Making the Story - Schauspiel Köln
Fix mal an die Front
14. März 2025. Das Kollektiv Futur3 um Regisseur André Erlen erzählt über das Geschäft der Kriegsberichterstatter in der Ukraine. Eine harte Journalismus-Befragung zwischen Satire und Anklage.
Von Sascha Westphal
"Making the Story" von Futur3 am Schauspiel Köln © Martin Rottenkobler
14. März 2025. Einen Anfang gibt es nicht. Das stimmt zwar so nicht. Aber das ist erst einmal der Eindruck, den das Publikum beim Betreten des Depots 2, der kleineren Kölner Spielstätte, erhält. Alle sind schon auf der Bühne. Jörg Ritzenhoff steht rechts am Laptop und an einem Schlaginstrument. Sein Spiel legt sich als dumpfer, nicht nur unterschwellig bedrohlicher Soundtrack über alles. Mariana Sadovska singt dazu ein ähnlich düsteres und bedrohliches Lied auf Ukrainisch.
Währenddessen laufen und robben Lev Friedmann, Anja Jazeschann und Stefan H. Kraft scheinbar planlos über die Spielfläche. Immer mal wieder verrücken sie verstreute Möbelstücke ebenso wie Elemente eines umgekippten Bauzauns. Die ganze Bühne hat etwas Provisorisches. Der Alltag geht unter im Ausnahmezustand, und zugleich ist der Ausnahmezustand zum Alltag geworden. Während wir all das beobachten und versuchen, die einzelnen Teile wie bei einem Puzzle zusammenzusetzen, ertönen wieder und wieder die gleichen Textfragmente. Auch sie ergeben erst einmal kaum einen Sinn, bleiben Bruchstücke wie die Aktionen des Ensembles.
Mit Fixern in die Kriegszone reisen
Mit diesem Prolog setzt Regisseur André Erlen von der Kölner freien Gruppe Futur3 ein deutliches ästhetisches Ausrufezeichen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer werden konsequent mit einer ihnen fremden Welt und Wirklichkeit konfrontiert. Ein Gefühl von Distanz entsteht, das sich nie vollständig auflöst. Dabei holt das Kollektiv Futur3 mit dem Rechercheprojekt "Making the Story", das wie schon "Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern" in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Köln entstanden ist, den Krieg in der Ukraine ganz nah an das Publikum heran.
Im April 2024 ist die Gruppe um André Erlen, Stefan H. Kraft und Mariana Sadovska in die Ukraine gereist, um dort zahlreiche Gespräche mit sogenannten Fixern und internationalen Journalisten zu führen. Fixer sind Ukrainerinnen und Ukrainer, die meist auf Honorarbasis ausländische Kriegsberichterstatterinnen und -erstatter begleiten. Sie organisieren Fahrten in umkämpfte oder befreite Gebiete. Sie stellen Kontakte zur ukrainischen Bevölkerung her, planen und begleiten Interviews und fungieren dann als Übersetzer. Ohne sie wäre es für die internationalen Medien kaum möglich, aus der Ukraine und von der Front zu berichten. Dennoch werden sie von den Medien, für die sie arbeiten, kaum einmal namentlich erwähnt.
Hinter die Kulissen der Nachrichten blicken
In zehn Szenen lässt Futur3 eine ganze Reihe von Fixerinnen und Fixern ebenso wie eine Reihe von Journalistinnen und Journalisten von ihrer Arbeit berichten. So entsteht ein komplexes Geflecht von Berichten, das einen hinter die Kulissen der Nachrichten blicken lässt, die seit dem 24. Februar 2022 im Fernsehen und in den Zeitungen erschienen sind.
Lev Friedmann, Anja Jazeschann und Stefan H. Kraft verkörpern dabei alle Gesprächspartnerinnen und -partner der Gruppe. Ohne Kostüm- und Requisitenwechsel schlüpfen sie mal in die eine, mal in die andere Rolle. Nur ihre Stimmlage und ihre Haltung ändern sich ein wenig. Wenn sie Fixer verkörpern, erzählen ihr Auftreten und die Art ihres Sprechens immer auch von den tiefen Verletzungen der ukrainischen Bevölkerung.
