Yo, Abraham!

6. April 2025. Das Buch "Genesis" ist voll von Erzählungen, die enträtselt werden müssen. Die Choreografin Saar Magal erschafft in "Sakrileg" am Schauspiel Essen nicht nur starke Bilder, sondern beschwört auch die Gewalt, den Glauben, den Gehorsam des Alten Testaments.

Von Sarah Heppekausen

"Sakrileg" von der Choreografin und Regisseurin Saar Magal am Schauspiel Essen © Nils Heck

6. April 2025. Das Buch "Genesis" erzählt die Schöpfungsgeschichte, von Adam und Eva im Paradies, von der Sintflut, Noah und seiner Arche, von Abraham und seiner Frau Sara, die im hohen Alter noch ein Kind zur Welt brachte: Isaak, den Abraham einige Verse später bereit ist, zu töten, aus Gottesgehorsam. Reichlich Stoff für eine ästhetische Auseinandersetzung. Paradiesische Exzesse, irdische Grausamkeiten und einiges mehr beinhaltet das Buch. Theatermacherin Saar Magal ist überhaupt nicht religiös, wie sie im Programm zur Inszenierung verrät. Aber sie interessiert sich für einen Text, der für alle drei abrahamitischen Religionen, für Judentum, Christentum und Islam, von zentraler Bedeutung ist. Kaum ein (monotheistischer) Gottesglaube ohne die Genesis.

Magals Inszenierung stellt die große Frage nach dem Warum – sie ruft sie vielmehr hinaus, nicht zimperlich, nicht für sanfte Gemüter, genauso wenig wie die Erzählungen im Alten Testament. Warum dieser Glaube, diese Gewalt, dieser Gehorsam? "Ich trage Krieg in Städte und Familien / Überall dort, wo ich vorbeikomme / Wo immer ich den Boden berühre / sähe ich Wut, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit / … / Ich bin der erbarmungslose und menschenfressende Gott", raunt es gleich zu Beginn mit Echohall über die Bühne.

Etwas andere Schöpfungsgeschichte

Am spiegelnden Boden liegen die Performenden, nackte Körper auf nackter Bühne. Menschliche Kreaturen, die ihre Körper kennenlernen, die sich zusammenkauern, dann ihre Glieder strecken, posieren. Die Choreografin und Regisseurin Saar Magal bringt Schauspieler*innen des Essener Theaters mit Tänzer*innen und Performer*innen des Folkwang-Studiengangs Physical Theatre zusammen. Und sie fügen sich hervorragend zusammen. Ein erweiterter Sprachraum für noch mehr erzählende Bilder.

Sakrileg 01 1200 Nils HeckTriumphmarsch auf nackten Sohlen, die Stöckelschuhe wie Trophäen in Saar Magals "Sakrileg" © Nils Heck

Da ist zum Beispiel die zweite Szene unter dem Titel "Verbannung" (direkt im Anschluss an die Erschaffung der Welt und der menschlichen Körper). Jetzt von der Kostümbildnerin Tal Shacham in bunte Anzüge gekleidet, laufen die Performenden in der Reihe nach vorne Richtung Publikum – auf Stöckelschuhen, die sie abwechselnd und akrobatisch vom Fuß ziehen und in die Höhe halten, immer mit Haltung. Ein wackeliger Triumphmarsch, der eher an Pina Bausch als an die Bibel erinnert (Magal war die erste externe Künstlerin, die ein Pina-Bausch-Stück einstudiert hat, 2022, "Das Stück mit dem Schiff"). Oder die Opfer-Szene mit Abraham und Isaak, die Schauspieler Mathias Znidarec in mehreren Varianten erzählt, während im Hintergrund die Tänzer eine graue Wand mit gleichmäßig angeordneten Boulder-Klötzen wie den Berg Morija besteigen und auch mal kopfüber hinabschweben.

Paradoxe um Glauben und Vernunft

Trotz (oder gerade wegen) einer Leichtigkeit in der Bewegung und im Sprechen wird hier die Schwere der Erzählung spürbar – und endlich spricht auch mal jemand über Isaak, der "den Glauben verloren hatte". Magal zitiert hier Kierkegaard (1813–1855), der in "Furcht und Zittern" das Paradox im Leben des Abraham beschrieb und den Glauben nicht der Vernunft unterordnen wollte.

Sakrileg 02 1200 Nils HeckFetisch Rave Moves: Alexey Ekimov (vorne), Ines Krug, Guy Shomroni, Koen Kaya Eye, Mathias Znidarec, Silvia Weiskopf © Nils Heck

Magal lässt Philosophen sprechen, Choräle singen, Klezmer-Tänze im Kreis und Rave-Moves in Fetisch-Klamotten tanzen, bei denen auch mal Dildos fliegen. Gott ist lässig ("Yo, Abraham!"), vor allem aber gönnerhaft und größenwahnsinnig ("…und dein Same soll das Tor seiner Feinde in Besitz nehmen / weil du meiner Stimme gehorsam warst! / Micdrop!"). Wenn dann auch noch Golfbälle regnen, ist der Gedanke an irdische, heutige Kahlschlag-Mächtige nicht weit.

Entschlossene Stärke

Und es gibt die Frauen, die Magal zu Wort kommen lässt. Die Genesis-Sara bekommt eine Stimme durch Einav Zangauker, deren Sohn Matan am 7. Oktober 2023 von der Hamas verschleppt wurde und die sich lautstark für die Freilassung der Geiseln einsetzt. Sie wird in der Inszenierung nicht namentlich genannt (diese Information gibt es im Programm). Aber wenn Silvia Weiskopf als Mutter über die Sehnsucht nach ihrem entführten Sohn spricht und dabei – wie zu Beginn – mit unsicheren Schritten auf High Heels über die Bühne schreitet, nacheinander einen der Schuhe aus- und wieder anzieht, dann prägt sich eben dieses Bild ein. Ein Wankelgang durchs Leben, mit entschlossener Stärke, ohne Sturz.

Religionen und ihre Schriften müssen kritisch hinterfragt werden dürfen. Magal macht das hier als Bilderpoetin. Manche ihrer Bilder bleiben kryptisch. Aber auch da ist die Regisseurin wieder ganz nah bei der alten Schrift. Auch diese Erzählungen sind Bilder, die der Mensch enträtseln muss.

Sakrileg
von Saar Magal
(entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Ensemble)
Regie, Konzept und Choreografie: Saar Magal, Bühne: Saar Magal, Tal Shacham, Kostüme: Tal Shacham, Dramaturgie: Christina Zintl.
Mit: Alexey Ekimov, Ines Krug, Hân Nguyễn, Guy Shomroni, Johannes Walter, Koen Kaya Eye, Silvia Weiskopf, Mathias Znidarec.
Premiere am 5. April 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-essen.de

Kritikenrundschau

"Eine Collage, deren Bilder wohl stärker in Erinnerung bleiben werden als die Texte" sah Anke Demirsoy und schreibt in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (7.4.2025): "Manches choreographische Element zieht sich in die Länge. (...) Aber es gibt auch ein Element des Hypnotischen. Denn Bühne und Kostüme von Saar Magal und Tal Shacham schaffen eindringlich surrealistische Bilder für die Brutalität in der Schöpfungsgeschichte." Ohne die Intensität, mit der sich das Ensemble in die Performance werfe, würde das Stück aber vielleicht nicht zusammenhalten, so Demirsoy.

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