Beinhartes Leben für die Kids

20. September 2025. Felix Krakau hat in der griechischen Mythologie geblättert und einen grausigen Familienstoff hervorgezogen. Den er mit lässiger Distanzierung auf die Bretter des Essener Grillotheaters schnippt.

Von Martin Krumbholz

Felix Krakaus "Angst und Schrecken in Mykene" am Schauspiel Essen © Nils Heck

20. September 2025. Beim Lesen dieser Antiken-Überschreibung von Felix Krakau, betitelt "Angst und Schrecken in Mykene", einer Auftragsarbeit des Essener Theaters, stellt man sich vielleicht vor, "die Kids", also Elektra, Chrysothemis und Orest, die Kinder von Agamemnon und Klytaimnestra, würden tatsächlich von talentierten Kindern gespielt. Das, stellt man sich vor, könnte einen besonderen Thrill haben, einen Schauer-über-den-Rücken-Effekt. Es kommt anders. Aber mein Gott, die Kritik sollte nicht immer bessere Ideen haben wollen als die Regie, das wäre ja ein bisschen anmaßend. Lassen wir also das Gedankenspiel.

Glanztaten und Schandtaten

Die Drehbühne im Grillotheater transportiert ein mintgrünes, zweifaches System aus Torbögen, vielleicht angelehnt an das berühmte Stadttor von Mykene, wie man es heute noch besichtigen kann. Mykene ist der Schauplatz und der Dreh- und Angelpunkt einer Art Trilogie, die Krakau sich aus der Mythologie geborgt hat. Die Rede ist nacheinander von Tantalus und seiner Hybris, von den Glanztaten des Herakles, von der Schlächterei zwischen Atreus und seinem Bruder Thyestes, vom Trojanischen Krieg, von der Orestie und schließlich von der Göttin Athene, die die Demokratie begründet. Zwei Boten, Lene Dax und Ronald Radusch González, "führen durch den Abend", wie es im Fernsehen heißen würde: In schlammfarbene Ledermäntel gehüllt, geben sie sich teils launig, teils irritiert ob des Geschehens, immer in guter Moderatorenart am Publikum orientiert. "Die sind also tatsächlich gekommen", heißt es gleich anfangs.

Angst Schrecken Mykene 3 CNils Heck uDer "Orestie" entstiegen: Alexey Ekimov (Orest) , Floriane Kleinpaß (Elektra) und Lene Dax (Chrysothemis) © Nils Heck

Seinen Text hat Krakau mit zwanzig Fußnoten versehen, die auf die Quellen verweisen, beispielsweise auf Peter Steins vielgespielte Orestie-Übersetzung mit der Formel "Tun – Leiden – Lernen". Das ist ehrenwert. Krakaus Sprache ist freilich heutig, teils salopp, teils eher nüchtern. Die einzelnen Episoden stecken in Passe-Partout-artigen Rahmen. Sie lassen sich leichthändig auswechseln. Nicht zufällig zitiert der Titel des Abends nicht die Katharsis-Formel von "Furcht und Mitleid", sondern die Doppelung "Angst und Schrecken". Alles ist in Distanz gerückt, aber nicht in eine Pathos-Distanz, sondern in eine geschmeidige Ironie-Distanz. Nietzsche hat sich lange darüber ausgelassen, wieso es schändlich sei, das Pathos zu eliminieren; er verfluchte die Ironiker Sokrates und Euripides.

"Das geht hier an die Nerven"

"Das geht hier an die Nerven" – wirklich? Seneca zum Beispiel, der nach der Zeitenwende lebte, bildet eine Brücke zwischen den Griechen und Shakespeare. Sein "Thyestes" weist auf Stücke wie "Titus Andronicus" voraus. Atreus, der Enkel des Tantalos, lädt seinen Bruder Thyestes ein, schlachtet dessen Kinder, setzt sie dem ahnungslosen Vater zum Essen vor. Nicht besonders nett, würden Krakaus Boten hier sagen. Aber die Lakonie, mit der Ines Krug und Jan Pröhl die Szene spielen, geht nicht wirklich an die Nerven, sie lässt eher kalt. Das Handeln der beiden ist voraussehbar und kühl-kalkuliert. Das macht weder Angst noch Schrecken, von Mitleid ganz zu schweigen.

"Die Kids" später, die Klytaimnestras Mord an ihrem Kriegsheimkehrergatten mit einem weiteren Mord rächen und sich dabei völlig im Recht fühlen, sind, wie gesagt, keine Kinder, sondern handelsübliche Profi-Schauspieler, in eigentümliche wallende Gewänder gehüllt. Es wird hier unvermittelt sehr ernst, und bevor sie zur Tat schreiten, schmiegen die Drei sich nacheinander in einer scheinbar um Verzeihung bittenden Geste an ihre Mutter. Und die, gespielt von Bettina Engelhardt, lässt das stoisch über sich ergehen.

Pulverfässer überall

Die Erinnyen, sie sind im Halbdunkel der Bühne kaum zu sehen, werden von Athene abserviert, und am Schluss hat die Stadt Mykene selbst das Wort. Sie fragt sich, wieso das alles so schrecklich zugehen muss in der Geschichte. Ja, das kann man sich fragen. Die Welt ist aktuell mehr denn je in einem Modus der Eskalation. Amerika, Russland, der Nahe Osten. "Tun – Leiden – Lernen"? Nein, die Menschheit als solche hat nichts gelernt, und fast mutet es angesichts der Pulverfässer überall naiv an, hier noch an die Idee der "Demokratie" zu erinnern. Dafür kann Felix Krakau nichts, und auch die Essener Auftraggeber können nichts dafür. Es lässt aber ihren Abend ein bisschen hilflos und sogar ein bisschen deplatziert erscheinen.

Angst und Schrecken in Mykene
eine Antiken-Bearbeitung von Felix Krakau nach Aischylos, Seneca, Homer
Regie: Felix Krakau, Bühne: Marie Gimpel, Kostüme: Jenny Theisen, Musik: Timo Hein, Dramaturgie: Margrit Sengebusch.
Mit: Lene Dax, Ronald Radusch González, Sabine Osthoff, Alexey Ekimov, Jan Pröhl, Ines Krug, Bettina Engelhardt, Floriane Kleinpass.
Premiere am 19. September 2025.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-essen.de

Kritikenrundschau

Die vom Autor selbst inszenierte Uraufführung habe "großen Beifall" gefunden, berichtet Klaus Stübler in den Ruhr-Nachrichten (22.09.2025). Die "von prominenten Gestalten der griechischen Mythologie geprägte (…) Stadtgeschichte" rausche "im zweistündigen Zeitraffer vorüber". Es werde "lebhaft erzählt", jedoch "eher kühl und distanziert" dargestellt.

"Ein fast schon ernüchterndes, von all den Kämpfen und Bedrohungen der Gegenwart geprägtes Nachdenken über das Wesen des Menschen und seine Lust am Untergang" hat Martina Schürmann von der WAZ in Essen gesehen (23.09.2025). Der Text sei "eine kompakte Tour d‘Horizont durch die Welt der Mythen, die heutige Sprache und antiken Ton mit schöner Selbstverständlichkeit und Lakonie" verbinde. "Das überzeugende Grillo-Ensemble macht aus diesen griechischen Helden Figuren, die sich der Unentrinnbarkeit von Schuld und Vergeltung anfangs mit einer beinahe schon fatalistischen Gelassenheit beugen", so die Kritikerin.

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