanische Jura-Professorin Anita Hill am 15. Oktober 1991 die sexuelle Belästigung durch ihren Ex-Kollegen Clarence Thomas publik gemacht hatte. Live und im TV. Die Wellen schlugen hoch. Thomas sprach von "high-tech lynching" – und wurde trotz Hills schwerer Vorwürfe doch noch einer der Obersten Richter der Vereinigten Staaten. Ein hässlicher und ein wenig in Vergessenheit geratener Vorfahre von #metoo.
Dennoch, und trotz der souveränen Schauspieler*innen, wirkt der Abend seltsam gestrig. Vermutlich liegt das vor allem an der Übersetzung und am damit deutlich amerikanischen Setting. Ulrich Waller inszeniert Bernd Samlands Erstübersetzung quasi vom Blatt. Nur hin und wieder lässt er Johanna Asch als Carol ein zeitgemäßes Gendern einfügen. Doch abgesehen davon interessiert er sich weder für Aktualität in der Sprache noch für Straffung im Text.
Schwere Zunge, verrutschte Brille
Recht langatmig reden die beiden Protagonist*innen aufeinander ein und aneinander vorbei, verstehen nur, was sie verstehen wollen, nicht das, was sie verstehen könnten. Gegen Ende wird Carol dann laut und radikal in Hosen auftreten, wird Mutmaßungen zu Tatsachen verdrehen, eine Liste mit Johns Verfehlungen zücken und Respekt und Verständnis einfordern. "Ich verstehe kein Wort", wird John daraufhin mit schwerer Zunge und verrutschter Brille murmeln, bevor er seinen Zeigefinger und bald seine Faust gegen Carol erheben wird, die ihn dann wiederum zu einem öffentlichen Schuldeingeständnis zwingen wird.
Recht haben und Recht bekommen ist in "Oleanna" ein never ending battle – fern von Verständnis oder Verständigung. Ausweglos dystopisch. Oder, wie Carol es resignierend formuliert: "Es ist schwer … Aber einer oder eine muss immer leiden. Und bisweilen leiden wir alle. Ist es nicht so? (Pause) So ist es."
Oleanna – Ein Machtspiel
Von David Mamet, ins Deutsche übersetzt von Bernd Samland
Regie: Ulrich Waller, Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Ilse Welter.
Mit: Johanna Asch und Sven-Eric Bechtolf.
Premiere am 9. März 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.st-pauli-theater.de
Kritikenrundschau
Regisseur Waller gelinge die Balance zwischen Geschlechter- und Generationendrama, so Stefan Rickziegel vom Hamburger Abendblatt (10.3.2025). Das Stück biete dank eines äußerst glaubwürdigen Duos auf Augenhöhe beste Schauspielkunst.
"Beide Kontrahenten kriegen ihr Fett ab, beide erscheinen phasenweise glaubwürdig, dann wieder verlogen, verletzt und heimtückisch, offenherzig und undurchschaubar. Was wäre die Lösung dieses Stellvertreterkrieges? David Mamet sah die Probleme, hatte aber auch keine Antwort. Daher bleibt es bei einem Schattenboxen mit Wirkungstreffern, in Hamburg beherzt abgefeuert von Johanna Asch und Sven-Eric Bechtolf, die das Publikum mit Verve und Nachdruck fragen: Wie konnte es so weit kommen?", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (12.3.2025).
"Ulrich Waller verlässt sich bei seiner Inszenierung auf die beiden Darsteller. Ein wenig zu sehr: So vielschichtig Bechtolf den Professor zwischen Höhenflug und Absturz zeigt, so eindimensional ist Johanna Aschs Part als Carol angelegt: erst fast kindlich naiv, dann eine Art Kampfmaschine“, schreibt Hans-Martin Koch von der Lüneburger Zeitung (13.3.2025). "'Oleanna‘' fesselt, wird sehr zustimmend aufgenommen und garantiert, dass Besucher über das, was sie gesehen haben, diskutieren werden."
"Harte Kost" ist das Stück für die Zuschauer, die Peter Helling in seinem NDR-Bericht (10.3.2025) zu Wort kommen lässt. Der Kritiker selbst urteilt: "Das Stück strapaziert die Nerven, ist auch langatmig, ist aber messerscharf gespielt und inszeniert." Regisseur Ulrich Waller "inszeniert ein packendes Kammerspiel, das aber leider Schlagseite hat" und "nicht mehr ganz taufrisch" sei, "als ginge es bei Missbrauch um ein Spiel um Macht".
Für "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (10.3.2025) hat Michael Laages auch mit den beiden Schauspielern des Stückes gesprochen, die sich für die Widersprüchlichkeit ihrer Figuren interessieren. Laages selbst urteilt nach der Premiere: Die Hamburger Inszenierung bleibe "dem Kern dieses richtungsweisenden Stückes immer sehr präzise auf der Spur." Sein Fazit: "Das Stück bleibt ein Ereignis, auch nach so vielen Jahren (...)."
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