Das Ensemble im Bühnenbild von Petra Maria Wirth mit Videoprojektion von Valerij Lisac © Martin Rottenkolber
Da ist beispielsweise die von Stefan L. Kraft gespielte Rita, die vor der russischen Invasion im Februar 2022 professionelle Filmschauspielerin war. Sie ist mit einem BBC-Journalisten kurz nach der Befreiung der Stadt nach Butscha gefahren. Zunächst spricht Kraft noch beinahe geschäftsmäßig von dem, was sie dort gesehen und erlebt haben. Doch plötzlich versagen Stimme und Worte. Dieses kurze Verstummen erzählt mehr über die Schrecken dieses Krieges und die Grausamkeit der russischen Invasoren als jeder noch so detaillierte Bericht.
Auf Distanz geblieben
Ganz anders porträtieren Friedmann, Jazeschann und Kraft die Journalistinnen und Journalisten, die sich der Fixer im wahrsten Sinne bedienen und sich oft schlicht erhaben über sie fühlen. In diesen Momenten bekommt die Inszenierung einen fast schon satirischen Zug. Die drei Spielerinnen und Spieler sitzen dann etwa breitbeinig auf einem Sofa und imitieren Gesten des Rauchens. Wie bei einer Karikatur entsteht mit ganz wenigen Strichen das Bild eines zynischen Menschentypus, der seine Macht aus seinem Habitus zieht.
Hinter diesen Karikaturen scheint die letztlich herablassende Haltung des mittlerweile mehr und mehr zerbröckelnden Westens auf, der längst nicht alles, was möglich wäre, für die Ukraine getan hat. So wird die Distanz, die André Erlen und Futur3 während des Einlasses heraufbeschwören, als Kern dieser Inszenierung kenntlich. Sie kann und darf sich nie ganz auflösen. Schließlich sind auch die politischen und militärischen Unterstützer der Ukraine immer auf Distanz geblieben und haben sich eine Art Hintertürchen offen gehalten, durch das sich nun zumindest die Vereinigten Staaten verabschiedet haben.
Making the Story. Ukrainische Fixer im Krieg
von Futur3
Künstlerische Leitung: André Erlen, Stefan H. Kraft, Regie: André Erlen, Regieassistenz: Silvana Mammone, Bühne: Petra Maria Wirth, Kostüme: Julie Véronique Wiesen, Gesang & Komposition: Mariana Sadovska, Musik & Komposition: Jörg Ritzenhoff, Video: Valerij Lisac, Dramaturgie: Lea Goebel, Licht: Boris Kahnert, Produktionsleitung: Theresa Heussen, Künstlerische Mitarbeit: Pavlo Yurov, Übersetzung: Katharina S. Speelmanns, Übertitel: Panthea (Andrew Clarke, Anna Schneider).
Mit: Lev Friedmann, Anja Jazeschann, Stefan H. Kraft, Mariana Sadovska, Jörg Ritzenhoff.
Premiere am 13. März 2025
Dauer: 1 Stunden 35 Minuten, keine Pause
In Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Köln und Freihandelszone-Ensemblenetzwerk Köln e.V.
www.schauspiel.koeln
Kritikenrundschau
Für die Kölnische Rundschau (15.3.2025) berichtet Axel Hill: "Futur3 ist bekannt für sein dokumentarisches Theater, das manchmal zum eher statischen Aufsagen neigen kann. Diesmal ist die Gruppe allerdings weit davon entfernt, in diese Falle zu tappen. Dafür sorgt zum einen das extrem agile Schauspiel-Trio. Zum anderen kreiert Regisseur Erlen immer wieder Bilder, die fast poetisch, fast mystisch wären, zeigten sie nicht die brutale Realität des Krieges."
Auch Norbert Raffelsiefen vom Kölner Stadt-Anzeiger (15.3.2025) ist angetan: "Was das Stück so besonders und so bewegend macht, ist die Vielfalt der Eindrücke und Geschichten. Da gibt es komische Anekdoten über länderspezifische Besonderheiten der Pressevertreter – Amerikaner besitzergreifend und grenzüberschreitend, Briten zu höflich und Franzosen auch an der Front noch auf gutes Essen bedacht – oder Geschichten über durch Adrenalin angeheizten, wilden Sex. Im nächsten Moment weicht das Schmunzeln einer Beklemmung, wenn Zivilisten den einheimischen Fixern ihre traumatischen Erlebnisse preisgeben."
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >