Sprung über den Familienteppich

16. März 2025. Hundert Jahre Familiengeschichte zwischen Breslau, Istanbul, Gelsenkirchen: In "Mutter Vater Land" erzählt Akın Emanuel Şipal von vier Generationen, mit einer Hauptfigur, die er nicht umsonst Alter Ego nennt. Christina Gegenbauer hat die wendungsreiche Genealogie samt ihrer Schönheit nun in Detmold inszeniert.

Von Kai Bremer

Akın Emanuel Şipals "Mutter Vater Land" von Christina Gegenbauer am LandesTheater Detmold inszeniert © Jochen Quast

16. März 2025. Geschmack hat diese Familie zweifellos. Zahlreiche Orientteppiche, sauber miteinander vernäht und verknüpft, bedecken nicht nur den Boden. Der Teppicheteppich wölbt sich im Hintergrund bis unter die Decke vom Grabbe-Haus, der Studiobühne des Landestheaters Detmold. Seine Ornamente sind in warmen Farben gehalten, braun und rot, ohne auf spießige Weise gemütlich zu wirken. Wie die fünf runden Lederpoufs, die nicht nur farblich, sondern auch durch ihre klaren Kanten abgestimmt wirken (Bühne: Frank Albert).

Die verschiedenen Familienmitglieder gleichen ihrem Heim. Sie sind alltäglich gekleidet, die Farben ihrer Blusen und Shirts, ihrer Röcke und Hosen sind die der Teppiche. Viele Facetten und Nuancen also und gleichzeitig – zumindest dem ersten Eindruck nach – Harmonie.

Deutsch-türkische Schönheit

Dass gleichwohl nicht alles Friede Freude Eierkuchen in dieser Familie ist, überrascht natürlich nicht. Welche Familie ist schon reiner Einklang – zumal im Theater? Akın Emanuel Şipal macht in seinem Stück "Mutter Vater Land", das im Juni 2021 in Bremen uraufgeführt wurde und im folgenden Jahr den Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen gewann, umgehend deutlich, dass Verletzungen in einer Familie nicht ausbleiben. Erzählt werden Szenen aus dem Leben der namenlosen Familie von "Alter Ego" (Adrian Thomser). Früh wird geschildert, wie seine Großmutter die damals fünf Jahre alte Mutter in Istanbul zurücklässt, um ihrem Mann in den Siebzigerjahren nach Gelsenkirchen zu folgen. Ob die zwischenzeitliche Trennung Narben in der Psyche von Alter Egos Mutter hinterlassen hat oder aber vielleicht Ursache für ihre spätere Belastungen war, klärt das Stück nicht.

Mutter Vater Land 2 CJochen Quast uViel zerrissenes Papier und familiäre Verletzungen: Stella Hanheide und Manuela Stüßer in "Mutter Vater Land" in Detmold © Jochen Quast

Vielmehr nutzt Şipal Szenen wie diese, um das Familiengefüge immer wieder neu zu beleuchten. Zudem erzählt er wie nebenbei die Geschichte von immerhin vier Generationen. Er verfährt dabei nicht chronologisch. Alter Ego, dessen Leben in mehr als einer Hinsicht dem Şipals gleicht, arrangiert die Szenenfolge vielmehr. Um das zu verdeutlichen, lässt Regisseurin Christina Gegenbauer ihren Hauptdarsteller Thomser vielleicht ein paar Mal zu oft mit seinen Händen wie ein Hobby-Zauberer durch die Luft wedeln oder seine Eltern und Großeltern pantomimisch wie ein Marionettenspieler dirigieren.

Erinnert oder falsch erinnert?

In der vorletzten Szene begehren die übrigen Figuren – dargestellt von Stella Hanheide, Patrick Hellenbrand, Hartmut Jonas und Manuela Stüßer – gegen ihren Arrangeur Alter Ego auf. Opa wirft seinem Enkel vor, "alles erfunden" zu haben. Als der daraufhin meint: "Es ist erinnert", stellt der Großvater trocken fest: "Es ist falsch erinnert." Alter Ego will das so nicht stehen lassen und erklärt sein künstlerisches Konzept: "Aber ihr seid ja nicht nur meine Großeltern, sondern auch Träger einer Zeit, ihr seid Zeichen für die Zeit, aus der ihr stammt, und für die Orte." Opa, der unter anderem Kafka, Hesse und Grass ins Türkische übersetzt hat und auch sonst literarisch alles andere als unbeleckt ist, kann es nicht fassen: "Wir sind aber keine Zeichen, wir sind Menschen."

muttervaterland4 JochenQuastHartmut Jonas, Stella Hanheide, Patrick Hellenbrand und ganz links Adrian Thomser als Alter Ego © Jochen Quast

Şipals feiner metatheatraler Humor mit seinen Anleihen an Pirandello wird von Gegenbauer präzise inszeniert. Gleichzeitig gibt sie den Szenen Raum, in denen mal beklemmend, mal erschütternd Alltagsdiskriminierungen etwa in der Schule, aber auch innerhalb der Familie gezeigt werden. So beschimpft die am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Breslau vertriebene Uroma ihren angehenden Schwiegersohn aus Istanbul: "Komm mir ja nicht wieder unter die Augen, Parasit, Kartoffelkäfer."

Wurzel-Erkundung und Huldigung 

Die miteinander vernähten Teppiche sind also mehr als nur ein ansehnlicher Hintergrund der Inszenierung, sie versinnbildlichen sie. Şipals Text ist eine kaleidoskopartige Genealogie. Im Verlauf des Abends wird immer klarer, wie sehr seine pointiert formulierten Dialoge die Verwerfungen und Verletzungen seiner Figuren zwar nicht unter den Teppich kehren, aber ihre Gefühle und Sorgen doch zugunsten des Ganzen einhegen. Indem Alberts Bühnenbild das aber wiederum kommentiert und Gegenbauer Alter Ego wie einen Puppenspieler inszeniert, ergänzt die Aufführung Şipals Text überzeugend – und macht so aus seiner Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln eine Familiengeschichte.

Mutter Vater Land
Von Akın Emanuel Şipal
Regie: Christina Gegenbauer, Bühne und Kostüme: Frank Albert, Musik: Nikolaj Efendi, Dramaturgie: Katrin Aissen.
Mit: Stella Hanheide, Patrick Hellenbrand, Hartmut Jonas, Manuela Stüßer, Adrian Thomser.
Premiere am 15. März 2025
Dauer: 1 Stunden 35 Minuten, keine Pause

www.landestheater-detmold.de

Kritikenrundschau

Einen "rasanten Ritt durch die Familiengeschichte des Autors" erlebte Rudi Rudolph und schreibt in der Lippischen Landeszeitung (19.3.2025): "Das Stück lebt von seinen Zeitsprüngen und seinen überraschenden Wendungen. Furios auf die Bühne gezaubert von fünf bestens aufgelegten Schauspielerinnen und Schauspielern."

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