Wir Nietzsche - Theater an der Ruhr
Pferd voller Erbarmen
21. Februar 2026. Gott ist tot und Moral ist böse. Mit solchen Befunden ragt der megalomane Pessimist Friedrich Nietzsche in unsere von Krisen erschütterte Gegenwart. Im Theater an der Ruhr hat sich Roberto Ciulli neu über die Texte gebeugt und daraus einen Theaterabend destilliert, der es in sich hat.
Von Martin Krumbholz
"Wir Nietzsche" von Roberto Ciulli nach Texten von Friedrich Nietzsche im Theater an der Ruhr © F. Götzen
21. Februar 2026. Friedrich Nietzsche hat großartige Dinge gesagt. Etwa dies hier: "Angreifen ist bei mir ein Beweis des Wohlwollens, unter Umständen der Dankbarkeit." Wie? Sollte das am Ende etwa auch für – die Theaterkritik gelten? Nicht auszudenken!
Nietzsche ist der berühmteste Philosoph, berühmter als Kant, zu dessen rigidem Akademismus der Mann aus Thüringen den denkbar größten Gegensatz bildet, was an seiner einzigartigen Lesbarkeit liegt. Man wühlt sich also durch dieses komplex-widersprüchliche Werk, um vielleicht nicht mehr begriffen zu haben, als dass "Moral" böse, "Instinkt" gut und Gott tot ist. Es gibt hier keine konsistente Lehre, nicht einmal eine Entscheidung zwischen "Optimismus" und "Pessimismus", denn die schlimmen, niederschmetternden Erfahrungen im Leben widersprechen auch dem stärksten Impuls zur "Fröhlichkeit".
Dokumente aus der Vitrine
Die Parole "Wir Nietzsche" ist also nicht ohne Bitterkeit. Der fast 92-jährige Roberto Ciulli wartet nicht mit einer schlüssigen Lesart auf. Der Abend in Mülheim beginnt mit einer biografischen Skizze von Paola Barbon, einer Art szenischem Biopic, wobei die Bildanteile sparsam dosiert sind. Das Ensemble sitzt schlicht auf Stühlen frontal zum Publikum und referiert abwechselnd die einzelnen Abschnitte, wobei hin und wieder ein Dokument aus einer Vitrine genommen und vorgelesen wird. So erfährt man, dass Nietzsches Schwester Elisabeth, eine spätere Nazifreundin, mit einem Mann verheiratet war, der in Paraguay eine antisemitische Kolonie gründete. Für Nietzsche war seine Schwester "die Kanaille".
Unter Gottsucher*innen: Bernhard Glose und Kara Schröder © F. Götzen
Schon dieser unspektakuläre Teil des Abends strahlt eine beeindruckende Souveränität aus. Doch was dann folgt, in teils beschwingten, teils mehr oder weniger rätselhaften Sequenzen, knüpft an Ciullis beste Arbeiten an. Die Bühne, ein karges Schlafzimmer mit einem sich öffnenden Fenster, erinnert an diejenige für die Handke-Inszenierung "Immer noch Sturm"; seinerzeit war das Bühnenbild von Gralf-Edzard Habben, jetzt ist es, wie auch die liebevoll designten Kostüme, von Elisabeth Strauß. In das Bett wird sich Maria Neumann legen, um fortan dahinzudämmern. Zunächst aber hat sie einen tief berührenden Auftritt, bei dem sie, mit einer Laterne bewaffnet, nach Gott sucht. Der Ausruf "Gott ist tot" hat nichts Triumphales, wie man meinen könnte, sondern etwas ausweglos Verzweifeltes, jedenfalls so, wie Neumann das spielt.
Im Nachttopf verbrannt
Dabei wollte Nietzsche doch tanzen lassen! Und tatsächlich gibt es einen furios bacchantischen Tanz, bei dem die Unterleiber der Spieler in Schafsbockkostüme gehüllt sind. Ohne das Dionysische ist kein Nietzsche denkbar. Aber das hässliche Gegenteil lässt sich nicht übersehen. Eva Mattes, die nicht im mindesten primadonnenhaft wirkt, nimmt sich der Elisabeth Förster an, ohne sie zu "spielen"; einmal wirft sie sich, matronenhaft kostümiert, inzestuös schmachtend auf das Bett des Bruders. Nietzsches furchtbare Misogynie ist in Mattes' Figur aufgehoben, im besten Sinn des Wortes. Am Schluss wird sie Nietzsches Scheidungsbrief, den er noch mit klarem Kopf schrieb, zerreißen und im Nachttopf verbrennen. Die Nachwelt soll nichts davon erfahren.
Nietzsche-Schwester Elisabeth (Eva Mattes) mit dem maladen Bruder (Maria Neumann) © F. Götzen
Das stärkste Bild aber ist der Auftritt des Droschkengauls, den der Philosoph in Turin auf der Straße umarmte. Der Regen prasselt, der Pferdekopf ist einem Spieler auf den Rücken geschnallt, und jetzt ist es nicht Nietzsche, der den Gaul betrachtet und tröstet, sondern umgekehrt das Pferd, das voller Erbarmen auf den wahnsinnigen Menschen blickt.
Wir Ciulli!
Welcher Richard gewinnt am Ende, Wagner oder Strauß? Zarathustra oder Götterdämmerung? Wenn Mattes/Förster ihren Bruder beim Walkürenritt "dirigiert", indem sie hinter ihm steht und seine Hände führt, scheint der Abschied vom einstigen Idol Wagner perfekt. Die hämmernden Paukenschläge des "Zarathustra" scheinen wiederum an den Hammer zu erinnern, mit dem Nietzsche philosophierte, solang es ging – der verkannte Nietzsche, dessen manchmal grotesk anmutendes Selbstbewusstsein eine Kompensation der Nichtbeachtung (zu Lebzeiten) ist.
"Wir Ciulli" möchte man anschließend beinahe aufseufzen. Der "tiefsinnige Italiener", um im Nietzsche-Sound zu bleiben, hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Möge er mit 100 noch inszenieren.
Wir Nietzsche
mit Texten von Friedrich Nietzsche, ausgewählt von Roberto Ciulli und Elisabeth Strauß
Regie: Roberto Ciulli, Bühne/Kostüme: Elisabeth Strauß, Biografische Skizze: Paola Barbon, Dramaturgie: Helmut Schäfer,Soundcollage & Bewegungscoach: Adriana Kocijan, Regiemitarbeit: Dijana Brnic, Licht: Bekim Aliji.
Mit: Eva Mattes, Maria Neumann, Kara Schröder, Bernhard Glose, Klaus Herzog, Mohammad Saado Kharouf, Fabio Menéndez, Joshua Zilinske.
Premiere am 20. Februar 2026
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
www.theater-an-der-ruhr.de
Kritikenrundschau
"Zu erleben ist mit dieser Inszenierung ein Nietzsche jenseits der Klischees, und es sind Ciullis Bilder und Szenen, die präzise unterscheiden zwischen dem Verrücker und dem Verrückten Nietzsche", berichtet Jens Dirksen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (€ | 21.2.2026) insgesamt angetan, wobei auch Einwände geltend gemacht werden: "Der pulsierend lebendigen Nietzsche-Reinkarnation geht eine halbstündige biografische Skizze in Schulfunk-Manier voraus, die bekannte Daten und Tatsachen mit überraschenden, vielsagenden Details mischt. Dass hier noch nicht alle Betonungen richtig saßen, mag sich im Laufe der nächsten Aufführungen ändern."
Von einem "großartigen" Abend spricht Klaus Stübler in den Ruhr Nachrichten (23.2.2026). Roberto Ciulli habe "mit so einigen Vorurteilen über jenen Friedrich Nietzsche aufgeräumt und es zudem auf seine unvergleichliche Art geschafft, aus einem Mix aus dessen philosophischen Schriften ein ebenso poetisches wie fesselndes Theatererlebnis zu zaubern".
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