Der König stirbt - Schauspiel Köln
Sonne, scheuch das Dunkel weg!
9. November 2024. Die Welt ist im Eimer, die Regierung auf Urlaub. Verstört sitzt der König in seinem Palast. Etwas ist mehr als faul in dem seltsamen Staat, den Eugène Ionesco uns hier präsentiert. Paula Pohlus gibt mit ihrer Inszenierung des Einakters von 1962 ein bemerkenswertes Regiedebüt.
Von Gerhard Preußer
"Der König stirbt" von Eugène Ionesco – am Schauspiel Köln von Paula Pohlus inszeniert © Markus J. Bachmann
9. November 2024. Die Zeit der Welt ist nicht unsere Zeit. Lebenszeit und Weltzeit sind nicht gleich. Wir haben nicht alle Zeit der Welt, sondern eine Lebensspanne. Gegenüber der Welt sind wir immer die Zukurzgekommenen. Theaterzeit und Lebenszeit dagegen stehen in einem ganz anderen Verhältnis.
In Eugène Ionescos Einakter "Der König stirbt" sind Theaterzeit und Lebenszeit identisch. Zumindest die des Königs auf der Bühne. Hier ist er der Zukurzgekommene. In eineinhalb Stunden, am Ende der Vorstellung, wird er tot sein, das wird ihm gleich zu Beginn verkündet.
Theater der Angst
Dieser König ist ein Jedermann. Sein Sterben ist ein repräsentativer Akt. So stirbt der Mensch, jeder. Ionescos Stück von 1962 hat die redselige Larmoyanz, den Anspruch der allegorischen Bedeutung und die Monomanie der späten Stücke des Egozentrikers Ionesco. Der König, der hier stirbt, das ist der Autor und das sind wir. Für Ionesco ist ein Theater der Gemeinschaft ein Theater, indem alle dieselbe Angst haben.
Das klingt alles nach schwerem Tobak und langem Gesülze, aber das Stück ist eine Groteske. Wie macht man daraus eine Groteske von heute? Die Regisseurin Paula Pohlus versucht es.
Minister auf Urlaub
Auf der Bühne steht ein Glaskasten. Das ist das Reich des Königs. Es ist geschrumpft. Geographisch durch Annexionen der Nachbarstaaten, Desertifizierung, Tsunamis, Erdbeben (kommt einem bekannt vor) und demoskopisch: von neun Milliarden (die ganze Menschheit) auf einige hundert fortpflanzungsunfähige Greise. Alle Minister sind im Urlaub. Auch der Finanzminister? (Das gibt nach der aktuellen Regierungskrise einen Lacher.) In der Wand des Königspalastes klafft ein Riss, in dem die Haushälterin Julchen (Kei Muramoto) immer stecken bleibt (ein running gag).
Aus Aline Larroques Glaspalast gucken ängstliche Spieler: Sinan Güleç, Benjamin Höppner, Henri Mertens, Kei Muramoto & Nicolas Streit © Markus J. Bachmann
Und nun wird dem verschlafenen König auch noch von seinem Arzt, seiner Ex-Frau und seiner zweiten Frau mitgeteilt, dass er heute sterben wird. Das nimmt dieser Universaldespot nun gar nicht hin. Benjamin Höppner als König nutzt die Gelegenheit, um stimmgewaltig Protest zu brüllen und doch kunstvoll hinzufallen, ein Komiker aus Angst und Not.
Anbetung der Sonne
Die komödiantische Anlage der Inszenierung wird noch verdeutlicht durch die Besetzung der beiden Königinnen, es sind Männer, eine(r) klein, im Blümchenkleid (Nicolas Streit), eine(r) groß, im Zweireiher streng zugeknüpft (Henri Mertens). Der Purpurmantel des Königs ist ein roter Schlafsack XXL. Und wenn der König auftritt oder gerade mal wieder sich von seinen Schwächeanfällen erholt, ertönt eine Fanfare von ausgesuchter tonaler Unreinheit. Alle vier, die Königinnen, Arzt und Hausdame, ergreifen je ein Blechblasinstrument, Trompete, Posaune oder Euphonium, und tröten drauflos. So schrill und doch wortlos sprechend können nur Schauspieler tönen.
Nach dem Nicht-Wahrhaben-Wollen kommt die zweite Phase: Klage, Jammer, Reue. "Die Zeit von damals soll wiederkommen." Doch die Ex-Königin kontert barsch: "Es gibt keine Zeit mehr. Die Zeit ist in seinen Händen zerronnen." Dann kommen die Forderungen an die Nachwelt, der Rückblick auf die Verdienste (König Behringer hat alles Erfunden, das Auto, die Atomspaltung, alles geschrieben, Homers "Ilias", Shakespeares Dramen). Die junge Königin Maria versucht ihn mit ihrer Liebe zu trösten. Der König will das einfache Leben seiner Haushälterin verstehen, preist das schlechte Leben, nur weil es Leben ist. Dann betet er die Sonne an.
Trompete, Posaune oder Euphonium? Bei Hofe wird dem Tod der Marsch geblasen. © Markus J. Bachmann
Und das ist Benjamin Höppners große Nummer. Ein grauer Erdball, ein Riesenglobus, wird hereingerollt, ein Haken kommt aus der Obermaschine, der König steigt auf den Ball, der wird hochgezogen und der schwere König singt schwebend ein Sonnenlied: "Sonne, hilf du mir, scheuch das Dunkel weg". Der sonst so grobianisch Polternde wird zum sanften Sänger, rein und klar (mithilfe des Mikrophons im Handschuh). Aber auch der egozentrische Wunsch, dass die Sonne alle sterben lassen soll, nur nicht ihn, hilft nicht. "Narzissmus" diagnostiziert der Arzt (Sinan Güleç) ganz kühl.
Dann kommt er doch, der Tod
Die dritte Phase ist die Hinnahme. Die steife alte Königin ist es, die schließlich als Sterbetherapeutin wirkt. Alle anderen verschwinden unauffällig. Und die Inszenierung wird ganz still und leise. Die Königin nimmt dem König nacheinander alle imaginären Lasten ab, befreit ihn so durch bloßes Zureden, entblößt ihn von aller Todesfurcht. Schrittweise bringt sie ihn zum Verzicht und zum Einverständnis mit dem Sterben. Der König bricht nun aus dem Glashaus aus, läuft über die Hinterbühne, zieht sich bis auf die Unterhose aus und setzt sich in die leere Ecke der Halle. Das ist der Tod, befreit und leer und bedeutungslos.
So kann man aus einem düsteren, alten Textschwall einen heiter-pessimistischen Theaterabend machen.
Der König stirbt
von Eugène Ionesco
Aus dem Französischen von Claus Bremer und Hans Rudolf Stauffacher
Regie: Paula Pohlus, Bühne: Aline Larroque, Kostüme: Clara Bohnen, Musik: Cornelius Borgolte, Licht: Manfred Breuer, Dramaturgie: Jan Stephan Schmieding.
Mit: Sinan Güleç, Benjamin Höppner, Henri Mertens, Kei Muramoto, Nicolas Streit.
Premiere am 8. November 2024
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.schauspiel.koeln
Kritikenrundschau
Paula Pohlus erkennt in Behringers Sterben "die große Boomerdämmerung", schreibt Christian Bos im Kölner Stadanzeiger (11.11.2024) und findet das Debüt "beachtlich". Zwar herrsche an Abgesängen aufs Patriarchat auf deutschsprachigen Bühnen kein Mangel, aber vieles versiege in Wunschdenken, Polemik oder Pädagogik. "Pohlus dagegen findet die Innensicht des Angezählten, der hier in Echtzeit verendet."
"Nach mehreren Assistenzen legt Paula Pohlus ein beeindruckendes Regie-Debüt vor", findet auch Axel Hilll in der Kölnischen Rundschau (11.11.2024). "Sie hält die Fäden in der Hand, verstrickt sich nicht in irgendwelchen Mätzchen. Und bei aller Komik steht der Text im Mittelpunkt."
"Paula Pohlus gelingt es weitgehend, die Brisanz der Vorlage klug in Szene zu setzen", schreibt Detlev Baur in der Deutschen Bühne (10.11.2024). Es bedürfe zwar zunächst etwas Anlaufs ins Exerzitium des Untergangs: "Die Bühnenkonstruktion schafft einen uneindeutigen Sterberaum, der rote Vorhang und der rote Riesenstrampler des Königs setzen da nur punktuell Akzente." Auch erschließe sich die Besetzung mit einem männlichen Ensemble nicht unbedingt, so Baur. Zunehmend gelinge es jedoch, allen ein Profil im mitfühlenden, aber auch unerbittlich auf das Ende drängenden Begleitpersonal des Auslaufsmodells König zu zeigen. "Wenn Höppner auf einer großen grauen Weltkugel melancholisch singend sich dem Ende entgegenpendelt oder den Thron ausleihend endlich das Leben der Dienerin zur Kenntnis nimmt, entstehen eindrückliche Szenen und Bilder."
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