Hamlet/Ophelia - Schauspiel Essen
Schwarze Wasser des Patriarchats
6. Oktober 2024. Die sprichwörtlich gewordene schöne Leiche ist ein Symbol für die Unterdrückung der Frau – und die der ertrunken Ophelia wohl eine der berühmtesten in der Literatur- und Kunstgeschichte. In Essen rüttelt jetzt Selen Kara an diesem Bild.
Von Gerhard Preußer
"Hamlet/Ophelia" nach William Shakespeare von Selen Kara am Schauspiel Essen inszeniert © Nils Heck
6. Oktober 2024. Das Unbehagen an der patriarchalischen Struktur der klassischen Theatertexte führt immer wieder zu Lösungsversuchen. Dem männlichen Titelhelden die Alleinherrschaft zu entreißen, indem man den Namen der Frau danebensetzt, ist spätestens seit Karge/Langhoffs "Marie.Woyzeck"-Inszenierung in Bochum 1981 ein probates Mittel. Wenn sie schon auf der Bühne sterben muss, soll sie wenigstens dem Ganzen auch ihren Namen geben.
Mastermind Ophelia?
Diese Strategie scheint Selen Karas Inszenierung in Essen auch zu verfolgen: "Hamlet/Ophelia" ist der Titel. Gleichgewichtung erwartet man. So tritt als erste Ophelia (Beritan Balci) auf die Bühne und erzählt uns die Vorgeschichte vom Königsmord des Königsbruders. Und wenn sie später dann zu Hamlet geht, umarmt sie ihn, spricht eindringlich zu ihm, flüstert ihm ins Ohr.
Es ist der Text des Geists von Hamlets Vater, den sie spricht, der Aufruf zur Rache. Lenkt diese Ophelia ihren Geliebten Hamlet? Ist sie der Mastermind, der das Geschehen steuert? Sie verabschiedet sich von Hamlet mit "Denk an mich". Dann schwört Hamlet aber nicht Ophelia, sondern dem "armen Geist", an ihn zu denken, und zitiert dabei eben dieses "Denk an mich".
Zynismus und Pathos
Doch diese Ophelia ist offensichtlich alles andere als ein Geist. Eher eine heftige Frau, die Sanftheit nur spielt. Wenn sie die Ermahnungen ihres Vaters Polonius, sich von Hamlet fernzuhalten, hört, blickt sie ernst zum Vater, bestens werde sie gehorchen, um dann geradeaus ins Publikum zu lächeln. Diese Ophelia täuscht die gehorsame Tochter nur vor. Eine Intrigantin?
Schwarz-graue Düsternis: Der Hoftsaat – Bettina Engelhardt (Gertrud), Christopher Heisler (Hamlet), Mansur Ajang (Claudius), Jan Pröhl (Polonius), Hân Nguyễn (Laertes), Beritan Balcı (Ophelia) © Nils Heck
Die Spannung, wie sich diese Widersprüche lösen lassen, trägt die Inszenierung noch eine Weile. Christoph Heisler als Hamlet spricht seine Monologe mit der nötigen emotionalen Kraft und passend deutlicher Gestik, kein Zauderer, sondern ein jugendlicher Prinz mit sprunghaftem Wechsel von Zynismus und Pathos, der schnell denken und heftig zupacken kann. Die Übersetzung von Jürge Gosch und Angelika Schanelec gibt ihm das nötige moderne Vokabular dazu. Aber wer "To be or not to be" mit "Menschsein oder nicht" übersetzt, verfehlt die Fundamentalontologie dieses Monologs.
"Killing me softly"
Jan Pröhl als Polonius liefert mit komödiantischer Routine die lustig-lebhaften Einlagen in der schwarz-grauen Düsternis des Hofstaats. Treppauf, treppab schreiten Claudius (Mansur Ajang) und Gertrud (Bettina Engelhardt) in kunstvoll verfremdeten Staatskostümen. Rosencrantz und Güldenstern (Nicolas Matthews, Arshia Pakdel) treten auch als Schauspieler in der Pantomime vom Königsmord auf, als Clowns, die "Killing me softly" singen. Ernsthaft betroffen ist Ophelia, als Hamlet sie angreift, beleidigt und ins Kloster schicken will. Ist ihr Kalkül nicht aufgegangen?
Nachdem Hamlet ganz ohne einen Degen Polonius, die Ratte hinterm Vorhang, erstochen hat, tritt Ophelia noch einmal auf. Ein neuer Ophelia-Monolog im hellen Licht alleine auf der Bühne. Wo kommt er her? Freude will sie, die Reinheit einer unzähmbaren Freude und sterben will sie nicht: "Ich weigere mich", sagt sie. Das wäre mal ein Ende des schönen Frauentods auf der Shakespeare-Bühne.
Ophelia und Hamlet (Beritan Balci und Christopher Heisler) © Nils Heck
Aber Ophelias Sätze sind Exzerpte aus Clarice Lispectors großem Prosa-Monolog "Aqua viva" von 1973. Die brasilianische Schriftstellerin ist eine Ikone der feministischen Literatur. Hier ist ihr Text ein fremder, starrer Block und ohne Konsequenzen. Kurz darauf wird Ophelias Tod so lapidar wie möglich verkündet. Ertrunken ist sie, Punkt. Kein "Schräg am Bach wächst eine Weide", nichts von dem Sprachbild der zwischen Blumen im Fluss treibenden Mädchenleiche, das so viele Maler und Dichter uns ausgepinselt haben. Die nicht sterben wollte, ist nun tot, mehr nicht. Das Versprechen des Titels wird nicht eingelöst. Die Widersprüche lassen sich auch durch beherzte Gedankensprünge nicht lösen. Diese Ophelia, nicht ihre Darstellerin, sondern das dramaturgische Konstrukt, ist kein gleichgewichtiges Gegenüber Hamlets. Gezeigt wird nur, dass sie das nicht sein kann.
Plastikumhänge und Kapuzen
Der Kampf zwischen Laertes (Hân Nguyễn) und Hamlet im offenen Grab Ophelias wird hier eine Wasserschlacht. Vorne am Bühnenrand ist ein schmales Becken gefüllt mit schwarzem Wasser. Darin prügeln die beiden sich ausführlich. Das Wasser spritzt hoch. Doch die ersten Reihen des Publikums sind vorgewarnt. Brav haben sie sich in bereitgestellte Plastikumhänge und Kapuzen eingehüllt. Völlig unnötig. Mit trockenem Haar, trockener Kleidung und trockenem Auge kann man das Ende Hamlets hier erleben. Die große Fechtszene wird nur erzählt. Kein Gift, keine Rapiere, keine Leichen. Gefährlich ist dieser "Hamlet" nicht, nur inkonsequent.
Hamlet/Ophelia
nach William Shakespeare
unter Verwendung der Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch
Regie: Selen Kara, Bühne: Lydia Merkel, Kostüme: Anna Maria Schories, Musik: Torsten Kindermann, Dramaturgie: Margrit Sengebusch.
Mit: Christopher Heisler, Beritan Balci, Silvia Weiskopf, Mansur Ajang, Bettina Engelhardt, Hân Nguyễn, Jan Pröhl.
Premiere am 5. Oktober 2024
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause
www.theater-essen.de
Kritikenrundschau
In der Deutschen Bühne hebt Detlev Baur das Spiel des "Hamlet"-Darstellers Christoph Heisler hervor: "Engagiert und geschmeidig wirft sich Heisler in die großen Monologe Hamlets, mit kräftiger Stimme und großer Geste entwickelt er rasch ein Pathos, das auf der effektvollen Treppenkostruktion groß wirkt und ungewöhnlich im deutschen Theater geworden ist. ... Heislers Spiel wie das der anderen acht Mitspieler:innen vermag über weite Strecken zu fesseln", so Baur, doch wirke Selen Karas Umarbeitung des „Hamlet" trotzdem immer wieder unschlüssig. "Selen Kara und ihr Team (...) finden zu keiner schlüssigen, eigenen Lesart", so Baur. Bei allen Schwächen sei die Inszenierung aber "nicht langatmig oder spannungslos. Und Beritan Balcı wie Christopher Heisler sind unbedingt eine Verstärkung des Essener Ensembles."
"Es kostet Konzentration, das wortgewaltige Kammerspiel ganz zu erfassen. Aber die Aufmerksamkeit wird belohnt", schreibt Anke Demirsoy in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (7.10.2024). Christoph Heisler sei als Hamlet ein "furioser Verzweiflungskünstler" und werde von einem starken Ensemble unterstützt. Demirsoy lobt außerdem besonders das Kostümbild der Inszenierung: "Wie Kostümbildnerin Anna Maria Schories den Charakter jeder Figur allein durch die Silhouette und die Wahl der Stoffe hervorhebt, ist eine Meisterleistung, ja fast eine kleine Modenschau."
Es werde ein neues vielschichtiges Bild der Figur Ophelia entworfen, so Amanda Andreas in der Sendung WDR 5 Scala (7.10.2024). Inhaltlich bleibe Selen Kara ansonsten sehr nah an Shakespeare. Das mache das Stück aber nicht weniger aktuell, gehe es doch bei Shakespeare auch um Macht und Menschlichkeit.
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